Durch die ökonomischen und sozialen Umbrüche im Osten Deutschlands wurde das Leben von Frauen nachhaltig und tiefgreifend gewandelt. Die über Jahrzehnte in der DDR entstandenen Frauenleitbilder wurden mit dem Übergang zur Marktwirtschaft zur Disposition gestellt und sind als alleinige Identifikationsmöglichkeiten untauglich geworden. Das Leben in der DDR hat in den Lebensansprüchen, Wertvorstellungen und auch Geschlechtszuschreibungen Spuren hinterlassen, die nicht einfach zu „transformieren“ sind. Eine qualitative Betrachtung der Lebensentwürfe junger ostdeutscher Frauen unter gesellschaftlich veränderten Bedingungen ist daher wissenschaftlich notwendig.
Innerhalb dieser Arbeit werden zunächst zur theoretischen Vorbetrachtung Bedingungen von Geschlechterkonstruktionen, Geschlechterdifferenzen und geschlechtsspezifischer Sozialisation vertieft.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Geschlechtsdifferenzierungen und -konstruktionen im Lebensverlauf
2.1 Geschlechtskonstruktion und doing gender
2.2 Geschlechtsspezifische Sozialisation
2.3 Die doppelte Vergesellschaftung der Frau
3. Arbeit, Geschlecht und Familie im ostdeutschen Transformationsprozess
3.1 Modernisierungs- und individualisierungstheoretische Ansätze
3.2 Zum Erwerbsleben von ostdeutschen Frauen
3.3 Zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie
3.4 Fertilität und Individualisierung
4. Zum Lebensentwurf und zur Lebensplanung junger ostdeutscher Frauen
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Lebensplanung junger ostdeutscher Frauen unter den spezifischen Bedingungen der gesellschaftlichen Transformation, Modernisierung und Individualisierung nach der Wende. Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen traditionellen, in der DDR sozialisierten Frauenleitbildern und den neuen, oft widersprüchlichen Anforderungen der marktwirtschaftlichen Realität zu analysieren und deren Auswirkungen auf die individuelle Lebensgestaltung sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erörtern.
- Sozialkonstruktivistische Perspektiven auf Geschlecht und "Doing Gender"
- Transformation des Erwerbssystems und Folgen für ostdeutsche Frauen
- Bedeutung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie in modernen Lebensentwürfen
- Fertilitätsverhalten im Kontext des demografischen und gesellschaftlichen Wandels
- Wechselwirkungen zwischen individueller Lebensplanung und strukturellen Vorgaben
Auszug aus dem Buch
2.1 Geschlechtskonstruktion und doing gender
Das Werden von Frau und Mann, dass heißt der Geschlechtskategorie, ist eine zentrale Frage der feministischen Theorie. Sozialkonstruktivistische Ansätze beschäftigen sich dabei mit der Frage, wie soziale Ordnung als kollektiv produzierte Ordnung zustande kommt und wie sie den Menschen als objektiv erfahrbare Ordnung gegenübertritt. Das Paradoxon von der Gleichzeitigkeit der Konstruktion der sozialen Wirklichkeit durch den Menschen und äußerer gegebener Strukturen bestimmt maßgeblich sozialkonstruktivistische Forschung. Als soziale Institution ist gender ein Prozess zur Schaffung von unterscheidbaren Ausprägungen des sozialen Status und damit der Zuweisung von Rechten und Pflichten. Über die Lebensspanne hinweg lernen Individuen in Interaktionen, was von ihnen erwartet wird und sie agieren und reagieren, wie es von ihnen erwartet wird und konstruieren damit gleichzeitig die gender Ordnung.
Geschlechtsspezifische Interaktionsmuster werden in Kindheit, Adoleszenz und Erwachsenenalter in Form von Sexual, Eltern- oder Arbeitsverhalten verstärkt. Weicht ein Individuum von den sozial verordneten Normen und Erwartungen hinsichtlich der Geschlechtszuordnung ab, so erfolgen informelle Sanktionen. Wenn Geschlecht für Interaktionen relevant ist, so bedeutet dies jedoch nicht, dass Individuen aufgrund ihrer Handlungen dem einen oder anderen Geschlecht zugeordnet werden, sondern vielmehr dass ihr Handeln unter der äußeren geschlechtsdifferierenden Struktur interpretiert und bewertet wird. Ein Konzept der interaktionstheoretischen Soziologie zur Erklärung der sozialen Konstruktion von Geschlecht ist unter „Doing gender“ bekannt und zielt darauf ab, Geschlechtszugehörigkeit nicht als Eigenschaft oder Merkmal von Individuen zu betrachten, sondern die sozialen Prozesse in den Blick zu nehmen in denen diese Unterscheidung hergestellt und reproduziert wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsfrage ein und erläutert die Notwendigkeit einer qualitativen Betrachtung ostdeutscher Frauenbiografien unter dem Einfluss gesellschaftlicher Transformationsprozesse.
2. Geschlechtsdifferenzierungen und -konstruktionen im Lebensverlauf: Das Kapitel widmet sich theoretischen Grundlagen der Geschlechtersoziologie, insbesondere der sozialen Konstruktion von Geschlecht durch Interaktion und Sozialisation.
3. Arbeit, Geschlecht und Familie im ostdeutschen Transformationsprozess: Der Fokus liegt auf der Analyse der ökonomischen und sozialen Umbrüche nach 1990 und deren Auswirkungen auf die Erwerbsbiografien, das Fertilitätsverhalten und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.
4. Zum Lebensentwurf und zur Lebensplanung junger ostdeutscher Frauen: Hier werden die widersprüchlichen Anforderungen an moderne Lebensentwürfe junger Frauen diskutiert, die zwischen beruflicher Autonomie und traditionellen Familienleitbildern navigieren.
5. Fazit: Die abschließende Zusammenfassung betont die Beharrlichkeit sozialisationsbedingter Prägungen und die daraus resultierende Spannung zwischen hoher Erwerbsneigung und strukturellen Hürden bei der Familiengründung.
Schlüsselwörter
Transformation, Lebensplanung, ostdeutsche Frauen, Modernisierung, Individualisierung, Geschlechterkonstruktion, Doing Gender, Sozialisation, Erwerbsbiografie, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Fertilität, Generationswandel, Lebensentwurf, Identität, Soziale Praxis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Lebensplanung junger Frauen im ostdeutschen Kontext und analysiert, wie diese durch den gesellschaftlichen Wandel seit der Wiedervereinigung beeinflusst wurde.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die Transformation von Geschlechterrollen, die Arbeitsmarktintegration von Frauen sowie das Spannungsfeld zwischen Berufstätigkeit und familiären Lebensentwürfen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, wissenschaftlich zu begründen, wie sich Transformationsprozesse auf individuelle Identitätsbildungsprozesse und Lebensplanungen junger Frauen auswirken.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit stützt sich primär auf eine theoretische Auseinandersetzung mit sozialwissenschaftlichen Modellen, insbesondere aus der Sozialisations-, Modernisierungs- und Individualisierungstheorie.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die theoretischen Grundlagen der Geschlechterkonstruktion, die strukturellen Arbeitsmarktveränderungen in Ostdeutschland und deren Auswirkungen auf Fertilität und Familienmodelle.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Transformation, Individualisierung, Doing Gender, Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie Sozialisation im Lebensverlauf.
Wie unterscheidet sich die ostdeutsche Situation bei der Familiengründung von der westdeutschen?
In Ostdeutschland ist eine höhere Erwerbsneigung festzustellen, und die Familiengründung erfolgt historisch oft unverheiratet, was auf eine unterschiedliche Sozialisationsprägung durch die DDR-Politik zurückzuführen ist.
Warum bleibt die Vereinbarkeit von Beruf und Familie trotz moderner Strukturen oft ein Problem?
Die Arbeit führt aus, dass trotz formeller Gleichstellung strukturelle Barrieren und tradierte Erwartungshaltungen sowie die ökonomische Last der Kinderbetreuung bei Frauen zu einer andauernden Doppelbelastung führen.
- Arbeit zitieren
- Anne Schröter (Autor:in), 2009, Lebensplanung junger ostdeutscher Frauen unter den Bedingungen von Transformation, Modernisierung und Individualisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176058