Relativitätseffekte in zwei Domänen

Ein Vergleich der Raum– und der Bewegungskognition


Bachelorarbeit, 2009

50 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sprachlicher Relativismus - Einordnung des Forschungsgegenstandes
2.1 Wegbereiter der Relativitätsforschung
2.2 Gegenwärtige Forschung
2.3 Untersuchen sprachlicher Relativität
2.3.1 Theoretischer Hintergrund
2.4 Die Idee der Domänen

3. Die Raumdomäne
3.1 Referenzrahmen
3.2 Methoden zur Untersuchung räumlicher Beziehungen
3.2.1 Ermitteln sprachlicher Diversität
3.2.2 Nonverbale Testmethoden
3.3 Voraussagen der Untersuchungsergebnisse
3.4 Ergebnisse und Relativitätseffekte

4. Bewegungsereignisse
4.1 V- und S-Sprachen
4.2 Mittel zur Untersuchung von Bewegungsereignissen
4.2.1 Methoden zur verbalen Untersuchung
4.2.2 Ermitteln kognitiver Fähigkeiten
4.3 Erwartete Ergebnisse in der Domäne der Bewegungsereignisse
4.4 Ergebnisse

5. Diskussion der Ergebnisse beider Domänen: Mögliche Ursachen für die Unterschiede
5.1 Evidenz für sprachliche Relativität
5.1.1 Gesten
5.1.2 Spracherwerb und Sprachentwicklung
5.2 Schwierigkeiten bei den Untersuchungen
5.2.1 Unzulänglichkeiten im Material
5.2.2 Sprachliche Vermittlung

6. Allgemeine Zusammenfassung und abschließende Vorstellungen

Literatur

Relativitätseffekte in zwei Domänen:

Ein Vergleich der Raum- und der Bewegungskognition

Jan Ihme

Zusammenfassung

Welche Relation besteht zwischen der Sprache und dem Denken? Hat sprachliches Kodieren einen Einfluss auf die Ausbildung konzeptueller Strukturen, oder müssen Universalien angenommen werden, die divergierenden sprachlichen Mustern gegenüber stehen? Umfangreiche Studien wurden und werden zur Untersuchung der Relativitätshypothese in verschiedenen Domänen angestellt. Hier sollen Methoden und Resultate dargelegt werden, die bei der Erforschung semantischer und konzeptueller Repräsentationen im Umgang mit Bewegungsereignissen und der Raumwahrnehmung gesammelt wurden. Ein Vergleich zeigt, dass die Effekte keineswegs eindeutig sind und die Wissenschaft noch intensiver vorangetrieben und entwickelt werden muss, wenn die möglichen Effekte bei der Raumkognition einerseits und die fehlende Evidenz bei der Bewegungswahrnehmung andererseits vor dem Hintergrund der universellen geistigen Anlagen des Menschen erklärt werden sollen.

1. Einleitung

Können und müssen wir einen Einfluss der Sprache auf das Denken annehmen und wenn ja, wie gestaltet sich dieser? Hierzu sind drei Annahmen unerlässlich: (i) eine grundsätzliche Unterscheidung von Sprache und Denken, (ii) das Ausarbeiten der Vorgänge und Modi des Einflusses und (iii) das Hinweisen auf andere, kontextabhängige Faktoren, die diese Vorgänge beeinflussen können (Lucy 1997: 306). Das Prinzip der sprachlichen Relativität wird zur Untersuchung in seine Komponenten gegliedert, um sprachliche Diversität einerseits und zugrunde liegende Konzepte andererseits aufzudecken. Die Forschung hat sich neben Farben, Zeit, Objekten, Numeralia und anderen Gebieten vor allem der Erfahrung des Raumes und dem Erleben von Bewegungen angenommen. Hier versucht sie dem unterschiedlichen Gebrauch der Sprachen der Welt eine Konsequenz im

Konzeptualisieren korrelierender Aspekte zu attestieren. Diese Beziehung wird im nächsten Abschnitt dargestellt. Das gegenwärtig wachsende Interesse an diesem Forschungsgegenstand beruht unter anderem auf den konfligierenden Annahmen sprachlicher Universalsten und Relativisten in den vergangenen Jahrzehnten. Bis heute ist das Feld von beiden Seiten hart umkämpft, was es nötig erscheinen lässt, die Entwicklungen der Thesen und ihre historischen sowie gegenwärtigen Vertreter in Abschnitt 2.1 zu benennen. Das Interesse dieser Arbeit liegt vor allem im Vergleich der Ergebnisse zweier Domänen, die in 2.4 definiert und im dritten sowie vierten Abschnitt dargestellt werden. Hierin wird deutlich, dass es nicht möglich ist die Domänen als Ganzes zu untersuchen, weswegen die Forschung sich vor allem auf die Idee der Referenzrahmen und ihre unterschiedliche Auslegung durch verschiedene Sprachgruppen stützt. Auf dieser Grundlage werden Instrumente entwickelt, die sprachliche und kognitive Leistungen, auf die hier konkret eingegangen wird, aufdecken sollen. Es zeigt sich, dass der Raum eine starke Bekräftigung der Relativitätshypothese, wie sie sich auf B. L. Whorf beruft, bietet. Weniger starke Effekte werden hingegen bei Bewegungsereignissen beobachtet. Eine gründliche Analyse der Untersuchungsmethoden und die Darstellung der streitbaren Ergebnisse sind ebenso Teil dieser Arbeit wie ein Vergleich der Effekte beider Domänen in Abschnitt fünf. Worauf die entdeckten Unterschiede beruhen, soll in Abschnitt 5.1 erörtert und daraufhin Evidenz gegeben werden, welche die Effekte und Nicht-Effekte zu erklären versucht. Dazu sollen Untersuchungen zu sprachbegleitenden Gesten und ihre kommunikative Rolle sowie Erkenntnisse zum Spracherwerb herangezogen werden. Da die Effekte nicht eindeutig sind, ist es nicht nur nötig die Thesen zu überdenken, sondern vor allem die Methoden und Instrumente zu verbessern, um verlässliche, replizierbare und möglichst unanfechtbare Ergebnisse zu erzielen. Dazu gehe ich in einem abschließenden Abschnitt auf methodologische Schwierigkeiten, Materialien und die zeitweise hinderliche, da dominante Rolle der Sprache beim Untersuchen nonverbaler Leistung ein.

2. Sprachlicher Relativismus - Einordnung des Forschungsgegenstandes

„Der sprachliche Relativist nimmt an, dass [...] die Wahrnehmung der Welt durch die jeweilige Sprache beeinflusst wird" (Werlen 2002: 3). Mit einer solchen Aussage im Hintergrund versuchen Linguisten, Anthropologen, Ethnologen und Psychologen die Beziehung zwischen der Sprache und dem Denken zu ergründen. Die Frage nach der Angleichung dieser beiden Einheiten wird dabei nicht erst seit der Entwicklung geeigneter Methoden diskutiert, erhält seitdem aber große Aufmerksamkeit. Den universellen Prinzipien der Spracheverarbeitung steht die grundlegende Idee der sprachlichen Relativität gegenüber. In dieser wird formuliert, dass die Kultur, durch Sprache, die Art zu Denken und vor allem die Klassifikation der wahrgenommenen Welt beeinflusst. Dabei wird nach den Effekten gesucht, welche die Sprache auf außersprachliche Kognition hat. Die Erforschung dieser Beziehung stellt somit die Schnittstelle zwischen mehreren Disziplinen dar. Die Sprachtypologie klassifiziert verschiedene Sprachen hinsichtlich des Gebrauches ihrer Muster beim Ausdrücken von Erfahrungen und fragt nach der Vergleichbarkeit grammatischer und lexikalischer Kategorien über Gesellschaften und Sprachsysteme hinweg. Da keine zwei Systeme als identisch angenommen werden können, ist sprachliche Relativität die Konsequenz. Mit dieser eng verbunden, ist die sich über einen langen Zeitraum entwickelnde kulturelle Relativität, die Ethnologen zu ergründen versuchen. Der Grundgedanke ist, dass die Kultur durch die Sprache hindurch unsere Art zu Denken beeinflusst (Gumperz & Levinson 1996:1). Dabei steht nicht im Vordergrund, von welcher Art der Einfluss ist, sondern dass es diesen gibt. Das versuchen Psychologen zu beweisen. Mit ihren Möglichkeiten zur Untersuchung leisten sie einen Beitrag zum Verständnis des kognitiven Systems. Die Anthropologie als Grundlage dieser Wissenschaften vereint verschiedene Ideen bezüglich des Menschen, seiner Erfahrung der Welt und seinem Ungang mit ihr. Aus dieser Disziplin und den anderen genannten heraus, wurde das Prinzip der sprachlichen Relativität entwickelt und ständig konkretisiert. Der folgende Abschnitt gibt einen Überblick über einige jener Forscher, die sich mit der sprachlichen Relativität beschäftigen.

2.1 Wegbereiter der Relativitätsforschung

In den zurückliegenden zwanzig Jahren konnte die Untersuchung der Relativitätshypothese einen enormen Zuwachs an Interesse und Entwicklung von Methoden verzeichnen. Jedoch beschäftigt das Gebiet, das der Frage nach einer Verbindung zum Denken auf den Grund gehen möchte, den Menschen schon seit geraumer Zeit. Stellen die Philosophen der Antike erste Vermutungen an, um im Wesentlichen der Sprache als Realisierungsfeld höherer Ideen näher zu kommen, reifen in der Epoche der Aufklärung konkretere Gedanken, wie bei Immanuel Kant oder Johann Gottfried Herder. Hier finden sich weitgehend philosophische Formulierungen über den Zusammenhang von Sprache und Denken, beziehungsweise zur Sprache als Abbildungsmöglichkeit ,seelischer Zustände'. Vor diesem Hintergrund entwickelt Wilhelm von Humboldt seine Ideen so ausführlich, dass man ihn als einen Begründer der vergleichenden Sprachwissenschaft sehen kann und muss. Er katalogisiert verschiedene Sprachen und kommt zu dem Schluss, dass die Verknüpfung zwischen der Sprachform und ihrem Einfluss auf das Denken ergründet werden müsse. Humboldt sieht die Sprache als gestaltendes Werkzeug, das Gedanken bearbeitet und in eine angemessene Form bringt. Denken und Sprechen sind aufgrund dessen untrennbar miteinander verbunden (Gentner & Goldin-Meadow 2003: 3). Seine Aufgabe sieht er im Zurückführen der Variabilität im Sprachbau auf Typen, die in den geistigen Anlagen der Menschen begründet sind. Dabei interessiert er sich unter anderem für die Orientierung im Raum und stellt eine einzigartige ,Weltanschauung' in den einzelnen Sprachen der Welt fest (Gumperz & Levinson 1996: 2). Auch Herder vertritt die Ansicht, dass die Wahrnehmung der Welt sich in dem Maße unterscheidet, wie sich Sprachen unterscheiden. Die so erfahrene Welt wird durch die Sprache vermittelt. Dieser Standpunkt ist für Humboldt eine sichere Basis, auf der er seine Theorien formulieren kann. Unter anderem die, dass Sprache ein Gerüst der Wahrnehmung ist, welches a priori existiert und den Strom der sensorisches Eindrücke organisiert und kategorisiert (Foley 1997: 193). Die Kategorien variieren ihrerseits und stellen ein Abbild der Kultur dar, in welcher der Sprecher lebt. Humboldt geht aber auch davon aus, dass alle Sprachen universelle Eigenschaften besitzen und somit einige universelle grammatische Aspekte ausdrücken müssten (Foley 1997:194).

In den Ideen Wilhelm von Humboldts sieht der deutsche Ethnologe Franz Boas einen fruchtbaren Boden für seine Arbeit an Kultur, Gesellschaft und Sprache. Er formuliert den Anspruch, verschiedene Kulturen und somit Sprachen unter ihren ureigenen Bedingungen untersuchen zu müssen. In humboldtscher Tradition postuliert er, dass alle Menschen die gleichen psychischen Grundlagen besitzen, um die Welt zu erfahren und kategorisieren zu können (Lucy 1992a: 11 ff.). Der Sprache weist auch er dabei eine klassifizierende Rolle beim Organisieren der sensorischen Erfahrung zu. Während Humboldt die extreme Position eines sprachlichen Determinismus' einnimmt, nach der die sprachlichen Kategorien das Denken prägen, sieht Franz Boas in der Sprache eine Widerspiegelung des Denkens, in der ihre Kategorien kulturelle Erfahrungen in Konzeptgruppen gliedern und diese reflektieren. Boas' Untersuchungen sind noch nicht experimenteller Natur, indem zu verifizierende Hypothesen aufgestellt werden. Vielmehr formuliert er Annahmen über die Beziehung von Sprache und Kultur. Die unterschiedlichen Erfahrungen verschiedener Kulturen drücken sich demnach in unterschiedlichen sprachlichen Formen aus, die aber nicht Unterschiede im Denken, sondern eine unterschiedliche kulturelle Gewichtung widerspiegeln.

In der Tradition seines Lehrers Boas betont auch Edward Sapir eine Interaktion zwischen universellen psychischen Leistungen und variablen kulturellen Mustern (Lucy 1992a: 17 ff.). Es müsse nach einer Wechselbeziehung zwischen diesen kulturell unterschiedlichen Konzepten und sprachlichen Strukturen gesucht werden. Dabei sieht Sapir keine kausale Verknüpfung zwischen Kultur und Sprache und somit keine Beeinflussung der Kultur durch Sprache. Das Denken muss vom Sprechen strikt getrennt werden, ja es existiert nur durch die Sprache, die das Denken kanalisiert. Da Sprache für Sapir vor allem eine soziale Funktion hat und Erfahrung auf diese Weise durch den Sprachgebrauch einer Gemeinschaft transportiert wird, ist sie mit anderen Sprachen nicht vergleichbar. Die unterschiedliche Art und Weise des Ausdruckes ist auffällig und indiziert einen Bezug zu unterschiedlichem Verständnis. Somit lenken sprachliche Kategorien das Denken. Sapir nimmt also eine konträre Position gegenüber seinem Lehrer ein, indem er die Ansicht vertritt, dass sich nur in der Sprache das komplette Denken offenbart; dass ohne Sprache Konzepte nicht bestehen können (Foley 1997:198).

Eine systematische Herangehensweise beginnt im 20. Jahrhundert mit Benjamin Lee Whorf, indem er, unter Berücksichtigung der Ideen seiner Vordenker, erste Analysen von Sprachen vornimmt, sie vergleicht und Axiome zur sprachlichen Relativität daraus ableitet. Sein Hauptanliegen besteht darin, eine Möglichkeit des Sprachvergleiches zu finden, die von individuellen Sprachen entbunden ist (Lucy 1992a: 32). Er nennt dies die ,Deautomatisierung', bei der die Unbewusstheit sprachlicher Kategorien dem Bewusstsein zu Untersuchungszwecken zugänglich gemacht und nicht durch die Privilegierung einer Sprache über eine andere entzogen wird. Den Lokus für sprachlichen Einfluss sieht Whorf in den Konzepten. Dabei fragt er, ob diese für alle Menschen gleich und durch die Erfahrung bedingt sind, oder ob sie, zumindest teilweise, von der Struktur der Sprache abhängen und somit nicht universell sind. In jedem Fall stellen sie die Verbindung zwischen sprachlichen Kategorien und den grundlegenden Vorstellungen dar, die zur Interpretation der Wirklichkeit genutzt werden (Lucy 1992a: 40). In den klassifizierenden sprachlichen Kategorien erkennt Whorf Einflüsse auf das Denken und sieht hier eine veritable Quelle für weitere Forschung, bei der Parallelen zwischen sprachlichen Mustern und nichtsprachlichem Verhalten aufgezeigt werden sollen. Diese Formulierung stellt den Kern der Relativitätshypothese dar, in der er die zugrunde liegende, semantische Systematizität der Sprache ihrem Einfluss auf das gewohnheitsmäßige Denken gegenüber stellt (Gumperz & Levinson 1996: 21). Das bedeutet, Whorf sieht in den Mustern der Sprache die Modellierer einer Idee, ein System von Konzepten, das auf einer in der Welt gemachten Erfahrung beruht (Foley 1997: 201). Whorf legt mit seinen Untersuchungen den Grundstein für empirische Forschung an dieser Behauptung, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Renaissance erfahren kann. Nicht zuletzt aufgrund der Entwicklungen in den Kognitionswissenschaften und ihren Erkenntnissen kommen die Wissenschaftler nun zu einer moderateren Formulierung der Theorie. Einige ihrer Vertreter werden im folgenden Abschnitt vorgestellt.

2.2 Gegenwärtige Forschung

Die umgestaltete Theorie, nun mehr Hypothese denn Axiom, führt in der Mitte des letzten Jahrhunderts zu einigen Ergebnissen, die deutlich der Tradition Noam Chomskys und dem Kreis der Universalsten verpflichtet sind (Foley 1997: 209). Seine Betonung einer Universalgrammatik, die Ansicht, dass Sprache ein von der Wahrnehmung unabhängiges System ist und eine Marginalisierung semantischer Konzepte, lassen Untersuchungen nur am Rande zu (Gentner & Goldin-Meadow 2003: 5). In den 1980er Jahren nehmen Forscher wieder den Faden Boas' auf und verknüpfen ihn mit Erkenntnissen aus der jungen Kognitionsforschung. Vor allem John Lucy, Eve Danziger, M. Mayer, Penelope Brown und Eric Pederson entwickeln Methoden, um die Relativitätshypothese zuverlässig testen zu können. Dabei lösen sie die Vorstellung einer Einheit von Sprache und Denken auf, um beide Modi separat zu testen und Effekte von einem auf den anderen Bereich zu ermitteln (Foley 1997: 209). Heute ist das Interesse an diesem Forschungsgebiet enorm. Eine Vielzahl an Wissenschaf]tlern bemüht sich um immer verlässlichere Methoden auf immer mehr Gebieten der Wahrnehmung, Erfahrung und Verbalisierung von Konzepten. Neben Levinson und seinem Kollegenkreis am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen, die wichtige Erkenntnisse primär in der Domäne des Raumes machen, beschäftigen sich auch andere auf diesem Gebiet und tragen mit ihren Einsichten zu einer Vervollkommnung des Bildes bei. Dabei ist sprachliche Diversität die Grundlage, auf der intensiv nach Korrelationen zu nonverbalem Verhalten gesucht wird.

Andere Wissenschaftler haben sich der Erforschung der Bewegungswahrnehmung und -verarbeitung angenommen. Dan Slobin (2003), Silvia Gennari (2002), Barbara Malt (2003) und andere liefern immer detailliertere Ergebnisse auf diesem Gebiet, um Hinweise auf sprachliche Relativität auch in dieser elementaren Domäne zu ergründen. Gegenwärtige Untersuchungen beziehen dabei immer häufiger entwicklungspsychologische Studien mit ein, um der Ausbildung sprachlicher Strukturen im Zusammenhang mit der Entwicklung eines konzeptuellen Systems auf den Grund zu gehen. Andere, wie Papafragou (2002, 2008) oder Özyürek (2005), sehen in der Untersuchung nichtsprachlicher Äußerungen wie Handgesten in Verbindung mit der Verbalisierung von Bewegungsereignissen Möglichkeiten, Relativitätseffekte zu finden und zu erklären. Wie diese Effekte aussehen können und welche Vorhersagen die Forscherkreise beim Untersuchen sprachlicher Relativität machen, soll im folgenden Abschnitt erläutert werden.

2.3 Untersuchen sprachlicher Relativität

Den universellen Verarbeitungsprinzipien von Sprache, der psychischen Einheitlichkeit der Menschheit, steht die grundlegende Idee der sprachlichen Relativität gegenüber. In diesem Prinzip wird formuliert, dass die Kultur durch das Fenster der Sprache die Art zu Denken, genauer gesagt: die Klassifikation und Organisation der sensorisch erfassten Welt, beeinflusst (Gumperz & Levinson 1996: 1). Levinson (2003b: 133) stellt die Relativitätshypothese als Syllogismus dar, der die nötige Teilung und getrennte Untersuchung von Sprache und Denken beinhaltet:

(i) Semantische Strukturen verschiedener Sprachen variieren.
(ii) Semantische Kategorien beeinflussen die Art des Denkens.
(iii) Die Art, wie Individuen in verschiedenen Sprachgemeinschaften denken unterscheidet sich und stimmt mit ihrer Sprache überein.

Das heißt, wenn mindestens ein Aspekt der semantischen Struktur einer Sprache nicht universell ist, dies in verbalen Tests nachgewiesen werden kann und in weiteren nonverbalen Experimenten grundlegende Variationen festgestellt werden können, muss ein Einfluss der Sprache auf das Denken angenommen werden. Gegenstand ist demnach die Suche nach Effekten, die grammatische Strukturen und lexikalische Einheiten einer Sprache auf die außersprachliche Wahrnehmung der Welt haben. Die westliche Tradition der Forschung versperrte dabei lange Zeit die Sicht auf eine mögliche Diversität in der Konzeptualisierung, indem zum Beispiel Raumbezeichnungen ausschließlich als Reflektionen der Wahrnehmung des Körpers als Mittelpunkt gesehen wurden. Diese anthropozentrische Annahme basiert auf den körperlichen und biologischen Eigenschaften, die alle Menschen teilen. Mit der erstarkenden Forschung am Ende des 20. Jahrhunderts wird allerdings eine relativistische Annäherung deutlich. Dabei wird klar, dass Sprachen räumliche Orientierung fundamental anders beschreiben und dass dies systematisch mit Unterschieden in der Wahrnehmung korrespondiert (Foley 1997: 216). Diese Sichtweise fokussiert grammatische und lexikalische Strukturen, mit denen die Kodierung der Welt beschrieben werden soll. Untersuchungen gehen der Unterschieden in den semantischen Strukturen verschiedener Sprachen bei der Kodierung einer universellen Erfahrung nach. Dies ist kein leichtes Unterfangen, da wenig über Bedeutungen und konzeptuelle Universalien, die im Lexikon oder der Grammatik einer Sprache nicht vollständig verankert sind, bekannt ist (Gumperz & Levinson 1996: 7). Das führt zu Schwierigkeiten bei der Vergleichbarkeit und der Übersetzung solcher Strukturen und somit dem Denken und Handeln der Sprecher verschiedener Sprachen. So muss jede Untersuchung die strukturelle und semantische Vielfalt der Sprachen berücksichtigen. Es ist also substantiell, nicht nur einen behutsam übersetzten breiten Satz an Sprachdaten zugrunde zu legen, sondern vor allem die Bedeutung einer Sprachhandlung in speziellen Kontexten zu beobachten und ihn mit nonverbalen Aktionen, der Konzeptualisierung, innerhalb einer Sprechergemeinschaft zu vergleichen. Daran muss die Hypothese überprüft werden, ob die Äußerung bestimmter semantischer Strukturen die Entwicklung passender konzeptueller Strukturen bewirkt. Im nächsten Abschnitt gehe ich kurz auf die vor allem von Lucy angestellten theoretischen Überlegungen zur Herangehensweise an diese Hypothese ein.

2.3.1 Theoretischer Hintergrund

Um eine adäquate Untersuchung der Elemente zu ermöglichen, die im Zentrum der sprachlichen Relativitätshypothese stehen, sieht Lucy (1997) drei Annäherungsmöglichkeiten. Die variierenden morphosyntaktischen und lexikalischen Eigenschaften stehen im Mittelpunkt einer Strukturbasierten Analyse. Hierbei wird, ohne viele Vorannahmen, eine Interpretation der Wirklichkeit vorgenommen und deren Einfluss auf das Denken gesucht. Lucy sieht dabei Probleme in der Komplexität und Spezifität der Sprachen und der Notwendigkeit einer Art Metasprache, um keine Sprache einer anderen vorzuziehen. Der Verhaltensbasierte Ansatz ist für den hier vorgestellten Forschungsweg nur von marginalem Interesse, da hier vorrangig nach habituellem Sprechverhalten und seinen Wurzeln im Denken gesucht wird, das seinerseits vom Sprachgebrauch geformt wird. Der an jener Stelle kaum untersuchte Einfluss von Sprachmustern auf die Ausformung von Denkmustern steht beim Domänenzentrierten Ansatz im Vordergrund. Dieser fragt nach verbalen Kodierungsmöglichkeiten von a priori bestimmten Bereichen und erscheint aufgrund dessen besonders präzise und kontrollierbar. Eine Domäne sollte möglichst universell sein, indem bestenfalls alle untersuchten Sprachen sie kodieren und somit konzeptualisieren. Allerdings ist auch dieser Ansatz nicht frei von grundsätzlichen Schwierigkeiten, wie sich unter anderem bei den Untersuchungen zu Bewegungsereignissen und zur räumlichen Orientierung herausgestellt hat. Dabei müssen die unterschiedlichen Kulturen in ihrem Sprachgebrauch unter ihren spezifischen Bedingungen untersucht werden, wozu in erster Linie vergleichende Studien angestellt werden müssen. Sind die sprachlichen Unterschiede einmal offensichtlich und können zugrunde gelegt werden, folgt das eigentliche Vorhaben: die Suche nach der Korrelation mit kognitiver Performanz und möglichen soziokulturellen Hintergründen. Die individuellen Leistungen und Möglichkeiten der Sprecher sind nahezu dieselben, da sie ein zentraler, universeller Aspekt menschlichen Erlebens sind. Aber sie müssen im Netz kultureller Traditionen einer Gemeinschaft betrachtet werden, denn hier offenbaren sich signifikante Unterschiede im Denken im Vergleich zu anderen Kulturen. Sprache hat, wie de Saussure bemerkt „eine wesentlich soziale Dimension" (vgl. Werlen 2002:14) und ist demnach das Gut einer Gemeinschaft, die ihre Umgebung gleichermaßen wahrnimmt, weil ihr gemeinsamer Sprachgebrauch - ihre Sprachgewohnheiten - die Interpretation der Wahrnehmung bestimmt (Lucy 1992a: 22). Die extreme Formulierung der Relativitätshypothese schließt dabei jegliche Beschränkung der Wahrnehmung und ihrer Interpretation durch die biologische Natur aus und lässt somit Raum für eine Herangehensweise, die kulturelle, traditionelle und habituelle Faktoren berücksichtigt (Foley 1997: 169). Im Folgenden soll ein Überblick über die Möglichkeiten zur Erforschung zweier Domänen gegeben werden. Die Möglichkeiten der Untersuchung der Raumkognition werden denen der Erfahrung von Bewegungsereignissen ebenso gegenübergestellt wie Voraussagen und entdeckte Effekte. Die dabei auftretenden Schwierigkeiten, Unterschiede und möglichen Lösungsansätze werden weiter unten diskutiert.

2.4 Die Idee der Domänen

Um einen Domänenbasierten Ansatz verfolgen zu können, sollte ein Bereich bereit stehen, der für alle Individuen gleichermaßen und im Besonderen für alle Sprachen, die untersucht werden, zur Verfügung steht. Diese Annahme mutet trivial an, ist aber unverzichtbar um wirkliche Hinweise für die sprachliche Relativität zu erhalten. Hierbei muss der habituelle Sprachgebrauch in Augenschein genommen werden und nicht allein die Möglichkeiten einer Sprache, Verhältnisse auszudrücken. Unser Festlegen einer Domäne wird bestimmt durch (a) ihre immanente Struktur und des Gebrauches dieser, (b) unsere perzeptuellen und kognitiven Eigenschaften und (c) Sprachmuster (Levinson 1996: 178). Bei dem Unternehmen wird eine Domäne der Wirklichkeit charakterisiert und es wird beobachtet, wie Sprachstrukturen darauf angewandt und Konzepte dazu entworfen werden. Dies bedeutet, in der Forschung wird ein top-down-Prozess untersucht, der keine Sprache privilegiert, sondern diese selbst zum Untersuchungsgegenstand macht. Domänen umfassen viele Aspekte einer Erfahrung, die als dazu gehörend konzeptualisiert sind. Langacker definiert eine Domäne als einen zusammenhängenden Bereich der Konzeptualisierung in Bezug auf semantisch charakterisierte Einheiten, sodass Domänen eine Möglichkeit bieten, genau den Skopus eines Konzeptes heraus zu arbeiten, der wichtig ist, um die Bedeutung sprachlicher Einheiten zu beschreiben (vgl. Cienki 2007: 182). Dazu kann ein und dieselbe, möglichst leicht verständliche Domäne in verschiedenen Sprachen untersucht werden, wenn sie in diesen kodiert wird. Dabei steht ihre Charakteristik im Mittelpunkt. Schwierigkeiten entstehen daraus, dass sie nicht kodiert wird oder eine Marginalie in der Sprache darstellt. In der Konsequenz können Aspekte übersehen, oder falsch interpretiert werden. Die Forschung hat dabei oftmals die Schwierigkeit, die Bedeutsamkeit behaupteter Effekte zu begründen, da sie hervorhebt, was auszudrücken möglich ist und nicht was tatsächlich gesagt wird oder salient in einer Sprache ist. Denn was ausgedrückt werden kann erhält mehr Aufmerksamkeit. Die Domänen des Raumes und der Bewegung müssen ausgedrückt werden können, da sie unverzichtbar sind und mit jeder Kultur beziehungsweise mit dem Menschsein verbunden sind.

[...]

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Relativitätseffekte in zwei Domänen
Untertitel
Ein Vergleich der Raum– und der Bewegungskognition
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Linguistik)
Veranstaltung
Allegmeine Sprachwissenschaft - Linguistik
Autor
Jahr
2009
Seiten
50
Katalognummer
V176570
ISBN (eBook)
9783640978656
ISBN (Buch)
9783640978892
Dateigröße
724 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sapir-Whorf, Sprachliche Relativität, Sprachliche Universalien, Kognition, Empirische Untersuchung, Sprache und Denken
Arbeit zitieren
Jan Ihme (Autor), 2009, Relativitätseffekte in zwei Domänen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176570

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