Vergleich der Darstellung des „Wunderbaren“ in Johann Hartliebs „Alexanderroman“ und Gottfried von Straßburgs „Tristan“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Hauptteil
2.1 Der Begriff des Wunderbaren
2.2. Untersuchungen zum Wunderbaren am Text
2.2.1 Das Wunderbare an Tristans und Alexanders Äußerem und an den Menschen in ihrem Umfeld
2.2.2 Die Begegnung mit wunderbaren Orten
2.2.3 Wunderbare Wesen und Gegenstände
2.2.4 Religiöse Wunder

3 Schluss

4 Literaturverzeichnis
4.1 Primärliteratur
4.2 Sekundärliteratur
4.3 Weblinks

1 Einleitung

Was beschreiben wir mit dem Begriff des Wunderbaren? Heute ist das Wort in vielen Zusammenhängen zu einer Floskel verkommen, die oft nur beiläufig hingeworfen, ja sogar ironisch verwendet wird, aber dennoch meist positiv konnotiert ist. Aber wie verhält sich das in Texten aus Mittelalter und Früher Neuzeit? Welcher Begriff des Wunderbaren kommt hier zum Tragen? Wie werden wunderbare Ereignisse in der Literatur dargestellt? Ist der Begriff positiv oder negativ belegt – oder ist vielleicht sogar beides möglich?
Um diese Fragen beantworten zu können, untersuche ich die Darstellung des Wunderbaren exemplarisch an zwei Texten: Gottfried von Straßburgs „Tristan“ (um 1210) und Johann Hartliebs „Alexanderroman“ (um 1450). Obwohl die Texte in Bezug auf Zeit und Ort nicht übereinstimmen –Cornwall und der Orient liegen zugegebenermaßen nicht direkt nebeneinander, und abgesehen davon entstand der Alexanderroman immerhin über 200 Jahre nach dem „Tristan“- halte ich einen Vergleich für möglich, da die Thematik sich nicht unähnlich ist und in beiden Texten ein wahrlich außergewöhnlicher Held im Vordergrund steht. Ob es auch ein wunderbarer Held ist, ist ebenfalls eine der Untersuchungsfragen dieser Arbeit.

Im Hauptteil beschäftige ich mich zunächst kurz mit einer Definition des Wunderbaren, um vorab zu klären, welche Dimensionen dieser vielschichtige Begriff beinhaltet. Danach untersuche ich für beide Texte die Darstellung wunderbarer Orte und Wesen, religiöser Wunder und Alexanders und Tristans selbst. Im Schlussteil fasse ich meine Ergebnisse zusammen und versuche, Antworten auf die eingangs gestellten Fragen zu geben. Um allgemein gültige Aussagen über die Sichtweise auf das Wunderbare im Mittelalter und der frühen Neuzeit treffen zu können, müssten jedoch noch weitere Texte zum Vergleich herangezogen. So lassen sich darüber lediglich Vermutungen treffen. Eine genauere Untersuchung der Wunder-Thematik in verschiedenen Epochen könnte sich an diese Arbeit anschließen, die mir indes nicht den nötigen Rahmen dafür bietet.

2 Hauptteil

2.1 Der Begriff des Wunderbaren

Der Begriff des Wunderbaren ist so weit gefasst, dass hier nur ein kurzer Überblick darüber gegeben wird, welche unterschiedlichen Facetten das „Wunderbare“ abdecken kann.

Jutta Eming zufolge wird mit dem Wunderbaren „eine besondere Art der Gestaltung von Figuren und Geschehnissen bezeichnet, welche sich einem rationalen Zugriff entziehen oder zumindest außergewöhnlich sind.“[1]. Nach Sulzer müsse außerdem ein Kontrast zum Vertrauten und Normalen bestehen, ohne die Verbindung zu dieser Normalität zu verlieren; es liege an den Grenzen des Möglichen, sei jedoch nicht völlig abwegig.[2]

Genauer erläutert wird dies im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Einen besonderen Stellenwert nimmt hier das religiöse Wunder ein, das in verschiedenerlei Hinsicht definiert wird. Als „wunderbar“ wird ein „dem gewöhnlichen ablauf der dinge entzogenes und insofern übernatürliches, dem menschlichen vermögen unerreichbares handeln, das […] dem göttlichen heilsplan eingeordnet ist“ [sic!] bezeichnet. Durch ein solches Wunder wird der Nachweis „der göttlichen machtvollkommenheit“, der „göttlichen schöpferkraft“ und „göttlicher gnade und liebe“ erbracht und „ das handeln und das sein gottes schlechthin“ belegt.
Auffällig ist, dass als „wunderbar“ aber auch das genaue Gegenteil bezeichnet werden kann, i.e. „handlungen des teufels und anderer übermenschlicher böser mächte [sic!]“. Außerdem wird der Begriff „wunderbar“ für „zauber, das zauberstück, dämonisches handeln oder ding“, für „die welt des märchens, der feen und geister“, „vision, traumgesicht, geistererscheinung“, kurzum „für vorgänge naturgesetzwidrigen charakters, bei denen ein unmögliches wirklich wird“ verwendet. Zusammengefasst handelt es sich bei dem Wunderbaren immer um ein „geschehen, das den naturgesetzlichen ablauf durchbricht oder doch zu durchbrechen scheint und daher der menschlichen verfügung entzogen, dem menschlichen verstand unerklärlich ist [sic!]“.[3]

2.2 Untersuchungen zum Wunderbaren am Text

2.2.1 Das Wunderbare in Tristans und Alexanders Äußerem und an den Menschen in ihrem Umfeld

Beide Texte beginnen nicht direkt mit dem Titelhelden selbst, sondern erzählen zunächst die Vorgeschichte.

In Hartliebs Alexanderroman verführt der Zauberer Nectanabus in der Gestalt eines Gottes die Königin Olimpiades. Diese ist so schön, dass sie „die […] alle weib in aller werltt an schon, czuchten vnd adeleichen tugendten“ (V. 191f.) übertraf. Nectanabus hingegen zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er „aller zawberlist vnd schwarczer kchunst ain grozzer maister“ ist (V. 137/138). Als Alexander selbst heranwächst, überzeugt sein Äußeres nicht durch Schönheit, sondern durch Attribute wie den Schopf und das Angesicht eines Löwen, Zähne wie die eines Eberschweins und verschiedenfarbige Augen. Das Wunderbare wird hier gleichzeitig als furchteinflößend dargestellt. Indem Alexander Eigenschaften von als stark geltenden Tieren zugeschrieben werden, wird so gleichzeitig auf seine besonderen Fähigkeiten hingewiesen. „Er beczewgtt wol an seiner gestalt, was nun in kchunfftiger czeitt wunders begeen wuerdt“ (V. 468 ff.), und wie im „Tristan“ ist es schon in Alexanders Jugendzeit niemandem in seiner Umgebung möglich, den Protagonisten zu übertreffen.

Auch im „Tristan“ ist zunächst eine längere Passage den Eltern des Protagonisten, Riwalin und Blanscheflur, gewidmet. Schon diese beiden stechen durch ihre vollendeten Manieren und ihre außergewöhnliche Schönheit hervor. Riwalin, der „damals und dort alle anderen weit übertraf“ (V. 697 f.), ist zu Gast am Hofe von Blanscheflurs Bruder Marke. Man erkennt ihn sofort als einen „begnadete[n] Mann“ (V. 705), bewundernd rufen die Menschen, die ihn sehen, aus: „Wie herrlich steht ihm alles, was er tut. Und wie hübsch er ist! […] Was für ein beglückendes Bild.“ (V. 706 ff.). Die schöne Blanscheflur steht ihm in nichts nach und wird gar als „ein ganz besonderes Wunder“ (V. 632) bezeichnet. Dass auch die Verbindung zwischen beiden außergewöhnlich ist, zeigt sich, als Riwalin verwundet wird und nur durch die Gegenwart Blanscheflurs auf wundersame Weise geheilt werden kann. Es scheint gewiss, dass aus der Verbindung dieser bereits für sich außergewöhnlichen Menschen nur ein noch auffallenderes Kind hervorgehen kann. In der Tat ist Tristan einzigartig unter den Jünglingen. „Noch niemals glaubten sie einen Jüngling gesehen zu haben, der so schön war und so feines Benehmen hatte“ (V. 2240-2242), „außerdem war er so schön, wie die Liebe selbst es sich wünschen könnte […] an Benehmen und feinem Anstand war er so vollkommen, daß [sic!] es eine Freude war, ihm zuzusehen.“ (V. 3332-3350). Schließlich gelangt man zu der Erkenntnis: „Ein Vierzehnjähriger kann alles, was es gibt“ (V. 3719/20). Auch Tristans Geliebte Isolde zeichnet sich durch ihre unerklärliche Schönheit aus. „Sie ist schöner als eine Fee“ (V. 17476). Damit ist Isolde gewissermaßen ein zweifaches Wunder, denn schon eine Fee gilt Jutta Eming zufolge bereits als Wunder, weil sie in Verbindung mit der Anderswelt steht[4], und dieses Wunder wird von Isolde noch übertroffen.

Obwohl das Wunderbare am Aussehen sowohl im „Tristan“ als auch im „Alexander“ darin liegt, sich deutlich von anderen Menschen in Aussehen und Eigenschaften abzuheben, unterscheiden sich beide Texte in einem wichtigen Punkt. Während sich wunderbares Aussehen bei Gottfried im Wesentlichen in überirdischer Schönheit und vollendetem höfischen Gebaren darstellt, ist Alexanders Äußeres eher furchteinflößend und weist deutlich auf herausragende Eigenschaften wie Mut und Stärke hin. Außerdem erbt Tristan die Eigenschaften und Attribute seiner beiden Elternteile, während Alexander offensichtlich zumindest die Schönheit seiner Mutter nicht besitzt. Dennoch wird hier deutlich, dass bereits die Person Tristans und Alexanders selbst bereits als wunderbar zu bezeichnen ist.

[...]


[1] Eming, Jutta: Funktionswandel des Wunderbaren. Studien zum 'Bel Inconnu', zum 'Wigalois' und zum 'Wigoleis vom Rade'. In: LIR Literatur – Imagination – Realität. Hg. von Günger Berger, Stephan Kohl et al., Band 19. Trier 1999, S. 5.

[2] Ebd., S. 33.

[3] Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, online abrufbar unter http://www.woerterbuch- netz.de/ DWB/ wbgui_py?lemma=wunder, 26.10.2010, 23:09 Uhr.

[4] Eming, Jutta: Funktionswandel des Wunderbaren. Trier 1999, S. 7.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Vergleich der Darstellung des „Wunderbaren“ in Johann Hartliebs „Alexanderroman“ und Gottfried von Straßburgs „Tristan“
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Deutsche und Niederländische Philologie)
Veranstaltung
Diskurse des Wunderbaren
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
14
Katalognummer
V176608
ISBN (eBook)
9783640978762
ISBN (Buch)
9783640978823
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
vergleich, darstellung, johann, hartliebs, gottfried, straßburgs
Arbeit zitieren
Katharina Neuhaus (Autor), 2010, Vergleich der Darstellung des „Wunderbaren“ in Johann Hartliebs „Alexanderroman“ und Gottfried von Straßburgs „Tristan“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176608

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