Die Kultursemiotik als Bereich der Kulturtheorie: Clifford Geertz und Jurij Lotman


Essay, 2010
10 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Essay zum Thema 1.

Im folgenden Essay geht es um die Kultursemiotik, um die Methode der ethnologischen Beschreibung und Analyse symbolischer Formen. Dabei werden besonders die Ansätze von Clifford Geertz und Jurij Lotman berücksichtigt sowie die ethnologische Perspektive für die Kulturtheorie und der Kulturbegriff der Kultursemiotik analysiert. Zunächst wird der Begriff der Kultursemiotik an verschiedenen Beispielen in Kürze vorgestellt, danach wird das Problem der Darstellung von anderen Kulturen und die Theorie von Glifford Geertz analysiert. Schließlich, im dritten Teil der Arbeit, wird das kultursemiotische Konzept von Jurij Lotman dargestellt.

1 Die Kultursemiotik

Der Kulturbegriff der Semiotik basiert auf der Analyse von Zeichen und Symbolen und erweitert das linguistische Konzept der Zeichentheorie auf die Kulturforschung. Die Kultursemiotik stellt einen wichtigen Bereich in der Kulturtheorie dar.

Zwei der wichtigsten Vertreter der Kultursemiotik – Clifford Geertz (1926-2006) und Jurij Lotman (1922-1993) - haben diesen Begriff von verschiedenen Seiten analysiert. Für Geertz ist Kultur ein Kontext oder Rahmen, innerhalb dessen die Zeichen eine bestimmte Rolle für die konkrete Kultur spielen und „in dem sie verständlich – nämlich dicht – beschreibbar sind“.[1] Daher kann es die allgemeine Theorie zur Beschreibung einer Kultur nicht geben. Für Geertz ist der Kulturbegriff stark mit Ethnologie verbunden. Deshalb setzt er sich mit den Themen der Beobachtung und Beschreibung der fremden Kulturen auseinander. Geertz stellt in Frage, ob fremde Kulturen „richtig“ beobachtet, beschrieben und verstanden werden können. Er entwickelt daher die Methode der „Dichten Beschreibung“ und versucht diese Methode dem Problem der Darstellung von fremden Kulturen entgegenzusetzen.

Im Gegensatz zu Geertz, entwickelt Lotman das universale Konzept der Semiosphäre. Während für Geertz Kultur ein Raum ist, ist für Lotman die Semiosphäre der Raum der Kultur. „Außerhalb der Semiosphäre gibt es weder Kommunikation noch Sprache“[2], sagt Lotman. Diese ähnlichen, aber gleichzeig unterschiedlichen Konzepte stützen sich auf verschiedene Argumentationen und Begriffe. Während für Geertz die Beobachtung und ethnologische Beschreibung eine große Rolle spielt, ist für Lotman die Sprache und Dynamik innerhalb der Kultur wichtig. Lotman beschäftigt sich mit der Rolle der Sprache und kommt zu dem Schluss, dass die Sprache viel mehr als Information darstellt und Textverstehen Kulturverstehen ist. Für Lotman ist die Sprache „eine Funktion, eine Verdichtung des semiotischen Raums“.[3]

Die Rolle der Sprache ist insgesamt ein wichtiger Punkt für die Semiotik und die Kulturtheorie insgesamt. Während F. Saussure, der sich auch mit dem Zeichenbegriff und der Semiotik beschäftigte, von eindeutiger Informationsübertragung ausgeht, ist es für R.Jakobson wichtig, dass die Sprache nicht nur eine Bedeutung von bestimmter Information übermittelt. Er sagt, dass die Sprache selbst in grammatischer Funktion poetisch ist und dass der Sinn von dem Kontext abhängig ist.

Diese unterschiedlichen Beispiele entsprechen dem semiotischen Kulturverständnis, in dem es nicht nur eine richtige Bedeutung gibt, sondern mehrere.

2 Das Problem der Darstellung von anderen Kulturen

Die Bedeutung der ethnologischen Perspektive für die Kulturtheorie ist nicht zu unterschätzen. Neben vielen Aspekten, Methoden und Theorien, mit denen die Ethnologie operiert, ist in diesem Zusammenhang die Methodik der ethnographischen Beschreibung besonders wichtig.

Laut Geertz wird die Kultur als Kontext verstanden. In diesem Kontext (oder Rahmen) können die Zeichen und bestimmte Ereignisse unterschiedlich verstanden und interpretiert werden. Dabei spielt die Rolle des Beobachters eine sehr große Rolle, selbst (und besonders) wenn es nicht sofort sichtbar und deutlich wird. Die „neutrale Beobachtungen/Beschreibungen“, die Ethnologen lange für das wichtigste Konzept hielten, sind daher eine Illusion. Für Geertz (wie auch für Herden) ist es wichtig, dass es für Ethnologen keine reinen Fakten gibt. Jedes (Sinn)Verständnis ist daher eine Ergänzung und jede Beobachtung schon Interpretation.

Dementsprechend kommt Geertz zu dem Schluss, dass die Ethnologie eine Interpretation und nicht die neutrale Beobachtung oder die Darstellung der neutralen Fakten ist. Da jede Kultur ihre eigenen Regeln, Besonderheiten und Phänomene hat, kann man sie nur unter einem bestimmten Gesichtswinkel betrachten und die Information zweiter oder sogar dritter Ordnung darstellen. „Nur ein 'Eingeborener' liefert Informationen erster Ordnung – es ist seine Kultur“.[4] Eine neutrale Darstellung des kulturellen Wissens gibt es nicht.

Diese Folgerung, die sowohl Herder als auch Geertz gezogen haben, ist nicht nur für Ethnologie (bzw. Sozialanthropologie) und für die ganze Kulturtheorie äußerst wichtig, sondern auch für die quantitativen sowie qualitativen Forschungen der Soziologie. Hier ist zu betonen, dass dieses Konzept für verschiedene Wissenschaften von Bedeutung ist.

Zum Beispiel wurden in den Arbeiten von dem Sozialanthropologe und einem der Begründer des Funktionalismus Bronislaw Malinowski, dessen Werke bis heute von Anthropologen und Ethnologen außergewöhnlich geschätzt werden, die Rolle des Beobachters nicht besonders reflektiert. In seinem Hauptwerk „ Argonauten des westlichen Pazifik “ (1922) hat er die Methode der Feldforschung (Teilnehmende Beobachtung) verwendet. Dabei sammelte er mit Hilfe von bestimmten Methoden (z.B. der Ethnologe soll auf jeden Kontakt mit Zivilisation verzichten, damit die teilnehmende und unvoreingenommene/neutrale Beobachtung möglich sein kann)[5] interessante Daten, jedoch reflektierte er dabei seine eigene Rolle und sein Einfluss auf das „Feld“ fast nicht. Die Erkenntnis, dass die neutrale Beobachtung im Prinzip nicht möglich ist, wurde damals nicht analysiert. Erst in den 1960/70 Jahren hat Geertz darauf hingewiesen, dass es bei jeder ethnologischen Untersuchung eine Kluft des Verstehens schon im Vor verständnis zwischen dem Fremden und dem Eigenem besteht.

Wenn man heute das Buch von Malinowski liest und dabei die Erkenntnisse des Konzepts von Geertz berücksichtigt, lässt sich die wechselseitige Beeinflussung von Malinowski als Anthropologe und der von ihm untersuchte Gesellschaft sehr gut feststellen.

Interessanterweise ist dieses Problem in der Soziologie auch heute sehr aktuell. Die beiden Methoden der Sozialforschungen – quantitative (u.a. Interviews, Datenerhebung und –analyse, statistische Analyse) und qualitative (u.a. halbstrukturierte Interviews, Experimente, Beobachtung) – arbeiten unmittelbar mit Menschen und mit bestimmten gesellschaftlichen Prozessen, dabei erhebt die Soziologie den Anspruch auf die Fähigkeit der vollen Beschreibung des Gesamtbilds von sozialen Strukturen.

Während die Hauptkritik der quantitativen Sozialforschung darin besteht, dass sie sich wenig auf die Befragten und die Besonderheiten der einzelnen Person einstellt, wird in qualitativen Forschungen vor allem die Subjektivität der erhobenen Daten kritisiert. Und noch mehr – in beiden Sozialforschungen wird nicht nur die Rolle des Interviewers als möglicher Faktor der Datenverzerrung anerkannt, sondern auch die Rolle der Befragten. Ob der Befragte die Fragen des Interviews „richtig“ interpretiert und versteht und vor allem, ob alle Befragte sie gleich interpretieren – kann nicht mit Bestimmtheit gesagt werden. Hier ist nur die Herabsetzung der möglichen Fehler auf ein Mindestmaß möglich.

Zurück zur Ethnologie, wo Geertz diesem Problem das Konzept der „Dichte Beschreibungen“ entgegengesetzt hat. Die Methodik der „Dichten Beschreibungen“ geht dahin, dass:

1) der Ethnologe die fremde Kultur aus der Perspektive von den „Eingeborenen“ bzw. von den Trägern der Kultur darstellen und erzählen soll;
2) seine eigene Perspektive, persönliche Erwartungen und das Hintergrundwissen ausgeblendet werden soll;
3) die eigene Rolle des Forschers anerkannt und reflektiert werden soll.

Mit Hilfe dieser drei Regeln ist laut Geertz die „ dichte Beschreibung“ möglich. Wobei die „dichte Beschreibung“ die Darstellung von reinen Fakten auch nicht ermöglichen kann, kann sie mikroskopisch beschreiben, Unterschiede wahrnehmen sowie selbige als bedeutungsvolle Zeichen untersuchen. Zum Beispiel wir können nicht verschiedene mögliche Bedeutungen eines zuckenden Augenlids sofort unterscheiden (Augenzucken, Augenzwickern oder Parodien des Zwinkerns), aber für den Ethnologen sind sie dicht beschreibbar, das heißt die komplexen Bedeutungen müssen differenziert werden.

[...]


[1] Geertz, C.: Dichte Beschreibung: Beitrage zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1983. S. 21.

[2] Lotman, J.: Die Innenwelt des Denkens. Eine semiotische Theorie der Kultur. Frankfurt/Main, 2010. S. 164.

[3] Lotman, J. (2010). S. 164.

[4] Geertz, C. (1983). S. 23.

[5] Diese Methode wurde von Ethnologen aber auch kritisiert – die Gefahr kann darin bestehen, dass der Ethnologe die Objektivität der Forschung verliert und sich viel zu tief in die von ihm untersuchte Gesellschaft integriert.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Die Kultursemiotik als Bereich der Kulturtheorie: Clifford Geertz und Jurij Lotman
Hochschule
Universität Konstanz
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
10
Katalognummer
V176547
ISBN (eBook)
9783640978625
ISBN (Buch)
9783640978946
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kultursemiotik, bereich, kulturtheorie, clifford, geertz, jurij, lotman
Arbeit zitieren
Eva Schwarz (Autor), 2010, Die Kultursemiotik als Bereich der Kulturtheorie: Clifford Geertz und Jurij Lotman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176547

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