Verkleidung und Cross-Dressing in der mittelalterlichen Literatur am Beispiel der Venusfahrt Ulrichs von Liechtenstein


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

24 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Die Verkleidung
2. Cross-dressing in der mittelalterlichen Literatur
2.1 Beispiele: Hugdietrich, Brautschwank und Herkules
2.2 Die Funktion der Verkleidung
3. Hintergründe der Venusepisode im Frauendienst
3.1 Geschlechtermodelle im Frauendienst
3.2 Die Venusfahrt als herrschaftliche Repräsentation
3.3 Gesellschaftskritik und Parodie

III. Fazit

IV. Bibliographie:

I. Einleitung

Ulrich von Liechtenstein, geboren zu Beginn des 13. Jahrhunderts, nimmt in der Literatur des Mittelalters eine besondere Stellung ein. Sein um 1250 entstandenes Werk, der „Frauendienst“, ist der erste Ich-Roman in deutscher Sprache und gilt als „einmaliges formales Experiment“.[1] Der epische Text umfasst 1850 Zeilen in den 58 Lieder, drei „Büchlein“ und sieben „Briefe“ eingebaut sind. Aber auch inhaltlich weist der Frauendienst einige Besonderheiten auf. Im Mittelpunkt steht der Protagonist, zugleich fiktiver Autor, dessen Leben als höfischer Minneritter mit all seinen Hoch- und Tiefpunkten geschildert wird. Er steht im Dienste seiner angebeteten, unerreichbaren Dame, wie es im hohen Minnesang, etwa bei Reimar dem Alten oder dem frühen Walther von der Vogelweide, häufig dargestellt ist.[2] Doch ist Ulrichs Dame im ersten Teil des Frauendienstes besonders anspruchsvoll. Trotz aufopfernder, kreativer und oft schmerzhafter Einfälle schafft er es nicht seine Dame zu überzeugen. Um seine Misserfolge auszugleichen hat er eine besonders ausgefallene Idee: „ich will in einer vrowen wis / durch si werben umbe pris“.[3] Zu Ehren seiner Minnedame organisiert Ulrich, als Liebesgöttin Venus verkleidet, eine Turnierfahrt über Kärnten, die Steiermark und Österreich bis Böhmen.

In der älteren Forschung wurde häufig diskutiert, ob der reale Ulrich von Liechtenstein tatsächlich eine solche Kostümfahrt unternommen hat. Obwohl der Realitätsgehalt der Venusfahrt heutzutage höchstem Maße angezweifelt wird, lässt sich nicht leugnen, dass durch reale geographische Bezeichnungen und historisch belegte Personennamen, ein solcher Gedanke vom Autor durchaus provoziert wird. Welche Motivation also hatte einer der prominentesten und einflussreichsten Ministerialen seiner Zeit, in gewisser Weise sich selbst, als Frau beziehungsweise Königin der Liebe verkleidet darzustellen? Um die Hintergründe der längsten Partie im „Frauendienst“ herauszuarbeiten, sollen zunächst die Darstellung und Vorgehensweise der Kostümierung untersucht werden. Im darauffolgenden Kapitel werden weitere Beispiele für cross-dressing in der mittelalterlichen Literatur aufgezeigt und verglichen, bevor es im letzten Abschnitt zur näheren Interpretation der Venusfahrt, im Bezug auf Geschlechterrollen und Funktion des Motivs der Verkleidung kommt.

II. Hauptteil

1. Die Verkleidung

Die Venusfahrt Ulrichs hat in der Rezeption des „Frauendienstes“ eine gewisse Vorrangstellung, sodass ihre Illustration sogar Eingang in die Miniatur des Codex Manesse gefunden hat.[4] Dort ist der reitende Ulrich von Liechtenstein abgebildet, auf dessen Helm sich eine rot gekleidete Königin Venus befindet, die mit Pfeil und Flamme ausgerüstet ist. Allerdings entspricht diese Illustration in keiner Weise der Beschreibung der Venusfahrt im „Frauendienst“. Die Venusdarstellung Ulrichs geht auf drei Traditionen der Venusvorstellung zurück: Die lateinische Venusfigur, Venus in der volkssprachigen Literatur und die Venusumzüge des Brauchtums im Mittelalter.[5]

In der lateinischen Tradition besaß die Venusfigur oft neben der Vorstellung der Liebesgöttin auch politische Relevanz. So wurde sie zum Beispiel von Sulla, Pompeius und Caesar zu ihrer Glücksgöttin ernannt und galt als Ursache für ihren politischen Erfolg.[6] Aufgrund des prunkvollen und herrschaftlichen Auftretens Ulrichs als Königin Venus und die rapide Vergrößerung seiner Gefolgschaft während der Fahrt, werden dem Protagonisten teilweise repräsentative, also in einem gewissen Sinne politische Interessen bei der Veranstaltung seiner Fahrt nachgesagt, worauf in einem anderen Kapitel näher eingegangen wird.[7]

In der volkssprachigen Literatur des Mittelalters herrschte die Vorstellung von zwei verschiedenen Venusfiguren: „einer positiven, die in Übereinstimmung mit der kosmischen Ordnung steht, und einer negativen, die ausschließlich auf fleischliche Begierde gerichtet ist.“[8] Im Frauendienst erscheint nur das positive Bild der Venus, die sowohl „ küneginne “, als auch „ gotinne“ über die minne genannt wird.[9] Die freudige Reaktion des Publikums während der prunkvollen Züge der Venusfahrt kann als Rückbezug auf brauchtümliche Fruchtbarkeitsumzüge verstanden werden.[10] Doch trotz der Bezüge zu vorhandenen Traditionsmustern „schafft Ulrich dennoch durch die raffinierte Montage bereits bekannter Kultur- und Wissenselemente im Zusammenspiel von Tradition und Innovation etwas Neues, das die Konventionalität durchbrechen und für die höfische Gesellschaft zum Faszinosum werden kann.“[11]

Bei der Verwandlung Ulrichs in die Königin Venus beginnt der Protagonist mit den äußerlichen Erscheinungsmerkmalen. Sehr ausführlich und genau beschreibt er sein Kostüm:

Ich hiez mir sniden vrowen cleit:

Zwelf rockel wurden mir bereit

Und drizic vrowen ermel guot

An chleiniu hemde, das was min muot.

dar zuo ich willeclich gewan

zwende schoene zöpfe wol getan,

die ich mit perlin wol bewant,

der ich da wunder veile vant.[12]

Seine Kleidung ist sehr kostbar und prunkvoll, wie es sich für eine Königin geziemt. Die Kleidung der adelig-höfischen Gesellschaft wird in der Literatur des 13. Jahrhunderts allgemein sehr luxuriös dargestellt.[13] Material, Farbe, Verzierung und Schnitt der Kleiderpracht waren ein Mittel sich von der übrigen Bevölkerungsschicht abzusetzen. Die ausführlichen Beschreibungen der Kostbaren Kleidungsstücke in der mittelalterlichen Literatur sind darauf zurückzuführen, dass die meisten Dichter im Auftrag und mit finanzieller Unterstützung von adeligen Gönnern arbeiteten. Beim wohlhabenden und einflussreichen Ulrich von Liechtenstein ist dies allerdings auszuschließen.[14] Dennoch sind Ulrichs Kleiderbeschreibung, nicht nur in der Venus-Partie, sehr umfangreich und detailliert. Seine Intention ist es dabei die verpflichtende und anzustrebende Exklusivität des Adelsstandes aufzuzeigen.[15] Dabei fällt das Desinteresse an der nicht-höfischen Kleiderausstattung auf: Obwohl im Frauendienst Figuren aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Schichten auftreten, werden diese kaum beschrieben. Außer wenn diese im Dienste der Repräsentation des Adels stehen, sowie die kostbar gekleidete Gefolgschaft Ulrichs bei der Venusfahrt.

Die Wichtigkeit, die Ulrich dem Aspekt der Kleidung zuschreibt fällt auch an anderen Stellen auf. So empfiehlt er zum Beispiel seinen Standesgenossen ihre Damen mit schönen Gewändern einzukleiden: Guot chleit den vrowen schone stat,/ ez ist min tumbes mannes rat,/ daz man si gern chleide wol,/ sit daz ein man sin guot wip sol/ reht haben als sin selbes lip.

Als Frau Venus trägt Ulrich ein weißes Kleid, dessen symbolische Bedeutung für Reinheit und Keuschheit steht, was wiederum die Minne selbst versinnbildlichen könnte.[16] Seine Gefolgschaft lässt er ebenfalls prächtig und in weiß einkleiden. Sogar seine ritterliche Ausstattung, wie Helm und Schild, soll weiß sein. Spiele mit der Farbsymbolik sind in der mittelalterlichen Dichtung ein beliebtes Mittel. Vor allem die Farbe weiß kommt in Verbindung mit der Minne besonders häufig vor. Zum Beispiel die Blutstropfen-Szene im Parzival: Als der Ritter drei Blutstropfen im Schnee erblickt wird er von der Minne überwältigt und fällt kurzzeitig in eine Art Trance-Zustand.[17]

Ulrich bedeckt als Frau Venus sorgfältig seinen gesamten Körper, sodass nicht einmal mehr die Hände zu erkennen sind. Das Gesicht verhüllt er mit einer risen, bis nichts mehr zu sehen ist, als der ougen brechen[18]. Damit wird auf die Disziplinierung des weiblichen Blickes angespielt, welche eine Pflicht für das Benehmen von Frauen und Mädchen im höfischen Raum war. Das Senken des Blickes galt als generelles Merkmal des weiblichen Körpers und symbolisierte damit die Anerkennung der männlichen Vorherrschaft.[19] Ulrich von Liechtenstein ist also nicht nur darum bemüht äußerlich als Frau zu erscheinen, er versucht ebenso weibliches Benehmen zu imitieren. Ein weiteres Beispiel dafür ist der weibliche Gang:

Ich gie nach blider vrowen sit,

chum hende breit was da min trit.

Swie seine ich gie, swie sanfte ich trat,

ich chom doch wider an die stat,

da e gestanden was min lip;[20]

Auffällig sind auch Ulrichs Bemühungen bei seinem Vorhaben unerkannt zu bleiben. Damit niemand seine Verkleidung bemerkt, gibt er zunächst vor als Pilger nach Rom zu reisen. Verbringt den Winter aber in Venedig, um sich dort die Kleider nähen zu lassen. Er weiht nur seinen Boten ein, der vor der Fahrt das Einverständnis der Dame einholt.

„Bot, ich will die vart so varn,

das ich daz trouwe wol bewarn,

da iemen wizze, wer ich bin;

dar an kere ich gar minen sin.

Ez sol min hoch gemouter lip

Gechleidet sin reht als ein wip.

Min vart diu muoz also geschehen,

daz mich sol nimmer man gesehen.“[21]

Hierbei taucht allerdings ein Problem im Bezug auf den Minnedienst auf: die Konventionen der hohen Minne erfordern einen permanenten Dienst des Ritters in Wort und Tat gegenüber seiner Minnedame, wobei diese gegenüber der höfischen Öffentlichkeit stets geheim bleibt.[22] Wenn Ulrich allerdings während der Venusfahrt seine Identität verbirgt und als Dame auftritt, kann er seine Minnedienstbereitschaft der Öffentlichkeit gegenüber nicht artikulieren. Durch die auktoriale Erzählperspektive, verbunden mit der autobiographischen Erzählweise, ist es Ulrich von Liechtenstein aber möglich, dem Publikum außerhalb des Textgeschehnisses seine innere Welt zu offenbaren und somit die Minnedienstbereitschaft zu beweisen.[23] Zudem schützt ihn die falsche Identität vor Selbstrühmung, die im Bezug auf die Minnedienstkonventionen ein Vergehen wäre.

Bei der Frage nach dem Grund für Ulrichs aufwendige Kostümierung, sind die Meinungen in der Forschung recht gespalten. Während man auf der einen Seite davon ausgeht, die Verkleidung hätte den Zweck seine Männlichkeit zu verdecken und er es sogar genieße äußerlich eine Frau zu sein[24], ist man auf der anderen Seite der Ansicht, es ginge ihm lediglich darum persönliche Merkmale - wie zum Beispiel seinen abgeschlagenen Finger - zu verdecken, die ihn als Ulrich von Liechtenstein identifizieren würde.[25] Hinzu kommt die Auffassung Ulrich sei gar nicht darum bemüht sich authentisch zu verkleiden, sondern sei ausdrücklich darauf bedacht seine wahre männliche Identität durchscheinen zulassen, da ihn dies vor einem Statusverlust retten würde.[26]

Bevor die Funktion und nähere Hintergründe der Verkleidung Ulrichs von Liechtenstein erläutert werden, sollen hier zunächst andere Beispiele für Männer in Frauenkleidung in der mittelalterlichen Literatur aufgezeigt und analysiert werden.

[...]


[1] Ulrich von Liechtenstein: Frauendienst, hg. von Franz Viktor Spechtler, S. 3

[2] Ebd

[3] FD, 458, 3 f.

[4] Codex Manesse, cpg 848, fol. 237r

[5] Linden: Kundschafter der Kommunikation, S. 92

[6] Ebd.

[7] Vgl. Linden S. 112 ff., oder Mecklenburg: Ritter Venus und die Rückeroberung verlorenen Terrains

[8] Ebd.

[9] FD, Brief B, 1 f.

[10] Linden, S. 93 f.

[11] Ebd. S. 94

[12] FD 473 ff.

[13] Blaschitz: gechleidet wol nach ritters siten, S. 373

[14] Ebd. S. 375

[15] Ebd., S. 377

[16] Moshövel: Ulrich von Liechtenstein – ein Transvestit? S. 365

[17] Parzival, 282 ff.

[18] FD 530, 1-4

[19] Bennewitz (1999): Eine Dame namens Ulrich, S. 353

[20] FD 945 f.

[21] FD 463f.

[22] Mecklenburg, S. 187

[23] Ebd.

[24] Vgl. unter anderem Weichselbaumer: gemerket unde erkant/durch seine unvroweliche site, S. 332

[25] Mecklenburg, S. 189

[26] Vgl. Bullough und Bullough: Cross Dressing, Sex, and Gender, S. 62 ff.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Verkleidung und Cross-Dressing in der mittelalterlichen Literatur am Beispiel der Venusfahrt Ulrichs von Liechtenstein
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,3
Jahr
2010
Seiten
24
Katalognummer
V176518
ISBN (eBook)
9783640983360
ISBN (Buch)
9783640983490
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
verkleidung, cross-dressing, literatur, beispiel, venusfahrt, ulrichs, liechtenstein
Arbeit zitieren
Anonym, 2010, Verkleidung und Cross-Dressing in der mittelalterlichen Literatur am Beispiel der Venusfahrt Ulrichs von Liechtenstein, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176518

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