Mit Blick auf globale Probleme wie den Klimawandel stellt sich zunehmend die Frage, wie die Abkehr vom Multilateralismus großer Nationen eine zusätzliche Herausforderung stellt und wie diese überwunden werden kann. In diesem Essay soll dargestellt werden, wie sich die Abkehr vom Multilateralismus anhand der USA und Brasilien erklären lässt, und welche möglichen Lösungsansätze sich daraus ergeben können.
Die USA und Brasilien bieten sich zum Vergleich an, da beide Staaten ähnlich wechselhafte Rollen in der GEG spielen. So nehmen beide zwar Führungspositionen ein, während sie mit Verweis auf wirtschaftliche Faktoren aber auch multilaterale Abkommen behindern. Hierfür soll die Theorie der Two-Level Games von Putnam betrachtet werden.
Der Two-Level Games Ansatz argumentiert, dass politische Akteure Entscheidungen auf zwei verschiedenen Levels aushandeln, in diesem Fall auf der internationalen, sowie der nationalen Ebene. Putnam identifiziert auf den zwei Levels eigene Spielräume, sogenannte „Winsets“, welche maßgeblich die Verhandlungen beeinflussen. Je größer das Winset eines Akteurs, desto einfacher ist es für andere Akteure, die Verhandlung zu ihren Gunsten zu lenken. Oder umgekehrt, je kleiner das Winset eines Akteurs, desto größer dessen Verhandlungsmacht im Vergleich zu anderen Akteuren. Größere Winsets führen dafür eher zu Konsens.
Inhaltsverzeichnis
1. Besondere Herausforderungen der Global Environmental Governance – Abkehr vom Multilateralismus
2. Die USA als entscheidender Akteur der Global Environmental Governance
3. Brasilien zwischen Umweltschutz und Ökozid
4. Die USA und Brasilien – Probleme des Multilateralismus – Was tun?
5. Anders Wählen reicht nicht – Global Environmental Governance und Multilateralismus
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit analysiert die zunehmende Schwächung der Global Environmental Governance (GEG) durch die Abkehr von multilateralen Vereinbarungen. Anhand der Fallbeispiele der USA und Brasiliens wird der Frage nachgegangen, wie sich diese Desintegration mithilfe von Robert Putnams Theorie der Two-Level Games erklären lässt und welche Lösungsansätze existieren, um globale Umweltabkommen trotz innenpolitischer Blockaden handlungsfähig zu halten.
- Krise des Multilateralismus und Implementierungsdefizite globaler Klimaabkommen
- Theorie der Two-Level Games: Wechselwirkungen zwischen nationalen Winsets und internationalen Verhandlungen
- Die Doppelrolle der USA zwischen weltpolitischer Vorreiterrolle und isolationistischer Blockade
- Brasiliens Klimapolitik im Spannungsfeld von Amazonas-Schutz, Agrarlobby und BRICS-Bündnis
- Strategien zur Stärkung der GEG durch Bottom-up-Bewegungen, Unternehmensregulierung und multilaterale Kooperation ohne Dissidenten
Auszug aus dem Buch
Die USA als entscheidender Akteur der Global Environmental Governance
Spätestens seit dem 20. Jahrhundert ist der Einfluss der USA als Weltmacht nicht zu leugnen, sowohl auf wirtschaftlicher, als auch politischer Ebene. Demnach ist es nicht verwunderlich, dass die Vereinigten Staaten auch in der GEG ein zentraler Akteur sind. Interessanterweise spielen die USA hier gleich zwei Rollen, die eines Befähigers, aber auch die eines Hemmnisses.
Das offensichtlichste Beispiel für die USA als Hemmnis, ist der Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen unter Donald Trump. Viel deutlicher kann eine Abkehr vom Multilateralismus und eine Abkehr von Klima- und Umweltpolitik nicht sein. Auch die zweite Amtszeit Trumps verspricht eine Rückkehr dieser Isolationspolitik. Zudem hofft Trump auf eine verstärkte Förderung von Öl und Gas, und sollte das sogenannte Project 2025 auch nur in Teilen umgesetzt werden, könnten Teile der Umweltschutzbehörde, die Überwachung der Treibhausgasemissionen und das Hauptbüro für die Atmosphärenforschung teilweise oder ganz abgeschafft werden (npr, 2024). All diese Maßnahmen setzen nicht nur die USA, sondern die ganze Welt in Sachen Umweltpolitik um Jahre zurück.
Doch auch vor Trump blockierten die Vereinigten Staaten Fortschritte in der GEG. Bei vielen multilateralen Verhandlungen wie beispielsweise dem UNFCCC oder dem Kyoto Protokoll wurden die Aushandlungsprozesse durch Einsprüche der USA behindert und deren Ergebnisse letztlich zugunsten der USA abgeschwächt (Gupta, S.79ff). So weigerten sich die Vereinigten Staaten beispielsweise lange, verbindliche Emissionsziele zu integrieren (ibid.). Ein weiteres Beispiel hierfür sind die gescheiterten Verhandlungen zur Klimakonferenz in Kopenhagen 2009. Hier reiste der damalige Präsident Obama nicht nur erst kurz vor Ende der Konferenz an, sondern traf zudem geheime Absprachen mit den Vertretern aus Brasilien, Südafrika, Indien & China (Kuyper et al., 2018, S.346; Maslin et al. 2023, S.4). Mit Multilateralismus hatte das nicht mehr viel zu tun. Diese exklusiven Verhandlungen in Kombination mit den vorausgehenden Blockaden seitens Indien und China führten letztendlich zum Scheitern der Konferenz.
Als förderliche Kraft zeigen sich die Vereinigten Staaten dagegen weniger offensichtlich. So stechen sie eher positiv durch ihre schiere wirtschaftliche und politische Macht sowie geographische Größe hervor. Das Unterzeichnen des Pariser Klimaabkommens als einer der größten Produzenten von Treibhausgasen hatte so eine größere Signalwirkung, als bei einem (geographisch oder wirtschaftlich) kleineren Staat. Auch stellen die USA als größte Wirtschaft (zwangsweise) den größten Beitragszahler für die Globalen Umweltfazilität und die Weltbank dar. So können diese ihre Projekte zur Bekämpfung des Klimawandels finanzieren.
Kapitelübersicht
1. Besondere Herausforderungen der Global Environmental Governance – Abkehr vom Multilateralismus: Führt in die Problematik multilateraler Verhandlungsblockaden im globalen Umweltschutz ein und etabliert den theoretischen Rahmen der Two-Level Games nach Robert Putnam zur Analyse nationaler und internationaler Verhandlungsspielräume.
2. Die USA als entscheidender Akteur der Global Environmental Governance: Untersucht die ambivalente Stellung der USA als größter Beitragszahler und gleichzeitiger Blockierer internationaler Verträge sowie den Einfluss fossiler Lobbys auf das nationale Winset.
3. Brasilien zwischen Umweltschutz und Ökozid: Beleuchtet die Zerrissenheit Brasiliens zwischen der Verantwortung für das Ökosystem Amazonas unter wechselnden Regierungen von Bolsonaro bis Lula da Silva und der strategischen Hinwendung zu den BRICS-Staaten.
4. Die USA und Brasilien – Probleme des Multilateralismus – Was tun?: Erörtert Handlungsoptionen gegen institutionelle Lähmungen, darunter die Vorreiterrolle williger Staatengemeinschaften, subnationale Bündnisse wie den Covenant of Mayors und strengere Lobbyismusregulierungen.
5. Anders Wählen reicht nicht – Global Environmental Governance und Multilateralismus: Zieht das Resümee, dass demokratische Regierungswechsel allein nicht genügen, solange schwache Verhandlungspositionen auf nationaler Ebene bestehen und keine strukturellen Durchsetzungsmechanismen geschaffen werden.
Schlüsselwörter
Global Environmental Governance, Multilateralismus, Klimawandel, Two-Level Games, Winset, Robert Putnam, Pariser Klimaabkommen, USA, Brasilien, Amazonas, Donald Trump, Jair Bolsonaro, Lula da Silva, Lobbyismus, UNFCCC
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Publikation grundlegend?
Die Publikation befasst sich mit der Krise des Multilateralismus im Kontext der globalen Umwelt- und Klimapolitik und analysiert, weshalb Nationalstaaten internationale Umweltabkommen verlassen oder verwässern.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt der Analyse?
Im Mittelpunkt stehen die Global Environmental Governance, völkerrechtliche Umweltverträge, Verhandlungstheorie der Internationalen Beziehungen sowie vergleichende Fallstudien zur US-amerikanischen und brasilianischen Klimapolitik.
Was ist die leitende Zielsetzung bzw. Forschungsfrage der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, wie die Abkehr vom Multilateralismus an den Beispielen USA und Brasilien theoretisch erklärt werden kann und welche strategischen Ansätze existieren, um globale Lösungsmechanismen wieder wirksam zu machen.
Welche theoretische Methode wird zur Erklärung der Staatenpraxis herangezogen?
Die Analyse stützt sich auf das Konzept der Two-Level Games von Robert Putnam, welches das Zusammenspiel und die wechselseitigen Abhängigkeiten von Verhandlungen auf internationaler Ebene und innenpolitischen Ratifizierungsspielräumen (Winsets) untersucht.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung im Detail dargelegt?
Der Hauptteil analysiert die historischen und aktuellen Rollen der USA und Brasiliens, die Mechanismen von Verhandlungsblockaden bei Klimagipfeln sowie die strukturellen Ursachen kleiner nationaler Winsets durch Agrar- und Energiekonzerne.
Welche zentralen Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Publikation wird durch Begriffe wie Multilateralismus, Global Environmental Governance, Two-Level Games, Winset, Klimakrise, Blockadepolitik und Pariser Abkommen charakterisiert.
Wie erklärt das Two-Level-Game-Modell das Verhalten der USA bei internationalen Klimaabkommen?
Das Modell zeigt, dass US-Verhandler auf globaler Ebene nur Verträge eingehen können, die im Senat und vor mächtigen Interessengruppen mehrheitsfähig sind. Da bereits 34 Senatoren eine Ratifizierung stoppen können und fossile Lobbygruppen massiven Einfluss ausüben, ist das nationale Winset der USA extrem klein, was internationale Kompromisse erschwert oder verhindert.
Welche Rolle spielen subnationale Akteure und Kommunen als Lösungsansatz?
Als Alternative zu blockierten zwischenstaatlichen Verhandlungen wird die Einbindung lokaler und regionaler Initiativen hervorgehoben, wie beispielsweise das Städtenetzwerk Covenant of Mayors, das Klimaschutzmaßnahmen unabhängig von nationalen Regierungslinien vorantreibt.
Warum reicht die bloße Abwahl klimaskeptischer Staatschefs laut Autor nicht aus?
Ein Regierungswechsel stellt oft nur bestehende Mindeststandards wieder her, beseitigt aber nicht die strukturellen Ursachen schwacher Verhandlungsmacht auf nationaler Ebene. Ohne eine Reduzierung des Einflusses von Großkonzernen und verbindliche Sanktionsmechanismen verbleibt die internationale Klimapolitik in einem Zustand periodischer Lähmung.
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- Anonym (Author), 2025, Besondere Herausforderungen der Global Environmental Governance. Abkehr vom Multilateralismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1760538