Rock 'n' Roll im geteilten Deutschland bis 1961

Eine kleine Kulturgeschichte Nachkriegsdeutschlands


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Rock 'n' Roll in der Bundesrepublik
PROTEST DER ARBEITERJUGEND - DIE HALBSTARKEN
VOM TRUCKFAHRER ZUM PLATTENMILLIONÄR - ELVIS

ROCK 'N'ROLL WIRD STUBENREIN

Rock 'n' Roll in der DDR
DAS AMERIKABILD IN DER DDR
DIE SYMBOLKRAFT DES ROCK 'N' ROLL
SOZIALISTISCHE TANZ- UND UNTERHALTUNGSMUSIK

Resümee

Vorwort

In dem Seminar „Zweistaatlichkeit im Aufbau: BRD und DDR bis 1961 im Ver­gleich" im Sommersemester 2008 haben wir uns mit den beiden deutschen Staaten, die sich nach dem 2. Weltkrieg nebeneinander entwickelten, beschäf­tigt. Im Rahmen dessen haben die Kursteilnehmer eine Vielzahl gesellschaftli­cher Bereiche betrachtet und versucht Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszukristallisieren. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem kultu­rellen Bereich und speziell mit dem Rock 'n' Roll.

1945 brachten die amerikanischen Soldaten amerikanische Stilelemente nach Westdeutschland. Viele Leuten bekamen von den GIs zum Ersten mal Schoko­lade oder ein Kaugummi. Auch die praktischen Baumwollhosen mit Nieten, die Jeans, welche die Amerikaner nach ihrem Dienst trugen, waren für die deut­schen ein Novum. Neben diesen optischen Stilelementen war aber vor allem die lockere Lebensweise, welche die Soldaten verkörperten, ein Faszinosum vor allem für die Jugendlichen. Die musikalischen Begleiter dieses Spirits strahlten aus den Radiostationen der Besatzer über das ganze Land: Jazz und Rock 'n' Roll. Der Jazz entwickelte schon zum Ende der 1940er seine polarisie­rende Macht, während der Rock 'n' Roll erst ab Mitte der 1950er in den Fokus des öffentlichen Interesses rückte. Diesen Beobachtungen möchte man für die Bundesrepublik uneingeschränkt zustimmen, doch wirkten der amerikanische Lebensstil und die Rockmusik auch auf die ostdeutsche Gesellschaft? Gab es Gemeinsamkeiten, oder überwiegen die zu vermutenden Unterschiede? Diese Fragen versuche ich im Folgenden zu beantworten und möchte gleichzeitig mögliche Veränderungen in den Gesellschaften der beiden deutschen Staaten darstellen. Da ich mich bei der Betrachtung auf die Auswirkungen des Rock 'n' Roll beschränkte, verengt sich der zeitliche Rahmen automatisch auf die Zeit zwischen 1955 und 1961. In einem ersten Kapitel werde ich die Situation und Entwicklungen in der Bundesrepublik kennzeichnen, um dann im zweiten Ka­pitel einen Blick auf die andere Seite des Eisernen Vorhangs zu werfen.

Rock 'n' Roll in der Bundesrepublik

Mitte der fünfziger Jahre schwappte die Rock 'n' Roll Welle nach Westdeutsch­land und mit ihr der Geist des American way oflife. Folgt man den Überlegun­gen von Kaspar Maase, so definiert sich diese „kulturelle Amerikanisierung"1 vor allem durch die Rezeption und Aneignung von amerikanischer Populärkul­tur. Mit Beginn der Aufnahme dieses neuen Lebensstils, mit all seinen Aus­drucksformen, beginnt im Nachkriegsdeutschland ein Kampf um die kulturelle Hegemonie. Nach Bourdieu definiert sich eine Gesellschaft als sozialer Raum, der sich aus der Wechselwirkung verschiedener Felder konstituiert.2 In den Feldern selbst erlangen die verschieden kollektiven sozialen Akteure eine Vormachtstellung durch den Besitz von Kapital beziehungsweise durch die Verfügung verschiedener Ressourcen. Betrachtet man das kulturelle Feld, so sah das Bildungsbürgertum seinen Besitz des kulturellen Kapitals durch die Rezeption von Populärkultur durch die ungebildete Arbeiterklasse gefährdet, die nun ebenso Besitzansprüche im kulturellen Feld erhebt. Indiz der Angst war vor allem das in den bildungsbürgerlichen Kreisen vorherrschende ambi­valente Amerikabild. Vor Allem die effiziente Ökonomie der US-Amerikaner, versammelt unter dem Schlagwort Fordismus, galt als erstrebenswertes Ideal, doch auf kultureller Ebene bildete sich das gegenteilige Bild heraus. So ver­band man mit der amerikanischen Kultur eben alles was mit einer sozial nied­rigen Stellung verbunden wurde, also das vulgäre, sowie eine totale Kontra- stierung zu dem Überlegenheitsanspruch einer auf „Bildung und Geschmack gegründeten bürgerlichen Lebensweise"3, die ihre Legitimation aus der Di­stinktion zu einer kulturlosen Arbeiterklasse erfuhr. Manifestiert hat sich die­ser Hegemoniekampf im kulturellen Feld zum Beispiel durch den Konflikt mit den Halbstarken, den es im weiteren näher zu betrachten gilt.

PROTEST DERARBEITERJUGEND - DIE HALBSTARKEN

In einem deutschen Wörterbuch taucht der Begriff „Halbstarke" zum ersten Mal 1955 auf, doch bei Muchow erinnert sich ein älterer Hamburger an die Verwendung des Begriffs schon zum Ende des 19. Jahrhunderts, es

„...handelte sich jedenfalls um herumlungernde, in Scharen auftretende, radaulustige und nicht ganz ungefährliche Jugendliche aus sozialen Randschichten".4

So, oder so ähnlich hätten wohl auch Zeitgenossen die Avantgarde der Halb­starkenkrawalle in der Bundesrepublik zwischen 1955 und 1958 beschrieben. Die Akteure der spontanen Proteste und der Randale waren nämlich zum größten Teil junge, ungelernte oder niedrig qualifizierte Arbeiter aus den Ge­burtsjahrgängen zwischen 1937 und 1943.5 Die Halbstarken haben also als erste Generation ihre prägende Phase in der Kindheit nach dem zweiten Welt­krieg erlebt und mussten nicht, wie noch zum Beispiel die „Flakhelfer- Generation",6 die Wirrungen und Grausamkeiten des Krieges am eigenen Leibe erfahren.7 Vielmehr mussten sie in ihrer Nachkriegs - Kindheit einen großen materiellen Verzicht erleiden, ohne sich jedoch als Täter oder Verlierer eines Krieges zu fühlen. Gleichzeitig stießen sie bei ihrer Elterngeneration auf ein beklemmendes, selbstschützendes Schweigen, sobald sich Gespräche um die Zeit vor 1945 drehten.8 Deswegen war gerade diese Altersgruppierung so empfänglich für den durch den Rock 'n' Roll vermittelten American way oflife, samt materiellem Überfluss in Form von Auto, Fernseher, Kühlschrank und Hollywoodfilm9. Diejenigen, die bei den Krawallen als Mitläufer galten, die also mit den eigentlichen Akteuren sympathisiert haben und sie durch Anfeue­rungsrufe unterstützt haben, bilden fast einen exakten Querschnitt durch alle sozialen Schichten der damaligen Gesellschaft.10 Die spontanen Protestaktio­nen fanden in mindestens 26 westdeutschen Großstädten statt, davon die mei­sten in Berlin. Ausdruck bekamen die ungeplanten Aktionen vor allem durch das einheitliche Auftreten der Jugendlichen in Lederjacken, engen Blue Jeans und karierten Hemden, dazu gehörten in der Regel Stilelemente wie tragbare Schallplattenspieler und frisierte Mopeds. So ausgerüstet traten die Halbstar­ken dann meist in Kleingruppen auf, um gegen die „schulmeisterlichen Er­wachsenen"11 aufzubegehren. Dies äußerte sich durch eine Vielzahl von klei­nen Delikten. So störten die Jugendlichen das öffentliche Leben durch Rempe­leien in der Fußgängerzone, verbotene Motorradrennen, Vandalismus und Be­schimpfungen gegen die Polizei und andere Autoritäten, seien es Lehrer, Parkwächter oder Bademeister. Vorbild und Motivation für diese Haltung fan­den die jungen Männer in den U.S amerikanischen Filmen „Rebel Without A Cause" oder „The Wild One"12 mit Marlon Brando und James Dean. Aber auch der wilde ekstatische Tanz des Rock 'n' Roll und eine betont lässige Körperhal­tung wurden zum Markenzeichen der aufbegehrenden Jugend. Spätestens als nach einem Bill Haley Konzert 1956 in Berlin Gruppen von Halbstarken randa­lierend durch die Stadt liefen und dabei „Rock and Roll! Mambo-Rock-He! Pfui - Polizei!"13 skandierten, waren jugendliches Aufbegehren, provokantes Ver­halten und Zügellosigkeit für die Öffentlichkeit untrennbar mit dem Rock 'n' Roll verbunden. Die vulgäre kulturelle Amerikanisierung bekam für die besit­zenden Klassen und das Bildungsbürgertum durch die Halbstarken also eine greifbare Kontur, die es uneingeschränkt abzulehnen galt. Gleichzeitig wurde es aber im Verlauf der 1950er Jahre mit zunehmender Ost-West Spannung un­abdingbar für die BRD sich im Gefüge der westeuropäischen Nationen, mit den Vereinigten Staaten als Schutzmacht, einzubetten und somit einem amerikani­schen Zivilisationstyp zuzustimmen, dazu gehörte neben dem ökonomischen Bereich eben auch der kulturelle Bereich.14 Um diese Ambiguität zu erfassen, ist es wohl hilfreich das sich verändernde Bild der Öffentlichkeit auf die ameri­kanische Konsumkultur am Beispiel des bekanntesten Rock 'n' Roll Protagoni­sten zu betrachten, Elvis Presley.

VOM TRUCKFAHRER ZUM PLATTENMILLIONÄR - ELVIS

Kein anderer Rockstar hat in den fünfziger Jahren so polarisiert wie der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Südstaatler Elvis Aaron Presley. Auf ihn projizierten sich alle Befürchtungen und Ängste des Bildungsbürgertums auf der einen Seite, und alle Sehnsüchte der Rock 'n' Roll Jugend auf der anderen Seite. Der Spiegel äußerte sich in einer Dezemberausgabe des Jahres 1956 fol­gendermaßen über das Idol der deutschen Rock 'n' Roll Jugendlichen:

„..er trägt mit Vorliebe lila Hemden - und schlägt ein paar Akkorde in seine Gitarre. Er greift das Mikrophon und schreit stöhnt wimmert, gluckst heult und hechelt un­artikulierte, abgehackte und stereotyp wiederholte Wortfetzen in das Mikrophon, während sein Unterleib zum heiseren Rhythmus der Rock 'n' Roll Musik Windungen und Zuckungen vollführt, die [...] einer talentierten Entkleidungstänzerin glei­chen..."15

[...]


1 Vgl.: Schwarz, H-P., Die Ära Adenauer. Gründerjahre der Republik 1949-1957, Stuttgart, Wies­baden 1981.

2 Vgl.: Bourdieu, P., Die feinen Unterschiede Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt am Main 1999.

3 Vgl.: Maase, K., Amerikanisierung von unten. Demonstrative Vulgarität und kulturelle Hegemo­nie in der Bundesrepublik der 50er Jahre, in: Lüdtke, A., Amerikanisierung. Traum und Alp­traum im Deutschland des 20. Jahrhunderts, Stuttgart 1996, S. 299.

4 Vgl.: Muchow , H. zur Psychologie und Pädagogik der Halbstarken, in: Unsere Jugend, Berlin 1956.

5 Vgl.: Poiger, U., Jazz, Rock, and Rebels. Cold War Politics and American Culture in a Divided Ger- many, Berkley, Los Angeles und London 2000, S.72.

6 Vgl.: Bude, H., Deutsche Karrieren, Frankfurt am Main 1987.

7 Vgl.: Poiger, U., Jazz, Rock, and Rebels. Cold War Politics and American Culture in a Divided Ger- many, Berkley, Los Angeles und London 2000, S.72.

8 Vgl.: Maase, K., BRAVO Amerika. Erkundungen zur Jugendkultur der Bundesrepublik in den fünfziger Jahren, Hamburg 1992, S.82.

9 Vgl.: Maase, K., Amerikanisierung von unten. Demonstrative Vulgarität und kulturelle Hegemo­nie in der Bundesrepublik der 50er Jahre, in: Lüdtke, A., Amerikanisierung. Traum und Alp­traum im Deutschland des 20. Jahrhunderts, Stuttgart 1996, S. 305.

10 Vgl.: Bondy, C. Braden, J., u.a., Jugendliche stören die Ordnung. Bericht und Stellungnahme zu den Halbstarkenkrawallen, München 1957, S. 72ff.

11 Vgl.: Kaiser, G., Randalierende Jugend, Heidelberg 1959, S. 27.

12 Vgl.: Maase, K., BRAVO Amerika. Erkundungen zur Jugendkultur der Bundesrepublik in den fünfziger Jahren, Hamburg 1992, S. 119ff. und Poiger, U., Jazz, Rock, and Rebels. Cold War Poli­tics and American Culture in a Divided Germany, Berkley, Los Angeles und London 2000, S.71.

13 Vgl.: Zinnecker, J., „Halbstarke" - die andere Seite der 68er-Generation, in: Herrmann, U., Prote­stierende Jugend, Weinheim und München 2002, S. 467.

14 Vgl.: Maase, K., BRAVO Amerika. Erkundungen zur Jugendkultur der Bundesrepublik in den fünfziger Jahren, Hamburg 1992, S. 190.

15 Vgl.: „Elvis the Pelvis", in: Der Spiegel, Hamburg 1956, Nr. 50, S. 56.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Rock 'n' Roll im geteilten Deutschland bis 1961
Untertitel
Eine kleine Kulturgeschichte Nachkriegsdeutschlands
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
22
Katalognummer
V175990
ISBN (eBook)
9783640971558
ISBN (Buch)
9783640972623
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nachkriegsgeschiche, Rock 'n' Roll, DDR, BRD, deutsch-deutsche Geschichte
Arbeit zitieren
Michael Brunnert (Autor), 2008, Rock 'n' Roll im geteilten Deutschland bis 1961, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175990

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