Die vorliegende Arbeit untersucht die Frage, inwiefern die von Eva Illouz beschriebene Verbindung von Liebe und Konsum ein genuin modernes Phänomen darstellt oder ob sich vergleichbare Strukturen bereits in mittelalterlichen Liebeskonzeptionen finden lassen. Ausgangspunkt ist Illouz’ Konzept des „emotionalen Kapitalismus“, in dem romantische Liebe eng mit Konsumpraktiken, ökonomischen Strukturen und ritualisierten Formen der romantischen Begegnung verbunden ist. Ergänzend werden die Konzepte der Liminalität und Liminoidität nach Victor Turner herangezogen, um die unterschiedlichen Formen romantischer Erfahrung theoretisch zu erfassen.
Im Zentrum der vergleichenden literaturwissenschaftlichen Analyse stehen Hartmann von Aues "Erec" und "Die schöne Magelone". Untersucht wird insbesondere die Funktion materieller Objekte, Liebesgaben und symbolischer Austauschprozesse innerhalb der dargestellten Beziehungen. Die Analyse von Erec zeigt, dass Kleidung und Besitz vor allem als sichtbare Zeichen von Status, sozialer Zugehörigkeit und Integration fungieren. Auch die Einkleidung Enites verändert nicht primär die emotionale Qualität ihrer Beziehung zu Erec, sondern ermöglicht ihre Anerkennung innerhalb der höfischen Ordnung. In Die schöne Magelone übernimmt insbesondere der Ring eine zentrale kommunikative und symbolische Funktion: Er vermittelt soziale Stellung, stabilisiert die Beziehung und bewahrt die Erinnerung an den Geliebten, ohne dabei als Konsumobjekt im modernen Sinne zu fungieren.
Der Vergleich zeigt, dass materielle Objekte sowohl in mittelalterlichen als auch in modernen Liebeskonzeptionen eine wichtige Rolle spielen, ihre Funktion jedoch grundlegend verschieden ist. Während Illouz für die Moderne eine konsumvermittelte Erzeugung romantischer Intensität beschreibt, dienen materielle Zeichen im Mittelalter primär der sozialen Kommunikation, Repräsentation und Stabilisierung von Beziehungen. Die Arbeit kommt daher zu dem Ergebnis, dass Konsum als strukturierendes Prinzip romantischer Erfahrung als spezifisch modernes Phänomen verstanden werden kann, während die materielle Vermittlung von Liebe bereits in der mittelalterlichen Literatur fest verankert ist. Der entscheidende historische Wandel liegt somit weniger in der Existenz materieller Liebeszeichen als in ihrer Einbindung in ökonomische Strukturen und ihrer Funktion bei der Produktion romantischer Gefühle.
- Arbeit zitieren
- Jakob Ulmer (Autor:in), 2025, Konsum als modernes Strukturprinzip von Liebe?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1759265