„Deutschland braucht den Mindestlohn“ – Ein sinnvolles Vorhaben?


Seminararbeit, 2011
28 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der deutsche Arbeitsmarkt
2.1. Fehlende Arbeitsanreize und "working poor"
2.2. Lohnentwicklung in den vergangenen Jahren

3. Gesetzlicher Mindestlohn als Lösungsansatz
3.1. Definition und derzeitige Situation in Deutschland
3.2. Befürworter eines gesetzlichen Mindestlohns
3.3. Theoretische Ansätze
3.3.1. Neoklassisches Arbeitsmarktmodell
3.3.2. Mindestlohn im Monopson
3.4. Empirische Befunde
3.4.1. Empirische Studien zum Mindestlohn im Ausland
3.4.2. Empirische Studien zum Mindestlohn in Deutschland
3.5. Mindestlohn in Europa
3.6. Kritik am Mindestlohn

4. Alternativen zum Mindestlohn

5. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abbildung 1: Neoklassisches Arbeitsmarktmodell

Abbildung 2: Mindestlohn im Monopson

Abbildung 3: Übersicht empirische Studien im Ausland

Abbildung 4: Beschäftigungsverluste bei Einführung eines Mindestlohns von 7,50 Euro/Stunde

Abbildung 5: Gesetzliche Mindestlöhne in der EU

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Innerhalb der Europäischen Union gilt die Freizügigkeit von Arbeitnehmern. Das bedeutet, dass es EU-Bürgern zusteht, sich in anderen EU-Ländern Arbeit zu suchen, ohne dass dafür eine Arbeitserlaubnis erforderlich wäre. Seit dem 1.Mai 2011 gilt das auch für Arbeitnehmer aus den neuen EU-Ländern Estland, Lettland, Litauen, Polen, der Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn. Insbesondere Geringqualifizierte in Deutschland sehen ihre Anstellung durch die Zuwanderung von Arbeiternehmern aus Osteuropa in Gefahr. Vor diesem Hintergrund wird der Ruf nach einem gesetzlichen Mindestlohn, der das Lohn-Dumping und einen möglichen Arbeitsplatzverlust verhindern soll, wieder lauter. Die Forderungen nach einer bindenden Lohnuntergrenze sind nicht neu. In der Vergangenheit war der gesetzliche Mindestlohn vor allem wegen der steigenden Zahl der Beschäftigten im Niedriglohnsektor und der zunehmenden Armut in Deutschland ein Thema. „Deutschland braucht den Mindestlohn“ fordert der Deutsche Gewerkschaftsbund bereits seit Jahren. Als eines von wenigen Ländern in der Europäischen Union stemmt sich Deutschland allerdings nach wie vor gegen diesen arbeitsmarktpolitischen Eingriff. Rückendeckung bekommen die regierenden Parteien dabei von den Arbeitgeberverbänden und von weiten Teilen der Wissenschaft.

Es stellen sich die Fragen, ob ein gesetzlicher Mindestlohn die Situation in Deutschland verbessern kann und ob Deutschland tatsächlich eine flächendeckende Lohnuntergrenze in Höhe von 8,50 Euro, wie sie der DGB fordert, braucht. In der vorliegenden Arbeit sollen Antworten auf diese Fragen gefunden werden. Es wird gezeigt, wie sich der deutsche Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahren entwickelt hat und welche Zustände auf dem Arbeitsmarkt herrschen. Anschließend wird der gesetzlich Mindestlohn als möglicher Verbesserungsvorschlag genau unter die Lupe genommen und aus theoretischer und empirischer Sicht beurteilt. Zudem wird ein Blick über die Landesgrenze hinaus gewagt, um zu zeigen, wie Deutschlands Nachbarländer mit der Thematik des Mindestlohns umgehen. Abschließend werden mögliche Alternativen zum gesetzlichen Mindestlohn vorgestellt.

2. Der deutsche Arbeitsmarkt

Der Anspruch an die Hartz-Gesetze, die von 2003 bis 2005 schrittweise eingeführt wurden, war groß. Bis 2005 stieg die Arbeitslosenquote in Deutschland kontinuierlich bis auf fast 13 Prozent an. 2005 wurde dann im Rahmen des vierten Gesetzes für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt das Arbeitslosengeld und die Sozialhilfe zum Arbeitslosengeld II (ALG II) zusammengeführt. Das ALG II sollte dazu beitragen, dass Arbeitslose zeitnah in eine Beschäftigung zurückkehren und dem Arbeitsmarkt damit wieder zugeführt werden.

2.1 Fehlende Arbeitsanreize und „working poor“

Damit eine arbeitslose Person eine Beschäftigung aufnimmt, müssen Anreize gegeben sein, die das Individuum zum Verzicht auf Freizeit bewegen. In der Regel erscheint die Aufnahme eines regulären Beschäftigungsverhältnis nur dann als reizvoll, wenn damit ein ausreichend großer Einkommenszuwachs verbunden ist. Wenn der erzielbare Nettolohn den ALG II-Anspruch nur gering übersteigt, also ein kritischer Abstand vorliegt, könnte für eine arbeitslose Person die Motivation zur Aufnahme einer Arbeitsstelle nicht vorhanden sein.[1] Boss, Christensen und Schrader (2010) haben festgestellt, dass diese kritische Lohnabstände insbesondere dann gegeben sind, wenn Kinder im Haushalt leben und kein erwerbstätiger Partner vorhanden ist. Verstärkt wird diese Situation, wenn es sich dabei um einen geringqualifizierte Person handelt, für den nur eine Arbeitsstelle im Niedriglohnbereich erreichbar scheint. Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass das Hartz IV-System wie eine Falle wirkt, in der sich Arbeit nicht lohnt.[2] Auch Bauernschuster und Kleinherz (2008) haben eine ähnliche Ansicht. Die Ökonomen sehen in den Regelungen nach Hartz IV zwar eine Verbesserung gegenüber der Situation davor, allerdings seien die Arbeitsanreize nach wie vor zu gering. Nach Ansicht von Bauernschuster und Kleinherz (2008) liegt das daran, dass die staatlichen Transfers weitgehend als Lohnersatz- und nicht Lohnergänzungsleistungen ausgestaltet sind.[3]

„Wir müssen und wir haben unseren Arbeitsmarkt liberalisiert. Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt“, erklärte der damalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder im Jahr 2005 stolz auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos.[4] Was damals als Eingliederungschance für Langzeitarbeitslose und Geringqualifizierte konzipiert wurde, wird heute oft als Ursache für der sogenannten „Working poor“ bezeichnet. In Deutschland war im Jahr 2007 rund jeder fünfte Arbeitnehmer zu einem Niedriglohn beschäftigt. Aber was ist überhaupt ein Niedriglohn? In der Wissenschaft hat sich die Konvention der OECD durchgesetzt. Demnach sind Verdienste, die weniger als zwei Drittel des Medianlohns aller Beschäftigten betragen, Niedriglöhne. Bei regional getrennter Betrachtung ergibt sich daraus für Ostdeutschland eine Niedriglohngrenze von 7,43 Euro pro Stunde und in Westdeutschland von 9,87 Euro pro Stunde. Die Mehrheit der Arbeitnehmer, die einen Niedriglohn empfangen, sind ungelernt. Allerdings gibt es auch nicht wenige angelernte Arbeiter und Facharbeiter, die im Niedriglohnbereich beschäftigt sind. Insbesondere in Ostdeutschland ist dies der Fall.[5] Die Gründe für den wachsenden Niedriglohnsektor sieht der IAB in der sinkenden Tarifbindung und der verschlechterten Wettbewerbssituation von Geringqualifizierten in Industrieländern. Zudem wachsen durch den Strukturwandel zu einer Dienstleistungsgesellschaft die Branchen, in denen meist ein niedriger Lohn gezahlt wird.[6]

Der große Niedriglohnsektor in Deutschland führt auch zu einer nicht unerheblichen Zahl an sogenannten „Aufstockern“. Dabei handelt es sich um Erwerbstätige, deren Einkommen unter dem Existenzminimum liegt. Diese Personen erhalten vom Staat Transferzahlungen. Im Januar 2007 haben rund 1,3 Millionen Menschen SGB-II-Leistungen bezogen, obwohl sie einer Beschäftigung nachgegangen sind.[7]

2.2 Lohnentwicklung in den vergangenen Jahren

Während die Löhne und Gehälter im vergangenen Jahrzehnt weltweit um ein Viertel gestiegen sind, war die Entwicklung in Deutschland verhalten. Die Löhne sind in der Bundesrepublik im Zeitraum von 2000 bis 2009 inflationsbereinigt um 4,5 Prozent geschrumpft. Neben den moderaten Tarifabschlüssen der vergangenen Jahre werden die Ausweitung des Niedriglohn-Sektors und die Zunahme von atypischen Beschäftigungsformen, wie Zeitarbeit und 400-Euro-Jobs, als Gründe genannt. Positiver gibt sich das Bild, wenn nur Vollzeitbeschäftigte aus dem produzierenden Gewerbe und Dienstleistungssektor (2000-2009: inflationsbereinigter Bruttolohn plus 6,7 Prozent) betrachtet werden.[8] Gleichzeitig war in den vergangenen Jahren in Deutschland zu beobachten, dass die Lohnspreizung deutlich zugenommen hat. Während die Beschäftigten in der oberen Gehaltsklasse von 1985 bis 2007 Reallohnzuwächse von 30 Prozent verzeichnen konnten, haben die Arbeitnehmer im unteren Lohnbereich gar ein kleines Minus eingefahren.[9]

3. Gesetzlicher Mindestlohn als Lösungsansatz

„Arm trotz Arbeit“ ist offenbar auch in Deutschland Wirklichkeit geworden. 2006 galten rund sieben Prozent der Erwerbstätigen als arm. Als armutsgefährdet zählen dabei Personen, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens der verfügbaren Haushalte beträgt. In Deutschland lag diese Armutsschwelle im Jahr 2006 für das Nettoeinkommen bei 837 Euro.[10] Angesicht der steigenden Zahl von Niedriglohnbeziehern und der zunehmenden Armut auch unter der arbeitenden Bevölkerung werden immer wieder Rufe nach Reformen laut. Unter anderem wird die Einführung einer bindenden Lohnuntergrenze gefordert. Ob sich ein Mindestlohn tatsächlich eignet, die Probleme in Deutschland zu lösen, soll in diesem Kapital geklärt werden.

3.1 Definitionen und derzeitige Situation in Deutschland

Ein Mindestlohn ist ein vom Staat oder von den Tarifpartnern festgelegtes Arbeitsentgelt, das den Beschäftigten als Minimum zusteht, um ihre Grundbedürfnisse zu sichern.[11] Es muss zwischen einem gesetzlichen und einem tariflichen Mindestlohn unterschieden werden. Beim tariflichen Mindestlohn wird eine Lohnuntergrenze von den Tarifpartnern ausgehandelt. Die Gewerkschaften können mit den Arbeitgebern ein Mindestentgelt für eine bestimmte Branche aushandeln. Ein gesetzlicher Mindestlohn wird hingegen von der Regierung vorgeschrieben und gilt für alle Branchen gleichermaßen.

In Deutschland gibt es bislang keinen branchenübergreifenden flächendeckenden Mindestlohn. Lediglich einzelne Branchen und Berufsfelder haben bindende Lohnuntergrenzen. Diese Regelungen basieren auf dem Arbeitnehmerentsendegesetz. Das Gesetz wurde 1996 verabschiedet und sollte das deutsche Baugewerbe vor Lohndumping schützen. Das Gesetz enthält zwingende Arbeitsbedingungen für grenzüberschreitend entsandte und für regelmäßig im Inland beschäftigte Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen. Auf Antrag der Arbeitgeber und der Gewerkschaft kann eine Branche in das Arbeitnehmerentsendegesetz aufgenommen werden. Für die betroffenen Branchen werden dann vom Bundesminister für Arbeit mittels Rechtsverordnung die jeweiligen Tarifverträge für allgemeingültig erklärt. In der Folge müssen alle Arbeitnehmer, die in Deutschland in dieser Branchen tätig sind, nach dem festgelegten Mindestlohn bezahlt werden. Dabei ist es unerheblich, ob die Beschäftigten bislang an einen Tarifvertrag gebunden waren und in welchem Land der Arbeitgeber seinen Sitz hat.[12] Mittlerweile sind neun Branchen in das Gesetz aufgenommen. Die bindenden Mindestlöhne pro Stunde reichen von 6,50 Euro für Angestellte von Wäschereidienstleistern im Objektkundengeschäft bis zu 12,95 Euro für Kraftfahrer, Maschinisten und Fachwerker im Bauhauptgewerbe in Westdeutschland.[13]

3.2 Befürworter eines gesetzlichen Mindestlohns

Wie schon in den vergangenen Jahren fordert der DGB nach wie vor die Einführung eines flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohns. Neu ist die Höhe dieser Lohnuntergrenze. Der DGB spricht sich seit Mai 2010 für einen Mindestlohn von 8,50 Euro statt bislang 7,50 Euro aus. Der DGB begründet seine Forderungen damit, dass Mindestlöhne Armut verhindern, den Staatshaushalt entlasten und für Gleichberechtigung und Gerechtigkeit sorgen.[14]

Unterstützung bekommt der DGB von den Parteien SPD, Grüne und DIE LINKE. Die Forderungen nach einem gesetzlichen Mindestlohn scheinen auch in der deutschen Bevölkerung nicht auf Ablehnung zu treffen. Eine repräsentative Studie von Infratest dimap hat ergeben, dass sich 85 Prozent der Deutschen generell für einen Mindestlohn aussprechen. 54 Prozent davon sind gar für branchenübergreifende Lohnuntergrenzen.[15] Bei den Ergebnissen muss allerdings berücksichtigt werden, dass die Befragten ihre Entscheidung unabhängig von der Mindestlohnhöhe getroffen haben.

Ein Mindestlohn soll Armut bekämpfen und den Arbeitnehmer bessere und gerechte Arbeitsbedingungen bescheren. Nach Ansicht der Mindestlohnbefürworter könnten aber auch Unternehmen ein Interesse an höheren Löhnen haben. Für diese Aussage beruft man sich auf die Effizienzlohntheorie. Demnach könnte ein Erhöhung des Lohns – unter Umständen durch einen gesetzlichen Mindestlohn – das Arbeitsangebot und die Leistungsbereitschaft der Arbeitnehmer steigern.[16] Wenn durch die Einführung eines Mindestlohns die Produktivität der Arbeitnehmer zunimmt, könnte der positive Beschäftigungseffekt den negativen Effekt der höheren Arbeitskosten überkompensieren. In Zusammenhang mit Effizienzlöhnen wird meist Heny Ford genannt, der im Jahr 1914 die Löhne seiner Angestellten auf einen Schlag mehr als verdoppelte. In der Folge waren die Fluktuationsrate, die Entlassungsrate sowie die Abwesenheitsrate in seiner Automanufaktur deutlich rückläufig. Auch die Produktivität und die Gewinne haben deutlich angezogen. Allerdings ist es schwer festzustellen, wie viel davon wirklich auf die Verhaltensänderung der Arbeitnehmer zurückzuführen ist.[17]

Des Weiteren verweisen Befürworter auf empirische Studien, die positive bzw. keine negativen Auswirkungen eines bindenden Mindestlohns belegen (siehe Abschnitt 3.4.1) und die Mindestlohnregelungen im europäischen Ausland (siehe Abschnitt 3.5).

3.3 Theoretische Ansätze

Wie ist die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns nun aus theoretischer Sicht zu beurteilen? Im folgenden Abschnitt wird die Einführung einer Lohnuntergrenze zum einen aus neoklassischer Sicht und zum anderen in einer Monopson-Situation beurteilt.

3.3.1 Neoklassisches Arbeitsmarktmodell

Das neoklassische Arbeitsmarktmodell wird meist als Grundmodell herangezogen, wenn in der Wissenschaft über die Einführung eines Mindestlohns debattiert wird. In diesem Modell wird die Existenz eines vollständigen Marktes angenommen. Es gilt, dass die Haushalte und die Unternehmer als Preisnehmer agieren, dass sowohl der Lohn w als auch der Güterpreis p exogen gegeben sind. Die Haushalte maximieren ihren Nutzen durch den Konsum von Freizeit und Konsumgütern. Dabei gelten die Nebenbedingungen, dass ein Individuum seine zur Verfügung stehende Zeit entweder nur für Arbeit oder Freizeit aufwenden kann und dass der Wert des Konsums nicht über dem Einkommen des Haushalts liegen darf. Die Unternehmen versuchen im Rahmen des Modells ebenfalls ihren Nutzen beziehungsweise den Gewinn zu maximieren.[18] Aus diesen Annahmen ergeben sich die Arbeitsangebotskurve S und die Nachfragekurve D. S hat einen steigenden Verlauf, da die Individuen bei steigenden Löhnen mehr Arbeit anbieten. Aufgrund des Gewinnstrebens der Unternehmer ist die D -Kurve fallend.

Ausgangssituation für die folgenden Überlegungen ist ein Arbeitsmarkt ohne Mindestlöhne. Der markträumende Gleichgewichtslohn ergibt sich im Schnittpunkt der Arbeitsangebots- und Arbeitsnachfragekurve. In dieser Situation befindet sich der Arbeitsmarkt im Gleichgewicht. Im neoklassischen Modell gibt es keine ungewollte Arbeitslosigkeit. Jeder der arbeiten will, findet auch eine Anstellung. Die Einführung einer Lohnuntergrenze ändert dies. Ein Mindestlohn, der über dem Gleichgewichtslohn liegt, lässt ungewollte Arbeitslosigkeit entstehen. Der teurer gewordene Faktor Arbeit wird von den Unternehmen weniger nachgefragt. Die Beschäftigung sinkt deshalb von LGG auf L1. Gleichzeitig ist es für die Haushalte attraktiver geworden, ihre Arbeitskraft anzubieten. Das Arbeitsangebot steigt daher auf L2. Es kommt zu einem Angebotsüberhang und schließlich zur Arbeitslosigkeit in Höhe von L2 – L1. Wie hoch die Beschäftigungsverluste tatsächlich sind, ist abhängig von den Elastizitäten von Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage sowie von der Höhe des gewählten Mindestlohns.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Neoklassisches Arbeitsmarktmodell

Quelle: Eigene Darstellung

Es lässt sich also festhalten, dass im neoklassischen Arbeitsmarkmodell eine klare Aussage über die Wirkung von Mindestlöhnen getroffen werden kann. Allerdings gelten im Modell restriktive Annahmen, für die es oft kritisiert wird. Hauptkritikpunkte sind unter anderem:

- Der Faktor Arbeit ist nicht homogen. Die Arbeitnehmer haben unterschiedliche Fähigkeiten und Wissen.
- Es gibt keine ökonomischen Friktionen, wie die Existenz von Marktmacht.
- Der Einkommensgewinn der nach wie vor Beschäftigten könnte den Einkommensverlust der Arbeitslosen überkompensieren, so dass die aggregierte Lohnsumme zunimmt.
- Rein partialanalytischer Ansatz. Mögliche Effekte auf den Gütermärkten durch eine erhöhte Nachfrage und daraus folgende Arbeitsmarkteffekte werden nicht berücksichtigt.

Die Kritikpunkte zeigen, dass es schwierig ist, mit einem relativ einfachen Modell die komplexen Realitäten auf den Arbeitsmärkten zu analysieren.[19]

3.3.2 Mindestlohn im Monopson

Ein Alternativansatz zum neoklassischen Modell ist die Betrachtung eines Monopson-Marktes. In dieser Situation tritt ein Unternehmen als alleiniger Nachfrager auf dem Arbeitsmarkt auf. Auf dem Gütermarkt bleibt die Firma Preisnehmer, auf dem Arbeitsmarkt nicht. Das Unternehmen besitzt als alleiniger Arbeitgeber Marktmacht und wählt eine profitmaximale Lohn- und Beschäftigungskombination. Für die folgenden Ergebnisse ist zu berücksichtigen, dass in diesem Modell die Annahme gilt, dass die Firma für alle identischen Beschäftigten die identischen Löhne zahlen muss. Daraus lässt sich ableiten, dass die Durchschnittskostenkurve der Arbeitsangebotskurve entspricht. Eine marginale Lohnerhöhung wird nicht nur für die letzte gewählte Stundeneinheit beziehungsweise Arbeitskraft bezahlt, sondern auch für alle vorhergegangenen. Die Grenzkostenkurve liegt daher über der Durchschnittskostenkurve. Die gewinnmaximale Situation für den Nachfragemonopolisten befindet sich im Schnittpunkt der Arbeitsnachfragekurve D mit der Grenzkostenkurve MC. Der Unternehmen fragt also eine geringere Arbeitsmenge L* als bei vollkommener Konkurrenz nach. Diese geringere Arbeitsleistung kann zu einem niedrigeren Reallohn w* bezogen werden.[20]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Mindestlohn im Monopson

Quelle: Eigene Darstellung

Die Einführung eines bindenden Mindestlohns wmin könnte in dieser Situation nun zu einer Verbesserung der Beschäftigungssituation führen. Die Lohnuntergrenze bewirkt, dass das Unternehmen zum Preisnehmer auf dem Arbeitsmarkt wird. Jede zusätzliche Arbeitseinheit kostet der Firma den Mindestlohn. Die Grenzkostenkurve verläuft daher nun stellenweise horizontal. Der Monopsonist hat also ein Interesse daran, seine Beschäftigung bis zum Schnittpunkt der Grenzkostenkurve mit der Arbeitsangebotskurve auszudehnen. Die Arbeitsmenge steigt dadurch auf L1. In diesem Punkt hat die Grenzausgabenkurve eine Sprungstelle zurück auf ihren ursprünglichen Verlauf. Im Monopson kann also eine richtig gewählter Mindestlohn zu steigenden Löhnen und gleichzeitig zunehmender Beschäftigung führen. Idealerweise wird die Höhe des Mindestlohns so gewählt, dass der Gleichgewichtslohn möglichst erreicht wird.

Dieser Ansatz wird insbesondere dafür kritisiert, dass es in der Realität kaum Arbeitsmärkte gibt, auf dem ein Nachfragemonopolist auftritt. Allerdings könnte man monopsonähnliche Strukturen finden. Wenn sich beispielweise Arbeitgeber zu Verbänden zusammenschließen, um ihre Marktmacht zu erhöhen und Löhne zu diktieren.

3.4 Empirische Befunde

Wie eben gezeigt wurde, können die theoretischen Ansätze keine eindeutige Antwort liefern, ob bei der Einführung eines gesetzlichen Mindestlohn positive oder negative Effekte überwiegen. Daher sollte ein Blick auf empirische Befunde geworfen werden. Im Folgenden wird kurz auf die Ergebnisse zur Wirkung eines Mindestlohns im Ausland eingegangen. Anschließend werden die Studien von Ragnitz und Thum (2007) sowie König und Möller (2007), die die Einführung einer Lohnuntergrenze in Deutschland untersucht haben, vorgestellt.

[...]


[1] vgl. Boss/ Christensen/ Schrader (2010, S. 1)

[2] vgl. Boss/ Christensen/ Schrader (2010, S. 20)

[3] vgl. Bauernschuster/ Kleinherz (2008, S. 47)

[4] vgl. FRANKFURTER RUNDSCHAU (2011)

[5] vgl. Brenke (2006, S. 198f.)

[6] vgl. Rhein (2009, S. 7)

[7] vgl. Bruckmeier/ Graf/ Rudolph (2007, S.1)

[8] vgl. o. V. (2010, S. 2-4)

[9] vgl. Schlicht (2010, S. 10)

[10] vgl. Rhein (2009, S. 3f.)

[11] vgl. IAB (2011)

[12] vgl. BMAS (2011)

[13] vgl. DESTATIS (2011a)

[14] vgl. DGB (2011a)

[15] vgl. DGB (2011b)

[16] vgl. Blanchard/ Illing (2006, S. 186)

[17] vgl. Blanchard/ Illing (2006, S. 188)

[18] vgl. Ragacs (2002, S.5)

[19] vgl. Ragacs (2002, S. 6f.)

[20] vgl. Ragacs (2002, S. 12-14)

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
„Deutschland braucht den Mindestlohn“ – Ein sinnvolles Vorhaben?
Hochschule
Universität Bayreuth
Veranstaltung
Institutionenökonomik
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
28
Katalognummer
V176019
ISBN (eBook)
9783640971695
ISBN (Buch)
9783640972746
Dateigröße
1324 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mindestlohn, DGB, Hartz IV, Arbeitsmarktmodell, Tarifautonomie, Tarifparteien, Lohnuntergrenze, Freizügigkeit
Arbeit zitieren
Dominik Schertel (Autor), 2011, „Deutschland braucht den Mindestlohn“ – Ein sinnvolles Vorhaben?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176019

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