Vor allem in den letzten Jahrzehnten gab es immer mehr Kritik am Behinderungsbegriff. So gilt „Behinderung“ z.B. als eine zu allgemeine Kategorie, als Ressourcenkategorie oder entwickelt sich immer mehr zu einem festgeschriebenen Personenmerkmal, was wiederum zu einer Stigmatisierung der einzelnen Person führt (Moser/Sasse 2008, 35).
In der folgenden Arbeit soll eine recht neue Sichtweise auf den Begriff der Behinderung dargestellt und analysiert werden. Hierbei soll kurz auf die Theorien des Konstruktivismus und deren Ansichten zur Wirklichkeitskonstruktion von verschiedenen Menschen eingegangen werden. Aufbauend auf diesem Wissen soll der Behinderungsbegriff als eine Kategorie des Beobachters, d.h. also als eine subjektive Kategorie näher beleuchtet werden, um letztendlich zu erklären, wie sich der Behinderungsbegriff in verschiedenen Kontexten, Situationen und durch verschiedene Einstellungen von Mensch zu Mensch unterscheidet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Konstruktivistische Sichtweisen
3. Behinderung als eine Kategorie des Beobachters
4. Fazit und Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Behinderungsbegriff kritisch aus einer konstruktivistischen Perspektive, um Behinderung nicht als objektives Merkmal, sondern als sozial konstruierte Kategorie des Beobachters zu dekonstruieren und deren stigmatisierende Folgen für Betroffene aufzuzeigen.
- Konstruktivismus als sonderpädagogisches Theoriemodell
- Wirklichkeitskonstruktion und subjektive Wahrnehmung
- Behinderung als kontextabhängige, soziale Kategorie
- Kritik an defizitorientierten Zuschreibungen und Stigmatisierung
- Perspektiven der Betroffenen und soziale Inklusion
Auszug aus dem Buch
Behinderung als eine Kategorie des Beobachters
Die konstruktivistischen Sichtweisen relativieren den Begriff der Behinderung. Behinderung wird damit nicht mehr als objektive Realität gesehen, sondern als eine vom Beobachter geschaffene soziale Kategorie betrachtet. Kurz: „Die Behinderung liegt im Auge des Betrachters.“ (Lindemann/Vossler 1999 in: Moser/Sasse 2008, 92).
Auch der Soziologe Günther Cloerkes spricht von einer Relativität von Behinderung. Behinderung sei erst als soziale Kategorie begreifbar und nichts Absolutes (Cloerkes 2007, 9). Er unterscheidet dabei u.a. verschiedene Dimensionen und Zusammenhänge, in denen Behinderung als relativ erscheint. Zum einen können Menschen zeitlich begrenzt als „behindert“ gelten. Beispielsweise gilt ein Schüler mit Lernbeeinträchtigungen nur während seiner Schulzeit als „behindert“ bzw. „lernbehindert“, wobei die Dauer der Stigmatisierungskonsequenzen für diesen Menschen noch wesentlich länger anhalten kann.
Zum anderen spielt die eigene Wahrnehmung, d.h. die subjektive Auseinandersetzung mit der „eigenen Behinderung“ eine wichtige Rolle. So könnte z.B. das Fehlen eines Fingers für einen leidenschaftlichen Pianisten weitaus schlimmer wahrgenommen werden als für beispielweise einen talentierten Fußballspieler. Somit wird Behinderung auch in verschiedenen Lebensbereichen bzw. –situationen relativ, d.h. verschieden wahrgenommen. Die wohl aber wichtigste von Cloerkes dargestellte Dimension ist die, dass Behinderung immer auch von der sozialen Reaktion der Gesellschaft abhängt, da diese bestimmt, ob eine Behinderung vorliegt oder nicht. (Cloerkes 2007, 9f.)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die zunehmende Kritik am herkömmlichen Behinderungsbegriff und führt in das Ziel ein, Behinderung aus konstruktivistischer Sicht als subjektive Kategorie zu analysieren.
2. Konstruktivistische Sichtweisen: Dieses Kapitel erläutert die Grundlagen des Konstruktivismus, der Sprache und Erkenntnis nicht als objektive Abbilder, sondern als subjektive, beobachterabhängige Konstruktionen von Wirklichkeit begreift.
3. Behinderung als eine Kategorie des Beobachters: Hier wird Behinderung als soziale, vom Beobachter geschaffene Kategorie dargestellt, die stark von Kontexten, gesellschaftlichen Reaktionen und individueller Wahrnehmung abhängt, statt ein festes Personenmerkmal zu sein.
4. Fazit und Schlussbemerkungen: Das Fazit plädiert für eine Abkehr vom defizitorientierten Modell, da dieses Stigmatisierung fördert, und fordert mehr Verständnis für die Wirklichkeitskonstruktionen der Betroffenen.
Schlüsselwörter
Behinderungsbegriff, Konstruktivismus, Systemtheorie, Beobachterabhängigkeit, soziale Kategorie, Stigmatisierung, Wirklichkeitskonstruktion, Relativität, Integration, sprachliche Konvention, Inklusion, Sonderpädagogik, subjektive Wahrnehmung, Diskurs, Defizitorientierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit setzt sich kritisch mit der Definition von Behinderung auseinander und hinterfragt, ob Behinderung ein objektives Personenmerkmal ist oder eine soziale Zuschreibung durch den Beobachter.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören der Konstruktivismus, die soziale Konstruktion von Wirklichkeit, die Relativität von Behinderung in verschiedenen Kontexten sowie die Stigmatisierungsprozesse innerhalb der Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Dekonstruktion des traditionellen, defizitorientierten Behinderungsbegriffs und die Aufzeigung, dass Behinderung eine subjektive Kategorie darstellt, die im sozialen Diskurs ausgehandelt wird.
Welche wissenschaftliche Perspektive wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die konstruktivistische Perspektive, eingebettet in die Systemtheorie, um zu erklären, dass Erkenntnisse beobachterabhängig sind und Wirklichkeit nicht objektiv abbilden, sondern konstruieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der theoretischen Herleitung des Konstruktivismus und der Anwendung dieses Modells auf den Behinderungsbegriff, wobei insbesondere die Rolle des Beobachters und der Einfluss gesellschaftlicher Normen hervorgehoben werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Behinderungsbegriff, Konstruktivismus, Beobachterabhängigkeit, Stigmatisierung und soziale Kategorie.
Warum wird der Begriff der "Relativität von Behinderung" betont?
Die Relativität verdeutlicht, dass Behinderung keine feste Eigenschaft ist, sondern je nach Kontext, Situation und gesellschaftlicher Reaktion unterschiedlich wahrgenommen und definiert wird.
Welche Bedeutung hat die "People-First-Bewegung" in diesem Zusammenhang?
Sie dient als Beispiel für den Widerstand gegen stigmatisierende Bezeichnungen und betont den Wunsch von Betroffenen, primär als Mensch wahrgenommen zu werden, statt auf eine Behinderung reduziert zu werden.
- Arbeit zitieren
- Monique Wicklein (Autor:in), 2011, Der Behinderungsbegriff aus konstruktivistischer Sicht: Behinderung als eine Kategorie des Beobachters, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176024