Ein enger Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und dem erzielten Schulerfolg ist nicht mehr zu leugnen, so wiesen auch verschiedene Studien, so beispielsweise PISA, in den letzten Jahren immer wieder nach, dass das Bildungssystem in die Reproduktion, also die ständige Wiederherstellung sozialer Ungleichheit, involviert ist (vgl. Gill 2008, S.40). Zwar führte die Bildungsreform der 1960-er dazu, dass mehr Menschen an der Bildung teilhaben können, jedoch geht damit keine reell existierende Chancengleichheit aller Schüler, unabhängig ihrer Herkunft, einher: So müssen die „Leistungen von Kindern bildungsschwacher Familien […] um 50% höher liegen, um eine Empfehlung für das Gymnasium zu erhalten, als die Leistungen von Kindern bildungsstarker Familien“ (Otto/Schrödter 2008, S.56). Hierzulande entscheidet der Lehrer (mit den Eltern gemeinsam) über den schulischen Weg des Kindes nach der Grundschulzeit. Diese Tatsache führt neben den schulischen Leistungen der Lernenden dazu, dass Schüler aus sozial benachteiligten Familien erheblich schlechtere Chancen haben, ein Gymnasium zu besuchen als beispielsweise Beamtenkinder: „Lehrer reagieren (unterbewusst) oft positiver auf den Habitus von Kindern aus Mittel- und Oberschicht, und zwar unabhängig von deren Begabungen […]. In mehreren Studien wurde nachgewiesen, dass Kinder von Eltern mit niedrigerem Bildungsstand sehr viel bessere Leistungen aufweisen müssen, um die Übergangsempfehlung zum Gymnasium zu erhalten, als Kinder von Eltern mit gehobenen Bildungstiteln“ (Gill 2008, S.50).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Reproduktion sozialer Ungleichheit im Bildungssystem
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Mechanismen, durch die das Bildungssystem soziale Ungleichheiten dauerhaft reproduziert und verstärkt. Im Fokus steht dabei die Analyse, wie familiäre Hintergründe und das dreigliedrige Schulsystem den individuellen Bildungsverlauf beeinflussen und welche Rolle dabei ökonomische, kulturelle und soziale Kapitalressourcen spielen.
- Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schulerfolg
- Die Rolle der primären und sekundären Herkunftseffekte nach Boudon
- Einfluss der drei Kapitalarten (soziales, kulturelles, ökonomisches Kapital) auf den Bildungsweg
- Kritische Analyse des dreigliedrigen Schulsystems und der frühen Selektion
- Ansätze zur Reform des Bildungssystems und Kompensationsmöglichkeiten
Auszug aus dem Buch
Reproduktion sozialer Ungleichheit im Bildungssystem
Ein enger Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und dem erzielten Schulerfolg ist nicht mehr zu leugnen, so wiesen auch verschiedene Studien, so beispielsweise PISA, in den letzten Jahren immer wieder nach, dass das Bildungssystem in die Reproduktion, also die ständige Wiederherstellung sozialer Ungleichheit, involviert ist (vgl. Gill 2008, S.40). Zwar führte die Bildungsreform der 1960-er dazu, dass mehr Menschen an der Bildung teilhaben können, jedoch geht damit keine reell existierende Chancengleichheit aller Schüler, unabhängig ihrer Herkunft, einher: So müssen die „Leistungen von Kindern bildungsschwacher Familien […] um 50% höher liegen, um eine Empfehlung für das Gymnasium zu erhalten, als die Leistungen von Kindern bildungsstarker Familien“ (Otto/Schrödter 2008, S.56). Hierzulande entscheidet der Lehrer (mit den Eltern gemeinsam) über den schulischen Weg des Kindes nach der Grundschulzeit. Diese Tatsache führt neben den schulischen Leistungen der Lernenden dazu, dass Schüler aus sozial benachteiligten Familien erheblich schlechtere Chancen haben, ein Gymnasium zu besuchen als beispielsweise Beamtenkinder: „Lehrer reagieren (unterbewusst) oft positiver auf den Habitus von Kindern aus Mittel- und Oberschicht, und zwar unabhängig von deren Begabungen […]. In mehreren Studien wurde nachgewiesen, dass Kinder von Eltern mit niedrigerem Bildungsstand sehr viel bessere Leistungen aufweisen müssen, um die Übergangsempfehlung zum Gymnasium zu erhalten, als Kinder von Eltern mit gehobenen Bildungstiteln“ (Gill 2008, S.50).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik der Bildungsungleichheit ein und verdeutlicht die Relevanz der Schule als bedeutende Sozialisationsinstanz für die individuelle Biografie.
2. Reproduktion sozialer Ungleichheit im Bildungssystem: Dieser Abschnitt analysiert die theoretischen Hintergründe, wie soziale Herkunft und das dreigliedrige Schulsystem Bildungschancen ungleich verteilen, wobei insbesondere Kapitaltheorien und Rational-Choice-Ansätze herangezogen werden.
Schlüsselwörter
Soziale Ungleichheit, Bildungssystem, Bildungsbiografie, Chancengleichheit, Pierre Bourdieu, Kapitalarten, Schulerfolg, soziale Herkunft, Bildungsreform, dreigliedriges Schulsystem, Rational-Choice-Theorie, Habitus, Bildungsbenachteiligung, Selektion, Sozialisation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, wie das Bildungssystem soziale Ungleichheiten nicht nur abbildet, sondern aktiv reproduziert und festigt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind der Einfluss der sozialen Herkunft auf den schulischen Erfolg, die Bedeutung von elterlichem Kapital sowie die Auswirkungen der frühen schulischen Selektion in Deutschland.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die soziologischen Hintergründe aufzuzeigen, die dazu führen, dass Kinder aus bildungsfernen Familien signifikant schlechtere Startchancen und Übergangsempfehlungen erhalten als Kinder aus privilegierten Milieus.
Welche wissenschaftlichen Theorien werden verwendet?
Die Analyse stützt sich unter anderem auf die Kapitaltheorie von Pierre Bourdieu, die Unterscheidung in primäre und sekundäre Herkunftseffekte nach Reymond Boudon sowie die Rational-Choice-Theorie zur Erklärung des Investitionsverhaltens von Eltern.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden empirische Befunde und theoretische Modelle diskutiert, die belegen, dass die Schullaufbahn stark vom sozialen Milieu, den ökonomischen Ressourcen und der kulturellen Ausstattung des Elternhauses abhängt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind soziale Herkunft, Bildungsungleichheit, Habitus, Kapitalarten (soziales, kulturelles, ökonomisches), Selektion und dreigliedriges Schulsystem.
Welche Rolle spielt die Empfehlung durch die Lehrkraft?
Die Lehrkraftentscheidung am Ende der Grundschulzeit fungiert laut Arbeit als sozialer Filter, der bei Kindern aus bildungsschwachen Familien höhere Leistungen erfordert als bei Kindern aus bildungsstarken Häusern.
Warum gelten Hauptschüler als dreifach benachteiligt?
Sie sind benachteiligt durch die familiäre Ressourcenausstattung, die inhaltliche Reduktion der Lerninhalte in der Hauptschule sowie durch die Stigmatisierung und soziale Isolierung innerhalb dieses Schulzweigs.
- Quote paper
- Hanna Ruehle (Author), 2010, Reproduktion sozialer Ungleichheit im Bildungssystem, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176167