Die US-amerikanischen Ureinwohner im 21. Jahrhundert

Indianer als (Staats-)bürger und „citizenship constellations“


Hausarbeit, 2011

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Geschichte der Indianerpolitik und der Indianerrechte in den USA
2.1 Erschließung der Landesmitte
2.2 Zivilisation und Segregation
2.3 Vertreibung und Zwangsumsiedlung
2.4 Assimilation und Staatsbürgerschaft
2.5 Der “Indian Reorganization Act” und die Termination
2.6 Gleichberechtigung und politische Partizipation

3. Die heutige Situation der indigenen Bevölkerung
3.1 Rechtliche Stellung
3.2 Politische Organisation und Partizipation
3.3 Sozialstruktur
3.4 Umweltverschmutzung der Reservate

4. „Citizenship constellations“

Literaturverzeichnis

Internetquellen

1. Einleitung

Auf dem Gebiet der Vereinigten Staaten von Amerika leben etwa 4 Millionen Menschen indigener Abstammung, die sich 565 verschiedene, staatlich anerkannte indigene Stämme verteilen (vgl. U.S Bureau of Indian Affairs: Who We Are). Diese sind hinsichtlich ihrer Lebensweise, Kultur und Sprache teilweise vollkommen different. So gibt es unter den Indianern sowohl Stadtbewohner, die völlig an die US-amerikanische Kultur angepasst leben als auch Einwohner spezieller Indianerreservate, die praktisch in Unabhängigkeit von den USA mit eigener Verfassung und gewählter Regierung ein stärker ihrer traditionellen Kultur verpflichtetes Leben führen.

Gleichwohl das medial vermittelte Bild der Indianer als alkoholabhängige Reservatsbewohner, die ihr Geld allein als Glücksspiel-Veranstalter verdienen, maßlos übertrieben und einseitig ist, kann man die vielen Probleme der indigenen Bevölkerung der Vereinigten Staaten nicht abstreiten. So ist die Alkoholismus-Rate ebenso wie die Arbeitslosigkeit im landesweiten Vergleich tatsächlich drastisch erhöht, der Bildungsstand erschreckend niedrig.

Ziel dieser Arbeit ist es, die aktuelle politische, rechtliche und soziale Stellung der indigenen Bevölkerungsteile in den Vereinigten Staaten zu schildern und Gründe für die massiven Probleme aufzuzeigen. Da sich die Situation der Indianer in urbanen und ruralen Gebieten stark voneinander unterscheidet, wird sich diese Arbeit hauptsächlich auf die Bewohner der Indianerreservate konzentrieren. Weiterhin soll insbesondere der Staatsbürgerschaftsstatus der indigenen Bevölkerung untersucht werden und die „citizenship constellations“, die sich aus der gleichzeitigen Stammeszugehörigkeit ergeben. Einer Analyse der aktuellen Situation muss jedoch ein historischer Exkurs durch die Geschichte der US-amerikanischen Indianerpolitik vorangehen, ohne den ein Verständnis der heutigen Problemlagen nicht möglich ist. Außerdem wird der Indianerstamm der Navajo im Laufe der Arbeit immer wieder gesondert betrachtet, um an ihm die konkrete Geschichte und Gegenwart eines einzelnen Stammes exemplarisch greifbar zu machen.

Als Ausgangspunkt dieser Arbeit dienen ergo zwei Fragen: einerseits, ob die indigenen Reservatsbewohner tatsächlich als US-amerikanische (Staats-)bürger im vollen Sinne betrachtet werden können und andererseits, inwieweit sie primär als Amerikaner, Indianer oder aber als beides zu betrachten sind.

2. Die Geschichte der Indianerpolitik und der Indianerrechte in den USA

2.1 Erschließung der Landesmitte

Als die Kolonialstaaten am 4. Juli 1776 ihre Unabhängigkeit von der britischen Krone erklärten, spielten die verschiedenen Indianerstämme bereits eine bedeutende machtpolitische Rolle. Einige Stämme nämlich unterstützten die Amerikaner in den darauf folgenden Jahren des Unabhängigkeitskrieges, wohingegen andere sich auf die Seite der Briten geschlagen hatten. Nach der Niederlage des Königreichs ergab sich für die Siedler eine schwierige Konstellation. Auf der einen Seite hatten sich zahlreiche Indianerstämme als wichtige Verbündete in ihrem Kampf um Souveränität erwiesen, andererseits benötigte man angesichts des steten Zustroms neuer Siedler und hoher Geburtenraten dringend neue Ländereien. Außerdem stellte der Verkauf von Land an die Zuwanderer zunächst die wichtigste Einnahmequelle des nach Jahren des Krieges überschuldeten Staates dar. Eine territoriale Expansion musste jedoch zwangsläufig auf Kosten der indigenen Stämme erfolgen und gewaltsamer Landraub und Missionierung, wie vor allem von den Spaniern in Süd- und Mittelamerika ausgeübt, stand für die Amerikaner zunächst nicht zur Debatte. Sie führten die Indianerpolitik der britischen Krone fort, die die Stämme wie souveräne Nationalstaaten im völkerrechtlichen Sinne behandelt hatte und begannen darauf aufbauend eine Phase vorsichtiger Kolonialisierungsbestrebungen. Die indianischen Gebiete wurden also nicht mit militärischen Mitteln erobert, sondern Besitz- und Nutzungsrechte der Siedler wurden von den Regierungen der Kolonialstaaten und den Häuptlingen der Stämme ausgehandelt und vertraglich geregelt. Nichtsdestoweniger war die Akzeptanz der indianischen Rechte und Ansprüche auf Seiten der amerikanischen Bevölkerung und der Siedler sehr gering, zu groß die Angst und Skepsis gegenüber den fremden Völkern sowie die Überzeugung von der eigenen kulturellen und moralischen Überlegenheit. Die Amerikaner „vereinnahmten entgegen den mit den Stämmen abgeschlossenen Verträgen indianisches Land und behandelten die amerikanischen Ureinwohner in diskriminierender Art und Weise“ (Wenzel 2008: 273). Von einer kontrollierten Besiedlungspolitik konnte nicht mehr die Rede sein und Auseinandersetzungen zwischen Indianern und Siedlern nahmen stetig zu (vgl. Wenzel 2008: 272 f.).

Die Diné-Indianer hatten in diesem Zeitraum noch keinerlei Kontakt mit den amerikanischen Siedlern, da ihre Heimatgebiete fernab der Ostküste in den Halbwüsten im Süden lagen.

Auf ihren Territorien hatten sie es dagegen mit spanischen Siedlern zu tun, die den Stamm militärisch zu unterwerfen versuchten. In der kargen, unfruchtbaren Wüstenlandschaft war lediglich der Anbau von Mais und Bohnen möglich und so wurde die Zucht von Pferden, Rindern, Schafen und Ziegen, die sie den Siedlern stahlen zum wichtigsten ökonomischen Grundpfeiler der Diné. Ihre Expertise auf dem Gebiet des Pferdediebstahls sollte ihnen in Form eines zweifelhaften Rufs noch lange anhaften (vgl. Peters 1992: 143).

2.2 Zivilisation und Segregation

Seit 1786 verfolgte die amerikanische Regierung unter Präsident George Washington daher das Ziel der Zivilisation und Assimilation der indigenen Bevölkerung. Sie sollten die Vorzüge der vermeintlich fortschrittlichen Lebensweise der weißen Siedler erkennen, sie übernehmen und so zum Teil der amerikanischen Gesellschaft werden. Dies gelang jedoch nur äußerst selten und die Assimilationsversuche scheiterten insgesamt am erbitterten Widerstand der Indianer. Ihre Versuche, sich der Anpassung an die Kultur der weißen Siedler zu erwehren hatten zahlreiche gewaltsame Aufstände und Kriege zur Folge. Die Amerikaner erklärten die militärische Unterwerfung zum neuen Ziel ihrer Indianerpolitik. Die Zahl der Ureinwohner war durch Kriege mit den Siedlern, aber auch durch ihnen unbekannte Infektionskrankheiten und die systematische Ausrottung der Bisons, die als Nahrungsquelle und Pelzlieferant ihre Lebensgrundlage darstellten, dramatisch eingebrochen (vgl. Sonneborn 2007: 101).

Fortan kam es zu den ersten Zwangsumsiedlungen der Indianer in spezielle Reservate, die ihnen ein Leben in Sicherheit vor den weißen Siedlern und unter Achtung ihrer traditionellen Kultur ermöglichen sollten. Die Reservate wurden durch das 1824 gegründete „Bureau of Indian Affairs“ (fortan: BIA) treuhänderisch verwaltet. Der Landbesitz wurde den Indianer nicht offiziell entzogen, aber sie konnten ihre Ländereien nach der erzwungenen Ansiedlung in Reservaten de facto nicht mehr nutzen. Tatsächlich ging es den USA also natürlich vor allem um kostengünstige Aneignung indianischer Territorien und um die Schaffung neuer Siedlungsgebiete. Vielen Siedlern ging diese Segregation allerdings nicht weit genug, sie forderten die vollkommene Vertreibung der indigenen Bevölkerung in den Westen des Kontinents, der Anfang des 19. Jahrhunderts noch kaum erschlossen war (vgl. Sonneborn 2007: 101).

2.3 Vertreibung und Zwangsumsiedlung

Im Jahre 1830 unterzeichnete der amerikanische Präsident Andrew Jackson ein Räumungsgesetz, das die Zwangsumsiedlung der Indianer in Gebiete westlich des Mississippi ermöglichte („Indian Removal Act“). Klagen verschiedener Indianerstämme wurden mit der Begründung abgewiesen, sie seien keine mündigen, souveränen, nationalstaatlichen Gebilde und hätten sich der Regierung unterzuordnen. Die folgenden staatlich organisierten Vertreibungen, die als Pfad der Tränen (“Trail of Tears“) in die Geschichte eingingen, kosteten allein im Winter 1838/1839 4.000 der insgesamt 15.000 vertrieben Indigenen das Leben. Bis zum Beginn des amerikanischen Bürgerkriegs im Jahre 1861 wurden etwa 70.000 Indianer auf den Pfad der Tränen gezwungen, der einem Viertel von ihnen das Leben kostete (vgl. Marsico 2010: 53 ff.).

„Auf lange Sicht konnte jedoch auch das removal die Landbedürfnisse der Siedler nicht befriedigen“ (Wenzel 2007: 277) und sie strömten scharenweise über den Fluss um sich neue Ländereien anzueignen. Wie schon an der Ostküste kam es zum indianischen Widerstand gegen die Besiedlung ihrer Gebiete und erneut folgten Kriege zwischen amerikanischen Truppen und Indianerstämmen, die mitunter schreckliche Massaker an der indianischen Zivilbevölkerung zur Folge hatte. Die militärische Unterwerfung der Indianer war etwa bis Ende des des 19. Jahrhunderts abgeschlossen und die Verdrängung in Reservate war die Regel, wenngleich der gewaltsame indianische Widerstand in Guerillakriegen teilweise noch lange anhielt (vgl. Sonneborn 2007: 134 f.).

Die Navajo-Gebiete gingen 1848 nach dem siegreichen Krieg gegen Mexiko in den Besitz der USA über. Die Indianer waren jedoch unwillig, sich den Amerikanern zu unterwerfen und in Reservate abdrängen zu lassen. Die Kämpfe zwischen den Navajos und der Armee dauerten Jahre an und waren für die Amerikaner erst von Erfolg gekrönt, als sie die Maisfelder der Indianer zerstört hatten. Nachdem sich die Navajos angesichts einer drohenden Hungersnot ergeben hatten, wurden die Gefangenen „im legendären ‚Langen Marsch‘ 1864 nach Osten […] verschleppt. Hunderte von Indianern starben auf dem Marsch und später im Lager […].“ (Peters 1992: 144). Die Sinnlosigkeit der Deportation zeigte sich schon vier Jahre später, als die Navajos ein neues Reservat in ihren alten Gebieten erhielten. Die weißen Farmer hatten kaum Interesse an dem kargen Wüstenland gezeigt und der Unterhalt der Indianer an für sie fremden Orten war für die US-Regierung daher schlichtweg unrentabel (vgl. Peters 1992: 143 f.).

2.4 Assimilation und Staatsbürgerschaft

Die Amerikaner brachten in neuen Versuchen der kulturellen Anpassung der indigenen Urbevölkerung unterschiedlichste Stämme in kleinen Reservaten unter. Wegen ihrer teilweise völlig differenten Sprachen und Kultur bot das Englische oft die einzige Möglichkeit der Verständigung untereinander, wovon die Regierung sich einen größeren Anpassungsdruck erhoffte. Indigene Kinder wurden in Schulen außerhalb der Reservate unterrichtet, in denen ihre Sprache und Kultur verboten wurde. Teilweise wurden Kinder indigener Stämme sogar gezielt in christliche Internate gezwungen, um sie dem Einfluss der indianischen Kultur zu entziehen. Auch die Navajos waren von diesen Maßnahmen betroffen, weigerten sich jedoch, sie zu befolgen. Die Polizei setzte die Maßnahme dennoch durch und entriss den Familien ihre Kinder, um sie in weit entfernte Internatsschulen zu bringen (vgl. Peters 1992: 144).

Durch den 1887-1933 gültigen „General Allotment Act“ wurde das verbliebene indianische Land, das bis dahin Gemeingut war, durch das BIA in kleinere Grundstücke parzelliert und auf die Familien aufgeteilt. Vielfach veräußerten diese ihre neuen Ländereien stark unter Wert, was vor allem an dem schlechten Bildungsstand innerhalb der indigenen Bevölkerung lag. In diesen Jahren schrumpfte die Fläche indianischer Gebiete erheblich. Darüber hinaus wurde ihr Leben nach wie vor durch Vorgaben des BIA in erheblichem Maße fremdbestimmt. So war zum Beispiel selbst in den Reservaten die Religionsfreiheit der indigenen Bevölkerung erheblich eingeschränkt. Fischfang- und Jagdquoten wurden so niedrig angesetzt, dass kaum mehr als die Deckung des Eigenbedarfs der Familien möglich war und der Handel mit Indianern wurde stark reguliert. So wurden beispielsweise die Preise für von den indigenen Völkern angefertigte Pelze künstlich niedrig gehalten. All das führte zu einer verstärkten Landflucht indigener Bevölkerungsteile in urbane Gebiete, die von Stamm zu Stamm unterschiedlich stark ausgeprägt schon mit den ersten Zwangsumsiedlungen eingesetzt hatte (vgl. Wenzel 2007: 278 ff.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die US-amerikanischen Ureinwohner im 21. Jahrhundert
Untertitel
Indianer als (Staats-)bürger und „citizenship constellations“
Hochschule
Universität Potsdam
Veranstaltung
(Staats-)Bürgerschaft, Nation, Geschlecht
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V176088
ISBN (eBook)
9783640971978
ISBN (Buch)
9783640972982
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
citizenship, citizenship constellation, Geschlechtersoziologie, Staatsbürgerschaft, Indianer, amerikanische Ureinwohner, Indigene, indigene Bevölkerung, USA, Vereinigte Staaten, Indianerreservate, Soziologie, Navajo, Indianernationen, Indian Nations
Arbeit zitieren
Tobi Remsch (Autor), 2011, Die US-amerikanischen Ureinwohner im 21. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176088

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