Junge Menschen, die ohne Begleitung nach Deutschland fliehen, stehen vor besonderen Herausforderungen: Sie müssen sich in einem neuen Land zurechtfinden, eine fremde Sprache lernen und gleichzeitig ein komplexes Asylverfahren durchlaufen. Im Jahr 2025 wurden in Deutschland insgesamt 168.543 Asylanträge gestellt.
Besonders bedeutsam für die Kinder und Jugendhilfe ist, dass 4.926 unbegleitete Minderjährige einen Asylerstantrag stellten. Fachkräfte der Sozialen Arbeit begleiten diese jungen Menschen bei der Bewältigung ihrer Lebenssituation und beraten sie in komplexen rechtlichen und sozialen Fragestellungen. Dabei bewegen sie sich häufig im Spannungsfeld zwischen rechtlichen Vorgaben, institutionellen Rahmenbedingungen und den Bedürfnissen der Klient*innen. Gerade im Handlungsfeld Flucht und Asyl entstehen regelmäßig Entscheidungssituationen, für die es keine eindeutig richtige Lösung gibt. Professionelles Handeln erfordert daher neben fachlichem und rechtlichem Wissen auch eine ethische Reflexion.
Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit der ethischen Bewertung eines Praxisfalls aus der ambulanten Kinder- und Jugendhilfe. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie eine Sozialarbeiterin einen jungen Geflüchteten nach der Ablehnung seines Asylantrags in einer existenziellen Entscheidung professionell begleiten soll.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Darstellung des Praxisfalls
2.1 Vorstellung der Einrichtung und des Arbeitskontextes
2.2 Fallbeschreibung
2.3 Relevante Akteur*innen und Beteiligte
2.4 Darstellung des ethischen Dilemmas
2.4.1 Handlungsoption A: Unterstützung der rechtlichen Gegenwehr
2.4.2 Handlungsoption B: Begleitung einer „freiwilligen“ Ausreise
3 Berufsethische Grundlagen der Sozialen Arbeit
3.1 Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession
3.2 Das Tripelmandat als professioneller Orientierungsrahmen
3.3 Menschenwürde und Selbstbestimmung als zentrale Bezugspunkte
4 Ethische Analyse anhand der Prinzipienethik
4.1 Grundannahmen der Prinzipienethik
4.2 Analyse des Falls aus prinzipienethischer Perspektive
5 Ethische Analyse anhand des Utilitarismus
5.1 Grundannahmen des Utilitarismus
5.2 Analyse des Falls aus utilitaristischer Perspektive
6 Ethische Analyse anhand der Tugendethik
6.1 Grundannahmen der Tugendethik
6.2 Analyse des Falls aus tugendethischer Perspektive
7 Vergleich der ethischen Ansätze und kritische Einordnung
8 Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht ein existenzielles ethisches Dilemma im Praxisfeld der ambulanten Kinder- und Jugendhilfe bei der Begleitung eines jungen Volljährigen nach der Ablehnung seines Asylantrags. Im Fokus steht die Forschungsfrage, wie das professionelle Handeln der betreuenden Sozialarbeiterin aus den Perspektiven der Prinzipienethik, des Utilitarismus und der Tugendethik zu bewerten ist und welche Handlungsoption im Spannungsfeld zwischen Selbstbestimmung, Fürsorgepflicht und institutionellen Vorgaben am ehesten fachlich und moralisch vertreten werden kann.
- Ethisches Dilemma zwischen Rechtsmittelverfahren und Vorbereitung einer „freiwilligen“ Ausreise
- Berufsethische Fundierung der Sozialen Arbeit als Menschenrechtsprofession und das Konzept des Tripelmandats
- Kants Pflichtenethik: Würde, Autonomie und die Prüfung von Handlungsmaximen mittels des Kategorischen Imperativs
- Konsequentialistische Folgenabwägung und Gesamtnutzenkalkulation nach Jeremy Bentham und John Stuart Mill
- Tugendethische Haltung nach Aristoteles: Praktische Klugheit (Phronesis) und das Finden der rechten Mitte (Mesotes)
- Kritische Reflexion der strukturellen Bedingungen im asylrechtlichen Hilfesystem und der Grenzen ethischer Theorien in der Praxis
Auszug aus dem Buch
6.1 Grundannahmen der Tugendethik
Die Tugendethik geht insbesondere auf Aristoteles zurück. Als Tugend wird eine gefestigte charakterliche Haltung verstanden, durch die Menschen das moralisch Richtige aus eigener Überzeugung erkennen und anstreben. Dazu gehören Eigenschaften wie Aufrichtigkeit, Selbstlosigkeit, Hilfsbereitschaft oder Weisheit. Der Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung eines guten Charakters, der sich im Handeln zeigt (Keller, 2016, S. 41).
Aristoteles versteht Tugend als eine „lobenswerte Haltung“, die den Charakter und damit das moralische Handeln prägt (Schumacher, 2013, S. 39-40). Charakter und Handeln stehen dabei in einem engen Zusammenhang: Der Charakter beeinflusst das Handeln, entwickelt und festigt sich aber auch durch wiederholtes Handeln (Panza & Potthast, 2011, S. 111-112).
Ein zentraler Ausgangspunkt der Tugendethik ist die Frage nach dem guten beziehungsweise gelingenden Leben. Aristoteles geht davon aus, dass jedes menschliche Handeln auf ein bestimmtes Gut ausgerichtet ist. Das höchste Gut ist für ihn die Glückseligkeit, die als Eudaimonia bezeichnet wird. Darunter ist nicht nur ein kurzfristiges Glücksgefühl zu verstehen, sondern eine insgesamt gelingende und erfüllte Lebensführung (Nathschläger, 2025, S. 68; Schäfer, 2021, S. 78-79).
Tugenden sind nicht angeboren, sondern werden durch Übung, Gewöhnung und wiederholtes Handeln entwickelt. Wer gerecht, mutig oder besonnen handeln möchte, muss diese Handlungsweisen regelmäßig praktizieren. Aus einzelnen Handlungen können sich auf diese Weise stabile Gewohnheiten und schließlich gefestigte Charakterhaltungen entwickeln.
Tugendhaftes Handeln setzt daher sowohl eine bewusste Entscheidung als auch die Bereitschaft voraus, das eigene Verhalten dauerhaft einzuüben (Panza & Potthast, 2011, S. 112-114, 122-123). Diese erworbene und durch wiederholte Praxis geformte Haltung wird als Hexis bezeichnet (Nathschläger, 2025, S. 72).
Ein weiteres Element der Tugendethik ist die Lehre von der richtigen Mitte, die als Mesotes bezeichnet wird. Tugendhaftes Handeln liegt häufig zwischen einem Zuviel und einem Zuwenig. Mut kann beispielsweise als Mitte zwischen Feigheit und Leichtsinn verstanden werden. Die richtige Mitte muss abhängig von der jeweiligen Person und Situation bestimmt werden. Es geht nicht darum, immer möglichst gemäßigt zu handeln, sondern in der konkreten Situation das angemessene Maß zu finden (Nathschläger, 2025, S. 69, 73; Panza & Potthast, 2011, S. 121-122).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Das Kapitel führt in die gesellschaftliche und aufenthaltsrechtliche Problemlage unbegleiteter junger Geflüchteter ein, formuliert die zentrale Fragestellung und skizziert den methodischen Aufbau der Arbeit.
2 Darstellung des Praxisfalls: Dieser Abschnitt beschreibt die Ausgangslage eines 19-jährigen Guineers im Betreuten Jugendwohnen nach Erhalt eines ablehnenden Asylbescheids sowie das resultierende Dilemma zwischen Rechtsmittelklage und begleiteter Rückkehr.
3 Berufsethische Grundlagen der Sozialen Arbeit: Das Kapitel erläutert das Selbstverständnis der Profession als Menschenrechtsprofession, führt das Tripelmandat ein und diskutiert die normativen Leitwerte Menschenwürde und Selbstbestimmung.
4 Ethische Analyse anhand der Prinzipienethik: Ausgehend von Immanuel Kants Pflichtenethik, Autonomiebegriff und Kategorischem Imperativ wird der Praxisfall hinsichtlich deontologischer Maximen und der Selbstzweckformel analysiert.
5 Ethische Analyse anhand des Utilitarismus: Das Kapitel wendet das utilitaristische Konsequenzen- und Nutzenprinzip an und wägt die potenziellen Folgen, Belastungen und Schutzchancen beider Handlungsoptionen gegeneinander ab.
6 Ethische Analyse anhand der Tugendethik: Aus aristotelischer Sicht werden die Haltung der Fachkraft, die praktische Klugheit (Phronesis) und das Finden der Situationsangemessenheit (Mesotes) im Beratungsprozess reflektiert.
7 Vergleich der ethischen Ansätze und kritische Einordnung: Die drei Theorieansätze werden einander gegenübergestellt, wobei ihre jeweiligen Stärken, Grenzen und praktischen Implikationen für professionelles Handeln herausgearbeitet werden.
8 Fazit und Ausblick: Das Schlusskapitel fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen, schildert den tatsächlichen weiteren Verlauf des Falles und problematisiert das Aushalten von Ambivalenzen im asylpolitischen Hilfesystem.
Schlüsselwörter
Soziale Arbeit, Berufsethik, Prinzipienethik, Utilitarismus, Tugendethik, Asylverfahren, Fluchtmigration, Tripelmandat, Autonomie, Selbstbestimmung, Menschenwürde, Praktische Klugheit, Phronesis, Kinder- und Jugendhilfe, Ethisches Dilemma
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit befasst sich mit der ethischen Analyse und Bewertung einer existentiellen Entscheidungssituation in der ambulanten Jugendhilfe, in der ein junger Geflüchteter nach der Ablehnung seines Asylantrags durch eine Fachkraft beraten und begleitet werden muss.
Welche zentralen Themenfelder werden theoretisch und praktisch behandelt?
Zentrale Themenfelder sind die Berufsethik der Sozialen Arbeit als Menschenrechtsprofession, das asylrechtliche Spannungsfeld zwischen Ausreiseverpflichtung und Schutzbedürfnis sowie die klassischen normativen Ethiktheorien Deontologie, Utilitarismus und Tugendethik.
Was ist das primäre Ziel beziehungsweise die leitende Fragestellung?
Das primäre Ziel ist die Beantwortung der Frage, wie das professionelle Handeln der Sozialarbeiterin aus prinzipienethischer, utilitaristischer und tugendethischer Sicht zu bewerten ist und welches Vorgehen im Umgang mit dem Dilemma am ehesten fachlich begründet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Erkenntnisgewinnung genutzt?
Es handelt sich um eine theoriegeleitete, hermeneutisch-analytische Fallstudie, bei der ein konkreter Praxisfall systematisch anhand von drei normativen ethischen Modellen reflektiert und vergleichend bewertet wird.
Was wird im Hauptteil des Werkes konkret analysiert?
Im Hauptteil werden zwei konträre Handlungsoptionen – die risikoreiche rechtliche Klage gegen den Bescheid versus die Unterstützung einer sogenannten freiwilligen Ausreise – jeweils separat aus der Perspektive von Kants Prinzipienethik, dem utilitaristischen Nutzenkalkül und der aristotelischen Tugendethik geprüft.
Welche Schlüsselbegriffe prägen den theoretischen Rahmen der Publikation?
Wesentliche Schlüsselbegriffe sind das Tripelmandat, Menschenwürde, Autonomie, Selbstzweckformel, Konsequenzenprinzip, Eudaimonia, Hexis, Phronesis und Mesotes.
Welche Rolle spielt das Konzept des Tripelmandats nach Silvia Staub-Bernasconi in dieser Untersuchung?
Das Tripelmandat erweitert die klassische Bindung an Klienteninteressen und institutionell-staatliche Vorgaben um ein eigenständiges professionelles Mandat, das sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen, berufsethischen Standards und den Menschenrechten orientiert.
Zu welchem Ergebnis gelangt die Analyse hinsichtlich des Begriffs der „freiwilligen Ausreise“?
Die Arbeit problematisiert den Begriff kritisch, da eine echte Freiwilligkeit nur bei realen Wahlalternativen vorliegt; unter dem Druck einer drohenden Abschiebung und existenzieller Gefährdungen spiegelt die Ausreise vielmehr asymmetrische institutionelle und rechtliche Machtstrukturen wider.
Wie verlief der analysierte Praxisfall in der Realität weiter?
Der Klient entschied sich zunächst für eine Klage, versäumte jedoch den anwaltlichen Fristtermin, woraufhin die Klagefrist verstrich, er den Kontakt weitgehend abbrach und die Jugendhilfe schließlich nach mehrmonatiger Unerreichbarkeit eingestellt wurde.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2026, Ethik in der Sozialen Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1762652