Die Kanonisation Kaiser Karls des Großen 1165

Eine Heiligsprechung im politischen Kontext


Examensarbeit, 2006

125 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Friedrich I. Barbarossa und Karl der Große
2.1 Der Kultakt vom 29. Dezember 1165
2.2 Das Barbarossa-Privileg für die Stadt Aachen
2.3 Die Aachener Vita Karoli Magni
2.4 Saint-Denis und Westminster in ihrer Vorbildfunktion für Aachen

3. Politischer Kontext
3.1 Zur Politik Friedrich I. Barbarossas - ein kurzer Abriss
3.2 Papst Alexander III. und der kaiserliche Gegenpapst Paschalis
3.3 Der Würzburger Hoftag zu Pfingsten 1165
3.4 Zum Herrschaftsverständnis Friedrich I. Barbarossas

4. Mögliche Kritikpunkte an dem Kanonisationsverfahren Karls des Großen
4.1 Vorbemerkung
4.2 Was galt im Mittelalter als heilig?
4.3 Die besondere Entwicklung des Heiligsprechungsverfahren im Mittelalter
4.4 Besonderheiten bei der Kanonisation Karls des Großen

5. Otto III. und Karl der Große
5.1 Vorbemerkung
5.2 Graböffnung durch Otto III
5.2.1 Vorgang der Graböffnung
5.2.2 Die Glaubwürdigkeit der Quellen
5.3 Plante Kaiser Otto III. eine Heiligsprechung Karl des Großen?

6. Zur politisch ideologisierten Figur Karls des Großen
6.1 Vorbemerkung
6.2 Leben und Wirken Karls des Großen des ersten abendländische Kaisers
6.3 Karl der Große und Aachen

7. Die Intention Friedrich I. Barbarossas bezüglich der Kanonisation Kaisers Karls des Großen
7.1 Vorbemerkung
7.2 Karl der Große ein Reichsheiliger?
7.3 Die Kanonisation Karls des Großen ein Schlag gegen Frankreich?
7.4 Der Barbarossaleuchter

8. Karl der Große - ein unbekannter und/oder verkannter Heiliger?

9. Schlussbemerkung

Quellen- und Literaturverzeichnis
Verzeichnis der Quellen und Quelleneditionen
Verzeichnis der Sekundärliteratur

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Am 28. Januar 814 starb Karl der Große, der „erste Kaiser des Abend- landes“1, im Alter von knapp 66 Jahren während eines Winteraufent- haltes in Aachen.2 Sein Ansehen war bereits zu seinen Lebzeiten sehr hoch. Dichter und Geschichtsschreiber seines Kaiserhofes priesen ihn wegen seiner Taten als „Vater Europas“.3 Seine Zeitgenossen, die Päpste Hadrian I. und Leo III., gaben ihm den Titel eines „großen Kö- nigs“. Dieser Titel wurde dann auch verstärkt in der Schriftlichkeit und Urkunden benutzt, was dazu führte, dass Karl der Große in dem Epitaph als magnus et orthodoxus imperator bezeichnet wurde.4 Der Glanz dieses Kaisers und seine Anziehungskraft auf Herrscher und Volk hatte über viele Jahrhunderte hinweg Bestand. Karl stellte für viele seiner mittelalterlichen Nachfolger ein großes Vorbild und für das Volk eine Identifikationsfigur dar. Am 29. Dezember 1165 ließ Friedrich I. Barbarossa Karl den Großen in Aachen heilig sprechen. Die vorliegende Untersuchung soll vor allem den Aspekt analysieren, welche Intentionen der Stauferkaiser mit dieser Kanonisation Karls des Großen verbunden hat. Hierbei sollen primär folgende Fragestel- lungen thematisiert werden:

- Sind die Gründe für diesen von Barbarossa durchgeführten Kultakt in dessen Verehrung für den ersten Kaiser des Abend- landes zu suchen, oder ging es um gänzlich andere Aspekte?
- Hat hier vielmehr eine politische Instrumentalisierung der Herrscherfigur Kaiser Karls des Großen stattgefunden?
- Wie und in welchem Maße fügte sich die Kanonisation vom 29. Dezember 1165 in das Herrschaftsverständnis des Staufer- kaisers?
- In welchem Ausmaß und in welcher Form reflektierte diese Handlung die politische Situation und hier vor allem die Aus- einandersetzung zwischen Kaiser und Papst?

Der Vorgang der Kanonisation Karls des Großen wirft neben diesen grundlegenden Fragestellungen auch andere Problematiken auf, die es gilt, ebenfalls zu behandeln. Hier ist vor allem zu beachten, dass die- ser Kultakt zeitlich parallel zu dem großen Konflikt zwischen Kaiser und Papst liegt, so dass es nicht verwundert, dass Friedrich bei der Kanonisation nicht mit dem rechtmäßigen Papst Alexander III., son- dern dem kaiserlichen Gegenpapst Paschalis III zusammenwirkte. Außerdem erscheint ein nicht zu vernachlässigender Problempunkt darin zu liegen, ob das Leben und Wirken Karls des Großen überhaupt dessen Heiligsprechung rechtfertigen, geschweige denn legitimieren konnte.

Um diese Fragestellungen in einer wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Form und Weise beantworten zu können, ist die folgende Vorgehensweise beabsichtigt:

Der Einstieg in das Thema der vorliegenden Untersuchung soll direkt mit der Kanonisation Karls des Großen erfolgen. Neben den eigentli- chen „Feierlichkeiten“ der Heiligsprechung sollen das am 8. Januar 1166 von Friedrich I. Barbarossa ausgestellte Privileg für die Stadt Aachen und das dazugehörige Marienstift intensiv analysiert werden, da in diesem Privileg die Kanonisation Karls des Großen verkündet wird. Um die Intention, die den Staufer hierbei geleitet hat, herauszu- arbeiten, werden zwei weitere Beispiele von Heiligsprechungen, die in einem engen zeitlichen Zusammenhang zu den Vorgängen in Aachen stehen, herangezogen. Deren Relevanz für die vorliegende Untersu- chung resultiert nicht zuletzt aus dem Umstand, dass dem Stauferkai- ser sowohl die Erhebung des heiligen Dionysius in Saint-Denis im Jahr 1144 durch König Ludwig VII. von Frankreich als auch die Hei- ligsprechung Eduard des Bekenners vom 7. Februar 1161 in West- minster durch König Heinrich II. von England als Vorbild gedient haben durfte.5

Nach der Kanonisation Karls des Großen ist im Auftrag Friedrich I. Barbarossas eine „neue“Vita Karoli Magni in Aachen entstanden, die von den „wunderbaren Taten“ Karls des Großen berichtet, obwohl schon eine Vita Karoli Magni existierte, die der Hofbiograph Karls, Einhard, verfasst hatte. Da eine solche Neufassung des Lebens Karls des Großen von Friedrich Barbarossa nicht ohne Grund und Hinterge- danken in Auftrag gegeben worden ist, ist davon auszugehen, dass die Beschäftigung mit den Kernaussagen dieses Werkes eine nicht zu un- terschätzende Interpretationshilfe für die Vorgänge und Intentionen der Kanonisierung sein kann. In diesem Zusammenhang stehen vor allem das kaiserliche Herrschaftsverständnis und die politischen Prob- leme im Fokus, mit denen sich der Kaiser konfrontiert gesehen hat. Nicht von ungefähr hatte sich Friedrich kurze Zeit vorher gezwungen gesehen, auf dem Würzburger Hoftag den dort beteiligten Anwesen- den den Eid abzuverlangen, wodurch dieser Hoftag ebenfalls eine ge- wisse Bedeutung für diese Thematik besitzt.

In den anschließenden Ausführungen soll eine kritische Analyse der Heiligsprechung selbst in Hinblick auf deren Rechtfertigung und Legi- timation vorgenommen werden. In diesem Zusammenhang erscheint es notwendig, sich mit den mittelalterlichen Vorstellungen, Konventi- onen und Riten unter folgenden Fragestellungen auseinanderzusetzen:

- Welche Voraussetzungen mussten erfüllt sein, damit eine Hei- ligsprechung legitimiert erschien?
- Was galt als heilig?
- Wie sah das Kanonisationsverfahren zu dieser Zeit vor allem unter rechtlichen und liturgischen Aspekten aus?

Eine möglichst weitgehende Beantwortung dieser Fragen soll es er- möglichen, eine Einordnung dieser Handlung im Kontext der teilweise geäußerten Kritik an der Kanonisation vornehmen zu können.6

Mit der Heiligsprechung hat die Verehrung Karls des Großen ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden, jedoch war Friedrich I. Barbarossa nicht der erste Kaiser, der sich intensiv mit Karl dem Großen beschäf- tigt, ja dessen Person, Wirken und fast schon Mythos instrumentali- siert hat. Kaiser Otto III. hatte zum Pfingstfest des Jahres 1000 im Anschluss an seine Gnesenreise ins Piastenreich das Karlsgrab in der Aachener Marienkirche öffnen lassen.7 Mit Hilfe der Interpretation der entsprechenden Quellen soll versucht werden, die Frage zu beant- worten, ob auch Otto III. - 165 Jahre vor dem Stauferkaiser - eine Heiligsprechung des ersten abendländischen Kaisers geplant haben könnte, jedoch dieses Ziel letztlich aufgrund seines frühen Todes im Jahre 1002 nicht hatte realisieren können. Es stellt sich also die Frage, was für eine Persönlichkeit Karl der Große darstellte und welche Symbolik, ja welchen Mythos er repräsentierte. Hieraus kann dann gefolgert werden, was ihn für die ihm nachfolgenden Kaiser der unter- schiedlichen Geschlechter so bedeutsam machte. In diesem Zusam- menhang soll vor allem auf Karl den Großen als Herrscherfigur einge- gangen werden.

Daneben soll auch das Verhältnis des Kaiser zu der Stadt Aachen thematisiert werden. Dieses Verhältnis wird nicht zuletzt durch das angeblich vom Kaiser verfasste Karlsdekret für die Stadt, bei dem es sich um eine Fälschung handelt, aufgezeigt. Hier erscheint es mir von nicht zu unterschätzender Bedeutung, dass in dem Barbarossaprivileg für die Stadt Aachen der Stauferkaiser nicht nur das alte Karlsdekret eingegliedert, sondern noch einmal ausdrücklich bestätigt hat.8

Nach einer intensiven Beschäftigung mit diesem Themenkomplex stellt sich abschließend die Frage nach der Stellung Karls des Großen als einem Heiligen. Handelt es sich bei dem Kaiser um eine Person, die durch seine großen Taten in den Kanon der Heiligen aufgestiegen ist oder ist Karl der Große lediglich eine Figur oder stellt er sogar ein politisch instrumentalisiertes Konstrukt dar, das von seinen Nachfah- ren - vor allem von Otto III. und besonders Friedrich I. Barbarossa - ideologisiert wurde, unter Berufung auf dessen Heiligkeit, die sich nach mittelalterlichem Verständnis auch auf seine Nachfahren über- tragen sollte, ihre politischen Ziele zu verwirklichen und auf nahezu allen Bereichen zu legitimieren? Handelt es sich bei Karl dem Großen vielleicht um einen verkannten Heiligen? Eine Diskussion dieser The- sen erscheint mir notwendig, um sich ein abschließendes Urteil über die Kanonisation bilden zu können.

2. Friedrich I. Barbarossa und Karl der Große

2.1 Der Kultakt vom 29. Dezember 1165

Am 29. Dezember 1165 wurden die Heiligsprechung, die Elevation sowie die Translation9 Kaiser Karls des Großen durchgeführt. Dieser Tag war zudem der Tag, an dem das kirchliche Fest des König Davids begangen wurde, der - als Gesalbter des Herren und als der Stammva- ter Christi - ein Vorbild für die Verehrung schlechthin symbolisier- te.10 Karl der Große hatte sich bereits mit diesem biblischen Idealkö- nig identifiziert.11 Dieser von Friedrich I. Barbarossa ausgewählte Sonntag, im Kirchenkalender Laetare12, besitzt noch eine weitere, nicht zu vernachlässigende Bedeutung, da er zugleich auch Krönungs- tag des staufischen Kaisers gewesen ist.13

Die Quellenlage bezüglich dieses Ereignisses ist als eher spärlich an- zusehen. Es erscheint als merkwürdig, dass kein eigenständiger Be- richt überliefert ist, der die Intention der Verbreitung dieser Heilig- sprechung besitzt. Über den Verlauf, sowie die bei diesem Kanonisa- tionsakt anwesenden Personen gibt vor allem ein bedeutendes diplo- matisches Zeugnis Auskunft: das Barbarossaprivileg für die Stadt Aa- chen vom 8. Januar 1166, in dem die Heiligsprechung Karls des Gro- ßen bekannt gegeben wird.14 Aus diesem Privileg können jedoch kei- ne detaillierten Erkenntnisse über die genuin liturgischen Vorgänge der Zeremonie gewonnen werden, obwohl gerade in Bezug hierauf ein solcher Akt, der eine hochgradige Symbolik manifestiert, doch besondere liturgische Vorkehrungen hätte implizieren müssen. Auch über die Personen, die an diesem Kultakt teilgenommen haben, gibt das Barbarossaprivileg lediglich rudimentär Auskunft:

Inde est, quod nos gloriosis factis et meritis tam sanctissimi imperatoris Karoli confidenter animati et sedula peticione karissimi amici nostri Heinri- ci illustris regis Anglie inducti, assensu et auctoritate domini pape Paschalis et ex consilio principum universorum tam secularium quam ecclesiasticorum pro relevatione et exaltatione atque canonizatione sanctissimi corporis eius sollempnem curiam in natali domini apud Aquis Granum celebravimus, ubi corpus eius sanctissimum pro timore hostis exteri vel inimici familiaris caute reconditum, sed divina revelatione manifestatum as laudem et gloriam no- minis Christi et ad corroborationem Romani imperii et salutem dilecte con- sortis nostre Beatricis imperatricis et filiorum nostrorum Frederici et Hein- rici cum magna frequentia principum et copiosa multitudine cleri et populi in ymnis et cancticis spiritalibus cum timore et reverentia elevavimus et e- xaltavimus IIII R kal. ianuarii.15

Der Narratio des Barbarossaprivilegs für die Stadt Aachen ist zu ent- nehmen, dass viele weltliche und geistliche „Größen“ des Reiches bei dem Akt der Heiligsprechung zugegen gewesen sind. Daneben habe der engste Familienkreis des Kaisers - Kaiserin Beatrix und die Söhne Friedrich und Heinrich - teilgenommen. Welche Persönlichkeiten genau an der Durchführung des liturgischen Kultaktes beteiligt waren, verrät diese Quelle nicht. Es wird lediglich betont, dass die Kanonisa- tion Karls des Großen auf Bitten König Heinrichs II. von England, auf Rat „aller“ weltlichen und geistlichen Fürsten des Reiches und mit der Erlaubnis des kaiserlichen Gegenpapstes Paschalis III. vollzogen wor- den sei.

Als Begründung für die Heiligsprechung führt die Narratio des Barba- rossaprivilegs die „ruhmreichen Taten und Verdienste des allerheiligs- ten Kaisers Karl“ an. In Anwesenheit aller Fürsten und zahlreicher Laien seien während des Weihnachtsfestes und im Kontext eines fei- erlichen Hoftages unter Hymnen und feierlichen Gesängen die heili- gen Gebeine, die aus Furcht vor äußeren und inneren Feinden sorgfäl- tig im Verborgenen gelegen hätten und deren Auffindung nur auf- grund einer göttlichen Offenbarung habe geschehen können, mit Furcht und Ehrerbietung am 29. Dezember 1165 rituell geborgen wor- den.

Zieht man jedoch andere Quellen, die sich im selben zeitlichen Rah- men bewegen, wie die Nachrichten der Kölner Königschronik (um 1170/1175), die Annalen von Cambrai (um 1170), die Chronik des Geoffroi von Breuil (ca.1183/1184), die von Erich Meuthen bearbeite- ten Aachener Urkunden (1101- 1250)16, das Diplom für die burgundi- sche Abtei Bonne-Espérance sowie die für die Bürger von Duisburg existierenden Zeugenlisten hinzu, kann der Kreis der an der Kanonisa- tion teilnehmenden Personen konkretisiert werden.17 Hierbei handelt es sich laut Ludwig Vones, der sich ausführlich mit diesem Aspekt beschäftigt hat, um den Erzkanzler und Erzbischofselekten Christian von Mainz, den Erzbischof Rainald von Dassel als dem Metropoliten von Köln, der ein enger Vertrauter und Berater des Kaisers war und ebenso das Amt des Reichskanzlers inne hatte,18 um die Bischöfe von Lüttich, Paderborn, Minden, Utrecht und Cambrai sowie um die nie- derlothringischen Herzöge und Grafen, die dem Umfeld der Kaiserin Beatrix zuzuordnen seien. Graf Philipp von Flandern habe bei dieser Gelegenheit ein Freundschaftsbündnis mit der Kaiserin abgeschlos- sen.19

In der historischen Forschung wird überwiegend die Meinung vertre- ten, dass Papst Paschalis III. mit großer Wahrscheinlichkeit den Akt der Heiligsprechung auf den Kölner Erzbischof Rainald von Dassel und den Bischof Alexander von Lüttich übertragen habe.20 Aus diesen Quellen geht zudem hervor, dass Friedrich I. Barbarossa eine ent- scheidende Rolle bei dem eigentlichen Kanonisationsakt gespielt ha- be. Die Quellen bestätigen, dass der Stauferkaiser mit „eigenen Hän- den“ die sterblichen Überreste Karls des Großen aus dem bisherigen Sarkophag erhoben und in ein neues Reliquiar übergetragen habe.21 Friedrich I. Barbarossa hat auch vor und nach der Karlstranslation an der Übertragung von Heiligenreliquien mitgewirkt. So war er zwei Jahre zuvor, im Jahre 1163, an der Überführung der Gebeine des hei- ligen Bassianus aus Alt-Lodi in die Kathedrale der sieben Kilometer entfernt errichteten neuen Stadt persönlich beteiligt. Ebenso hat er an der im Jahre 1187 erfolgten Translation der Reliquien des heiligen Ulrichs in die neu erbaute Klosterkirche St. Ulrich und Afra in Augs- burg mitgewirkt.

Ein solches Verhalten erscheint, berücksichtigt man, dass es sich hier- bei um einen Brauch handelte, der sich bereits in der Spätantike nach- weisen lässt und dann im Frankenreich bis in die Merowingerzeit hin- ein praktiziert worden ist, nicht unbedingt als ungewöhnlich.22 Ein solches Handeln des Kaisers erscheint vielmehr als ein symboli- scher Akt, durch den die Verehrung des Stauferkaisers für Karl den Großen besonders deutlich zum Ausdruck gebracht wird. Hierdurch wird nicht nur die Bedeutung des ersten abendländischen Kaisers für Barbarossa versinnbildlicht, sondern es wird zudem auch öffentlich eine persönliche Verbundenheit zu Karl dem Großen demonstriert, da der Kaiser als Hauptbeteiligter fungiert. Allein durch diesen Umstand findet bereits eine gewisse Instrumentalisierung des neuen Heiligen für die Belange Friedrich I. Barbarossas statt.

Durch die Suche nach Heiligengräbern und deren Öffnung sowie durch die Prozession von Reliquienschreinen bis hin zu dem feierli- chen Akt des Verschließens von Reliquiaren manifestiert der ausfüh- rende weltliche Herrscher nicht nur sein „ausgeprägtes Nahverhält- nis“23 zu den „Gebeinen des Heiligen“. Vielmehr wird durch diese Handlungen auch eine weitere Erhöhung des Handelnden gegenüber seinen Untertanen manifestiert. Durch die Nähe zu dem Heiligen und die persönliche Beteiligung an den die Kanonisationen repräsentieren- den Kultakten signalisiert der weltliche Herrscher nicht nur seine De- mut, sondern nicht zuletzt auch seine Kompetenz bezüglich der Be- fugnisse, die über den weltlichen Rahmen seines Herrscheramtes hin- ausreichen und in geistlich konnotierte Bereiche hineinreichen kön- nen. Allerdings fällt das persönliche Mitwirken des Herrschers von Natur aus nicht in den Bereich der „Königsgeschäfte“ In dem Moment, in dem sich ein weltlicher Herrscher an einer solchen Zeremonie beteiligt, „degradiert“ er sich selbst zu einem Diener, da er im Verhältnis zu dem Heiligen, der ja von Gott ausgewählt worden ist, in „voller Demut“ handelt. Aus diesem Grund ist es nach mittelalterli- chen Verständnis eine Notwenigkeit, dass der Herrscher für diesen Moment seinen äußeren Habitus verändern muss - symbolisiert durch das Ablegen der kaiserlichen Gewänder und der Insignien bei der Durchführung des Kultaktes, da humiliatio und exaltatio des Königs oder Kaisers im herrschaftlich theologischen Verständnis des Mittel- alters besonders eng zusammen gehören. Der Herrscher, der sich vor Gott demütigt und Verhaltensweisen annimmt, die nicht zu dem pas- sen, was er in dem Bereich seines weltlichen Herrscheramtes zeigt, legitimiert auf diese Weise seinen erworbenen Sonderstatus und kann durch diese demütige Haltung gegenüber dem Heiligen Ansprüche auf dessen besondere Hilfeleistungen anmelden.

Friedrich I. Barbarossa beanspruchte durch sein Mitwirken aber nicht nur die Hilfe der Heiligen zur Befriedigung seiner spirituellen Bedürf- nisse. Darüber hinaus wird ein weiterer politischer Aspekt deutlich, indem er durch seine direkte Beteiligung die Tradition des Herrscher- verhaltens bei den Reliquientranslationen der Spätantike und Karolin- gerzeit erneuerte.24 Durch diese Akte versuchte sich der Staufer in eine direkte Linie zu seinen großen Vorbildern zu stellen. An seiner persönlichen Beteiligung an dem Aachener Kultakt vom 1165 werden bereits die Motive deutlich, die Friedrich zur Heiligsprechung veran- lasst haben. Hierbei treten eindeutig die rein spirituellen Aspekte und die persönliche Verehrung Friedrich I. Barbarossas für Karl den Gro- ßen in den Hintergrund. Die wahre Intention, die der Stauferkaiser verfolgt haben dürfte, wird deutlicher, wenn man die Heiligsprechung in den Kontext der übrigen politischen Handlungsweisen stellt. In die- sem Zusammenhang soll zunächst das am 8. Januar 1166 im Kontext der Kanonisation ausgestellte Barbarossaprivileg für die Stadt Aachen analysiert werden.

2.2 Das Barbarossa-Privileg für die Stadt Aachen

Am 8. Januar 1166 wurde die Heiligsprechung Kaiser Karls des Gro- ßen in dem so genannten „Barbarossaprivileg“ für die Stadt Aachen bekannt gegeben. Die Urkunde ist als Transsumt Kaiser Friedrichs II. von 1244 überliefert und befindet sich heute noch im Aachener Stadt- archiv. Die Urkunde ist außerdem abschriftlich in einer Londoner Handschrift des British Museum - zusammen mit den deutschen Krö- nungsordines - sowie im Chronicon Heinrichs von Herford (1355) überliefert. Sie ist auch Bestandteil der Aachener Vita Karoli Magni. Ein weitere Abschrift ist zudem in einer Bonner Handschrift erhalten, das im Jahre 1916 als verschollen geltendes Manuskript wieder aufge- taucht ist. Der Urkundeninhalt wird in der historischen Forschung als echt angesehen.25 Bei diesem Schriftstück handelt es sich um die ein- zige urkundliche Überlieferung, die im Rahmen dieses Kultaktes ent- standen ist. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist davon auszugehen, dass es nachvollziehbare Gründe dafür gegeben haben muss, warum die Verlautbarung der Heiligsprechung Karls des Großen gerade in dieses Privileg integriert worden ist.26

Die hiermit verbundenen Überlegungen werden teilweise bereits bei der Analyse der chronologisch geordneten Aspekte dieser Urkunde deutlich. Das Barbarossaprivileg wird mit dem so genannten „Karls- dekret“ eingeleitet, dass einfach übernommen wurde.27 Die Urkunde berichtet im Anschluss daran zunächst, in welcher Verbindung Friedrich I. Barbarossa zu dem heilig gesprochenen Kaiser steht, und versucht, die Kanonisation durch die berichteten „Wundertaten“ Karls des Großen zu legitimieren:

In nomine sancte et individue trinitatis. Fredericus divina favente clementia Romanorum imperator et semper augustus. Ex quo primitus divina ordinante clementia imperii Romani fastigia gubernanda suscepimus, voluntatis nostre atque propositi summum desiderium fuit, ut divos reges et imperatores, qui nos precesserunt, precipue maximum et gloriosum imperatorem Karolum quasi formam vivendi atque subditos regendi sequeremur et sequendo pre oculis semper haberemus, ad cuius imitationem ius ecclesiarum, statum rei publice incolumem et legum integritatem per totum imperium nostrum serva- remus. Ipse enim tota cordis intentione ad eterne vite premia anhelans ad dilatandam gloriam christiani nominis et cultum divine religionis propagan- dum, quot episcopatus constituerit, quot abbatias, quot ecclesias a funda- mento erexerit, quantis prediis ac beneficiis illas ditaverit, quantarum largi- tate elemosinarum non solum in cismarinis, sed etiam in transmarinis parti- bus resplenduerit, ipsa eius opera et gestorum volumina, que plurima et maxima sunt fide oculata, plenius declarant. In fide quoque Christi dilatan- da et in conversione gentis barbarice fortis athleta fuit et verus apostolus, sicut Saxiona et Fresonia atque Westphalia, Hispani quoque testantur et Wandali, quos ad fidem catholicam verbo convertit et gladio. Licet etiam ipsius animam gladius non pertransierit, diversarum tamen passionum tribu- latio et periculosa certamina et voluntas moriendi cotidiana pro converten- dis incredulis eum martyrem fecit. Nunc vero electum et sanctissimum con- fessorem eum fatemur et veneramur in terris, quem in sancta conversatione vixisse et pura confessione et vera penitencia ad deum migrasseet inter san- ctos confessores sanctum confessorem et verum confessorem credimus coro- natum in celis.28

Hier werden einleitend die Verdienste des ersten abendländischen Kaisers für den christlichen Glauben und für die Kirche herausgestellt. Da Karl der Große nicht als ein Märtyrer gestorben ist, ein Umstand der seine Heiligsprechung nach mittelalterlichem Verständnis sofort legitimieren würde,29 wird er in dieser Urkunde zu einem „Bekenner“ stilisiert, der sich durch die Bekehrung der Barbaren als Apostel er- wiesen habe. Dieses stetige Bemühen habe ihn zu einem Märtyrer werden lassen. Dies sei der Grund, dass er nun als heiliger Bekenner im Himmel verweile.

Nachdem in dem Privileg die Gründe für die Kanonisation dargelegt worden sind, wird die Bergung der Gebeine Karls des Großen in Aa- chen thematisiert. Diese Bergung habe nur mit Hilfe einer göttlichen Offenbarung vollzogen werden können, da die Gebeine des großen Kaisers aus Angst vor äußeren und inneren Feinden sorgfältig verbor- gen gewesen seien. Friedrich I. Barbarossa wolle sich zwar sämtliche seiner Vorgänger zum Vorbild nehmen, besonders gelte dies aber für Karl den Großen, den Friedrich als „allerheiligsten Kaiser“ bezeich- net.

Der Umstand, dass die Lage des Grabes angeblich in Vergessenheit geraten sei, ist auf zwei wahrscheinliche Gründe zurückzuführen. Ei- nerseits ist es möglich, dass tatsächlich die Lage des Grabes Karls des Großen in Vergessenheit geraten ist. Hiergegen spricht jedoch die seit dessen Tod anhaltende Verehrung für diesen Kaiser. Es erscheint da- her wesentlich wahrscheinlicher, dass es sich hierbei um einen Topos handelt, da die Auffindung der Gräber von Heiligen allgemein eine Vision voraussetzt.30 Es ist also in diesem Zusammenhang eher von der Eingliederung eines Stilmittels auszugehen, da durch die Vision noch einmal explizit die Heiligkeit, die Karl den Großen auszeichnet, zum Ausdruck gebracht werden soll. Nach der urkundlichen Bestäti- gung der Heiligkeit Karls des Großen scheint es für Barbarossa nur natürlich, dass nun ein Teil der Heiligkeit des großen Herrschers auf ihn übergeht, da die von der Amtsweihe ausgehende Heiligkeit sich mit der erblichen Geblütsheiligkeit verbunden hat, die durch die Hei- ligsprechung eines Vorfahrens nicht nur bestätigt, sondern sogar noch gesteigert worden ist.31

Ein weiterer wichtiger Aspekt besteht nämlich darin, dass Friedrich I. Barbarossa sich als ein blutsmäßiger Nachfahre Karls des Großen de- finieren konnte. Da die Hohenstaufen durch die Heirat Herzogs Fried- rich von Schwaben mit Agnes, der Tochter Heinrichs IV. von den Saliern abstammten, die wiederum durch die Heirat Konrad II. mit Gisela von Burgund, der Nichte Rudolfs III., von den Karolingern abstammten, konnte sich Barbarossa auf die blutsmäßige Nachfolge Karls berufen.32 Nicht zuletzt deshalb konnte sich Friedrich in diesem Privileg als ein neuer Karl der Große definieren.33

Über den feierlichen Akt wird, wie bereits angesprochen, nur rudimentär berichtet. Es wird lediglich davon gesprochen, dass die Bergung auf Bitte König Heinrichs II. von England mit Vollmacht des Papstes Paschalis III. und auf Rat der Fürsten zu der Kanonisation Karls des Großen durchgeführt worden sei.34

Nun ist das Barbarossaprivileg aber nicht genuin als eine Heiligspre- chungsurkunde zu verstehen, die auf eine Etablierung und Verbreitung des Karlskultes abzielen soll. Die Veröffentlichung der Heiligspre- chung nimmt nur einen geringen Teil der Urkunde ein. Das Privileg Barbarossas hat die Funktion, ein ihm inseriertes, unechtes Privileg Karls des Großen für die Stadt Aachen zu bestätigen: das so genannte Karlsdekret, das eindeutig als Fälschung angesehen wird.35 Das Karls- dekret nimmt den größten Textteil des Barbarossaprivilegs ein. Ein Teil der Forschung bringt die Entstehung des Karlsdekrets in einen direkten Zusammenhang mit der Heiligsprechung Karls des Großen 1165/1166. Das Karls- und das Barbarossaprivileg für die Stadt Aa- chen erscheinen auf den ersten Blick als ein „echtes Zeugnis der kai- serlichen Kanzlei aus einem Guss.“ Trotzdem werden sie schon auf- grund ihrer stilistischen Unterschiede verschiedenen Verfassern zuge- schrieben.36 Im Mittelpunkt beider Schriften steht die Stadt Aachen, wobei fünf Motive in beiden Urkunden besonders betont werden:

1. Die antike Tradition des Ortes,
2. die Gründung der Stadt Aachen als Sitz und Haupt des Reiches durch Karl den Großen,37
3. die einzigartige Auszeichnung der Stadt durch die Präsenz ih- res heiligen Gründers,
4. Aachens verfassungsrechtliche Bedeutung für das Königtum und das Reich sowie
5. die zu bestätigenden Rechts- und Handelsfreiheiten der Stadt Aachen.

Betrachtet man diese Aspekte, wird die Intention dieses Diploms deut- lich: Die Stadt Aachen soll Hauptstadt des Reiches werden. Das Karlsdekret wird inseriert, um sich als Gründungsurkunde der Stadt Aachen mit einer Verleihung von besonderen Hauptstadtrechten, durch den mittlerweile heilig gesprochenen Kaiser Karl dem Großen zu erweisen.38 Die Privilegierung der Aachener Kleriker und Laien vollzieht sich formal durch die wörtliche Übernahme des Karlsdek- rets, das daneben auch den Kern des Barbarossaprivilegs bildet. Der Text Barbarossas berichtet von der Heiligsprechung Karls des Großen und von der Bestätigung des Karlsprivileg und umschließt den Kern der Urkunde.39 Anschließend an den Karlstext konkretisiert der Stau- ferkaiser noch einmal einen Teil des Karlsprivilegs, in dem er der Stadt Aachen, der „Zierde des Römischen Reiches und des Hauptes des deutschen Königtums“ alle Freiheiten und Rechte, die ihr Kaiser Karl der Große in seinem Privileg verliehen hatte, noch einmal rechtskräftig bestätigt. Friedrich I. Barbarossa hat am 8. und 9. Januar 1166 je ein weiteres Diplom ausgestellt.

Eine Urkunde bestätigt den Kanonikern des Marienstiftes Einkünfte, die ihnen von ihren Pröpsten zugewiesen worden seien. Die andere Urkunde gewährt der Stadt Aachen die Abhaltung zweier Jahrmärkte mit voller Zollfreiheit für die Kaufleute. Außerdem gewährt sie das Recht der Münzprägung in Aachen. Die Begründung für diese Privile- gien liegt darin, dass Aachen, der Grabstätte Karls des Großen und Krönungsstätte der deutschen Könige, angemessene Rechte zugesi- chert werden sollen.

Odilo Engels hat in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass diese Aufteilung der Aspekte auf drei unterschiedliche Urkunden nicht zufällig geschehen ist:

- Der Karlstext aus dem Barbarossaprivileg richtet sich auf die Vergangenheit: Karl der Große habe die Stadt Aachen zu dem gemacht, was sie heute ist.
- Die beiden anderen Urkunden sind in ihrer Gesamtheit auf die Zukunft der Stadt gerichtet und sollen für einen weiteren wirt- schaftlichen Aufschwung sorgen.

2.3 Die Aachener Vita Karoli Magni

Kurz nach der Kanonisation Karls des Großen wurde - wahrscheinlich von einem Aachener Kanoniker - ein ausführliches Lebensbild des Kaisers verfasst.40 Der Entstehungszeitpunkt lässt sich etwa auf die Jahre 1169/1170 datieren. Gesichert ist der 28. Dezember 1165 als terminus post quem, da aus dem Einleitungskapitel des ersten Buches und dem letzten Kapitel des dritten Buches hervorgeht, dass die Kanonisation Karls des Großen schon erfolgt ist. Der terminus ante quem lässt sich auf einen Zeitpunkt kurz nach 1179 datieren, da eine der Abschriften nicht später entstanden sein kann. Eine genaue Datierung ist bis jetzt aber noch nicht möglich.

Diese Vita ist heute in 34, teilweise auch unvollständigen Textzeugen überliefert, wobei sich der Urtext nicht erhalten zu haben scheint.41 Da das Autograph nicht mehr vorhanden ist, fehlt auch der ursprüngli- che Titel. In den Abschriften befinden sich folgende Bezeichnungen:

De sanctitate merittorum et gloria miraculorum beati karoli magni ad honorem et laudem nominis dei, V ita sancti karoli magni gloriosi im peratoris oder Vita sancti karoli und Liber de sanctitate beati karoli magnis imperatoris.42

Die Vita ist in drei Bücher zu je 18, 24 und 19 Kapiteln unterteilt.43 Das erste Buch umfasst eine Charakterisierung Karls, die Verdienste um die Kirche und seine durch Gott begründete Auserwählung.44 24 Kapitel des zweiten Buches sind mit der so genannten Descriptio i- dentisch.45

Das dritte Buch enthält unter anderem sieben Kapitel der verkürzten Version des Pseudo-Turpin und daneben elf weitere Kapitel, welche die Wunder beschreiben, die nach Karls Tod und seiner Kanonisation geschehen seien sollen.

Der Autor bezieht sich also auf mehrere, unterschiedliche Quellen. Teilweise übernimmt er diese wörtlich oder sinngemäß und verbindet diese Teile lediglich miteinander. Andere Teile, wie beispielsweise die Einleitung scheinen aus seiner Feder zu stammen. Die selbstverfassten Abschnitte sind sofort zu erkennen, da sie erheblich mit Bibelzitaten durchsetzt sind und einen sehr konstruierten und manierierten Sprach- stil aufweisen.46

Die Aachener Vita Karoli Magni entstand im Auftrag von Friedrich I. Barbarossa.47 Eine simple Beschreibung des Lebens und Wirkens Karls des Großen kann jedoch nicht das primäre oder sogar einzige Ziel gewesen sein, das der Stauferkaiser mit diesem Auftrag verfolgt haben kann. Eine solche Intention des Staufers erscheint allein schon deshalb als unwahrscheinlich, da bereits eine Vita Karoli Magni exis- tierte, die Einhard, der Hofbiograph Karls des Großen, knapp drei Jahrhunderte vorher, verfasst hatte.48 Betrachtet man den Inhalt dieser von Einhard verfassten Biographie und vor allem die Darstellung der Person Karls des Großen, erscheint der Auftrag Barbarossas für eine „neue“ Vita verständlich. Einhards Vita konzentriert sich vor allem auf das weltliche Wirken und die Wiedergabe biographischer Daten. Sie wird mit einer Erläuterung über das Geschlecht der Merowinger eingeleitet und beschäftigt sich im Anschluss daran mit Karls Vorfah- ren und seinen Bruder Karlmann.49 Schwerpunkte der anschließenden Ausführungen sind die von Karl geführten Kriege und seine Erobe- rungen.50 Daneben werden seine außenpolitischen Taten und Bestre- bungen sowie seine rege Bautätigkeit behandelt.51 Sein „Privatleben“, die Erziehung seiner Kinder, seine Gewohnheiten sowie seine Er- scheinung und das kulturelle Interesse des Kaisers werden außerdem - wenn auch relativ kurz - skizziert.52 Kaiserkrönung53 und Ableben54 Karls des Großen werden von Einhard ausführlich beschrieben. Neben diesen Zentrierungen ist es mehr als auffällig, dass Einhard nur unge- fähr eine Seite seiner Biographie der Beschreibung der Frömmigkeit des Kaisers widmet.55 Die Vita Karoli Magni Einhards besitzt also eindeutig nicht den Charakter einer Heiligenvita, zumal ihr auch keine Wunder zu entnehmen sind. Diese biographische Abhandlung zeich- net eher das Bild eines großen Kaisers und stilisiert ihn zu einem ge- bildeten und großen Krieger, als zu einen Heiligen, Märtyrer oder Be- schützer der Christenheit, wie es der Intention des Stauferkaisers ent- sprach. Die Setzung dieser Zentrierungen konnte also nicht dem ent- sprechen, was für den Stauferkaiser notwendig schien, um seine Posi- tion zu legitimieren und/oder zu stärken. Das Lebensbild eines Heili- gen wurde in der Regel längst vor seiner Kanonisation als Beweis seiner Heiligkeit erstellt.56 Bezüglich der Person Karls des Großen musste also eine solche Vita nachgeliefert werden, da Einhards Vita diese Kriterien nicht erfüllte, ja auch nicht erfüllen konnte, war sie doch zu einem anderen Zweck erstellt worden.

Die Intention der Aachener Vita, die auch in der Forschung als Karls- legende bezeichnet wird, beschränkt sich also zunächst auf die Aus- gestaltung des Karlskultes und eine möglichst umfassende Begrün- dung der Heiligsprechung.57 Sie verfolgt im Vergleich zur Karlsvita von Einhard konträre Motive. Die Absicht des unbekannten Verfas- sers wird schon im Prolog der Karlslegende deutlich, wo er erklärt, dass sein Ziel darin bestehe, dass „jener wahre Verehrer Christi“58 - hiermit ist Friedrich I. Barbarossa gemeint - von der Heiligkeit Karls noch überzeugter wäre und dieser sich noch mehr darüber erfreuen möge, jene Sonne, die 351 Jahre lang verborgen gewesen sei, wieder ans Licht gebracht zu haben.59 Weiter führt der Verfasser ausdrück- lich in der Einleitung seiner Vita aus, dass er die Beschreibung der Taten und Triumphe Karls des Großen anderen Biographen überlassen wolle. Er konzentriere sich stattdessen auf Karls Tätigkeit als Gründer von Kirchen und Klöstern sowie seiner Fürsorge für diese kirchlichen Institutionen, seinen unermüdlichem Reliquienerwerb sowie deren großzügige Weitergabe, seinen Aufenthalt in Jerusalem und seine er- folgreiche Unterstützung der dort ansässigen Christen. Weiter wolle sich der Verfasser ausführlich Karls Reise nach Spanien widmen, bei der sich dem Kaiser der Apostel Jacobus zu erkennen gegeben habe. Als Reaktion hierauf habe Karl dort eine Basilika für den Apostel bau- en lassen. Karl wird in diesem Zusammenhang vor allem deshalb ge- rühmt, da er dort die Hilfe des heiligen Jacobus erfleht habe, um da- durch die Stadt Pamplona zu erobern und somit die Rechristianisie- rung Spaniens in die Wege leiten zu können.60

Der auffälligste Unterschied zwischen der Karlsvita von Einhard und der Aachener Karlsvita besteht darin, dass in der ersteren die politi- schen und militärischen Leistungen Karls des Großen im Vordergrund stehen während die Aachener Vita von Beginn an auf eine Erhöhung Karls auf Gottes Wunsch hinarbeitet. Im zweiten und dritten Teil die- ser Vita wird eine sagenartige Überlieferung aus Frankreich in den Text einbezogen, die über die Informationen der Vita Einhards hinaus- reicht und dadurch den imperialen Anspruch des Kaisertums stützt.61 Das Ziel, das von der neuen Karlsvita verfolgt wurde, besteht also vordergründig primär darin, den heiligen Lebenswandel Karls des Großen zu beschreiben. Hiermit könnte auch der Zweck verfolgt wer- den, die Kritik, die Heiligsprechung Karls beruhe nicht auf heiligen Taten, zu entkräften. Der Entkräftung dieser Kritik diente nicht zuletzt das von der Barbarossaurkunde behauptete Martyrium Karls des Gro- ßen. Dieses Martyrium wurde mit Karls Heimsuchung, seinen gefahr- vollen Schlachten und seinem täglichen Wunsch, für den Glauben zu sterben, begründet.62

Ähnlich zu interpretieren ist der Schwerpunkt „Spanien“. Die diesbe- züglichen Ausführungen stehen im krassen Gegensatz zur Realität, da Karl gar nicht der Verbreitung des Christentums in dieser Region hatte dienen können. Die Umdeutung des spektakulären Scheiterns des Sa- ragossa - Unternehmens Karls des Großen zu einer eindrucksvollen Heldensage scheint vor allem dem Zweck gedient zu haben, Karl posthum gegen jegliche Kritik zu verteidigen und das „heilige Wir- ken“ des Kaisers zu bekräftigen.63 Der Entkräftung der Kritik dient nicht zuletzt auch die Einbeziehung zweier bekannter Zeugnisse in die biographische Abhandlung. Hierbei handelte es sich einerseits um die Descriptio qualiter Karolus magnus clavum et coronam Domini a Constantinopoli Aquisgrani detulerit qualiterque Dionysium retule- rit,64 in der Karl als der erwartete Befreier Jerusalems gefeiert und ihm sogar die Einnahme der Stadt zugeschrieben wurde. Er habe zu- dem von seinem Zug in das heilige Land zahlreiche Reliquien mitge- bracht. Durch diese Erzählungen wurde Karl der Große aus seiner Zeit gleichsam in die Gegenwart des 12. Jahrhunderts transferiert und zu einem Kreuzfahrer im klassischen Sinn, dessen primäres Lebensziel von der Befreiung Jerusalems bestimmt war.65

Bezüglich der Entstehung des mittelalterlichen Kaisertums enthält die Descriptio einen bemerkenswerten Satz, den sowohl die Aachener Vita Karoli Magni als auch die staufisch gesinnten Annalen von Marbach übernommen haben:

Romani magno terrore perterriti potentissimum Romanum imperium, immo etiam papa electionem, ipsi prescripserunt.66

Die Aachener Vita Karoli Magni führt hierzu ergänzend aus:

Ita Dei providentia precurrente Romanus imperator effectus est.67

Die signifikante Gemeinsamkeit, die hier sofort auffällt, besteht darin, dass die Mitwirkung des Papstes bei der Übertragung des Kaisertums keine Erwähnung findet; Die Würde des Kaisertums wird als etwas interpretiert, das nicht durch den Papst gewährt wird, sondern quasi naturgegeben durch Gott dem Karolinger zuteil geworden ist. Neben der Descriptio wurde auch der so genannte Pseudo-Turpin verwendet, der als viertes Buch in das Liber Sancti Jacobi der Jako- buskirche integriert ist, dessen älteste, erhaltene Handschrift die wohl zwischen 1160 und 1170 in Santiago de Compostela angefertigte Co- dex Calixtinus darstellt.

Hier beschreibt angeblich Erzbischof Turpin von Reims (748/49-794), der zuvor Mönch von Saint-Denis und Abt von St. Remigius in Reims gewesen war, die Unternehmungen Karls des Großen in Spanien.68 In dieser Schrift wird Karl sowohl als großer Spanienkämpfer ideolo- gisiert als auch zum Märtyrer erhoben. Diese Deutung wird zusätzlich durch die Darstellung des eines Heiligen gemäßen Lebens Karls be- tont, wobei vor allem diverse Wundertaten Erwähnung finden, um die Heiligkeit Karls zum Ausdruck zu bringen. Die geschickte Argumen- tation und Strategie wird nicht zuletzt daran deutlich, dass bei den verwendeten, gekürzten Fassungen alle Hinweise getilgt wurden, wel- che die Stellung von Saint-Denis oder auch der Jakobuskirche zu stark hätten herausstellen können. Hierdurch werden die Fixierung des Kai- sers auf Aachen hervorgehoben und die Bedeutung Aachens ver- stärkt.69 Es wurde nicht nur versucht, die Heiligkeit Karls zu legiti- mieren und die Versäumnisse bei den Vorgängen 1165 auszugleichen. Vielmehr sollte die Heiligkeit Karls des Großen als etwas Selbstver- ständliches und von Gott Gewolltes dargestellt werden. Diesem Zweck dient auch die Darstellung des Todes des Kaisers, der mit allen einhergehenden Naturzeichen dargestellt wird.70

Friedrich I. Barbarossa erscheint in diesem Zusammenhang als die Inkarnation des karolingischen Kaisers, als alter Karolus, wie er sich schon in dem Aachener Markt-, Zoll-, und Münzprivileg von 1166 hatte stilisieren lassen, als er für die Gestaltung des Aachener Halbde- nars bestimmt hatte, dass eine Seite mit dem Abbild Karls und die andere Seite mit seinem Abbild zu versehen sei. Er stellte sich nicht nur auf eine Ebene mit Karl dem Großen, sondern versuchte den Karlskult in engster Verbindung mit Aachen zu etablieren.71

Die Aachener Vita Karoli Magni lässt Karl den Großen als ein auser- wähltes Werkzeug Gottes erscheinen und dies gilt somit auch für Friedrich I. Barbarossa, dem Urheber der Heiligsprechung Karls des Großen.72 Wodurch zunehmend die Herrschaftsauffassung des Stau- ferkaisers deutlich wird. Der Stauferkaiser stilisiert sich also in der Nachfolge Karls des Großen als Vollstrecker des göttlichen Willens und versucht, sein Kaisertum und seine Gleichberechtigung wenn nicht Vorrangstellung in Beziehung zum Papst zu legitimieren.

2.4 Saint-Denis und Westminster in ihrer Vorbild- funktion für Aachen

Die Intention, die Friedrich I. Barbarossa mit der Heiligsprechung und Umbettung Karls des Großen verbunden hat, kann nur dann erschöp- fend interpretiert und in ihren Implikationen verstanden werden, wenn sie im Kontext anderer Kanonisationen gesehen wird, die eine nicht zu unterschätzende Vorbildfunktion erfüllt haben. Friedrich I. Barbarossa hat sich nach fast einhelliger Meinung der Forschung vor allem zwei vergleichbare Vorgänge zum Vorbild genommen. Dies sind die Trans- lation des heiligen Dionysius im Jahre 1144 in Saint-Denis sowie die Heiligsprechung und spätere Translation Edward des Bekenners in Westminster im Jahre 1163.

Die Translation des heiligen Dionysius, die Abt Suger anlässlich der Neuweihe des Chores seiner Abtei Saint-Denis durchführte, wurde mit großem Aufwand betrieben, ja schon fast inszeniert.73 Suger ließ die Reliquien des Dionysius, bei dem es sich um den Hauptheiligen seines Klosters handelte, aus dem so genannten Martyrium der karolingi- schen Ringkrypta herausholen und in einen neuen Reliquienaltar in der Mitte des Hochchores umbetten. Dieser feierliche Weiheakt fand in Anwesenheit einer großen Zahl hoher geistlicher Würdenträger statt, die aus ganz Frankreich, der Normandie und England angereist waren. Vor allem aber waren der französische König Ludwig VII., seine Gemahlin Eleonore sowie die weltlichen Würdenträger Frank- reichs anwesend. Ludwig VII. übernahm dabei sogar eine zentrale Rolle.

Über diesen Kultakt existiert eine überlieferte Aufzeichnung, die Abt Suger selbst verfasst hat. In diesem Libellus de consecratione ecclesi- ae sancti Dionysii berichtet er sehr detailliert über die tragende, ja zentrale Rolle, die der französische König bei den Feierlichkeiten ein- genommen hat. Ludwig VII. nahm mit der Unterstützung seiner Höf- linge nach diesem Bericht zunächst die Aufgabe wahr, während des Konsekrationsaktes des neuen Reliquienaltars die Geistlichen vor der sie bedrängenden Volksmasse zu beschützen. Die zentrale Bedeutung des Königs wurde im Anschluss deutlich, als ihn beim Hinabschreiten in die Krypta die Bischöfe baten, bei der Translation der Gebeine selbst mitzuhelfen. Der König fasste daraufhin mit den anderen Betei- ligten an und erhielt die silberne Trage, auf der sich die Gebeine des heiligen Dionysius befanden. Ludwig VII. trug diese Trage an der Spitze der folgenden feierlichen Prozession durch die Kirche und das Kloster.

Vergleicht man diese Handlung mit der Translation Karls des Großen, so werden Parallelen deutlich. Bei beiden Translationen handelte es sich um Vorgänge, bei denen der Herrscher nicht nur aktiv beteiligt war, sondern auch eine zentrale Rolle einnahm.

Ein weiterer wichtiger Aspekt bezieht sich auf die von König Ludwig VII. in Zusammenhang mit der Translation ausgestellten Urkunde für Saint-Denis. „Wie zwanzig Jahre später in Aachen dient die schriftli- che Bestätigung einer im Anschluss an den Translationsakt vorge- nommene Verleihung an die betreffende Kirche dazu, im Rahmen der ungewöhnlich breit angelegten Narratio eines feierlichen Diploms ausführlichen Bericht über die der Rechtshandlung vorausgegangene Reliquienübertragung und den Anteil des Monarchen an ihr zu ge- ben.“74 So stellt auch in Saint-Denis der im Zusammenhang mit der Translation vollzogene Rechtsakt den unmittelbaren Anlass der Ur- kundenausstellung dar. Hier lässt sich, folgt man der Argumentation Jürgen Petersohns, eine funktionelle Gleichartigkeit der Vorgänge von Saint-Denis und Aachen konstatieren. Daneben wird deren korrespon- dierende Bedeutung für das sakrale Amtsverständnis der jeweils beteiligten Herrscher besonders deutlich.

Auch für die Vorgänge in Saint-Denis ist der durchgeführte Kultakt nicht nur unter spirituellen Gesichtspunkten zu betrachten. Vielmehr sind die kultischen Handlungen in einen politischen Kontext eingebet- tet, der nicht vernachlässigt werden darf. Eine analoge Einbettung wird in der vorliegenden Untersuchung auch für die Translation und Heiligsprechung Karls des Großen durchgeführt. Bei diesem kulti- schen Akt aus dem Jahre 1144 handelt es sich um eine Weiterführung und gleichzeitig den Abschluss eines älteren Translationsvorhabens, das an dem gleichen Ort stattgefunden hat. Als im Jahre 1124 Kaiser Heinrich V. in Frankreich eingefallen war, hatte Abt Suger die Reli- quiare des Dionysius auf dem Hauptaltar seiner Kirche aufstellen las- sen. Von dort nahm König Ludwig VI. das Kriegsbanner und zog hiermit in die Schlacht. Nach seinem Sieg stattete der französische König St. Dionysius die diesem schuldige Devotion ab, indem er den Heiligenschrein auf seiner Schulter von dem Hauptaltar der Kirche wieder zurück in die Krypta trug.

Ludwig VII. als sein Sohn überführte in einer rituellen Bergung und Translation die Gebeine des Heiligen an einen besonders exponierten und ehrenvollen Ort. Diese Umbettung sollte nicht nur die Dankbar- keit der französischen Könige und namentlich von Ludwig VII. die- sem Heiligen gegenüber herausstellen. Vielmehr funktionierte der französische König den Heiligen Dionysius, der bei den Ereignissen von 1124 eine Art von Schirmherr gewesen war, zu einem Schutzpat- ron des französischen Reiches und damit der französischen Könige um. Durch seine zentrale Rolle verdeutlichte er die besondere Bezie- hung, die ihn mit diesem Heiligen, aber auch seinen Vorgängern auf dem französischen Königsthron verband. Beide Ereignisse, die Trans- lation des heiligen Dionysius wie auch die Translation und Heilig- sprechung Karls des Großen besitzen somit eine eminente politische Funktion der Identifikation von König/Kaiser, Reich und Heiligem.

Die historische Forschung geht schon eine längere Zeit davon aus, dass auch die Heiligsprechung Eduard des Bekenners - vor allem in Hinblick auf die formale Durchführung - einen gewissen Vorbildcha- rakter für die Kanonisation Karls des Großen und deren Ausgestaltung gehabt habe.75 Die besondere Rolle, die König Heinrich II. von Eng- land bei diesem Kultakt gespielt hat, wird nicht zuletzt daran deutlich, dass nach der Heiligsprechung Eduard des Bekenners durch Papst Alexander III., die am 7. Februar 1161 erfolgt war, noch mehr als zweieinhalb Jahre vergehen mussten, bis die rituelle Bergung der Ge- beine des Heiligen in Westminster vollzogen werden konnte. Diese kultische Handlung fand erst am 13. Oktober 1163 statt, da sich der englische König mehrere Jahre auf dem Festland aufgehalten hatte und bei der Heiligsprechung nicht zugegen sein konnte. Die Person des Königs war also eng mit dieser Handlung verbunden, so dass es nicht möglich erschien, sie ohne Heinrich II. durchzuführen.

Bei diesem Akt vollzog - analog zu Aachen - der Monarch die zentra- le Handlung der Feierlichkeit selbst, wobei auch der Klerus assistierte. Eine weitere Gemeinsamkeit zu der Aachener Kanonisation von 1165 besteht darin, dass es sich in Westminster auch um eine von dem Papst delegierte Heiligsprechung gehandelt hat. Der Ort, an dem die- ser feierliche Akt begangen wurde, war - auch dabei existiert wieder eine Analogie zu Aachen - eine prestigeträchtige und symbolbehaftete Kirche, in der nicht nur das eigentliche Grab des Heiligen zu finden war. Vielmehr fungierten beide Kirchen als die rechtmäßigen Stätten für den Herrschaftsantritt und die Krönung. Auch in Westminster stili- sierte sich der regierende Monarch als Nachfolger des Kanonisierten und übernahm die führende Rolle bei der Durchführung dieses wichti- gen Aktes.

Dass die Kanonisation Eduard des Bekenners eine Vorbildfunktion für die Karlskanonisation besessen haben könnte, lassen nicht zuletzt auch die engen Verbindungen des angevinischen und des staufischen Hofes vermuten, wobei fast sicher davon auszugehen ist, dass dem Staufer die Eduardkanonisation bekannt war.

Es bleibt also festzuhalten, dass die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass es sich bei der Kanonisation des angelsächsischen Königs Eduard des Bekenners um das unmittelbare Vorbild der Karlskanonisation gehan- delt hat. Da dieser feierliche Akt in der Abtei von Westminster in der- gestaltigen liturgisch-zeremoniellen Formen vollzogen worden ist, dass eine Nachfolge der zuvor 1144 in Saint-Denis vollzogenen Hand- lungen anzunehmen ist, ist die Vorbildfunktion der Translation des Heiligen Dionysius für die Karlskanonisation auf diesem „Umweg“ zu konstatieren.76

Beide Vorläufer offenbaren ein für Friedrich in der eigenen schwieri- gen politischen Situation nicht zu unterschätzende Funktion: Politi- sche, dynastische, moralische und religiöse Legitimation des Macht- anspruchs gegenüber seinen Gegnern, vor allem dem Papst und den lombardischen Städten - jedoch auch gegenüber dem französischen Königshaus, denn schließlich war Karl der große Kaiser des gesamten Frankenreichs.

[...]


1 Vgl. Geith, K., Karl der Große, S. 87.

2 Vgl. Einhard, Vita Karoli Magni, S. 34 ff.

3 Vgl. Geith, K., Karl der Große, S. 87.

4 Vgl. Kerner, Max, Die Magie der Anfänge, S. 13.

5 Vgl. Engels, Odilo, Karl der Große und Aachen, S. 350.

6 Vgl. Pauls, Emil, Die Heiligsprechung Karls des Großen, S. 335.

7 Vgl. Kerner, Max, Karl der Große, ein Mythos wird entschleiert, S. 97 ff.

8 Vgl. Engels, Odilo, Karl der Große und Aachen, S. 348.

9 Bei dem Akt der Elevation und Translation handelt es sich um die Überfüh- rung der Gebeine eines als heilig verehrten Verstorbenen von seiner bishe- rigen Grablage an einen herausragenden und für die Zelebrierung der Mes- se besonders geeigneten Ort. Vgl. Sieger, M., Die Heiligsprechung, S. 34.

10 Vgl. Engels, O., Karl der Große und Aachen im 12. Jahrhundert, S. 348.

11 Vgl. Lohrmann, D., Politische Instrumentalisierung, S. 104.

12 Der Sonntag Laetare ist der nach dem Anfangswort des Introitus in der katholischen Liturgie benannte 4. Fastensonntag oder der 3. Sonntag vor Ostern. Er steht in der Mitte der Fastenzeit und wird als fröhlicher und tröstlicher als die übrige Fastenzeit definiert. Vgl. N.N. : Lätare, in : http://lexikon.calsky.com/de/txt/l/la/la_tare.php., letzter Zugriff 23.09.2006.

13 Vgl. Vones, L., Heiligsprechung und Tradition, S. 89.

14 Vgl. Vones, L., Heiligsprechung und Tradition, 89.

15 MGH Friderici I. Diplomata 10. 2., S. 432 ff.

16 Vgl. Petersohn, J., Kaisertum und Kultakt in der Stauferzeit, S. 110.

17 Vgl. Vones, L., Heiligsprechung und Tradition, S. 92.

18 Vgl. Lohrmann, D., Politische Instrumentalisierung, S. 101.

19 Vgl. Vones, L., Heiligsprechung und Tradition S. 92.

20 Vgl. Petersohn, J., Kaisertum und Kultakt in der Stauferzeit S. 108.

21 Vgl. Meuthen, E., Aachener Urkunden 1101 - 1250, S. 118 ff.

22 Vgl. Petersohn, J., Kaisertum und Kultakt in der Stauferzeit, S. 110.

23 Vgl. hierzu und den weiteren Ausführungen Petersohn, J., Kaisertum und Kultakt in der Stauferzeit, S. 119 f.

24 Vgl. Petersohn, J., Kaisertum und Kultakt in der Stauferzeit, S. 109.

25 Vgl. Kerner, M., Heiligsprechung Karls des Großen, S.258.

26 Vgl. Meuthen, E., Karl der Große, S.54.

27 Eine intensive Analyse dieses Bestandteils wird an anderer Stelle erfolgen. Vgl. unten, Kap. 7.3

28 MGH Friderici I. Diplomata 10. 2, S. 432.

29 Vgl. Angenendt, A., Heilige und Reliquien, S. 35 f.

30 Vgl. Engels, O., Des Reiches heiliger Gründer, S. 41.

31 Vgl. Meuthen, E., Karl der Große, S. 63.

32 Vgl. Sieger, A., Probleme um die Kanonisierung Karls des Großen, S. 648.

33 Vgl. Meuthen, E., Karl der Große, S. 63.

34 Inde est,quod nos gloriosis factis et meritis tam sanctissimi imperatoris Karoli confidenter animati et sedula peticione karissimi amici nostri Hein- rici illustris regis Anglie inducti assensu et auctoritate domini pape Pas- chalis et ex consilio principum unversorum tam secularium quam ecclesia- ticorum pro relevatione et exaltatione atque canonizatione sanctissimi cor- poris eius sollempnem curiam in natali domini apud Aquisgranum celebra- vimus, ubi corpus eius sanctissimum pro timore hostis exteri vel inimici fa- miliaris caute reconditum, sed divina revelatione manifestatum as laudem et gloriam nominis Christi et ad corroborationem Romani imperii et salu- tem dilecte consortis nostre Beatricis imperatricis et filiorum nostrorum Frederici et Heinrici cum magna frequentia principum et copiosa multitu- dine cleri et populi in ymnis et cancticis spiritalibus cum timore et reveren- tia elevavimus et exaltavimus IIII R kal. ianuarii, MGH Friderici I. Diplo- mata 10. 2, S. 432 ff.

35 Vgl. Meuthen, E., Karl der Große, S. 54.

36 Vgl. ebd., S. 57.

37 ut in templo eodem regia sedes locaretur et locus regalis et caput Gallie trans Alpes haberetur ac in ipsa sedes regnes successores et heredes regni iniciarentur et sic iniciati iure dehinc imperatoriam maiestatem Rome,sine ulla interdictione planius assequerentur. Zit. n. Meuthen, Erich, Aachener Urkunden 1101-1250, S. 115.

38 Vgl. Meuthen, E., Karl der Große, S. 61.

39 Vgl. hierzu und den übrigen Ausführungen Engels, O., Karl der Große und Aachen, S. 349.

40 Vgl. Engels, O., Karl der Große, S. 353.

41 Vgl. Müller, S., Defensor et Patronus Ecclesiae, S. 277.

42 Zit. n. Müller, S., Defensor et Patronus Ecclesiae, S. 277; Kerner, M., Karl der Große, S. 124.

43 Vgl. ebd., S. 277.

44 Vgl. ebd., S. 277.

45 Auf die Descriptio soll im weiteren Verlauf dieses Kapitels noch näher eingegangen werden.

46 Vgl. Müller, S., Defensor et Patronus Ecclesiae, S. 277.

47 Vgl. Engels, O., Des Reiches heiliger Gründer, S 354.

48 Einhard, Vita Karoli Magni, S. 1.

49 Vgl. Einhard, Vita Karoli Magni, S. 2 ff.

50 Vgl. ebd., S. 7 ff.

51 Vgl. Einhard, Vita Karoli Magni, S. 19 ff.

52 Vgl. ebd., S. 23 ff.

53 Vgl. ebd., S. 32.

54 Vgl. Einhard, Vita Karoli Magni, S. 34.

55 Vgl. ebd., S. 30.

56 Vgl. Engels, O., Karl der Große, S. 354.

57 Vgl. Lohrmann, D., Die politische Instrumentalisierung, S. 106.

58 Intendimus igitur succincte quedam insignia virtutum et celebrem glorio- samque miraculorum seriem in laudem dei et prefati piissimi imperatoris contexere, quatinus verus ille Christi cultor Fredericus Romanorum impera- tor vere augustus certior de sanctitate morum et vite beatissimi Karoli magni in amplius et perfectius gaudeat se solem illum trecentis annis et LI occultatum in lucem gentium divina cooperante gratia produxisse. Vere e- tenim speramus eum huius canonizationis auctorem a deo ad id preelectum, quem a primo illo iustissimo Karolo magno alterum magnum Karolum mundo credimus illuxisse. Deutz H./Deutz I., Die Aachener Vita Karoli Magni, S. 56.

59 Vgl. Lohrmann, D., Die politische Instrumentalisierung, S. 106.

60 Vgl. Engels, O., Karl der Große, S. 354.

61 Vgl. Lohrmann, D., Die politische Instrumentalisierung, S. 106.

62 Vgl. Vones, L., Heiligsprechung und Tradition, S. 95.

63 Vgl. Vones, L., Heiligsprechung und Tradition, S. 98.

64 Vgl. Geith, K., Karl der Große, S. 90.

65 Vgl. Vones, L., Heiligsprechung und Tradition, S.99.

66 Zit. n. Lohrmann, D., Die politische Instrumentalisierung, S. 106.

67 Zit. n. ebd., S. 106.

68 Vgl. Vones, L., Heiligsprechung und Tradition, S. 99 f.

69 Vgl. ebd., S. 100.

70 Vgl. Geith, K., Karl der Große, S. 90.

71 Vgl. Vones, L., Heiligsprechung und Tradition, S. 100 ff.

72 Vgl. Vones, L., Heiligsprechung und Tradition, S. 108.

73 Vgl. hierzu und den folgenden Ausführungen Petersohn, Saint-Denis, Westminster, Aachen, S. 436 ff.

74 Petersohn, J., Saint-Denis, Westminster, Aachen, S. 437.

75 Vgl. hierzu und den folgenden Ausführungen Petersohn, J., Saint-Denis, Westminster, Aachen, S. 433 f.

76 Vgl. Deutz, H./ Deutz, I., Die Aachener Vita Karoli Magni, S. 13.

Ende der Leseprobe aus 125 Seiten

Details

Titel
Die Kanonisation Kaiser Karls des Großen 1165
Untertitel
Eine Heiligsprechung im politischen Kontext
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
125
Katalognummer
V175968
ISBN (eBook)
9783640971381
ISBN (Buch)
9783640970926
Dateigröße
871 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kanonisation, kaiser, karls, großen, eine, heiligsprechung, kontext
Arbeit zitieren
Yvonne Plonka (Autor), 2006, Die Kanonisation Kaiser Karls des Großen 1165, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175968

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