Arbeits- und konfliktreicher Alltag von Dienstmädchen im bürgerlichen Haushalt des 19. Jahrhunderts

Ein Ringen um Autonomie und Anerkennung


Hausarbeit, 2003
18 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vom Land in die Stadt
2.1 Erwartungen und Hoffnungen - Ein Aufbruch
2.2 Arbeitgeber und sozialer Status
2.3 Arbeitszeit und Entlohnung

3. Die Problematik – Mangelnde Autonomie und Anerkennung
3.1 Gegenspielerin oder Vertraute - Die Hausherrin
3.2 Ständige Kontrolle
3.3 Auslöser der Konflikte - Ein Erklärungsversuch

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Weiße Haube, dunkle Schürze, freundlich lächelnd, den Staubwedel in der Hand – jeder verbindet ein bestimmtes Bild mit den Dienstmädchen im 18. und 19. Jahrhundert. Doch wie weit stimmen die Klischees mit der Realität überein: Hatten Dienstmädchen der „gnädigen Dame“ lediglich den Nachmittags-Tee zu servieren, sortierten sie den ganzen Tag nur das Silberbesteck oder naschten sie heimlich in der Küche und tratschten mit den anderen Bediensteten des Hauses? Wissenschaftlich fundierte Schilderungen kann man in zeitgenössischer Literatur des 19. Jahrhunderts nicht erwarten. In dieser Zeit fragte keiner der Autoren nach dem Befinden der Dienstmädchen, nach ihren Bedürfnissen und Wünschen und vor allem nach dem, was hinter der Fassade steckte: Ob und warum Arbeitgeber und Bedienstete Meinungsverschiedenheiten hatten, wann das Dienstmädchen Feierabend hatte, wie es entlohnt wurde und welche Aufgaben es neben dem Servieren erledigte; davon liest man in „Effi Briest“ und „Jenny Treibel“ selten oder nie – ein Grund mehr, darüber zu schreiben. Hervorheben möchte ich dabei vor allem das Verhältnis zwischen Dienstmädchen und Hausfrau als gleichgeschlechtliches Mitglied des Haushalts, und die von ihr aufgetragenen Arbeiten und geforderten Arbeitszeiten. Hier findet sich die Basis für die Konflikte und Probleme, die die intime Atmosphäre des Hauses damals nie hätten verlassen dürfen - gerade darum möchte ich diese Unstimmigkeiten untersuchen.

2. Vom Land in die Stadt

2.1 Erwartungen und Hoffnungen – Ein Aufbruch

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren es fast ausschließlich Frauen, die als häusliche Dienstboten arbeiteten. Haushalte in den Städten beschäftigten sie als Dienstmädchen, Mädchen für alles, Stuben- und Kindermädchen, sowie höher qualifizierte Köchinnen und Wirtschafterinnen. Um die Jahrhundertwende bildeten Dienstmädchen die größte Berufsgruppe der Frauen, die außerhalb des eigenen Heims einer Erwerbsarbeit nachgingen. Fast ein Drittel von ihnen war als Dienstmädchen beschäftigt; in der Industrie, die Heimarbeiterinnen mitgezählt, gab es nur halb so viele weibliche Beschäftigte.[1] Die hohe Zahl erklärt sich durch die Attraktivität des Berufes. Viele junge Frauen kamen vom Land in die Städte. „Dort waren sie meist schon im Dienst beim Bauern gewesen und gingen dann wegen des besseren Lohns, aus Neugier oder auch wegen eines unehelichen Kindes in die Fremde, in die Stadt.“[2]

Der Reiz bestand für die jungen Frauen nicht nur in den finanziellen Chancen: die Hoffnungen, die sie mit einer Anstellung in der Stadt verbanden, waren verschiedener Natur. Die einen wollten die Tätigkeit in einem Haushalt als Sprungbrett nutzen, um in der Stadt einen anderen Arbeitsplatz, z.B. als Fabrikarbeiterin, anzunehmen. „Ein anderer und sehr viel häufigerer Grund [...] war, dass die Stellungen in städtisch-bürgerlichen Haushalten bei Bauern- und Handwerkerfamilien auf dem Land und in den Kleinstädten großes Ansehen genossen und als Ausbildung und angemessene Vorbereitung auf die Ehe und das Hausfrauendasein betrachtet wurden.“[3] Das Dienstmädchen hoffte also, in der Stadt einen heiratswilligen Mann zu finden. Denn es galt: „Abgesichert schien das Mädchen als Magd aber nicht nur gegen Verelendung und Verwahrlosung, sondern auch gegen eine nennenswerte Verbesserung ihrer sozialen Situation –Aufstieg, das bot nur die Stadt“[4] - besonders die Ehe mit einem Beamten.

Die jungen Frauen begaben sich somit in eine Art neue Welt, die sie von der bisherigen Tätigkeit in einem Familienverband fortführte. „Es waren haupt-sächlich Töchter von Kleinbauern, Tagelöhnern und ländlichen Kleingewerbe-reibenden, die, meistens im Alter zwischen 15 und 20, in städtische Dienstboten-arbeit eintraten.“[5] Sie waren auf sich gestellt in ihrer neuen Umgebung, mussten sich behaupten und verließen ihre gewohnte Umgebung mit allen (familiären) Bindungen. Der Verlust lastete schwer auf den noch sehr jungen Frauen. „Besonders in den Städten kam die Arbeit im Haushalt und die Aussicht auf Familienanschluss dem Bedürfnis vieler Mädchen vom Land, die ihr Elternhaus und ihre vertraute Umgebung verlassen hatten, nach Sicherheit und menschlicher Geborgenheit in starkem Maße entgegen, so dass der Dienstbotenberuf häufig allen anderen vorgezogen wurde.“[6] Familienanschluss wurde somit von vielen wichtiger eingestuft als der versprochene Lohn, geboten wurde er nur selten. Im Gegensatz zum Dorfalltag lebten die Mädchen nun weitestgehend isoliert. Im Dorf hatten sie die Abende mit Knechten und anderen Mägden verbringen können –Menschen, die sich mit den gleichen Problemen, Wertmaßstäben und Freuden beschäftigten. In der fremden Stadt hatten sie dagegen wenig freie Zeit und Ablenkung.

Dort angekommen mussten die jungen Frauen sich zunächst unterweisen lassen, denn in Stellung zu gehen galt generell als ungelernte Tätigkeit und musste sich quasi vor Ort angeeignet werden. Eine Dienstbotenausbildung gab es erst Ende des 19. Jahrhunderts und war oftmals mit einer für viele Mädchen unerschwing-lichen Ausbildungsgebühr verbunden. Alternativ dazu war „seit 1872 [...] der Handarbeitsunterricht obligatorisch. Nach Zahlen von 1883 stand er in 90 Prozent aller Landvolksschulen auf dem Unterrichtsplan.“[7] Doch theoretische Grundlagen halfen in vielen Fällen nicht weiter: In der Pflege empfindlicher Bodenbeläge und Kleidungsstücke waren die meisten Mädchen nicht bewandert. Auch half der theoretische Unterricht nur begrenzt dabei zu lernen, wie man einen städtisch-bürgerlichen Haushalt zu führen habe. „Die Regel blieb es also, dass die bürgerliche Hausfrau ihr Mädchen anlernen musste –und dieses Anlernen bezog sich eben nicht nur auf Techniken der Parkettpflege und das Servieren edler Soßen und das Abwimmeln unerwünschter Gäste“[8], sondern auch auf Benimm- und Verhaltens-Regeln.

[...]


[1] K. Walser, Dienstmädchen, Frauenarbeit und Weiblichkeitsbilder um 1900, Frankfurt 1986, 17.

[2] I. Weber-Kellermann, Frauenleben im 19. Jahrhundert, München 1983, 19882, 123.

[3] H. Müller, Dienstbare Geister, Leben und Arbeitswelt städtischer Dienstboten, Berlin 1985, 50.

[4] D. Wierling, Mädchen für alles, Arbeitsalltag und Lebensgeschichte städtischer Dienstmädchen um die Jahrhundertwende, Bonn 1987, 61.

[5] Walser 1986, 18.

[6] Müller 1985, 194.

[7] Wierling 1987, 63.

[8] Wierling 1987, 64.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Arbeits- und konfliktreicher Alltag von Dienstmädchen im bürgerlichen Haushalt des 19. Jahrhunderts
Untertitel
Ein Ringen um Autonomie und Anerkennung
Hochschule
Universität Osnabrück  (Fachbereich Neue und Neueste Geschichte)
Veranstaltung
Bürgertum und Bürgerlichkeit im "langen" 19. Jahrhundert: Deutschland im europäischen Vergleich
Note
1,5
Autor
Jahr
2003
Seiten
18
Katalognummer
V17624
ISBN (eBook)
9783638221535
ISBN (Buch)
9783640679546
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Dienstmädchen, Haushalt, Jahrhunderts, Bürgertum, Bürgerlichkeit, Jahrhundert, Deutschland, Vergleich
Arbeit zitieren
Kristine Greßhöner (Autor), 2003, Arbeits- und konfliktreicher Alltag von Dienstmädchen im bürgerlichen Haushalt des 19. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17624

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