Ist Glückseligkeit nach Aristoteles für den Menschen nur in der Gemeinschaft (pólis) zu finden?


Hausarbeit, 2011

17 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Nun ist in vielen Fällen ein richtiges Urteil nicht leicht, am wenigsten aber in dem Fall, wo es allen am leichtesten zu sein und die Erkenntnis für jedermann möglich zu sein scheint, nämlich in der Frage, was von den Dingen im Leben wählenswert ist und wodurch des Menschen Begehren voll befriedigt werden könnte.

Aristoteles, Eudemische Ethik1

1.1 Das Glücksstreben der heutigen Gesellschaft

Wir alle streben nach Glück und einem erfolgreichen Leben. Es wird schwierig werden, einen Philosophen zu finden, der sich ernsthaft gegen diese These aufgelehnt hat. Da das Glücksstreben eine tief verwurzelte Sehnsucht ist, behandelt sowohl die klassische Philosophie der Antike als auch die östliche Philosophie dieses Thema von Anfang an.

Doch so viel Glücksfixierung wie heute gab es noch nie zuvor. Wir werden überhäuft mit Ratge- bern, Studien und neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen über das Glück. Aber was genau ist überhaupt „Glück“? Liebe, Reichtum, Macht und Erfolg? Und wenn wir das herausgefunden haben, wo finden wir dieses ersehnte vollkommene Glück? Interessant für das Gebiet der politischen Philosophie ist das Thema unter anderem aufgrund der Thesen des griechischen Philosophen Aristoteles (384-322 v. Chr.) die besagen, dass wer nicht in einer Gesellschaft lebt, entweder ein Tier oder ein Gott2 ist. Und weiter heißt es bei Aristoteles, dass der Mensch ein politisches Lebewesen3 sei. Diese Aussagen deuten darauf hin, dass das Menschenleben einem Leben in Gemeinschaft entspricht. Ziel eines jeden Menschen ist es, Glückseligkeit in seinem Dasein zu erlangen.4 Bedeutet das folglich, dass Glückseligkeit nach Aristoteles für den Menschen nur in der Gemeinschaft (p ó lis) zu finden ist? Diese Leitfrage soll in meiner Arbeit beantwortet werden.

Im Folgenden wird nicht von dem „Glück“ im Sinne von Glück haben - im Englischen „luck“ - gesprochen, sondern immer von dem altmodischen Begriff der „Glückseligkeit“ (vollkommenes Glück), die hier als Zustand vollkommener, langanhaltender innerer Befriedigung, im Sinne von glücklich sein - im Englischen „happiness“, verstanden wird.

1.2 Aufbau und Ziel der Arbeit

Um die Leitfrage beantworten zu können, wird in Teil 2.1 zunächst genauer untersucht, was Aristoteles überhaupt unter „Glückseligkeit“ versteht. In Teil 2.2 soll dann die philosophische Anthropologie betrachtet werden, um die Beziehung des Individuums zu seinen Mitmenschen, der Gemeinschaft, zu entschlüsseln. Außerdem wird festgestellt, ob sich die einfache Gemein- schaft von einer staatlichen Gemeinschaft unterscheidet und inwieweit der Mensch, der in ihr lebt, glücklich werden kann. In Abschnitt 2.3 wird die Verschiedenheit der Lebensformen des „Betrachtens“ und des „politischen Lebens“ aufgezeigt und welche von beiden die beste Form für den Menschen ist, um Glückseligkeit für sein Leben zu erlangen. Im letzten Teil des Haupt- teils wird das Phänomen der Freundschaft untersucht; ob Freundschaft wichtig für den Menschen ist, um glückselig zu werden, und ihre Bedeutung für das zwischenmenschlichen Gefüge - da die Freundschaft in ihrem Wesen das private und das politische Leben umfasst.

Ziel der Arbeit ist es, anhand der Ermittlungen die Leitfrage zu beantworten. Mit Hilfe der Darstellungen von Aristoteles' Lehren soll herausgefunden werden, inwieweit der Mensch, der hier als Mittelding zwischen Tier und Gott gesehen wird, die Gesellschaft - genauer gesagt die politische Gemeinschaft (p ó lis) - benötigt, um Glückseligkeit zu erlangen. Das Schlusswort gilt der Überlegung, inwiefern Aristoteles' Thesen über das Glück in der Gegenwart Gültigkeit erhalten und ob das Erlangen der vollkommenen Glückseligkeit für den Menschen von heute etwas leichter in einer (staatlichen) Gemeinschaft gelingt oder eher außerhalb von ihr.

Als Primärquellen werden für diese Arbeiten die Werke „ Politik “ (Abkürzung im Folgenden mit: Pol.) und „ Nikomachische Ethik “ (Abkürzung im Folgenden mit: NE), beide von Aristoteles verfasst, verwendet. In dem Werk der Staatsphilosophie „ Politik “ beschäftigt sich Aristoteles mit der richtigen, dem menschlichen Wesen angemessenen Form der Gemeinschaft und der Frage nach der Ordnung der guten Gesellschaft. In „ Nikomachische Ethik “ geht es um die seelische Ordnung des Menschen als ein soziales Wesen. Die Schrift fragt nach dem, was für den Menschen gut ist. Sie versucht, einen Leitfaden zu geben, wie man ein guter Mensch wird und wie man es schafft, ein glückerfülltes Leben zu führen.5

2.1 Der Glücksbegriff bei Aristoteles

2.1.1 Ziele menschlicher Handlungen

Im ersten Buch der „ Nikomachischen Ethik “, behandelt Aristoteles detailliert seinen Glücksbegriff. Er erkennt:

Jede Kunst und jede Lehre, ebenso jede Handlung und jeder Entschluss scheint irgendein Gut zu erstreben.6

Das heißt, das „Gut“ wird als ein Ziel bezeichnet, nach dem alles strebt, und jede Handlung wird vollbracht, um ein vermeintliches oder wahrhaftiges Gut, das in der Handlung angestrebt wird, zu erlangen.7 Zu bemerken ist hier, dass Aristoteles zwischen den Gütern differenziert. Zum einen gibt es Güter, die wir nur als Mittel benutzen, um ein anderes, viel höheres Gut, zu erstreben.8 Ziel der Medizin beispielsweise ist die Gesundheit und Ziel der Ökonomie der Reichtum. Die Medizin ist nur ein Mittel zum Zweck und somit nur ein untergeordnetes Ziel und kein Endziel.9

Des Weiteren existieren Güter, die sowohl Mittel als auch selbst ein Gut sind. Ehre, Lust, Vernunft und Tüchtigkeit beispielsweise, suchen wir zum einen wegen ihrer selbst und zum anderen um der Glückseligkeit willen; wir erhoffen, durch diese Errungenschaften glückselig zu werden.10

Außerdem gibt es jedoch auch Güter, nach denen ausschließlich um ihrer selbst willen gestrebt wird. Es ist offensichtlich, dass dieses Ziel des Handelns das Beste ist. Dieses vollkommene Ziel, das niemals um eines anderen willen gesucht wird, ist die Glückseligkeit, auch eudaimon í a genannt.11

Als selbstgenügsam gilt uns dasjenige, was für sich allein das Leben begehrenswert macht und vollständig bedürfnislos.12

Die Glückseligkeit ist ein in sich autarkes Ziel, sie alleine reicht aus, um den Menschen vollkommen zufrieden zu stellen; nichts kann ihr hinzugefügt werden, da sie schon das Beste ist, was der Mensch erreichen kann.

2.1.2 Die eigentümliche Leistung des Menschen

Die Glückseligkeit ist also das höchste Gut, wonach alles menschliche Handeln strebt. Nun soll geklärt werden, was genau eudaimon í a ist, und auf welchem Weg der Mensch dieses Endziel am geeignetsten erreicht. Aristoteles verweist bei Aufkommen der Frage, wie die Glückseligkeit zu erlangen ist, auf den Begriff der „eigentümlichen Leistung“13 des Menschen. Jeder Mensch der handelt und eine Leistung vollbringt, egal ob Musiker oder Handwerker, vollbringt durch sie das Rechte und Gute. Aus diesem Grund muss es auch für den spezifischen Menschen Aufgaben geben; doch die Frage ist, welches diese besondere Leistung wohl sein mag, die der Mensch, abgesehen von allen seinen anderen Fähigkeiten, besitzt.

Sollte nicht eher so wie das Auge, die Hand, der Fuß und überhaupt jedes einzelne Körperteil seine besondere Leistung hat, auch der Mensch neben all dem seine besondere Leistung besitzen?14

Da das Leben der Ernährung, des Wachstums und der Wahrnehmung auszuschließen ist - aus dem Grund, dass dies nicht nur der Mensch führt, sondern auch das Tier - bleibt noch das „Leben in der Betätigung des vernunftbegabten Teils übrig.“15 Dies ist es, das den Menschen von allen anderen Lebewesen unterscheidet, nur er ist in Besitz dieses „vernunftbegabten Teils“, mit dem Aristoteles einen Teil der Seele meint.

Die spezifische Fähigkeit des Menschen ist es also zu denken und zu überlegen, die Betätigung der Vernunft (l ó gos).16 Der vernunftbegabte Seelenteil ist unterteilt in einen Vernunft besitzenden und einen, der zwar nicht selbst vernünftig ist, jedoch auf die Vernunft zu hören und ihr zu gehorchen vermag. Aber es ist ein Unterschied, ob man etwas nur besitzt, oder es auch richtig gebraucht. Daher liegt die Betonung im vorherigen Zitat auf dem Begriff der „Betätigung“. Wichtig für die „eigentümliche Leistung des Menschen“ ist, dass er diese vernünftige Aktivität der Seele nicht nur irgendwie ausübt, sondern auf eine gute Art und Weise.17 Zusammenfassend lässt sich also sagen: das „Gute für den Menschen“, die Glückseligkeit, ist die Tätigkeit der Seele auf Grund ihrer besonderen Befähigung, und wenn es mehrere solche Befähigungen gibt, nach der besten und vollkommensten; und dies außerdem noch ein volles Leben hindurch.18

[...]


1 Aristoteles, Eudemische Ethik, 12 b 15-18.

2 Aristoteles, Politik, 1253 b 28, S. 48: „Denn wenn eben jeder einzelne für sich nicht selber genügend ist, so verhält er sich zum Staat geradeso wie die Teile eines anderem Ganzen zu diesem letzteren; wenn er aber andererseits nicht an einer Gemeinschaft sich zu beteiligen vermag oder dessen durchaus nicht bedarf wegen seiner Selbstgenügsamkeit, so ist er freilich kein Teil des Staates, aber eben damit entweder ein Tier oder aber ein Gott.“

3 Vgl. Politik, I. Buch, 1253 a 1, S. 47.

4 Vgl. Barnes, Aristoteles, S. 124.

5 Vgl. Weber-Schäfer, Aristoteles, S. 34.

6 NE, I. Buch, 1094 a I, S. 105.

7 Vgl. Weber-Schäfer, Aristoteles, S. 35.

8 Vgl. Ebenda.

9 Vgl. NE, I. Buch, 1094 a I, S. 105.

10 Vgl. NE, I. Buch, 1097 a 19, S. 114.

11 Vgl. Ebenda.

12 NE, I. Buch, 1097 b 7, S. 115.

13 NE, I. Buch, 1097 b 23, S. 115.

14 NE, I. Buch, 1097 b 31, S. 116.

15 Vgl. Ebenda.

16 Vgl. Rapp, Aristoteles, S. 22.

17 Vgl. Ebenda.

18 NE, I. Buch, 1098 a 17, S. 117.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Ist Glückseligkeit nach Aristoteles für den Menschen nur in der Gemeinschaft (pólis) zu finden?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Grundkurs Politische Philosophie
Note
1.3
Autor
Jahr
2011
Seiten
17
Katalognummer
V176255
ISBN (eBook)
9783640973774
ISBN (Buch)
9783640973750
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politik, Philosophie, Aristoteles, Glück, Polis, Eudemonia, Politische Ideengeschichte, Gesellschaft, Glückseligkeit, Leben in der Gemeinschaft, Staat
Arbeit zitieren
Yvonne Rainer (Autor), 2011, Ist Glückseligkeit nach Aristoteles für den Menschen nur in der Gemeinschaft (pólis) zu finden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176255

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