1. Einleitung
„Wie Aderwerk gehn Straßen durch die Stadt,
Unzählig Menschen schwemmen aus und ein.
Und ewig stumpfer Ton von stumpfem Sein
Eintönig kommt heraus in Stille matt.“
Georg Heym,1911
Wie Georg Heym nahm auch Georg Simmel (1858-1918), der aus bürgerlichen Verhältnissen stammte, die Gegenwart des pulsierenden und aufstrebenden Berlins um die Jahrhundertwende war. Gekennzeichnet war dieses Milieu durch den raschen Ausbau des Verkehrssystems, Expansion der Industrie, der Geisteswissenschaften, des Theaters und des Wachstums der Bevölkerung (vgl. Geiss und u.a. 1996:105ff.). Beeindruckt von diesem Fortschritt und dessen Auswirkungen auf das Individuum verfasste Simmel 1903 den Aufsatz „Die Großstädte und das Geistesleben“, auf dem diese Hausarbeit beruht. Aufgrund dieses Aufsatzes wird Georg Simmel noch heute in der Stadtsoziologie geschätzt (vgl. Schöller-Schwedes 2008:651). Simmel selbst sah sich eher als Philosophen. Von einigen Zeitgenossen und Nachgeborenen wurde er sogar als der bedeutendste deutsche Philosoph seiner Zeit bezeichnet. Tatsächlich wurde Simmel vom Neukantianismus beeinflusst, sowie von Nietzsche, Schopenhauer und anderen Philosophen. Auch unterhielt er Kontakte zu Stefan George und Rainer Maria Rilke. Eine freundschaftliche Beziehung hatte er zu dem Soziologenehepaar Max und Marianne Weber. Simmel selbst bildete keine eigene Schule, beeinflusste aber trotzdem viele Soziologen und Philosophen unter anderem Ernst Bloch und Karl Mannheim. 1909 war er Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Heute zählt sein Werk zu den soziologischen Klassikern(vgl. Dörr 1993:87).
In dieser Arbeit möchte ich die Kulturtheorie Simmels anhand seines Großstadtaufsatzes darstellen, wobei ich zwischen den Begriffen objektive und subjektive Kultur unterscheiden werde, sowie deren Zusammenhang und Diskrepanzen verdeutlichen werde. Im zweiten größeren Teil dieser Hausarbeit arbeite ich die unterschiedlichen Persönlichkeitsformierungen im Milieu der Groß- und der Kleinstadt heraus. Zusätzlich zu Simmels Aufsatz „Die Großstädte und das Geistesleben“ habe ich Literatur von Soziologen wie Felicitas Dörr-Backes, Matthias Junge und David Frisby hinzugezogen.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Die Kulturtheorie Simmels anhand seiner Untersuchung „Die Großstädte und das Geistesleben”
- Die objektive Kultur
- Die subjektive Kultur
- Die Diskrepanz zwischen objektiver und subjektiver Kultur
- Die Persönlichkeitsformierungen von Groß- und Kleinstädtern
- Die Persönlichkeitsformierung in der Großstadt
- Die Persönlichkeitsformierung in der Kleinstadt
- Schlussbemerkungen
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die Hausarbeit analysiert die Kulturtheorie Georg Simmels am Beispiel seiner Untersuchung „Die Großstädte und das Geistesleben“. Dabei werden die objektive und subjektive Kultur im Kontext der Großstadt untersucht, sowie deren Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung von Großstädtern im Vergleich zu Kleinstädtern.
- Objektive Kultur und ihre Entstehung im Kontext der Großstadt
- Subjektive Kultur und deren Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung
- Die Diskrepanz zwischen objektiver und subjektiver Kultur
- Der Einfluss des Milieus auf die Persönlichkeitsformierung von Groß- und Kleinstädtern
- Simmels Analyse der Persönlichkeitsentwicklung in der Großstadt
Zusammenfassung der Kapitel
Die Einleitung führt in die Thematik der Hausarbeit ein und stellt Georg Simmels "Die Großstädte und das Geistesleben" als zentrale Quelle vor. Sie beleuchtet das gesellschaftliche Umfeld der Jahrhundertwende und die Relevanz von Simmels Werk in der Stadtsoziologie. Der erste Teil der Hausarbeit fokussiert auf die Kulturtheorie Simmels und die Unterscheidung zwischen objektiver und subjektiver Kultur. Er beleuchtet die Entstehung der objektiven Kultur im Kontext der Großstadt, insbesondere durch die Geldwirtschaft, und deren Einfluss auf die Entwicklung eines "rechnenden Geistes".
Der zweite Teil der Hausarbeit befasst sich mit den unterschiedlichen Persönlichkeitsformierungen in der Großstadt und der Kleinstadt. Simmels Theorie der "intellektualistischen" Persönlichkeitsentwicklung in der Großstadt wird hier näher beleuchtet, sowie die Rolle der Geldwirtschaft und der Spezialisierung.
Schlüsselwörter
Georg Simmel, Kulturtheorie, Großstadt, Kleinstadt, objektive Kultur, subjektive Kultur, Persönlichkeitsformierung, Milieu, Geldwirtschaft, Spezialisierung, Verstandesherrschaft.
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Kern von Simmels Aufsatz „Die Großstädte und das Geistesleben“?
Simmel untersucht darin, wie das pulsierende Großstadtleben des frühen 20. Jahrhunderts die Psyche und das Sozialverhalten des Individuums verändert.
Was unterscheidet "objektive" von "subjektiver" Kultur?
Objektive Kultur umfasst Technik, Wissen und Kunst einer Gesellschaft; subjektive Kultur bezeichnet die individuelle Fähigkeit, diese Elemente zur persönlichen Reife zu nutzen.
Warum entsteht laut Simmel eine Diskrepanz zwischen beiden Kulturformen?
In der modernen Großstadt wächst die objektive Kultur (Wissen, Technik) so schnell, dass das Individuum (subjektive Kultur) nicht mehr schritthalten kann und sich entfremdet fühlt.
Wie wirkt sich die Geldwirtschaft auf den Großstädter aus?
Die Geldwirtschaft fördert einen "rechnenden Geist" und eine sachliche, intellektualistische Grundhaltung, die emotionale Bindungen in den Hintergrund drängt.
Was charakterisiert die Persönlichkeit eines Kleinstädters im Vergleich?
Das Leben in der Kleinstadt ist eher durch tiefere Gefühlsbeziehungen, Traditionen und eine geringere psychische Reizüberflutung geprägt.
Welche Rolle spielt die Spezialisierung in Simmels Theorie?
Die Spezialisierung in der Großstadt zwingt den Menschen zur Einseitigkeit, ermöglicht ihm aber gleichzeitig eine einzigartige individuelle Ausprägung innerhalb der Masse.
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- Anika Reichert (Author), 2011, Die Kulturtheorie Simmels am Beispiel seiner Untersuchung „Die Großstädte und das Geistesleben“ und differente Persönlichkeitsformierung in der Groß- und Kleinstadt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176602