Seit dem Beginn des Kapitalismus im Zuge der industriellen Revolution vor allem im 19. Jahrhundert und der zunehmenden Globalisierung der Welt seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist es zu einer Mobilisierung von Millionen von Menschen gekommen, die infolge von Migrationsbewegungen ihr Herkunftsland verlassen haben, was zu einer Fülle von neuen Sprachkontaktsituationen geführt hat, die aufgrund der immer weiter steigenden Mobilität des modernen Menschen auch immer häufiger wechseln.
Die Folgen dieser neuen Sprachkontakte im Zuge der Wanderungsbewegun-gen der letzten 150 Jahre „sind vielleicht nur mit den Folgen der europäischen Völkerwanderung in der Spätantike zu vergleichen“, die der Auslöser für die Entwicklung vieler moderner europäischer Sprachen aus durch Sprachkontakten entstandener Mehr- und Mischsprachigkeit war.
Der Vergleich dieser Völkerwanderung mit den neuen Migrationsbewegungen soll das Ausmaß deutlich machen, das Wanderungsbewegungen auf Sprachen haben können, wobei jedoch die inzwischen gefestigten Sprachstrukturen in den in dieser Arbeit hauptsächlich untersuchten Aufnahmeländern Westeuropas berücksichtigt werden müssen, so daß trotz der mit der Globalisierung der Welt einhergehenden größeren Mobilität des Menschen im Vergleich zur Migration der Spätantike durch den Einfluß anderer Sprachen so gut wie keine Veränderungen in den Aufnahmesprachen zu erwarten sind.
Diese These wird dadurch bestätigt, daß das Bewußtsein für diese Sprachmischungen im Laufe der letzten zweihundert Jahre im Zusammenhang mit der Etablierung bürgerlicher Nationalstaaten in Europa größtenteils verdrängt worden ist, so daß die allgemeine Einstellung zur Sprachmischung eher negativ ist. Außerdem ist die Anzahl der Mitglieder anderssprachiger ethnischer Minderheiten in diesen Ländern meist zu gering, um Einfluß auf die Aufnahmesprache zu nehmen.
Interessant ist es aber, der Frage nachzugehen, inwieweit sich möglicherweise die Herkunftssprache der durch Migration entstandenen ethnischen Minderheiten in einem Land mit einer für sie fremden dominanten Aufnahmesprache verändert.
Hierbei muss zwischen den Folgen für die Herkunfts- und Aufnahmesprache aller Mitglieder eines sozialen Migrantennetzwerks in einem Aufnahmeland und den Folgen für das individuelle Sprachverhalten einzelner Migranten vor dem Hintergrund von Herkunfts- und Aufnahmesprache unterschieden werden.
Inhaltsverzeichnis
0. EINLEITUNG
1. MIGRATION
1.1. Geschichte der Migration
1.1.1. Vor 1945
1.1.2. 1945 bis 1989
1.1.2.1. Erste Phase
1.1.2.2. Zweite Phase
1.1.3. 1989 bis 2002
1.2. Aufnahmeländer
2. BILINGUALISMUS
2.1. Individueller Bilingualismus
2.2. Gesellschaftlicher Bilingualismus
2.2.1. Monolinguale Staaten
2.2.2. Eigentlich multilinguale Staaten
2.2.3. Bilinguale Staaten
2.2.3.1. Territorialer Bilingualismus am Beispiel Belgiens
2.2.3.2. Institutioneller Bilingualismus am Beispiel Kanadas
2.2.4. Multilinguale Staaten
2.2.5. Gründe für die Entstehung multilingualer Staaten
2.3. Diglossie
3. SPRACHMIGRATION
3.1. Die Geschichte der Sprachmigration
3.2. Arbeitsmigration gleich Sprachmigration?
3.2.1. Definition
3.2.2. Integration oder Assimilation
3.2.3. Periodisierung der Gastarbeitermigration
3.3. L 1 und L 2 zwischen den Generationen
3.3.1. Die erste Generation
3.3.1.1. Gruppe 1
3.3.1.2. Gruppe 2
3.3.2. Die zweite Generation
3.3.3. Die dritte Generation
3.4. Interne und externe Migration
3.4.1. Sozioökonomische Aspekte
3.4.2. Sprachliche Aspekte
3.5. Fallstudie
4. MIGRATION UND SPRACHE
4.1. Vorgeschichte
4.1.1. Neue Sprachen
4.1.2. L 1–Sprachen in den Niederlanden
4.1.3. Vorausgehende Studien
4.2. NWO – Studie
4.2.1. Grundlagen
4.3. Frühe bilinguale Entwicklung
4.3.1. Hintergrund
4.3.2. NWO – Ergebnisse
4.4. Bilinguale Entwicklung im Schulalter
4.4.1. Hintergrund
4.4.2. NWO – Ergebnisse
4.4.3. Politische Konzepte bilingualer Erziehung
4.4.3.1. Grundlagen
4.4.3.2. Schweden
4.4.3.3. Deutschland
4.4.3.4. Niederlande
4.4.3.5. Zusammenfassung
4.5. Codeswitching
4.5.1. Hintergrund
4.5.2. NWO – Ergebnisse
4.5.3. Fallbeispiel: Codeswitching
4.5.3.1. Hintergrund
4.5.3.2. Ergebnisse
4.6. Sprachwandel und Sprachverlust
4.6.1. Hintergrund
4.6.2. NWO – Methoden
4.6.2.1. Sprachwahl
4.6.2.2. Sprachkompetenz
4.6.2.3. Relativsätze
4.6.3. Ergebnisse
4.6.4. Sprachwandel bei Rückkehrern
4.6.4.1. Hintergrund
4.6.4.2. Untersuchungen
4.6.4.3. Ergebnisse
5. RESÜMEE
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das sprachliche Verhalten von Migranten vor dem Hintergrund der Migrationsbewegungen nach Westeuropa und analysiert, inwieweit durch Migration individueller Bilingualismus entsteht und wie sich die sprachliche Entwicklung dieser Individuen von monolingualen Gruppen unterscheidet.
- Migration und ihre Auswirkungen auf das Sprachverhalten
- Individueller und gesellschaftlicher Bilingualismus
- Sprachwandel und Sprachverlust in Migrationskontexten
- Die Rolle von Codeswitching in bilingualen Biographien
- Politische Konzepte der Migrations- und Bildungspolitik in Europa
Auszug aus dem Buch
1.1. Geschichte der Migration
In der Folge geht es hier nun darum, die Geschichte der Migration zu betrachten. Hierbei geht es um die Gründe sowie Richtung und Hintergründe von Wanderungsbewegungen. Ich habe eine zeitliche Dreiteilung vorgenommen, die sich an Castles und Miller orientiert, da sich durch sie die unterschiedlichen Epochen der Migration darstellen lassen.
1.1.1. Vor 1945
Die Zeit vor 1945 lässt sich vor dem Hintergrund der Geschichte der Migration in einige bedeutende Epochen einteilen. Die erste beginnt mit der Kolonialisierung der Welt durch die Europäer, die in einem Migrationskontext vor allem das 18. Jahrhundert umfasst, aber auch noch in das 19. Jahrhundert hineinreicht, was nicht bedeutet, dass es vorher keine Migration gegeben hätte. Sie wird zu einem späteren Zeitpunkt in 3.1 vor dem Hintergrund der Sprachmigration von Interesse sein.
Zusammenfassung der Kapitel
0. EINLEITUNG: Einführung in die Thematik der Migration und deren Einfluss auf die Entstehung von Mehrsprachigkeit sowie die methodische Vorgehensweise der Arbeit.
1. MIGRATION: Detaillierte Betrachtung der historischen Entwicklung der Migration, unterteilt in Zeitabschnitte, sowie Analyse der unterschiedlichen Aufnahmeländer und deren Umgang mit Migranten.
2. BILINGUALISMUS: Erläuterung der Definitionen und Erscheinungsformen von individuellem und gesellschaftlichem Bilingualismus sowie der Diglossie.
3. SPRACHMIGRATION: Analyse der Auswirkungen von Migration auf die Sprache von Individuen und Gruppen unter Berücksichtigung von Arbeitsmigration und Generationeneffekten.
4. MIGRATION UND SPRACHE: Vertiefende Untersuchung der NWO-Studie, die den Spracherwerb und Sprachwandel bei Migranten in den Niederlanden in den Fokus rückt, inklusive Codeswitching und Sprachverlust.
5. RESÜMEE: Zusammenfassende Betrachtung der gewonnenen Erkenntnisse und Reflexion der bilingualen Entwicklung im Kontext moderner Migrationsgesellschaften.
Schlüsselwörter
Migration, Bilingualismus, Sprachwandel, Sprachverlust, Arbeitsmigration, Codeswitching, Gastarbeiter, Integration, Sprachsoziologie, L1-Erwerb, L2-Erwerb, Sprachkontakt, ethnische Minderheiten, Mehrsprachigkeit, Bildungspolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der durch Migrationsbewegungen entstehenden Mehrsprachigkeit und untersucht, wie sich die sprachliche Entwicklung von Migranten im Vergleich zu monolingualen Sprechern verhält.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Geschichte der Migration, theoretische Grundlagen des Bilingualismus und der Diglossie, die Dynamik der Sprachmigration sowie die Auswirkungen von Sprachwandel und -verlust auf Migrantengruppen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist es zu klären, wie Bilingualismus durch Migration entsteht und ob sich die sprachliche Entwicklung bilingualer Migranten substanziell von der monolingualer Individuen unterscheidet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Auseinandersetzung mit der Fachliteratur sowie die Analyse empirischer Fallstudien und Forschungsergebnisse, wie etwa der NWO-Studie in den Niederlanden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Migrationsgeschichte, theoretische Definitionen von Bilingualismus, die spezifische Situation der Sprachmigration bei Arbeitsmigranten und die Analyse von Sprachwandel, Codeswitching und bildungspolitischen Konzepten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Migration, Bilingualismus, Sprachwandel, Codeswitching, Gastarbeiter, Sprachkontakt und Bildungspolitik.
Welche Rolle spielt die Generationenzugehörigkeit bei der Sprachaneignung?
Die Arbeit verdeutlicht, dass die erste Generation L2 meist nur für instrumentelle Zwecke nutzt, während spätere Generationen, die im Aufnahmeland sozialisiert werden, das L1-L2-Verhältnis komplexer und oft asymmetrisch gestalten.
Wie beeinflusst das Aufnahmeland den Erfolg der Integration?
Die Arbeit zeigt auf, dass verschiedene politische Ansätze – vom restriktiven Modell der Assimilation bis hin zu fördernden Modellen bilingualer Erziehung (z. B. Schweden) – einen erheblichen Einfluss auf den Bildungserfolg und die sprachliche Entwicklung von Migrantenkindern haben.
- Quote paper
- Oliver Buchholz (Author), 2003, Mehrsprachigkeit durch Migration, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17617