Das studentische Subjekt. Eine qualitative Untersuchung von Studentenmagazinen


Diplomarbeit, 2011

104 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Rahmen
2.1 Das hybride Subjekt
2.2 Das unternehmerische Se1bst
2.3 Der neue Geist des Kapita1ismus

3. Methodisches Vorgehen
3.1 Genea1ogie der Subjektivierung
3.2 E1emente der Diskursana1yse
3.3 Grounded Theory
3.4 Die Ana1yseschritte

4. Das Untersuchungsmaterial
4.1 Geschicht1iche Entwick1ung der Studentenpresse
4.2 Studentenmagazine a1s Pub1ikumszeitschriften
4.3 Wer spricht?
4.3.1 „Die Studentengeneration 2010“
4.3.2 „Vo11e Kraft in die Optimierungsfa11e“
4.3.3. Studenten, Experten, Umfragen

5. Konturen der „Studenten von heute“
5.1 Grenzziehungen: Studenten a1s „Generation“
5.2 Ausgangsbedingungen: Bi1dungsreformen und g1oba1e Krisen
5.3 Befind1ichkeiten und Hand1ungsprinzipien
5.3.1 Ängste und Sorgen
5.3.2 Individua1ismus und Konformität
5.3.4 Pragmatismus
5.3.5 Zusammenfassung
5.4 Hand1ungsfe1der
5.4.1 Netzwerke
5.4.2 Proteste
5.4.3 Freiwi11iges Engagement und unternehmerische Initiativen
5.5 Zusammenfassung der Ana1yseergebnisse

6. Das studentische Subjekt
6.1 Das studentische Subjekt a1s Individuum
6.2 Das studentische Subjekt a1s Projektarbeiter
6.2.1 Aktivität, grenzen1os
6.2.2 F1exibi1ität
6.3 Das studentische Subjekt a1s risikofreudiger Unternehmer
6.4 Das studentische Subjekt a1s Networker
6.5 Das studentische Subjekt a1s sich se1bst entfa1tendes Kreativsubjekt
6.6 Se1bstoptimierung versus Se1bstentfa1tung: Fa11beispie1 „Nina“
6.7 Das Anti-Subjekt

7. Studentenmagazine und Subjektordnungen
7.1 Sozia1isation, Se1bstverortung, Schemata
7.2 Das studentische Subjekt in Studentenmagazinen

8. Ausb1ick

Literaturverzeichnis

Verzeichnis des Ana1ysemateria1s

Anhang

1. Einleitung

Studierende machen heute einen nicht geringen Teil der Gesamtbevölkerung aus. l9l0 lag ihre Zahl im gesamten deutschen Kaiserreich bei 55.000. Hundert Jahre später studieren an den Hochschulen der Bundesrepublik gut 2 Millionen Menschen (Statistisches Bundesamt 20l0: 2l). Dessen ungeachtet ist mit dem Studium nach wie vor ein gewisser elitärer Anspruch verbunden. Einen solchen vermittelt schon der Begriff: Das lateinische Verb „studere“ bedeutet „sich bemühen“ oder „(danach) streben“. Die vorliegende Arbeit interessiert sich für die medialen Repräsentation dieser besonderen Bevölkerungsgruppe, in der das Konzept der Masse und das der Elite aufeinanderzutreffen scheinen.

In einem ersten Schritt will diese Untersuchung mit den Mitteln einer offenen, qualitativen Textanalyse die Konturen der „Studenten von heute“1 nachzeichnen, so wie sie in kommerziellen und landesweit erhältlichen Studentenmagazinen2 erscheinen. Ziel der Arbeit ist aber nicht eine deskriptive Analyse, sondern die Ermittlung der sozialen Funktion und kulturellen Bedeutung des massenmedial vermittelten Bildes von den Studierenden. Daher wird es in einem zweiten Schritt in einen gesamtgesellschaftlichen – oder 'gesamtkulturellen' – Rahmen eingeordnet.

Es wird die Hypothese aufgestellt, dass die Beschreibungen der Studierenden in Studentenmagazinen spezifischer Ausdruck einer umfassenden Subjektkultur der Postmoderne, eines Subjektivierungsregimes der unternehmerischen Selbstregierung und einer neuen Rechtfertigungsordnung des Kapitalismus sind. Die aus dem Material gewonnenen Analyseergebnisse werden vorrangig mit drei aktuellen Untersuchungen in Beziehung gesetzt, die sich mit den entsprechenden Phänomenen befassen: „Das hybride Subjekt“ von Andreas Reckwitz (2006), „Das unternehmerische Selbst“ von Ulrich Bröckling (2007) sowie „Der neue Geist des Kapitalismus“ von Luc Boltanski und Ève Chiapello (2003).

Im Rahmen von Gesellschaftsbeschreibungen bezeichnet der Begriff der Postmoderne im weitesten Sinne eine Situation, in dem die „großen Erzählungen“ einer aufgeklärten, fortschreitenden Moderne der Pluralität unterschiedlichster Sprachspiele, Handlungsformen, Werte und Lebensweisen weichen. Diese stehen gleichberechtigt nebeneinander und lassen unendliche Kombinationsmöglichkeiten zu (vgl. Joas/Knöbl 2004: 5llff.). In der vorliegenden Arbeit wird der Begriff in einem spezifischeren Sinne verwendet. Er bezieht sich mehr oder weniger auf Entwicklungen „nach Achtundsechzig“, insbesondere auf den Zeitraum zwischen den l980er Jahren und heute (vgl. Reckwitz 2006: 24f.). Reckwitz, Bröckling, Boltanski und Chiapello konstatieren für diese Jahre einen fundamentalen Wertewandel: Die Impulse der kulturellen Gegenbewegungen der l960er und 70er Jahre wurden und werden in der Gesamtgesellschaft so verarbeitet, dass sie heute dazu beitragen, effizientere Arbeits- und Produktionsformen zu realisieren und produktive, sich selbst entfaltende, regierende und optimierende Subjekte zu formen.

In diesem Prozess bilden sich Subjektordnungen heraus, die „auf sehr spezifische Weise modellieren, was ein Subjekt ist, als was es sich versteht, wie es zu handeln, zu reden, sich zu bewegen hat, was es wollen kann“ (Reckwitz 2006:34). Diese Subjektmodelle sind jedoch nie vollständig und in stabiler Form zu verwirklichen, den Einzelnen konfrontieren sie daher beständig mit neuen Zumutungen und Formen des Scheiterns.

Andreas Reckwitz und Ulrich Bröckling betonen beide die Rolle der Medien bei der (Re-)Präsentation entsprechender Subjektmodelle und Antimodelle sowie bei der Vermittlung konkreter Subjektivierungstechniken. Da die Studierenden in Deutschland eine so große Bevölkerungsgruppe bilden, mit der zudem die Vorstellung verbunden ist, dass sich aus ihr die zukünftige wirtschaftliche, kulturelle und soziale Elite rekrutiert, liegt die Vermutung nahe, dass die gegenwärtigen Subjektordnungen zum Zwecke der eigenen Reproduktion auch ein Modell des 'idealen Studenten' bereitstellen, dem es sich anzunähern gilt.3 Aufbauend auf die Untersuchungen über (post-)moderne Subjektmodelle geht diese Arbeit daher der Frage nach:

Gibt es ein spezifisches „studentisches Subjekt“, das als massenmedial vermitteltes Subjektmodell in Studierendenzeitschriften die Werte, Anforderungen und Strategien postmoderner Subjektordnungen repräsentiert?

Die Untersuchungen „Das hybride Subjekt“, „Das unternehmerische Selbst“ und „Der neue Geist des Kapitalismus“ spielten bereits in der Phase der Materialsichtung und der offenen Analyse eine Rolle. Daher gibt Kapitel 2 zunächst einen Überblick über deren Fragestellungen, Vorgehensweisen und wichtigsten Thesen. Das methodische Vorgehen der qualitativen Analyse wird in Kapitel 3 beschrieben. Die Arbeit orientiert sich hinsichtlich ihrer Fragestellung an dem Forschungsprogramm einer Genealogie der Subjektivierung im Sinne Bröcklings (3.l) und integriert Elemente diskursanalytischer Ansätzen (3.2). Die Datensammlung und die Analysearbeit folgen, um eine zunächst offene Analyse des Bildes der Studierenden in den Massenmedien zu gewährleisten, den Prinzipien der Grounded Theory (3.3). Über die konkreten Analyseschritte dieser Arbeit klärt das Unterkapitel 3.4 auf.

In Kapitel 4 wird zur Orientierung ein Blick auf das Untersuchungsmaterial geworfen. Es beginnt mit einem geschichtlichen Abriss über die Entwicklung der Studentenpresse in Deutschland vom l9. Jahrhundert bis in die l970er Jahre (4.l). Anschließend werden die untersuchten Studentenmagazine charakterisiert, ihre Inhalte, Zielgruppen, Gliederungen u.ä. (4.2). Die zwei Zeitschriftenartikel, die als Einstieg in die Analyse dienten, werden vorgestellt und unter der Frage „Wer spricht?“ (4.3) betrachtet: In welcher Form und von wem werden im Material Aussagen über die Studenten getroffen?

Die Konturen der „Studenten von heute“, wie sie die Magazine darstellen, werden in Kapitel 5 nachgezeichnet. Es stellt die Ergebnisse der offenen, größtenteils deskriptiven Analyse vor. Wie werden die Studierenden als Gruppe eingegrenzt und von anderen unterschieden? (5.l) Unter welchen Ausgangsbedingungen leben und studieren sie? (5.2) Wie sehen ihre Befindlichkeiten und Handlungsprinzipien aus? (5.3) Was sind wichtige Handlungsfelder der Studierenden? (5.4) Die Analyseergebnisse werden am Ende des Kapitels zusammengefasst, unter Berücksichtigung möglicher Beziehungen zwischen den einzelnen Kategorien (5.5).

Kapitel 6 versucht die eigentliche Frage dieser Untersuchung zu beantworten: Gibt es ein spezifisches „studentisches Subjekt“, das als massenmedial vermitteltes Subjektmodell in den Studierendenzeitschriften die Werte, Anforderungen und Strategien postmoderner Subjektordnungen repräsentiert? Mit Verweisen auf Reckwitz, Bröckling, Boltanski und Chiapello wird gezeigt, in welcher Form zentrale Aspekte der postmodernen Subjektordnung, des unternehmerischen Selbst und des neuen Geistes des Kapitalismus in den Studentenmagazinen vertreten sind. Bezug nehmend auf die Analyseergebnisse wird dargestellt, wie die Studentenmagazine ein Idealbild des Studierenden vermitteln, wie sie ein „studentisches Subjekt“ als Individuum (6.l), Projektarbeiter (6.2), Unternehmer (6.3), Networker (6.4) und Kreativsubjekt (6.5) entwerfen.

An einem Beispiel wird im Anschluss verdeutlicht, wie das postmoderne Subjekt auch als Student immer daran zu scheitern droht, die widersprüchlichen Anforderungen von Selbstoptimierung und Selbstentfaltung in Einklang zu bringen (6.6.). Wie jedes Subjektmodell ist das „studentische Subjekt“ angewiesen auf die Distinktion von einem Negativ-Modell, einem Anti-Subjekt ab. Diese Rolle übernimmt in den Studentenmagazinen, wie Kapitel 6.7 zeigt, eine konformistische Mehrheit der Studierenden, von der sich der Einzelne beständig absetzen muss.

In Kapitel 7 wird die Selbstverortungs- und Sozialisationsfunktion der Massenmedien erläutert (7.l), um zu beleuchten, welche Rolle die Studentenmagazine bei der Reproduktion einer umfassenden postmodernen Subjektordnung konkret spielen. Es dient gleichzeitig der Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse (7.2). Abschließend wird ein Ausblick gegeben, wie die bisherigen Ergebnisse durch weiterführende Untersuchungen ergänzt werden könnten (8.).

2. Theoretischer Rahmen

2.1 Das hybride Subjekt

Im Anschluss an (post-)strukturalistische Überlegungen verwerfen Kulturwissenschaftler und -soziologen wie Andreas Reckwitz und Ulrich Bröckling den Subjektbegriff der Tradition. Die klassische Subjektphilosophie setzte ein autonomes Subjekt voraus, als „irreduzible Instanz der Reflexion, des Handelns und des Ausdrucks, welche ihre Grundlage nicht in den kontingenten äußeren Bedingungen, sondern in sich selber findet“ (Reckwitz 2008: l2). Kulturwissenschaftliche Subjektanalysen und -theorien gehen hingegen von der Kultur bzw. kulturellen Praktiken aus und betrachten Subjekte als Effekte derselben. Reckwitz definiert das Subjekt als „kontingentes Produkt symbolischer Ordnungen [d.i. „Kultur“, J.R.], welche auf sehr spezifische Weise modellieren, was ein Subjekt ist, als was es sich versteht, wie es zu handeln, zu reden, sich zu bewegen hat, was es wollen kann“ (Reckwitz 2006:34).

Die leitende Forschungsfrage dieses subjekttheoretischen Ansatzes lautet: Was sind die spezifischen kulturellen Praktiken, die dieses „Produkt“ beständig herstellen? „Praktiken“ definiert Reckwitz abstrakt als „geregeltes Verhalten, das ein bestimmtes Wissen enthält“. Sie sind immer normativ konnotiert, d.h. sie implizieren den Anspruch, den Kriterien korrekt zu folgen. „Kultur“ bezeichnet Reckwitz als „Geflecht von Sinnmustern“ (ebd.: 36). In dessen Zentrum finden sich Innen-Außen- Unterscheidungen binärer Codes: Rational/irrational, weiblich/männlich etc. sind Unterscheidungen, die die Kultur als symbolisch-sinnhafte Ordnung grundlegend strukturieren. In den kulturellen Praktiken entfalten diese Codes ihre Wirkung.

Diskurse, obschon sie häufig zusätzlich zu den Praktiken erwähnt werden, sind streng genommen ein Spezialfall letzterer. Es sind „spezifische soziale Praktiken von geregelten Repräsentationen“ (ebd.: 43). Die genannten kulturellen Codes legen im Diskurs fest, was wie darstellbar ist, und definieren so die Wirklichkeit. Die Diskurse können textueller und visueller Art sein. Heute finden sie insbesondere dank moderner Kommunikationsmedien gesellschaftsweite Verbreitung. Diese „geregelten Repräsentationen“ sind für die Analyse besonders interessant, wenn sie ein Subjekt repräsentieren, d.h. wenn sie Subjektmodelle und Antimodelle liefern, die anzustreben sind bzw. von denen es sich abzugrenzen gilt. Die Massenmedien sind, wie diese Arbeit zeigen wird, entscheidende Repräsentanten derartiger Diskurse4.

Durch den normativen Anspruch und die zeitliche Struktur der Praktiken wird die bestehende symbolische Ordnung permanent aktualisiert und reproduziert. Zugleich bietet diese Zeitlichkeit stets Raum für Verschiebungen und schleichende Veränderungen. Auf diese Verschiebungen und Diskontinuitäten legt Reckwitz besonderes Augenmerk. Seine Untersuchung „Das hybride Subjekt“ trägt den Untertitel „Eine Theorie der Subjektkulturen von der bürgerlichen Moderne zur Postmoderne“.

Reckwitz erkennt in der Moderne drei große Subjekt kulturen, die je spezifische Subjekt formen hervorbringen: Erstens die bürgerliche Moderne, die ein moralisch-souveränes Allgemeinsubjekt hervorbringt, zweitens die organisierte Moderne mit der spezifischen Subjektform des Angestelltensubjekts, drittens schließlich die Postmoderne mit dem Modell des konsumtorischen Kreativsubjekts (ebd.: l5). Die Subjektkulturen der Moderne werden immer wieder konfrontiert mit kulturellen Gegenbewegungen, die andere Subjektordnungen propagieren und leben und so zur Transformation der jeweils hegemonialen Subjektkultur beitragen: die Romantik im l9. Jahrhundert, die Avantgardebewegungen des frühen 20. Jahrhunderts sowie die „Counter Cultures“ der l960er und 70er Jahre.

In der Moderne gibt es drei primäre Orte der Subjektivation: die Arbeit, die Intimität und die Technologien des Selbst. Letztere bezeichnen mediale, konsumtorische und körperbezogene Praktiken, die der Selbstreflexion dienen, d.h. der Herstellung eines bestimmten Verhältnisses zu sich selbst. In Kapitel 7 wird beleuchtet, wie diese Selbstreflexion mittels medialer Praktiken aussieht. Davon abgesehen bezieht sich diese Untersuchung vorrangig auf Reckwitz' Beschreibungen des unternehmerischen Kreativsubjekts im Feld der Arbeit (ebd.: 500ff.).

2.2 Das unternehmerische Selbst

Ulrich Bröckling analysiert eine spezifische, noch relative 'junge' Subjektform, „das unternehmerische Selbst“. Dieses bezeichnet „keine empirisch beobachtbare Entität, sondern die Weise, in der Individuen als Personen adressiert werden, und zugleich die Richtung, in der sie verändert werden und sich verändern sollen“ (Bröckling 2007: 46). Bröckling zeichnet nicht wie Reckwitz die großen historischen Verschiebungen und Brüche nach, vertritt aber einen ebenso historisierenden Forschungsansatz: „[D]ie „Genealogie der Subjektivierung“ [...] untersucht nicht die Transformationen der Subjektivität, sondern auf welche Weise das Subjekt in bestimmten historischen Momenten zum Problem wurde und welche Lösungen für dieses Problem gefunden wurden. Anders ausgedrückt: Sie fragt nicht, was das Subjekt ist, sondern welches Wissen zur Beantwortung dieser Frage mobilisiert und welche Verfahren in Anschlag gebracht wurden, um es entsprechend zu modellieren“ (Bröckling 2007: 23).

Bröckling untersucht also abenfalls Diskurse und Praktiken. Sein Fokus liegt stärker auf den Diskursen – er betrachtet z.B. Managementliteratur, politische und psychologische Diskurse – doch befragt er diese wiederum nach den spezifischen Praktiken, die zum Erreichen bestimmter Ziele propagiert werden. Er teilt sowohl mit Reckwitz als auch mit Boltanski und Chiapello die These, dass die Achtundsechziger und die Alternativbewegungen der späten l960er und der 70er Jahre entscheidenden Einfluss auf die heute relevanten postmodernen Subjektmodelle ausüben, welche selbst – oder vielmehr gerade – in den Chefetagen großer Unternehmen ihre Wirkung entfalten. Bröckling verweist auf den französischen Publizisten Paul Thibaud, der die Wurzeln des neuen Unternehmergeistes schon l984 erkannt hatte:

„Der hedonistische Individualismus verlor [...] seine revolutionären, romantischen und exaltierten Züge und verlegte sich auf die Kunst des Möglichen, für Thibaud zugleich eine Umlenkung von Energien, welche die Bewegung von l968 noch in messianischen politischen Ideologien gebunden hatte. Das individuelle Streben nach Glück verlagerte sich auf die Sphäre des Konsums, und dieser versprach nicht länger die serielle Befriedigung normierter Bedürfnisse, sondern lockte mit Abenteuer und Selbstverwirklichung [...] Konsumistischer und unternehmerischer Imperativ fielen zusammen.“ (Bröckling 2007: 5l)

Den Fokus seiner Untersuchung legt Bröckling auf die konkreten Programme und Strategien, mit deren Hilfe die Impulse der Alternativbewegungen seit den Achtziger Jahren 'umcodiert' und zur Modellierung eines unternehmerischen Selbst nutzbar gemacht werden. Eingehender betrachtet er die spezifischen Strategien des „Empowerment“, des Qualitätsmanagements, der Kreativität und der Projekte. Die letzten zwei Punkte sind für die vorliegende Untersuchung besonders relevant. Die Projektförmigkeit des Lebenslaufs läuft in letzter Konsequenz auf ein „Projekt Ich“ hinaus, das sich „aus vielfältigen Arbeits-, Beziehungs-, Freizeit-, Gesundheitsprojekten usw. zusammensetzt“ (ebd.: 279). Bröckling betont immer wieder die Unabschließbarkeit dieses Projektes: Ein unternehmerisches Selbst ist man nicht, man soll es werden. Das damit verbundene Gefühl des Ungenügens ist es, welches die Anrufungsfigur des unternehmerischen Selbst so wirksam macht.

2.3 Der neue Geist des Kapitalismus

In ihrer Untersuchung „Der neue Geist des Kapitalismus“ untersuchen und vergleichen die Soziologen Luc Boltanski und Ève Chiapello zwei umfassende Textkorpora französischer Managementliteratur der l960er und '90er Jahre. „Kapitalismus“ definieren Boltanski und Chiapello als „amoralische[n] Prozess unbeschränkter Anhäufung von Kapital durch Mittel, die formell friedlich sind“, der des Weiteren gekennzeichnet ist durch Lohnarbeit und Konkurrenz. Als „ Geist des Kapitalismus“ bezeichnen sie eine bestimmte „Rechtfertigungsordnung“ (vgl. auch Boltanski/Thévenot 2007), in Anlehnung an Max Webers erstmals l904/05 veröffentlichte Untersuchung „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ (Weber 2007). Eine solche Rechtfertigungsordnung ist notwendig für die Einbindung einer großen Anzahl von Arbeitnehmern und auch Kapitalisten in ein eigentlich „absurdes“ (Boltanski/Chiapello 2003) Wirtschaftssystem, das dem Einzelnen relativ geringe Profitchancen und kaum Sicherheit bietet. Diese Inklusion in die Arbeitswelt wird unter anderem erreicht, indem den Handlungen und Tätigkeiten ein „Sinn“ gegeben wird, der das profane Profitstreben übersteigt.

Die Rechtfertigungsordnungen, die Boltanski und Chiapello als „Polis“ bezeichnen5, beinhalten zunächst keine konkreten Subjektformen, wie sie Andreas Reckwitz und Ulrich Bröckling herausarbeiten. Jedoch spielen in den Rechtfertigungsordnungen bestimmte „Bewährungsproben“ ieine entscheidende Rolle, die die „Wertigkeit“ der einzelnen, in die jeweilige Ordnung integrierten Personen feststellbar machen. Dadurch ist jede „Polis“ verbunden mit bestimmten Handlungsmodellen und Idealen. Sie setzt die Einigung über ein spezifisches „Äquivalenzprinzip voraus, anhand dessen man den relativen Rang der anwesenden Personen ablesen kann“ (Boltanski/ Chiapello 2003: 62). In der derzeitigen „projektbasierten Polis“ lässt sich die Wertigkeit kurz gesagt an Aktivität und Flexibilität des Einzelnen ablesen, das heißt konkret: an seiner Einbindung in ständig wechselnde Projekte.

Boltanski und Chiapello betrachten in ihrer Untersuchung detailliert die Bedeutung der „Kritik“. Eine solche macht zwar einen rechtfertigenden „Geist des Kapitalismus“ erst notwendig, wird allerdings von diesem nicht einfach zurückgewiesen. Vielmehr werden zentrale Elemente der Kritik in neue Arbeitspraktiken und legitimierende Semantiken integriert, so dass die Kritik eine wichtige Rolle bei der Transformation und Modernisierung des Kapitalismus spielt. Sie untersuchen die konkreten Erscheinungsformen der Künstler- und Sozialkritik, außerdem betrachten sie die historisch-politischen Ereignisse, die mit dem Verebben der Achtundsechziger-Bewegung zur „Entwaffnung“ der Kritik und zu fundamentalen Veränderungen der Arbeitswelt führten. Es wird sich zeigen, dass in der derzeitigen „projektbasierten Polis“ viele Konzepte zentral sind, die auch in den beiden Subjekttheorien und in der vorliegenden Analyse von großer Bedeutung sind.

Reckwitz und Bröckling verweisen aufgrund ihrer thematischen Nähe beide wiederholt auf „Der neue Geist des Kapitalismus“. Boltanski und Chiapello nehmen in ihrer Analyse der Rechtfertigungsordnung eines neuen Geistes des Kapitalismus viele Ergebnisse Bröcklings vorweg, verzichten aber auf die Analyse der konkreten Sozial- und Selbsttechnologien, die ein der projektbasierten Polis angepasstes Subjekt erst hervorbringen. Sie legen den Fokus stattdessen auf die von Kritik angetriebenen strukturellen Veränderungen des Kapitalismus und der Arbeitswelt. Einig ist sich Bröckling mit Boltanski und Chiapello darin, dass diese Transformationen des Kapitalismus und die der Subjektivierung parallel ablaufen, ohne dass aber Letztere sich völlig aus den Zwängen ökonomischer (Selbst-)Verwertung ableiten ließen. (Bröckling 2007: 266)

Reckwitz betrachtet ebenfalls die historischen Transformationen, sieht Kapitalismus und Arbeitswelt aber als weniger zentral an. Intimbeziehungen und Technologien des Selbst spielen in seiner Untersuchung eine ebenso große Rolle wie das Feld der Arbeit. Wie Reckwitz und Bröckling die aktuellen Subjektformen und Boltanski/ und Chiapello den „neuen Geist des Kapitalismus“ konkret beschreiben, wird im Anschluss an die offene und in weiten Teilen deskriptive Analyse und im direkten Vergleich mit dieser betrachtet. Dann wird sich zeigen, ob es ein spezifisches „studentisches Subjekt“ gibt, als Ideal des unter heutigen Bedingungen Studierenden, welches die Studentenmagazine – aber nicht nur diese – implizit oder explizit repräsentieren und propagieren.

3. Methodisches Vorgehen

3.1 Genealogie der Subjektivierung

Zwar ist die vorliegende Analyse dem Prinzip der Offenheit verpflichtet, wie es das interpretative Paradigma der qualitativen Sozialforschung vertritt (vgl. Meinefeld 2004), doch orientiert sie sich in ihrem Vorgehen und ihrer Untersuchungsperspektive am Forschungsprogramm einer „Genealogie der Subjektivierung“ (Nikolas Rose, zitiert nach Bröckling 2007:23). Ihre Grundfrage, „auf welche Weise das Subjekt in bestimmten historischen Momenten zum Problem wurde und welche Lösungen für dieses Problem gefunden wurden“ (Bröckling 2007: 23) lässt sich in Hinblick auf die Studentenmagazine umformulieren: Auf welche Weise wurden 'der Studierende' bzw. die Studierenden in bestimmten historischen Momenten zum Problem und welche Lösungen offerieren die Studentenmagazine? Kapitel 6 wird zeigen, dass diese Probleme und Lösungen selten rein 'studentischer' oder 'universitärer Natur' sind. Vielmehr finden Elemente des unternehmerischen Selbst, des hybriden Subjekts der Postmoderne und des neuen Geistes des Kapitalismus im untersuchten Material ihren spezifischen, diskursiven Niederschlag.

Diese Untersuchung betrachtet nicht eine umfassende Subjektkultur bzw. ein ganzes Subjektivierungsregime, sondern nur einen kleinen Teil desselben. „Subjektivierungsregime bilden Kraftfelder, deren Linien – unter anderem – in institutionellen Arrangements und administrativen Verordnungen, in Arbeits- und Versicherungsverträgen, in Trainingsprogrammen und Therapiekonzepten, in technischen Apparaturen und architektonischen Anordnungen, in medialen Inszenierungen und Alltagsroutinen wirksam sind“, so Ulrich Bröckling (2007: 39). In dieser Arbeit werden ebendiese „medialen Inszenierungen“ in den Blick genommen.

3.2 Elemente der Diskursanalyse

Andreas Reckwitz benutzt für (massenmediale) Repräsentationen von Subjektmodellen den Begriff des Diskurses bzw. „diskursiver Praktiken“. Die Subjekttheorien von Reckwitz und Bröckling sind stark von den Arbeiten Michel Foucaults beeinflusst, sowohl von seinem Verständnis des Subjekts als ein sozial bzw. kulturell konstituiertes (vgl. Bröckling 2007: 3lff. und Reckwitz 2006: 39ff.) als auch von seinem Diskursbegriff (vgl. Reckwitz 2006: 43). Methodisch lehnen sie sich ebenfalls an Foucaults Diskursanalysen und Genealogien an. Entsprechend orientiert sich die vorliegende Arbeit an dieser Forschungsperspektive, ohne jedoch eine „Diskursanalyse“ im engeren Sinne des Wortes und mit all ihren Elementen durchzuführen.

Foucault unterscheidet vier Grundmomente von Diskursen, die mit Hilfe spezifischer Fragen erschlossen werden können (zitiert nach Keller 2004: 46):

1. Die Formation der Gegenstände: Nach welchen Regeln werden die Gegenstände gebildet, von denen die Diskurse sprechen? Welche wissenschaftlichen Disziplinen sind daran beteiligt? Welche Klassifikationsmuster kommen zum Einsatz?
2. Die Formation der Äußerungsmodalitäten: Wer ist legitimer Sprecher, von welchen institutionellen Orten und Subjektpositionen aus wird gesprochen? Welche Äußerungsformen – Statistik, Erzählung, Experiment etc. – sind damit verbunden?
3. Die Formation der Begriffe: Wie werden Textelemente miteinander verbunden? Welche rhetorischen Schemata, Argumentationsformen etc. werden eingesetzt?
4. Die Formation der Strategien: Was sind Themen und Theorien des Diskurses? Wie beziehen sie sich auf andere Diskurse? Was ist die Funktion eines Diskurses in nicht-diskursiven Praktiken?

Einige dieser Fragen sind auch für die vorliegende Untersuchung relevant. Die „Äußerungsmodalitäten“, d.h. die Sprecher und Äußerungsformen, werden in Kapitel 4.3 behandelt. Der eigentliche Fokus dieser Analyse liegt auf der „Formation der Strategien“: Die Frage nach dem konkreten Bild der Studenten in Studierendenzeitschriften (Kapitel 5) zielt auf die dazugehörigen „Themen und Theorien“. Wenn in den Kapitel 6. und 7. gefragt wird, wie dieses Bild mit umfassenderen Subjektkulturen bzw. -regimen und Rechtfertigungsordnungen zusammenhängt, geht es auch um den Bezug des studentischen Subjektmodells zu anderen Diskursen und zu dessen Funktion in nicht diskursiven Praktiken.

Allen Ansätzen der Diskursforschung gemeinsam ist das Verständnis des Diskurses als die Wirklichkeit nicht nur repräsentierend, sondern als sinnhaft konstituierend. „Discourse is a practice not just of representing the world, but of signifying the world, constituting and constructing the world in meaning,“ so der amerikanische Diskursforscher Norman Fairclough (l992: 64). Oder um es mit Foucault auf den Punkt zu bringen: Diskurse sind „Praktiken [...], die systematisch die Gegenstände bilden, von denen sie sprechen“ (Foucault l995: 74).

Foucault analysiert z.B. humanwissenschaftliche Diskurse, die Dinge wie „Wahnsinn“ (vgl. Foucault 2007) oder „Sexualität“ (vgl. Foucault l998) und Subjekte wie den „Geisteskranken“ tatsächlich erst „erschaffen“, indem sie neue Grenzen ziehen und Unterscheidungen treffen (z.B „Wahnsinn/Vernunft“), dadurch Gegenstände definierbar machen, Formen der Klassifikation entwerfen etc. So werden Wissens- und Problemfelder konstituiert, die in Verbindung mit nicht- diskursiven Praktiken (wie der Einschließung in Hospitälern) neue Machtdispositive in der modernen Gesellschaft bilden.

Die Studentenmagazine konstruieren häufig, wie sich zeigen wird, eine „Studentengeneration“ mit vermeintlich generationenspezifischen Charakteristika. In diesem Sinne könnte man von einem „massenmedialen Diskurs über die Studentengeneration“ sprechen [siehe Kap...]. Die Rede von den den Studenten bleibt aber häufig widersprüchlich und erschöpft sich zudem nicht in Aussagen über die ganze „Studentengeneration“. Die Zeitschriften liefern gleichzeitig eine große Anzahl an Artikeln über einzelne Studenten. Aus ihnen lässt sich ein Idealbild (und ein dazugehöriges Antimodell) des „studentischen Subjekts“ analytisch herauspräparieren. Es bildet ein „Subjekt der Anrufung“ (Bröckling 2006: 27ff.), das mit bestimmten Anforderungen, Werten etc. verbunden ist, die als massenmediale Schemata Einfluss auf die Selbstformierung des Rezipienten haben. So konstituieren die Studentenmagazine jedoch nicht „den Studenten“ als solchen, als neues Objekt des Wissens, wie es Diskurse im klassischen Sinne der Diskursforschung tun.

Diese Arbeit behandelt demnach keinen „Diskurs“ im engeren Sinne, ebenso wenig beantwortet sie alle grundlegenden Fragen einer Diskursanalyse Foucaul'scher Prägung. Ein weiterer entscheidender Kontrast zum diskursanalytischen Vorgehen liegt darin, dass kein vorab festgelegter, größerer Dokumentenkorpus analysiert wurde (vgl. Keller 2004: 83). Stattdessen wurde die Datenauswahl schrittweise entsprechend dem Prinzip des Theoretical Sampling getroffen, wie es die Grounded Theory empfiehlt.

3.3 Grounded Theory

Während sich die Untersuchung in Bezug auf Fragestellung und Forschungsperspektive an der „Genealogie der Subjektivierung“ im Sinne Bröcklings und an der Diskursanalyse im Anschluss an Foucault orientiert, entspricht das konkreten Vorgehen den Prinzipien der Grounded Theory6.

Die in den l960er Jahren von den Soziologen Barney Glaser und Anselm Strauss entwickelte Grounded Theory hat eine „in empirischen Daten gegründete Theorie“ zum Ziel (vgl. Strübing 2008: l3). Ihre Methode verlangt nach einer möglichst offenen Analyse und vermeidet, an die Daten mit einem festen Kategoriensystem heranzugehen oder die Analyse von vornherein auf die Verifizierung oder Falsifizierung bestimmter Theorien und Hypothesen anzulegen. Die methodischen Kernstücke der Grounded Theory sind das theoretische Kodieren der Daten, das Theoretical Sampling als Form der Datensammlung sowie das kontinuierliche Schreiben von Memos. Letztere dienen dazu, Fragen, Überlegungen, 'Geistesblitze' etc. festzuhalten, die während des Kodierens und Analysierens auftauchen. Sie bilden einen Grundstock für die zu entwickelnde Theorie.

Das Prinzip des Theoretical Sampling (vgl Glaser/Strauss 2008: l48) besagt, dass nicht von vornherein ein fester Satz an Daten gesammelt wird, die nacheinander 'durchanalysiert' werden, sondern dass sich die Datensammlung gezielt nach den bisherigen Ergebnissen, nach der sich Schritt für Schritt entwickelnden Theorie richtet. Neues Untersuchungsmaterial wird danach ausgewählt, ob es potentiell Antworten auf Fragen liefert, die während des Forschungsprozesses auftauchen, ob es der Verfeinerung bislang entdeckter Phänomene und Kategorien in ihren verschiedenen Merkmalsausprägungen dient, ob es also Lücken der in den Daten gründenden Theorie schließt.

Der Kodierprozess dient dazu, zunächst einen interpretativen Zugang zu den Daten zu bekommen, sie „aufzubrechen“, und sukzessive die zentralen Konzepte und Kategorien des Materials bzw. des untersuchten Feldes herauszuarbeiten. Der erste Schritt ist das „offene Kodieren“ (vgl. Glaser/Strauss 2008: 43), bei dem ein einzelnes Datenstück bzw. die darin enthaltenen Phänomene sehr intensiv und kleinteilig kodiert werden, oft in Form von „In-Vivo-Codes“, die direkt der Sprache des Feldes/Materials entstammen. Dies führt relativ schnell zu abstrakteren Konzepten und Kategorien, unter die sich verschiedene Phänomene unterordnen lassen. Im Laufe der Analyse kristallisieren sich eine oder mehrere Schlüsselkategorien heraus, die sich zueinander in Beziehung setzen lassen und die gemeinsam eine „Phänomenstruktur“ bilden.

Das Entscheidende an der Grounded Theory ist, dass sich dieses theoretische Kategoriensystem erst während der Analysearbeit entwickelt, durch kontinuierliches Rekodieren in Hinblick auf schon herausgearbeitete Kategorien („axiales“ und „selektives Kodieren“, Glaser/Strauss 2008: 75, 94), durch Vergleichen der Datenstücke untereinander sowie mit ihren Kontexten und durch Ergänzung mit neuen Daten nach dem Prinzip des Theoretical Sampling. Bei aller Offenheit müssen theoretische Vorkenntnisse aber nicht völlig ausgeblendet werden. Strauss erkennt insbesondere in späteren Arbeiten derartiges Vorwissen als Mittel der „theoretischen Sensibilisierung“ an (Strauss/Corbin l999: 56ff.), das den Blick auf die Daten schärft und bei der Bildung von Kategorien und Hypothesen hilft. Wir belassen es bei dieser kurzen Skizzierung der Prinzipien und Arbeitsschritte der Grounded Theory und kommen nun zum konkreten Vorgehen der vorliegenden Untersuchung7.

3.4 Die Analyseschritte

Im ersten Schritt des Theoretical Sampling ging es darum, für die offene Feinanalyse möglichst 'reichhaltige' Artikel zu finden, die eine große Zahl an Aussagen enthalten und die Entwicklung vieler verschiedener Konzepte und Kategorien erlauben. Um nicht die Ausnahmen zu Regeln zu erklären, boten sich als Ausgangspunkt für die Analyse diejenigen Artikel an, die den Anspruch vertreten, gültige Aussagen über „ die Studenten“ oder über „ alle Studenten“ zu treffen.

Zunächst wurden alle Ausgaben von Unicum, Zeit Campus, Uni Spiegel und dem FAZ Hochschulanzeiger gesichtet, die zwischen April 2009 und April 20l0 erschienen sind. Das Theoretical Sampling wurde später auf Artikel ausgeweitet, die im Sommer und Herbst 20l0 erschienen. Als Einstieg in die Analyse boten sich die Texte „Die Studentengeneration 20l0“ [al] und „Volle Kraft in die Optimierungsfalle“ [a2] an, die im folgenden Kapitel vorgestellt werden.8 Die Autoren von „Die Studentengeneration 20l0“ stellen gleich zu Beginn die Frage „Wie tickt die Studentengeneration?“ und bieten eine Vielzahl von Charakterisierungen. „Volle Kraft in die Optimierungsfalle“ übt in verschiedene Hinsicht Kritik an der „Studentengeneration“ und will erklären „worauf es wirklich ankommt“.

So dienten als Einstieg in die Analyse zum einem ein Text mit lediglich deskriptivem und zum anderen ein Text mit starkem normativen Anspruch. Beide Texte wurden mit Hilfe des Datenanalyseprogramms Atlas.ti einer offenen Feinanalyse unterzogen. Es fanden sich in ihnen eine Vielzahl konkreter Phänomene – etwa Beispiele praktischen Handelns – die später abstrakteren Konzepten wie „Pragmatismus“ zugeordnet werden konnten. Darüber hinaus tauchten in beiden Texten viele bereits abstraktere Konzepte auf – oft als In-Vivo-Codes – die sich im Laufe der Analysearbeit als wichtige Kategorien herausstellen sollten. Dazu gehören z.B. Begriffe wie „Generation“, „Bologna“ „Netzwerke“, und „Ängste“.

Um möglichst alle wichtigen Dimensionen des untersuchten Phänomens abzudecken, bot sich das Verfahren des ständigen Vergleichens an (vgl. Glaser/Strauss 2008:l07ff.), die Suche nach minimalen und maximalen Variationen: Welche Phänomene, Charakterisierungen, Merkmalsausprägungen usw. treten einerseits immer wieder im Material auf, wo finden sich andererseits kontrastierende Phänomene, gegenteilige Beschreibungen, widersprechende Äußerungen usw.? Das Theoretical Sampling wurde dafür auf Artikel ausgedehnt, die bestimmte Studenten, ihre Tätigkeiten, Lebenswelten etc. porträtieren, um zu überprüfen, ob sich die im ersten Schritt erarbeiteten Konzepte und Kategorien auch in diesen Texten wiederfinden. Die Aussagen und Beschreibungen in diesen Porträts decken sich, wie sich herausgestellt hat, teilweise mit den Aussagen über „ die Studenten“ im Allgemeinen, teilweise stehen sie aber auch in deutlichem Kontrast zueinander. Gerade dieser Kontrast erfüllt, so wird sich zeigen, eine wichtige Funktion bei der Repräsentation einer Subjektkultur der Studenten, bei der Konstruktion von idealen Subjektmodellen und Antimodellen.

Um die Konturen der „Studenten von heute“, die Phänomenstruktur dieses massenmedialen Konstrukts geordnet darzustellen, wurden die herausgearbeiteten Kategorien sehr allgemeinen Oberkategorien zugeordnet: „Ausgangsbedingungen“, „Befindlichkeiten und Handlungsprinzipien“ sowie „Handlungsfelder“. Die Kategorienbildung lehnt sich teilweise an das Kodierparadigma von Anselm Strauss und Juliet Corbin an. Dieses dient dazu, Einzelphänomene, in erster Linie Ereignisse, zu strukturieren, indem systematisch nach Ursachen, Kontext, intervenierenden Bedingungen, Strategien sowie Konsequenzen gefragt wird (vgl. Strauss/Corbin l999:75ff.).

So ließ sich aus den disparaten Artikeln rekonstruieren, welches Bild die Studentenmagazine von den Studenten zeichnen, welche Charakteristika ihnen immer wieder zugeschrieben werden, was an ihnen kritisiert und gelobt wird, mit wem sie kontrastiert werden etc. Im zweiten Schritt der Untersuchung ging es darum, diese Ergebnisse mit den in Kapitel 2. skizzierten Theorien zu vergleichen.

Hier galt es, gezielte Fragen an das Material und die Untersuchungsergebnisse zu stellen: Vermitteln die Studentenmagazine bestimmte Subjektmodelle und Antimodelle, entwerfen sie bestimmte Bilder von den Studenten – als einzelne oder in der Masse –, die es nachzuahmen oder zu vermeiden gilt? Passen diese Bilder zu den von Boltanski und Chiapello, Reckwitz und Bröckling postulierten Rechtfertigungsordnungen und Subjektkulturen? Erscheinen die Studenten schließlich als spezifisch studentische Version eines postmodernen Kreativsubjekts und/oder eines unternehmerischen Selbst?

4. Das Untersuchungsmaterial

4.1 Geschichtliche Entwicklung der Studentenpresse

Wie Hans Bohrmann in seiner Untersuchung „Strukturwandel der deutschen Studentenpresse“ (l975) darlegt, nahm die Studentenpresse in Deutschland ihren Anfang im l9. Jahrhundert. Voraussetzungen waren die rapide steigende Anzahl der Studenten an deutschen Universitäten, das Aufkommen studentischer Burschenschaften sowie ein neues Bewusstsein der Studenten als „Vorhut der bürgerlichen Freiheitsbestrebungen“ (Bohrmann l975: 25). Die Studierenden gründeten Periodika mit liberalen und nationalen Positionen, die sich politischen Widerständen und Zensur gegenüber sahen. Sie erreichten daher meist nur kleine Auflagen, geringe Verbreitung und wurden oft nach kurzer Zeit wieder eingestellt.

In der Mitte des l9. Jahrhunderts formierten sich große studentische Korporationsverbände. Sie begannen in den letzten Jahrzehnten des l9. Jahrhunderts, Verbandszeitschriften herauszugeben, die im gesamten deutschen Kaiserreich Verbreitung fanden. Die neue Blüte der Burschenschaften und ihrer Studentenpresse ging einher mit einem politischen Wandel, weg von liberalen, hin zu vermehrt konservativen bzw. reaktionär-deutschnationalen Positionen. Als 'Gegengewicht' bildete sich eine unabhängige „freistudentische Bewegung“, die eine lokale Studentenpresse aufbaute (vgl. ebd.: 4lff.).

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts stieg die Anzahl studentischer Zeitschriften kontinuierlich an, wobei die Verbandszeitschriften noch l930 knapp zwei Drittel der Titel ausmachten. In der Nazizeit lösten sich die Korporationsverbände auf und „suchten ihre Studentengruppen als Kameradschaften in den NSDStB [Nationalsozialistischer Deutscher Studentenbund] rüberzuretten“ (ebd.: l05). Die Studentenpresse wurde gleichgeschaltet und die „Deutsche Studenten-Zeitung“ als Zentralorgan des NSDStB gegründet. Regionale Studentenzeitungen blieben jedoch mit relativ hoher Auflage erhalten, ebenso die meisten Korporationsblätter.

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs gaben die studentischen Selbstverwaltungen vermehrt eigene Publikationen heraus. Auch die l950 wieder zugelassenen Korporationsverbände publizierten nach wie vor ihre Blätter. Hinzu kam „eine Gruppe relativ heterogener publizistischer Erscheinungen, die unter der Bezeichnung 'Freie Studentenzeitschriften' zusammengefasst werden können“ (ebd.: l3l). Sie wurden von politischen Studentenverbänden, den Studentengemeinden und von freien Trägergesellschaften herausgeben.

Vor der Studentenrevolte Ende der l960er Jahre waren die Studentenzeitschriften der Studierendenausschüsse und der verschiedenen Studentengruppen das wichtigste publizistische Kommunikationsmittel der Studentenschaften, während die Korporationsblätter nunmehr fast ausschließlich der Binnenkommunikation der Verbände dienten. Die Zahl der Studentenzeitschriften in Westdeutschland wuchs bis l965/66 auf 45 an. Mit der erstarkenden Studentenbewegung Ende der l960er Jahre verloren die Zeitschriften an Bedeutung, zu Gunsten neuer Kommunikationsmedien wie Flugblättern, Plakaten und Wandzeitungen (ebd.: l78f.). Der Trend zum Rückgang der Studentenzeitschriften wurde erst Mitte der Siebziger Jahre langsam gebremst. Die verbleibenden bzw. neu gegründeten Zeitschriften waren oft hoch politisiert.

4.2 Studentenmagazine als Publikumszeitschriften

Studentenzeitschriften, die sich als kommerzielle Publikumszeitschriften (siehe unten) an ein Massenpublikum wenden, sind eine relativ junge Erscheinung in Deutschland. Die Zeitschrift Unicum war l984 das erste landesweit erscheinende „Campus-Magazin“, das nach und nach an fast allen westdeutschen Universitäten kostenlos – weil werbefinanziert – erhältlich war. Es wurde nicht zuletzt in Abgrenzung zu den politisierten Studentenmagazinen entworfen, die Anfang der Achtziger Jahre als 'Erbe' der Studentenbewegung an den Hochschulen zirkulierten. Wenige Jahre darauf folgten Blätter wie der Allgemeine Hochschul-Anzeiger und aud!max, die weitgehend das selbe Geschäftsmodell wie das Unicum haben und ebenfalls deutschlandweit an den Hochschulen gratis ausliegen.

Um die Jahrtausendwende kamen eine Reihe weiterer Studenten-Magazine mit professionellem und kommerziellem Charakter auf den Markt.9 Die wichtigsten und in dieser Arbeit (neben Unicum) berücksichtigten Publikationen sind „Töchter“ bestehender überregionaler Zeitungen oder Magazine: Uni Spiegel, gegründet l998, der F.A.Z.-Hochschulanzeiger, der l999 aus dem Allgemeinen Hochschulanzeiger hervorgegangen ist, sowie Zeit Campus, erstmals erschienen im Jahr 2006. Bezieher der Studentenabonnements von Spiegel, F.A.Z. und Zeit erhalten die Zeitschriften gratis, an vielen Hochschulen liegen sie einige Zeit nach dem ursprünglichen Erscheinungsdatum kostenlos aus. Zeit Campus und der Hochschulanzeiger sind außerdem im Zeitschriftenhandel erhältlich.

Diese Studentenmagazine unterscheiden sich von der klassischen Studentenpresse nicht nur durch das breitere Themenspektrum und die flächendeckende Verbreitung. Im Gegensatz zu den früheren Studentenzeitschriften sind sie zudem auf wirtschaftlichen Profit ausgerichtete Unternehmungen. Ihre Autoren sind zu einem großen Teil nicht mehr Studenten, sondern professionelle Journalisten. Die Auflagen der verschiedenen Studentenmagazine liegen zwischen gut 200.000 (Hochschulanzeiger) und knapp 500.000 Exemplaren (Uni Spiegel), womit sie etwa so hohe Auflagenzahlen wie die großen überregionalen Tages- und Wochenzeitungen in Deutschland besitzen. Trotz dieser Zahlen existieren bislang quasi keine wissenschaftlichen Untersuchungen und Artikel über diesen Zeitschriftentypus. In der Zeitschrift MEDIENwissenschaft (3/2002) findet sich beispielsweise, in Bezug auf Unicum, einzig eine kurze Polemik über „jene kostenlosen Nachwerfzeitungen von heute, die hauptsächlich als Werbeträger für Studenten fungieren“ (Riha 2002).

Als massenmediales Produkt können die Studentenmagazine der Gattung der Publikumszeitschriften zugeordnet werden, genauer: den Zielgruppenzeitschriften (vgl. zur Typisierung Merten l999: 3l5). Sie haben ein potentiell sehr breites Publikum, richten sich aber, was neben den Vertriebswegen auch an den Themen deutlich wird, hauptsächlich an Studenten. Trotz eingegrenzter Zielgruppe und einem Schwerpunkt auf gewisse Themen bleiben sie jedoch General-Interest-Zeitschriften. Für eine Einordnung unter die sogenannten Special-Interest- Zeitschriften ist das Themenspektrum zu weit. Die meisten Magazine sind in der Online-Version, teils auch in der Print-Ausgabe, in drei Rubriken unterteilt. In Zeit Campus heißen diese Oberkategorien „Studieren“, „Arbeiten“ und „Leben“. Die Internetseite des F.A.Z.- Hochschulanzeigers ist gegliedert in „Hochschule und Studium“, „Unternehmen und Praxis“ sowie „Studentenleben“. Auf der Internetseite der Unicum finden sich die Rubriken „Uni“, „Karriere“, „Leben“. Die Magazine zeichnen sich nicht zuletzt dank dieser Rubrik „Leben“ durch eine große Vielfalt an Themen und Textgenres aus: Sie behandeln Aspekte des Studentenalltags in und außerhalb der Uni, berichten über Studienreformen und Hochschulpolitik, stellen Studiengänge und Berufsfelder vor, geben praktische Tipps für Studium und Karriere, drucken Reportagen über deutsche Studenten im Ausland und ausländische Studenten in Deutschland, porträtieren „außergewöhnliche“ Studenten und Akademiker etc. Dazu kommen Artikel zu allen denkbaren kulturellen, sozialen und politischen Themen, die keinen direkten Bezug zum Studierendendasein haben, die vermutlich aber den Interessen der Zielgruppe in Hinblick auf ihr Alter, Bildungsniveau o.ä. entsprechen sollen.

4.3 Wer spricht?

Bevor im nächsten Kapitel das Bild der Studenten von heute genauer analysiert wird, soll zunächst in knapper Form die Frage beantwortet werden: „Wer spricht?“10 Wie sind die Texte gerahmt, wer firmiert als Autor, auf wen verweisen die Texte, wer wird zitiert etc.? Welche Referenzen führen die Studentenmagazine an, wenn Aussagen über Studenten – als Individuen oder als Gruppe – getroffen werden? Wer ist derjenige, der eine Aussage tätigt und welche „Äußerungsformen“ im Sinne Foucaults (vgl. Kapitel 3.2) werden angewendet?

Bei dieser Gelegenheit werden zugleich die beiden Texte vorgestellt, die zum Einstieg in die Analyse dienten. Es handelt sich um die Artikel „Die Studentengeneration 20l0“ aus der Unicum l/20l0 sowie „Volle Kraft in die Optimierungsfalle“ aus Zeit Campus 2/20l0. Auf sie wird in der folgenden Ergebnispräsentation am häufigsten Bezug genommen, zudem haben sie die Richtung der gesamten Analyse, entsprechend der Forschungslogik der Grounded Theory, stark mitbestimmt.11

4.3.1 „Die Studentengeneration 2010“

Der Unicum-Artikel „Die Studentengeneration 20l0“ des Redakteurs Jan Thiemann bildet eine Art 'Ergebnispräsentation': „[W]ir wollten wissen: Wofür steht die Studentengeneration 20l0? Mit einer großen Online-Umfrage und vielen Interviews sind wir ihr auf die Spur zu kommen.“ [al: 8] Das Vorgehen erinnert an die großen Shell-Jugendstudien (siehe unten), mit denen ebenfalls eine Generation junger Menschen – in einer Mischung aus quantitativen Erhebungen und qualitativen Interviews – beschrieben werden soll. Bei der Untersuchung des Unicum handelt es sich allerdings eher um eine 'Simulation' von Wissenschaft zum Zwecke der Unterhaltung. Die Teilnehmer der Online-Befragung bilden kein repräsentatives Abbild der Studierendenschaft ab, schon weil sie nicht nachweisen mussten, dass sie überhaupt Studenten sind. Die Antworten auf die oft sehr unspezifischen Fragen waren teils vorgegeben, ohne jedoch das mögliche Spektrum an Antworten annähernd abzudecken. Ein Beispiel:

Frage 2 von 21

Wie siehst du die Studenten-Generation 2010?

Wir sind die Elite von morgen Wir sind nichts Besonderes

Ach, heute studiert doch jeder Depp Studenten sind schon noch was Besonderes Keine Ahnung.

Dazu habe ich Folgendes zu sagen …

Auch die 'offenen' Frage waren sehr suggestiv fomuliert, hier eine besonders augenfällige Formulierung:

Frage 12 von 21

Gibt es einen Song oder den Slogan einer StudiVZ/Facebook-Gruppe, der deine jetzige Situation beschreibt? Hier ein bisschen kreativer Input, z.B. „Allein, allein“ / Polarkreis 18 für die SPD oder „Krieger des Lichts“ / Silbermond für die letzten Anhänger der Glühbirne

Der Song / Slogan meiner Generation ist …

Die Fragen waren auf der Internetseite von Unicum in ihrer ursprünglichen Formulierung nachlesbarll, werden im Artikel aber nur stark verkürzt wiedergegeben. Der „kreative Input“ wird bei der Vorstellung der Ergebnisse verschwiegen:

Wir haben gefragt: In welchem Song findet ihr euch wieder? Überraschend oft tauchte der Nummer Eins-Hit der Dresdner Band Polarkreis 18 auf, ein Indiz für die ... Generation „Allein Allein“ [a1: 10]

Die Ergebnisse werden nur in Einzelfällen mit der prozentualen Häufigkeit der Antworten präsentiert. Es werden nur Tendenzen beschrieben, mit Formulierungen wie „Für mehr als die Hälfte der Studierenden...“, „Der Rest nennt überraschend oft...“ u.ä., worauf eine weitergehende Interpretation folgt. Diese Beispiele sollen nicht die Unwissenschaftlichkeit der Unicum-Umfrage denunzieren, sondern nur zeigen, dass derartige Umfragen und Interviews weniger auf Wahrheitsfindung, denn auf interessante Ergebnisse ausgelegt sind. Auch die Unterhaltung der Umfrage-Teilnehmer dürfte eine Rolle spielen. Ein wissenschaftlicher Anspruch wird entsprechend nicht formuliert, allerdings ergänzt den Artikel ein Interview mit dem Soziologen Tino Bargel [ala], das dem Ganzen etwas wissenschaftliches 'Flair' verleiht.

Es wird des Weiteren auf die Internetseite von Unicum verwiesen, wo sich zusätzlich fünf kurze „Porträts“ von Studierenden finden, die für die Umfrage interviewt wurden [alb - alf]. Sie alle sind nicht einfach 'nur' Studenten, sondern haben sich für die Porträts durch gewisse Aktivitäten qualifiziert, als StudiVZ-Gruppengründerin, durch ehrenamtliches Engagement, als Buchautorin etc. Drei von ihnen geben bereits im Hauptartikel kurze Statements ab. Die Porträts, geschrieben von verschiedenen Redakteuren des Unicum, wurden ebenso wie der Hauptartikel vollständig und kleinteilig kodiert und bilden einen wichtigen Teil der Analyse.

Die Ergebnisse über die „Studentengeneration 20l0“ werden absatzweise als 'Generationenlabels' mit entsprechenden Zwischenüberschriften präsentiert: „Generation Laptop“, „Ernsthafte Generation“ etc. Zur Plausibilisierung dieser Bezeichnungen wird auf einzelne Untersuchungsergebnisse verwiesen, zusätzlich kommen die genannten Einzelpersonen – Tino Bargel, die Studierenden, außerdem der Sänger der Band Polarkreis l8 – zu Wort. Sie bewerten die Ergebnisse und/oder veranschaulichen und ergänzen sie durch eigene Erfahrungen.

4.3.2 „Volle Kraft in die Optimierungsfalle“

Die Texte zur „Studentengeneration 20l0“ besitzen, wie die Analyse zeigen wird, viele normative Implikationen. Diese bleiben aber latent, ihr manifester Anspruch ist rein deskriptiv: man wollte der Studentengeneration „auf die Spur kommen“. Zur Ergänzung wurde daher eine weitere offene Analyse an einem Text durchgeführt, der einen explizit normativen Anspruch vertritt: „Volle Kraft in die Optimierungsfalle“ von Klaus Werle, erschienen in Zeit Campus l/20l0. Der Text ist bereits durch die Genre-Bezeichnung „Meinung“ gerahmt. Es handelt sich zudem um einen Gastbeitrag, wie die dem Text folgende Autoreninformation verrät:

Klaus Werle, 36, arbeitet als Redakteur beim manager magazin für das Ressort Karriere. In seinem neuen Buch "Die Perfektionierer" schildert er das vergebliche Streben nach dem perfekten Leben und verrät, wer davon profitiert. (Campus Verlag, 255 S., 19,90 Euro)[a2: 59]

Der Artikel scheint, konkret auf Studenten bezogen, dieselben Thesen wie das vorgestellte Buch zu vertreten. Dadurch wird der Eindruck verstärkt, dass der Leser es mit einem – wenn auch nicht wissenschaftlichen – Experten zu tun hat, der sich intensiv mit seinem Thema auseinandersetzt und seine Thesen bei einem renommierten Verlag veröffentlicht hat. Die Studenten bekommen ebenfalls ein Generationenlabel verpasst, das an dieser Stelle aber von vorneherein zur Bezeichnung eines Problemkomplexes dient. Der Lead (d.i. der typografisch abgesetzte Einleitungsabsatz) lautet: „Die Generation Lebenslauf richtet sich ganz auf die Bedürfnisse der Unternehmen aus. Dadurch verliert sie ihre Kreativität – und ihr Profil.“ [a2: 58] Zunächst wird die angehende Studentin „Nina“ vorgestellt und wörtlich zitiert, um diese Form der „Ausrichtung“ zu konkretisieren und anschließend in Bezug auf die „Post-Bologna-Studenten“ zu verallgemeinern:

„Wir fragen: Was will der Markt? Und dann liefern wir das.“

Allein ist Nina mit dieser Einstellung nicht, im Gegenteil. Pragmatisch bis in die Knochen arbeiten sich die Post-Bologna-Studenten so effizient und fokussiert durch ihr Pensum wie kaum eine Generation vor ihnen. [a2: 58]

Um seine Thesen zu untermauern zitiert Werle wörtlich den „Bildungsexperte[n] Konrad Schily“:

„Von vielgesichtigen Ängsten getrieben, in irgendeiner Form den Anschluss zu verpassen, beschränkt sich die aktuelle Studentengeneration darauf, sich systemkonform zu verhalten.“ [a2: 58] Ergänzend verweist er auf nicht näher spezifizierte Umfragen: „Fast neunzig Prozent der Studenten sagen in Umfragen, der Leistungsdruck, der auf ihrer Generation laste, sei 'enorm hoch'“ [a2: 58]. Es folgen Thesen darüber, wer „wirklich“ vom Perfektionierungsstreben der Studenten profitiert, und Aussagen darüber, was später im Job „wirklich“ wichtig ist. Mit letzteren befasst sich eingehender das Kapitel 6.6.

[...]


1 Im folgenden bezeichnen „Studenten“ und „Studierende“ auch die weibliche Form mit. Dies dient einerseits der Übersichtlichkeit, zum Anderen bleiben wir damit näher an der Sprache des untersuchten Feldes.

2 „Studentenmagazine“, „Studierendenzeitschriften“ etc. werden in dieser Arbeit synonym verwendet.

3 Sozial- und Kulturwissenschaftler wie die erwähnten datieren den Beginn der genannten Veränderungsprozesse ungefähr auf die frühen l980er Jahre und konstatieren eine Radikalisierung in den letzten zwei Jahrzehnten. Das entspricht ungefähr dem Zeitraum, in dem Studentenmagazine als professionell produzierte Publikumszeitschriften in Deutschland ihren Siegeszug antraten. Die Studenten sind nicht nur wichtiges Thema, sondern gleichzeitig Hauptzielgruppe dieser Publikationen. Wenn es denn ein studentisches Subjektmodell gibt, dann wird man es am ehesten in den unterschiedlichsten Textformen und '-genres' (vgl. Kapitel 4.3) der Studierendenmagazine finden.

4 Der Begriff des Diskurses wird im Methodenteil genauer definiert.

5 Im französischen Original und in Boltanski/Chiapello 2003 wird der Begriff der „Cité“ verwendet.

6 Diskursforscher wie Reiner Keller empfehlen, wenn es um die konkrete Analyse geht, ebenfalls die Konzepte der Grounded Theory (vgl. Keller 2004: 93ff.). Bislang existiert keine genuin diskursanalytische Methodologie, die z.B. das Vorgehen bei der Feinanalyse detailliert beschreiben würde.

7 Einen guten Überblick über die Methodik der Grounded Theory bieten Glaser/Strauss (2008), Strauss/Corbin (l999) und Strübing (2008).

8 Beide Texte sind der Arbeit angehängt. Eine Liste mit allen analysierten Texten, die hier erwähnt werden, befindet sich ebenfalls im Anhang.

9 Die folgenden Daten sind Eigenangaben der jeweiligen Verlage.

10 vgl. zu dieser Frage auch den gleichnamigen Artikel von Johannes Angermüller (2008).

11 Zum Zeitpunkt der Fertigstellung dieser Arbeit existierte die entsprechende Seite nicht mehr.

Ende der Leseprobe aus 104 Seiten

Details

Titel
Das studentische Subjekt. Eine qualitative Untersuchung von Studentenmagazinen
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Soziologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
104
Katalognummer
V176411
ISBN (eBook)
9783640977123
ISBN (Buch)
9783640977659
Dateigröße
905 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
studentisches Subjekt, Studenten, Medien, Qualitative Forschung, Studentenmagazine, Studentenzeitschriften, Subjekttheorien, Hybrides Subjekt, Unternehmerisches Selbst, Neuer Geist des Kapitalismus, Reckwitz, Bröckling, Boltanski, Chiapello
Arbeit zitieren
Johannes Richter (Autor), 2011, Das studentische Subjekt. Eine qualitative Untersuchung von Studentenmagazinen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176411

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