Das Dritte Testament

J. S. Mills Utilitarianism, eine Antwort auf G. E. Lessings "Erziehung des Menschengeschlechts"?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

22 Seiten, Note: 6 (Schweiz)


Gratis online lesen

Contents

1. EINLEITUNG

2. DIE BEIDEN TEXTE

3. LESSINGS ERZIEHUNG DES MENSCHENGESCHLECHTS
3.1 DIE ROLLE DER WAHRHEIT IN DER BIBEL
3.2 KRITERIEN FÜR EIN NEUES ELEMENTARBUCH

4. MILLS UTILITARIANISM
4.1 MILLS BEGRIFF DER „FREUDE“
4.2 QUANTITÄT, QUALITÄT UND DER „BEWEIS“
4.3 MILLS UTILITARIANISM IN LESSINGS KRITERIEN FÜR EINE NEUE MORAL

5. FAZIT

6. BIBLIOGRAPHIE

1. Einleitung

Gotthold Ephraim Lessing und John Stuart Mill gehören zu den grossen Philosophen der Neuzeit. Während Lessing vom 22. Januar 1729 bis zum 15. Februar 1781 im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation lebte1, wurde Mill erst am 20. Mai 1806 in London geboren, starb am 8. Mai 1873 in Avignon2 und verfasste während seines 66 jährigen Lebens eine Vielzahl an moralischen, logischen, naturwissenschaftlichen und politischen Schriften. Lessing wirkte auf einem ähnlichen Gebiet, schuf Werke zu Moral und vor allem zu soziologischen Themen, war aber im Gegensatz zu Mill, der während vier Jahren sogar im englischen Parlament sass, kein Politiker, sondern viel mehr ein Poet, der Theaterstücke und Gedichte schrieb.

Lessing und Mill sind also nicht nur zeitlich und geographisch, sondern auch methodisch keine unmittelbaren Nachbarn. Es wird mir in dieser Arbeit aber nicht darum gehen, die Menschen Mill und Lessing miteinander zu verbinden, sondern ihre Gedanken. Ihr moralphilosophisches Schaffen ist nämlich, so eng miteinander verwandt, dass ich hier versuchen möchte zwei ihrer Schriften miteinander zu verbinden. Konkret handelt es sich dabei um Lessings Erziehung des Menschengeschlechts (EdM) und Mills Utilitarianism.

Das Ziel soll es sein durch diese Verknüpfung einerseits beide Texte besser verstehen zu können und sie andererseits unter einem jeweils neuen Blickwinkel zu illustrieren. Konkret soll die Interpretation von Mills Utilitarianism im Lichte von Lessings EdM helfen zu verstehen, was dieser unter einem „neuen ewigen Evangelium“3 versteht (welches ich von hier an ein „drittes Testament“ nennen werde) und umgekehrt soll durch die Untersuchung von Utilitarianism nach Lesssings Kriterien Mill zugänglich gemacht werden. Es geht also nicht um eine systematische Darstellung aller Prämissen und Annahmen, welche die Autoren in ihre beiden Werke legten, sondern viel mehr um eine Interpretation der Kernaussagen der Texte aus dem Gesichtspunkt des jeweils Anderen.

In einem ersten Schritt werden wir uns kurz mit der Entstehung der beiden Texte beschäftigen, um dann in Kapitel drei und vier auf ihre Inhalte eingehen zu können. Aus der Untersuchung des EdM wird sich zeigen, dass es für Lessing fünf Kriterien gibt, welche ein „drittes Testament“ zu erfüllen hat. Nach einer kurzen Darlegung der Hauptaussagen Mills in Utilitarianism werde ich seine Schrift anhand von diesen Kriterien untersuchen um zu sehen, in wiefern sie diese Anforderungen an ein neues Testament erfüllt und was uns das über beide Werke sagt.

2. Die beiden Texte

Lessings Erziehung des Menschengeschlechts ist eine religionsphilosophische Schrift, verfasst in 100 Paragraphen, die sich mit dem Alten Testament (AT), dem Neuen Testament (NT) und deren Entwicklung auseinandersetzt. Dabei steht nicht eine historische Untersuchung im Fordergrund, sondern die Entwicklung der christlichen Moral, wie sie in den beiden Testamenten überliefert ist.

Dieses Werk Lessings wurde in zwei Schritten publiziert. Die ersten 53 Thesen erschienen 1777 in Lessings eigener Zeitschrift Beitr ä ge zur Geschichte und Literatur aus der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenb ü ttel, als Anhang zu den so genannten Fragmente eines Ungenannten, den Schriften von Hermann Samuel Reimarus, die Lessing ebenfalls publizierte. Die gesamten 100 Thesen veröffentlichte er erst 1780. Aus verschiedenen politischen Gründen, die mit Zensur und einer Auseinandersetzung Lessings mit der katholischen Kirche zu tun haben, wurde die Autorschaft auch dieser zweiten Publikation anonym gehalten.4

Das Werk Utilitarianism, zu deutsch „Utilitarismus“, wurde von John Stuart Mill 1861 zum ersten Mal in einer Zeitschrift namens Fraser ’ s Magazine veröffentlicht. Zwei Jahre später, 1863 erschien diese Schrift als selbstständiges Werk in Buchform.

Das utilitaristische Ideal, welches menschliches Glück als obersten Wert vertritt, war zu Mills zeit nicht neu, seine Anfänge liegen bereits im antiken Griechenland und den Philosophen des Hedonismus. Mill bezweckte mit seiner Schrift Utilitarianism vor allem die Verteidigung der utilitaristischen Moralphilosophie Jeremy Benthams und die Erstellung einer Theorie gegen den so genannten „Intuitionismus“, einer andern moralphilosophischen Strömung.5 Bentham war für Mills Schaffen ausschlaggebend, schon im Alter von 18 Jahren arbeitete der junge Mill unter Anleitung seines Vaters an den Fragmenten Benthams, diese führten ihn zur humanistischen Überzeugung, dass das Glück der Menschen als höchster Wert zu Verteidigen sei.6

3. Lessings Erziehung des Menschengeschlechts

Neben seiner Tätigkeit als Philosoph war Lessing vor allem auch ein Poet und Dramaturg. Er schrieb Theaterstücke und Gedichte von grossem dichterischem Wert (Nathan der Weise, Minna von Branhelm, Emilia Galotti, etc.) dies macht ihn heute zu einer schillernden Figur der deutschen Literaturgeschichte.

In dieser Expressionsform, der Dichtkunst, liegt auch seine Art des Philosophierens verwurzelt, die sich im EdM zeigt.7 Lessing macht gebrauch von Metaphern und rhetorischen Stielmitteln um seinen Standpunkt nicht nur rational, sondern auch intuitiv seinem imaginierten Leser zu vermitteln. Rhetorische Fragen, Ausrufe und fiktive Charaktere8 sind einige dieser Mittel, die im literarischen Bereich gang und gäbe sind und die Lessing auch im EdM verwendet. Das aller wichtigste Instrument, von dem Lessing in dieser Schrift gebrauch macht, ist und bleibt aber die Metapher. Das Bild, dass die Menschheit eine Person ist, die eine Entwicklung durchmacht und die erzogen werden kann, ist das allumspannende Thema, auf das Lessing aufbaut.

Eine Metapher ist eine Gleichsetzung zweier Dinge, die aber, und das erst ist der Clou einer Metapher, eben gerade nicht das Selbe sind. So kann mit den Konzepten eines Denkbereiches ein anderer Bereich umschrieben und verständlich gemacht werden. Dieses Instrument gilt es nun zu untersuchen, um klar zu machen, was Lessing genau meint, wenn er seine Metaphern anwendet.

3.1 Die Rolle der Wahrheit in der Bibel

Es ist wohl überflüssig zu erwähnen, dass Lessing kein katholischer Theologe, sondern ganz im Gegenteil, eine Leitfigur der deutschen Aufklärung des 18 Jahrhunderts war. Er brach eine Lanze für die menschliche Vernunft, die er als weit wichtiger einstufte, als jegliche Art des Glaubens. Ausserdem gehörte er zu den Förderern eines neuen Toleranzbegriffes, für die verschiedenen monotheistischen Glaubensrichtungen des Westens.9 Darüber hinaus war eines seiner Hauptanliegen der Kampf gegen dogmatisch verteidigte absolute Wahrheitsansprüche von allen Seiten her. Das gilt nicht nur für religiöse Kreise, sondern auch für ihre Gegenspieler. Lessing stellte sich vehement gegen Meinungen, die a priori der Bibel jeglichen Wahrheitsgehalt absprachen. Es war seine Überzeugung, dass absolute Wahrheiten (also auch die Behauptung von reinem Fehlgehen der Bibel) nichts seien, was Menschen für sich beanspruchen könnten. Lediglich das Streben nach Wahrheit läge in unserer Macht. In diesem Sinne gestaltete Lessing auch sein EdM.

Seine allegorische Lesung des Alten und Neuen Testamentes bezweckt nicht jeglichen Wahrheitswert aus diesen Schriften heraus zu drängen. Lessings Interpretation der beiden Testamente als Erziehung, respektive als „Elementarbücher“, wie er sie nennt, verschiebt lediglich den Fokus des Lesers von den externen, auf die internen Wahrheiten die in diesen Büchern zu finden sind. Seine Interpretation sieht so aus, dass „when read as fiction the Bible is more capable of yielding these higher truths than when read as historcial account.“10

Das soll heissen, es sind nicht die historischen Elemente, die Wunderwerke Moses’ oder Jesu und auch nicht die geschichtlichen Begebenheiten, auf die ein Leser sich konzentrieren soll. Diese können stimmen oder nicht, genau wie in jeder geschichtlichen Erzählung. Das spielt aber auch gar keine Rolle, denn viel wichtiger als diese historischen Erzählungen, die Schrift externen Begebenheiten, sind die internen Wahrheiten, die in den Allegorien der Bibel stecken. Es ist viel wichtiger die Kernthemen der erzählten Geschichten zu erfassen, die abstrahierten Wahrheiten zu begreifen, die das menschliche Leben betreffe]n. Diese gewinnen nicht aus Wundererzählungen ihre Gültigkeit, sondern aus Schlüssen, die aus Prämissen gefolgert werden, welche mit dem gesunden Menschenverstand nachvollzogen werden können. Die Wahrheiten im AT und NT sind also weder die Wunder die behauptet werden, noch die historischen Zusammenhänge, die vielleicht sogar stimmen, sondern das, was man mit dem Märchensatz „und die Moral von der Geschicht“ beschreiben könnte.11

Was aber ist die „Moral von der Geschicht“ in der Bibel? Das versucht uns Lessing schon im ersten Paragraph der Erziehung des Menschengeschlechts zu beantworten: „Was die Erziehung bei dem einzelnen Menschen ist, ist die Offenbarung bei dem ganzen Menschengeschlechte.“ Die Hinführung der Menschheit zu einer selbstständigen, „erwachsenen“ Moral also ist die alles überspannende interne Wahrheit der Bibel. Nicht die spirituellen, transzendenten Aspekte der Bibel sind es, die wertvoll an ihr sind, sondern die ethisch/moralische Erziehung welcher sie die Menschheit als ganzes unterzieht. Diese Erziehung hat ihr Ziel, welches Lessing in der Erschaffung einer von göttlichen Offenbahrungen unabhängigen Moral sieht. Diese wäre dann, weil aus der Vernunft gefolgert, nicht mehr falsch interpretierbar, sondern jedem Menschen auf Grund seines moralischen Vermögens klar und einsichtig. Eine solche Moral, so Lessing, ist das Tun des Guten, „weil es das Gute ist, nicht weil willkürliche Belohnungen darauf gesetzt sind.“ So schreibt dies Lessing in Paragraph 85 des EdM. Im nachfolgenden Paragraphen nennt er eine solche Moral der Menschen gar „die Zeit eines neuen ewigen Evangeliums, die uns selbst in den Elementarbüchern des Neuen Bundes versprochen wird.“12

Diese zentrale Passage ist gleich in mehrerer Hinsicht das Kernstück des EdM. Zunächst wiederholt sie, dass das neue und alte Testament als „Elementarbücher“, das heisst Schullehrbücher, verstanden werden müssen. Dieses Konzept über das Wesen der beiden heiligen Schriften, dass sie Elementarbücher seien, etabliert Lessing bereits in den Paragraphen 26 und 27. In diesem Abschnitt 85 macht er lediglich wieder Gebrauch von dieser eigens eingeführten Metaphorik von „Lehrbüchern“. Dass er an diese Stelle dann ein neues Testament in Aussicht stellt, welches die Moral des „Guten für das Gute an sich“ sein soll, ist seine Interpretation einer „erwachsenen“ Moral die für die gesamte Menschheit Gültigkeit hat und nicht nur für Christen. Diese Vorstellung einer noch zu etablierenden, höheren Moral stellt Lessing bereits in Paragraph 82 in Aussicht, wo er sagt: „Die Erziehung hat ihr Ziel; bei dem Geschlechte nicht weniger als bei dem Einzelnen. Was erzogen wird, wird zu Etwas erzogen.“ Gehen wir also davon aus, dass dem Menschengeschlecht durch die Testamente tatsächlich Erziehung widerfährt, so muss die Schlussfolgerung sein, dass sie erst im Erwachsenenstadium ihr Ende erreicht. Das wäre das menschliche Entwicklungsstadium, in dem nicht mehr von der Erziehung eines Menschen gesprochen wird, sondern von dessen Mündigkeit. Dementsprechend ist also auch das letzte Entwicklungsstadium der Menschheit das der Mündigkeit, der wohlreflektierten Entscheide ohne elterliche Anleitung. Diese Metapher nun ausformuliert in Thermen der Moral, ist das Tun des Guten um des Guten willen.

[...]


1 DER GROSSE HERDER, „Nachschlagewerk für Wissen und Leben“., 5. Neubearbeitete Auflage, 5. Band, Italiker bis Lukrez., 1954, Freiburg im Breisgau.

2 DER GROSSE HERDER, „Nachschlagewerk für Wissen und Leben“., 5. Neubearbeitete Auflage, 6. Band, Luksor bis Paderborn., 1955, Freiburg im Breisgau.

3 LESSING GOTTHOLD EPHRAIM., „Die Erziehung des Menschengeschlechts“, K. Rossmann (Hrsg.), in: Deutsche Geschichtsphilosophie von Lessing bis Jaspers, Birsfelden-Basel, § 86.

4 HAYDEN-ROY, PRISCILLA., „Refining the Metaphor in Lessing’s ‚Erziehung des Menschengeschlechts’“, University of Wisconsin Press (Hrsg.), in: Monatshefte, Vol. 95, No. 3 (Herbst 2003), S. 393f.

5 HEYDT COLIN., „Mill, John Stuart“, in: The Internet Encyclopedia of Philosophy (24.8.09), James Fieser und Bradley Dowden (Hrsg.).

6 WILSON FRED., „John Stuart Mill“, in: The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Sommer 2009 Edition), Edward N. Zalta (Hrsg.).

7 HAYDEN-ROY, PRISCILLA., op. cit., S. 406.

8 Lessing stellt zum Beispiel seinen 100 Paragraphen eine kurze Erzählung eines Wanderers vor, der „auf einen Hügel gestellt, von welchem er etwas mehr als den vorgeschriebenen Weg seines heutigen Tages zu übersehen glaubt.“ Auch dies ist eine Metapher. Sie nimmt Bezug auf Lessing selbst, der diesen Text verfasst und in eine nahe Zukunft zu blicken glaubt.

9 Ein Paradebeispiel für diese Förderung der Toleranz ist sein 1779 erschienenes Theaterstück Nathan der Weise. Das Stück propagiert die Gleichberechtigung der drei westlichen monotheistischen Glauben, dem Judentum, dem Islam und dem Christentum.

10 HAYDEN-ROY., op. cit., S. 401.

11 Vgl. MATTHIJS JOLLES., „Lessing’s Conception of History“, The University of Chicago Press (Hrsg.), in: Modern Philology, Vol. 43, No. 3 (Februar 1946) S. 187 ff.

12 LESSING G. E.., op. cit., § 86.

22 von 22 Seiten

Details

Titel
Das Dritte Testament
Untertitel
J. S. Mills Utilitarianism, eine Antwort auf G. E. Lessings "Erziehung des Menschengeschlechts"?
Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz)  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Seminar: Redefreiheit
Note
6 (Schweiz)
Autor
Jahr
2009
Seiten
22
Katalognummer
V176003
ISBN (Buch)
9783640972685
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lessing, Mill, Philosophie, Vergleich, drittes Testament, Utilitarismus, Ethik, Moral
Arbeit zitieren
Pascal Lottaz (Autor), 2009, Das Dritte Testament, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176003

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das Dritte Testament



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden