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Konservatismus / Liberalismus

In memoriam Wolfgang Rohrmoser

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Im Jahr 2026 wurde eine Diskussion zwischen Thomas Biebericher und Claus Leggewie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zitiert (G. Wagner 1/26), die unter anderem zu der Frage Stellung nahm: Könnte ein erneuerter Konservatismus die programmatische Brandmauer gegen die Rechtspopulisten sein? Die Autoren hatten in der Zeitschrift Leviathan auch die Frage nach der möglichen faschistischen Kontaminierung des Konservatismus gestellt (2026). In einer Tagung in Göttingen, an der die beiden Autoren teilnahmen, zur Thematik „Gemäßigter oder radikaler Konservativismus“ stand die Gretchenfrage im Raum: Nach dem Verhältnis des Konservatismus zum Liberalismus und damit die Frage nach der Unvereinbarkeit der beiden bzw. auch, inwieweit der Konservatismus als illiberal angesehen werden kann. Die Grundsatzfrage nach der Vereinbarkeit der beiden wichtigen politischen Strömungen führt letztlich zu der möglichen Antwort eines „liberalen Konservatismus“, der authentisch und gemäßigt gegenüber einem radikalen (rechtslastigen) Konservatismus anzusehen wäre.

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Konservatismus / Liberalismus (in Memoriam Wolfgang Rohrmoser)

Karl-Horst Bichler

Im Jahr 2026 wurde eine Diskussion zwischen Thomas Biebericher und Claus Leggewie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zitiert (G. Wagner 1/26), die unter anderem zu der Frage Stellung nahm: Könnte ein erneuerter Konservatismus die programmatische Brandmauer gegen die Rechtspopulisten sein? Die Autoren hatten in der Zeitschrift Leviathan auch die Frage nach der möglichen faschistischen Kontaminierung des Konservatismus gestellt (2026). In einer Tagung in Göttingen, an der die beiden Autoren teilnahmen, zur Thematik „Gemäßigter oder radikaler Konservativismus“ stand die Gretchenfrage im Raum: Nach dem Verhältnis des Konservatismus zum Liberalismus und damit die Frage nach der Unvereinbarkeit der beiden bzw. auch, inwieweit der Konservatismus als illiberal angesehen werden kann. Die Grundsatzfrage nach der Vereinbarkeit der beiden wichtigen politischen Strömungen führt letztlich zu der möglichen Antwort eines „liberalen Konservatismus“, der authentisch und gemäßigt gegenüber einem radikalen (rechtslastigen) Konservatismus anzusehen wäre.

In Bezug auf diese Diskussion zu Konservativismus und Liberalismus ist an die Darstellungen von Wolfgang Rohrmoser, Professor für Sozialphilosophie der Universität Hohenheim, aus den 80er- und 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu erinnern, die er in seinem Buch „ Der Ernstfall“ ausgeführt hat. Rohrmoser hat festgestellt, dass sich die Bundesrepublik in den 90er-Jahren in einer Krise befand. Das heißt, die Bürger trauten der verantwortlichen Regierung nicht mehr zu, die Probleme der Gesellschaft und des Staates zu beherrschen. Die Entzweiung und Zerrissenheit der Gesellschaft führte Rohrmoser unter anderem auf den Verlust der Herkunftstradition und die abnehmende Bedeutung der Religion zurück. (M. Schweda)

In einer solchen Situation hielt es Rohrmoser für erforderlich, eine Analyse anzustellen, um die Ursachen der Krise und der Zerrissenheit der Gesellschaft zu ergründen. Verschiedene Faktoren führte er an, die damals von besonderer Bedeutung waren: der Niedergang der Sowjetunion und damit der Verlust des Kommunismus/Sozialismus, einer Illusion, wobei er feststellte, dass der Untergang der Sowjetunion nicht von außen, sondern als Implosion stattfand. Auch die Wiedervereinigung und die revolutionären Ereignisse der 68er-Jahre sowie die Probleme der Europäischen Union und die Umweltproblematik waren wichtige Faktoren dieser Analyse.

Mit dem Untergang des Kommunismus beziehungsweise Sozialismus gewann der Liberalismus an Bedeutung. Nach Rohrmoser war jedoch festzustellen, dass der Liberalismus, noch dazu in seiner überbordenden Form, wie er in der Bundesrepublik herrschte, nicht in der Lage war, die entscheidenden Fragen des Staates zu regeln. Hier macht er geltend, dass dem Liberalismus ein konservatives Korrelat zur Seite gestellt werden muss, um die Auswüchse des Liberalismus – die übersteigerte Individualisierung, den Kapitalismus und die Bürokratie – zu beherrschen.

Hier zeigt sich ein Unterschied zu den Ausführungen von Biebericher und Leggewie, die auch eine feindliche Position der beiden gegeneinander diskutierten. Während Rohrmoser feststellt, dass ein moderner demokratischer Staat ohne den Liberalismus nicht auskommen kann, bedarf dieser nach seiner Grundauffassung eines konservativen Korrelats. Hier bringt Rohrmoser den Begriff des „liberalen Konservatismus“ in die Diskussion. D. h., er beschreibt einen modernen selbstkritischen Konservatismus, der die alten Fehler der Weimarer Zeit nicht macht, sondern sich dem Liberalismus öffnet.

Revolutionäre Prozesse wie die 68er-Studentenrevolution, die Maximen Adornos und Marcuses sowie die zunehmende Umweltproblematik (mit der Grünen Bewegung) führten zu einer Schwächung des bürgerlichen Lagers. Unterschiedliche politische Strömungen in den bürgerlichen Parteien, aber auch auf dem rechten Flügel, führten zu einer Verunsicherung der Gesellschaft.

Als Beispiel sei die von Heiner Geißler, einem führenden CDU-Politiker, in den 80er-Jahren geforderte Hinwendung der CDU zu einer Zusammenarbeit mit den Grünen genannt, wobei er sich dazu verstieg, dass eine konservative Ausrichtung der CDU zu ihrem Selbstmord führen würde (Rohrmoser). Eine nachlassende bürgerliche Haltung, insbesondere der CDU, sah Rohrmoser als eine beunruhigende Situation. Er weist auf eine kritische Situation in unserer Gesellschaft hin: Dass alles was nicht links liberal oder beides ist gleichsam rechts oder rechtsextremistisch beziehungsweise faschistisch ist. Rohrmoser hatte gehofft, dass die von Kohl angekündigte geistlich moralische Wende in einem Kulturkampf Besserung bringt. Da deren Erfolg ausblieb, stellte Rohrmoser resignierend fest, dass die CDU ihre konservative Haltung durch Entkernung und Knochenerweichung verloren hat.

Auf diese resignierende Haltung, die unter anderem durch die Kanzlerschaft von Frau Dr. Merkel gefördert wurde, weist auch Ulf Poschardt in seinem Buch Bückbürgertum hin. Hier zeigt er die gesellschaftspolitischen Rückzüge und Positionsverluste der CDU, Tugenden wie beispielsweise die Aufgabe der Nuklearkraftwerke zur Energiegewinnung, die Vernachlässigung der Bundeswehr und Rüstung, die Problematik der überschießenden Migration und die starke Individualisierung der Gesellschaft.

Eine bemerkenswert mutige Äußerung zum Konservatismus und eine Unterstützung Rohrmosers ist der Aufruf zur konservativen Revolution von Dobrindt (Essay 2018), der von Poschardt erwähnt wird. Dobrindt stellt in seinem Essay fest, dass viele Menschen in unserem Land bürgerlich denken, was wohl heißt: liberal und bodenständig. Der Autor stellt fest, dass im 21. Jahrhundert linke und rechte Ideologien überwunden seien und auch die revolutionären Ereignisse von 1968 ein Ende haben. Er mahnt zum Aufbruch in eine neue Bürgerlichkeit und zwar in eine neue konservative Orientierung.

Poschardt schreibt dazu: „Dobrindt entwirft ein geschlossenes konservatives Weltbild, das christlichen Glauben und christlich-abendländische Leitkultur als normatives Fundament von Politik, Gesellschaft und Integration begreift und diese Werte für alle in Deutschland Lebenden einfordert, während religiöse und kulturelle Praktiken, die dem widersprechen, strikt ablehnt.“

Als Resümee ist festzustellen, dass Rohrmoser in dem politischen Gebilde eines liberalen Konservatismus mit Rückhalt in der Gesellschaft, der Industrie und unter Berücksichtigung der Religion, in einer Mitte-rechts-Orientierung, die Zukunft des Konservatismus und Liberalismus in Deutschland sieht. Er warnt mahnend die CDU, sich in diese Richtung zu bewegen, weil andernfalls es notwendig würde, eine andere Partei zu gründen, die im Sinne des liberalen Konservatismus eine Stabilität der Bundesrepublik erreichen kann. (Zum Schluss eine Stimme aus der Literatur: Rüdiger Safranski in der NZZ: Deutschland braucht eine vernünftige Konservative Partei)

Der aus England und den USA überkommene sogenannte Postliberalismus möchte einen Ausweg finden, den defizitären Liberalismus zu erneuern (Hofmann). Von den Initiatoren dieser Bewegung sind zwei Richtungen festzustellen: eine rechtsgewandte und eine linksorientierte Agenda. Von den intellektuellen Befürwortern des Postliberalismus sind Adrian Vermeule und Patrick Deneen zu nennen, deren Anstrengungen darauf gerichtet sind, nach den Ursachen des Niederganges des Liberalismus zu suchen und andererseits eine neue politische Ordnung zu protegieren. Die destruktiven Formen des Liberalismus wie Individualismus, Kapitalismus und Globalisierung sollen von den Postliberalen ersetzt werden durch Gemeinschaft, Tugenden und eine gemeinwohlorientierte soziale Integration. Letztendlich dient der Postliberalismus dazu, die schwierige Lage des Liberalismus zu verstehen, in der sich die liberale Demokratie befindet, und, wie Borg feststellt: Die postliberale Kritik könnte helfen krisenerzeugende Defizite des Liberalismus zu erkennen und eine heilsame Selbstkritik zu üben.

Zur Person Rohrmoser: Geboren 1927 in Bochum. Studium der Philosophie, Evangelischen Theologie, Geschichte und Nationalökonomie. Promotion in Münster bei Wiese zu Shakespeare. Habilitation bei Landgrebe in Köln: Zu Hegels Theologie und Staat. Zusammen mit den Professoren Ritter, Lübbe, Böckenförde und anderen im Collegium Philosophicum der Universität Münster „Ritterschule“. An der Universität Hohenheim erhielt Rohrmoser eine Professur für Philosophie. In Weikersheim gründete er mit Fibinger zusammen ein konservatives Institut.

Literaturverzeichnis:

Borg, Stefan (2026): The Return of the Common Good. London: Routledge.

Deneen, Patrick J. (2018): Why Liberalism Failed. New Haven/London: Yale University Press.

Dobrindt, Alexander (2018): „Mehr Bürgerlichkeit wagen – Plädoyer für eine bürgerlich-konservative Wende“. 04.01.2018.

Hofmann, Julian Nicolei (2026): Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 08/2026.

Leggewie, Claus (2025): „Demokratie braucht einen (ökologischen) Konservatismus. Ein Gespräch mit Thomas Biebricher“. In: Leviathan. Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft, 53. Jg., Heft 3/2025

Poschardt, Ulf (2026): Bückbürgertum. Neu-Isenburg: Westend Verlag.

Rohrmoser, Günter (1994): Der Ernstfall. Die Krise unserer liberalen Gesellschaft. Berlin: Ullstein.

Schweda, Mark (2015): Joachim Ritter und die Ritter-Schule. Zur Geschichte einer intellektuellen Gemeinschaft. Hamburg: Junius Verlag.

Vermeule, Adrian (2022): Common Good Constitutionalism: Recovering the Classical Legal Tradition. Cambridge: Polity Press.

Wagner, G. (2026): Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 01/2026.

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Title: Konservatismus / Liberalismus

Polemic Paper , 2026 , 4 Pages

Autor:in: Dr. Karl-Horst Bichler (Author)

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Details

Title
Konservatismus / Liberalismus
Subtitle
In memoriam Wolfgang Rohrmoser
Author
Dr. Karl-Horst Bichler (Author)
Publication Year
2026
Pages
4
Catalog Number
V1759425
ISBN (PDF)
9783389203996
Language
German
Tags
Konservatismus Liberalismus Wolfgang Rohrmoser Dobrindt Der Ernstfall
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Dr. Karl-Horst Bichler (Author), 2026, Konservatismus / Liberalismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1759425
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