Wie überleben die Götter der Antike in einer christlich geprägten Literatur des 12. Jahrhunderts? Diese Arbeit untersucht das „Fortleben der antiken Götter“ in Heinrichs von Veldeke "Eneasroman" und verfolgt dazu die Entwicklung des Eneasstoffes von Homer über Vergil und Ovid bis zum altfranzösischen "Roman d’Eneas", der Veldeke als unmittelbare Vorlage diente.
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie das polytheistische Götterpersonal der antiken Überlieferung an die theologischen, gesellschaftlichen und literarischen Bedingungen des Hochmittelalters angepasst wird. Anhand zentraler Figuren wie Jupiter, Juno, Venus und Vulkan sowie ausgewählter Episoden – darunter das Parisurteil, die Vulkanepisode und die Lavinia-Handlung – werden Übernahme, Kürzung und Umdeutung der antiken Stofftradition vergleichend analysiert. Dabei berücksichtigt die Untersuchung sowohl religionsgeschichtliche Voraussetzungen als auch mittelalterliche Deutungsmuster wie Euhemerisierung, Dämonisierung und Allegorese.
Die Analyse zeigt, dass die antiken Götter im "Eneasroman" weder einfach beseitigt noch unverändert bewahrt werden. Vielmehr werden sie selektiv transformiert und funktional neu bestimmt: Jupiter verschwindet, Juno verliert einen Großteil ihrer Handlungsmacht, Vulkan bleibt vor allem aufgrund seines narrativen und wunderbaren Potentials präsent, während Venus als Verkörperung der Minne eine besondere mittelalterliche Karriere erfährt. Veldekes Umgang mit dem heidnischen Erbe folgt damit keiner pauschalen Verdrängung, sondern hängt von theologischer Verträglichkeit, erzählerischer Funktion und symbolischem Wert ab. Die Arbeit macht so sichtbar, wie antiker Mythos in die christliche Vorstellungswelt des 12. Jahrhunderts integriert und zugleich grundlegend umcodiert wird.
VORBEMERKUNG
Diese Hausarbeit nimmt Bezug auf Texte in griechischer, lateinischer, altfranzösischer und mittelhochdeutscher Sprache. Um dem Fluch Babels zu entgehen - schließlich hat nicht jeder das große Vergnügen 'Homer' und 'Vergil' im Original lesen zu können -, wird im Fließtext die deutsche Übersetzung zitiert. Im Anhang finden sich sämtliche Stellen im Original. Die Ausnahme bildet dabei der Eneasroman selbst, ein gewisses Grundverständnis des Mittelhochdeutschen wird vorausgesetzt.
Jener Fluch zeigt sich dann aber doch, als dass aufgrund fehlender einheitlicher Normen die kuriosesten Schreibarten von gewissen Wörtern entstehen. In klassischer lateinischer Schreibweise wird 'Aeneas' verwendet, eingedeutscht 'Äneas'. Verwendet man die Transliteration aus dem altgriechischen 'Aivda^', dann hieße der Name 'Aineias'. Im altfranzösischen dagegen findet die Schreibweise 'Eneas' Verwendung, die auch wir - wenngleich ohne Apostroph - verwenden werden.
Ein ähnliches Problem ereilt uns bei der Verwendung der Götternamen. Nicht nur in ihrem Charakter sondern auch in ihrer Schreibweise unterscheiden sich die Namen griechischer und römischer Gottheiten deutlich. Um Missverständnissen vorzubeugen, seien hier einmal kurz die wichtigsten in unserem Kontext erwähnt und zugeordnet.
Abb. in Leseprobe nicht enthalten
DER DICHTER UND SEIN WERK
Obgleich anhand des ersten Teils dieser Hausarbeit ein anderer Eindruck entstehen könnte, im Mittelpunkt der Untersuchung stehen nicht Homer oder Vergil, sondern der Eneasroman des Heinrichs von Veldeke1. Zur Frage des 'Fortlebens der antiken Götter' in besagtem Werk ist es jedoch unerlässlich, ein historisch stabiles Fundament zu gießen. Aus diesem Grund ist die Arbeit dreigeteilt — neben einer gleich folgenden kurzen Erörterung der Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte des Eneasromans mit einem Kurzportrait des Herren Dichters, soll zuerst einmal und aus gutem Grund den griechisch-lateinischen 'Klassikern' die Bühne überlassen werden. Anschließend schreiten wir voran auf dem Zeitstrahl und widmen uns im ersten Teil der Analyse dem zweiten großen Vorbild des Heinrichs von Veldeke, einem der großen altfranzösischen Werke. Und dann — ja, dann fehlt nur noch eines, auf Grundlage der Analyse den Eneasroman im Kontext seiner Zeit selbst auf Herz und Nieren zu untersuchen, als dass schlussendlich ein breites und vollständiges Bild entsteht zur Frage, auf welche Weise jene unsterblichen Götter der Antike im Kontext des Eneasromans das 'christliche Jahrtausend' überdauerten.
Geboren wurde Heinrich (oder auch Heinric) im oder nahe dem Ort 'Veldeke' im heutigen Belgien, vermutlich zwischen 1140 und 1150. Über seine Herkunft lässt sich nur mutmaßen, es lässt sich lediglich festhalten, dass er ein hochgebildeter, latein- und französischkundiger Mann war und aus einem nordwestlichen Randbereich des deutschen Sprachgebietes stammte. Heinrich sprach Maasländisch und bediente sich im Kontext seiner vor dem Eneasroman erschienenen Servatiuslegende dem Altlimburgischen.2
Die Entstehungsgeschichte des Eneasroman ist nun ein Possenspiel, ausgelöst durch den Raub des zu etwa achtzig Prozent abgeschlossenen Manuskripts im Jahre 1174. Graf Heinrich von Schwarzburg, Gast auf einer zu Cleve stattfindenden Hochzeit, entwendete die noch unfertige Dichtung aus der Hand der Gräfin (Heinrich hatte ihr den Text zum »lesen und schauen«3 übergeben) und verschleppte den Text nach Thüringen. Gleich Odysseus, so mag sich der geneigte Leser die Szene phantasievoll vorstellen, irrte Heinrich fast zehn Jahre durch die Weltgeschichte, bis er sein Werk 1183 schließlich auf Schloss Neuenburg zurückerhielt.4 Das in der Folge entstandene und in thüringisch abgefasste Endstück, bestehend aus den letzten annähernd zweieinhalb tausend Versen, ist seither als 'thüringischer Schluss'5 bekannt. Das Werk selbst - das heißt das erste und vermutlich in limburgisch abgefasste Teilstück - wurde seinerseits zwischen 1184 und 1186 im Auftrag vom damaligen Pfalzgrafen Hermann von Thüringen, Heinrichs aktuellem Gönner, ins Thüringische übertragen.6 So ist man geneigt zu sagen, All's Well That Ends Well — nicht zuletzt aus der Tatsache heraus, dass unser Dieb, Graf Heinrich von Schwarzburg, im gleichen Jahr das zeitliche segnete, in dem er in einer Kloake ertrank.7
Kann aber nun, um zum Text zurückzukehren, »die Eneide [Eneasroman] nicht so wiedergegeben werden, wie sie Heinrich [ursprünglich] sprach oder schrieb8, so müssen wir uns schon
mit derjenigen Gestalt begnügen, die sie in Thüringen erhielt«9, so schreibt Ernst Moritz Ludwig Ettmüller, bis zu seinem Tode 1877 Professor der deutschen Sprache und Literatur an der Universität Zürich10 und Herausgeber einer der bekannteren Texteditionen des Eneasromans. Für seine weithin verwendete Ausgabe aus dem Jahre 1852 verwendete er die Berliner Pergamenthandschrift (B), in Teilen auch die Münchner- (M), die Heidelberger- (H) und die Gothaer Pergamenthandschrift (G).11 Insgesamt sind uns heute sieben vollständige und fünf fragmentarische Handschriften erhalten.12
Die Entscheidung Ettmüllers (B) als Leithandschrift zu wählen ist durchaus diskutabel. Gerade sie - so schreibt Wilhelm Braune - erwieß sich [...] als vielfach ändernde, verhochdeutschende Bearbeitung«.13 14 Unter anderem aus diesem Grund stützt sich diese Hausarbeit auf die 1964 veröffentlichte, kritische Ausgabe von Gabriele Schieb und Theodor Frings. Verwendung findet hierbei die Version in der linken Spalte, die primär auf der Gothaer Pergamenthandschrift basiert. Der Versuch einer Rekonstruktion des Altlimburgischen auf der rechten Seite wird nicht berücksichtigt und ist für diese Hausarbeit nicht von Relevanz. Nur dort, wo Querverweise oder Vergleiche nötig sind, wird auf Ettmüller zurückgegriffen. Auf die hochdeutsche Übersetzung wird verzichtet.
DIE ENEASDICHTUNG IM WANDEL DER ZEITEN
»Willst du indes auch dieses erfahren, dass gut du dich auskennst | mit meiner Herkunft«, so spricht Eneas zu Achilleus. »Dardanos zeugte als Ersten Zeus, der Baller der Wolken | der Dar- dania gründete [.]. Dardanos zeugte als Sohn Erichthonios alsdann, den König, | der als der Reichste geboren war der sterblichen Menschen. [.] Und Erichthonios zeugte den Tros, den Troern zum Herrscher; | Tros aber wieder entstammten die drei vortrefflichsten Söhne | Ilos, Assarakos und den Göttern gleich Ganymedes. [.] Und Assarakos zeugte den Kapys und der den Anchises, | mich aber zeugte Anchises [.]. Solchem Geschlecht und Geblüt zu entstammen kann ich mich rühmen!«[14]/(Il. [20],[213]-[241])
Nicht nur ist seine Mutter eine Göttin, Eneas enstammt auch noch, was man als eine prominente Seitenlinie des trojanischen Königshauses bezeichnen könnte. Die Figur ist also alt, vermutlich älter als Homer selbst, und weit älter als Vergil. Doch da sich ihr Ursprung kaum rekonstruieren lässt - so fehlen uns mykenische Linear-B-Tafeln15, die uns von jenem 'Eneas' berichten - steigen wir besser ein mit einem Werk, dass Matthew Arnold einst als »das bedeutendste existierende Denkmal der Dichtung«16 bezeichnete.
1. DIE ANTIKE ENEASDICHTUNG
Reisen wir einmal gut zwei Jahrtausende in die Vergangenheit, auf einen Hügel in den Dardanellen. Was wir sehen: Breite Straßen, viele Häuser, eine Mauer aus Kalkstein, Holz und Lehmziegeln — und vor den Toren ein griechisches Heer.17
In seinen nahezu sechzehntausend in Hexametern verfassten Versen, erzählt die 'Ilias' von Homer den letzten einundfünfzig Tagen des trojanischen Krieges, dem Sieg der Achaier unter Agamemnon, dem Untergang des Priamos und der Zerstörung seiner Stadt.18 Dabei macht Homer seinem Publikum stets klar »'Was ich euch hier erzähle ist längst Vergangenheit'«.19 In der Tat mag die in vierundzwanzig Gesängen vorliegende Ilias zwar irgendwann zwischen dem 13. und dem 10. Jhr. v. Chr. spielen, aufgeschrieben wurde sie erst viel später.
Die Rolle des Eneas in der Ilias beschränkt sich dabei auf eine gehobene Nebenrolle. Erwähnt wird er zweiundachzig Mal, erstmals im zweiten Gesang. »Die Dardanier führte der tüchtige Sohn des Anchises [...].«(n- [2],[819]) Im fünften Gesang dann tritt Eneas an der Seite des Pandaros zum Kampf gegen den unter der Ägide Athenes handelnden Diomedes an. »[...] doch der ergriff einen Feldstein, | Tydeus' Sohn - eine Großtat! -, den selbst zwei Männer nicht trügen [.]. Damit traf er Aineias am Hüftgelenk [.] und zerschlug ihm die Pfanne, zerriss dazu beide Sehnen.«(Il. [5],[302]-[307]) Der Kampfeswut des Diomedes entkommt Eneas nur durch göttliches Eingreifen. »Jetzt wäre umgekommen der Herr der Männer Aineias, | hätt' es nicht scharf bemerkt die Tochter des Zeus, Aphrodite, | seine Mutter [.]. Um ihren eigenen Sohn schlang sie nun die Arme [.], dass der rossschnellen Danaer keiner | jetzt in die Brust ihm schleudre das Erz und das Leben ihm raube.«(Il. [5],[311]-[317])
Innerhalb der nun folgenden kleineren Scharmützel übernimmt Eneas die Rolle des treu unter Hektor kämpfenden Trojaners. Für seinen großen Auftritt muss er bis zum zwanzigsten Gesang warten, in welchem er die Ehre hat, angetrieben von Phoibos Apollon, im Zweikampf gegen den Sohn des Peleus anzutreten. »Und Aineias kam als Erster drohend geschritten, | nickend mit wuchtigem Helm; und den Schild, den stürmenden, hielt er | breit sich vor seine Brust und schwang die eherne Lanze.« (Il. [20],[161]-[163]) Und doch, auch der Kampfeswut des Achilleus entkommt Eneas nur durch göttliches Eingreifen. »Nein doch, mir tut wirklich leid der mutigstolze Aineias, | der nun bald, vom Peliden bezwungen, zum Hades hinabgeht [.]«(Il. [20],[293]-[294]), so spricht Poseidon und errettet den Helden vor dem Tod, als dass das Geschlecht des Dardanos nicht vollständig untergeht. Aineias, »lieb den unsterblichen Göttern« (Il. [20],[347]), überlebt also den
Krieg. Was aus ihm wird? Homer stellt es sich wiefolgt vor: »Nun aber soll des Aineias Gewalt die Troer beherrschen | und seiner Söhne Söhne, die künftig noch werden geboren.«[01]20 >[307]-[308])
Eneas also bewahrt das troische Blut und stolze Geschlecht der Dardaner. Auf welche Weise, Strabon darüber wurde bereits in der Antike oft gestritten. »Manche sagen, er [Eneas] habe sich bei dem makedonischen Olymp niedergelassen, Andere, er habe bei Mantineia in Arkadien Kapyai gegründet, das er nach Kapys benannt habe, wieder Andere, er sei zusammen mit dem Trojaner Elymos in Aigesta in Sizilien gelandet, habe Erys und Lilybaion in Besitz genommen und Flüsse bei Aigesta die Namen Skamandros und Simoeis gegeben; von dort sei er ins Latinische gekommen und dort geblieben [.. ,].«[20]/(Strab- [13],[1],[53]) Homer aber, so führt Strabon weiter aus, »gibt zu verstehen, dass Aineias in Troja geblieben ist und [.] die Herrschaft übernommen hat.«(Strab. [13],[1],[53])
Eine andere Geschichte erzählt uns um das Jahr 29 v. Chr. der zu Rom lebende Dichter Vergil Publius Vergilius Maro, besser bekannt als Vergil. Mit seiner in zwölf Gesängen vorliegenden 'Aeneis' stellt er sich recht deutlich in die homerische Tradition. Wie auch die 'Odyssee', wie die 'Nostoi', wie viele der griechischen Tragödien schließt sein Werk zeitlich an das Ende der Ilias an. Nur erzählt Vergil nicht von der (nicht allzu glücklichen) Heimkehr der griechischen Sieger — er berichtet von der Flucht des Eneas aus dem brennenden Troja, der auf seiner Irrfahrt nicht nur dem Zorn Junos trotzt, sondern sich auch, fromm dem Auftrag der Götter folgend, eine neue Heimat in Italien erkämpft.21 22 »Viel auch litt er im Kampf, bis die Stadt er gründet' und Trojas | Götter nach Latinum führte: woher der Latiner Geschlecht ward, | Und albanische Väter, und du, hochragende Roma.«[22]/(Aen. [1],[5]-[7])
Sowie die Ilias in vier episch ausgestalteten Kampftagen vom trojanischen Krieg berichtet, so erzählt Vergil in drei Hauptkampftagen vom latinischen Krieg. Zuerst allerdings durchlebt Eneas seine ganz persönliche Irrfahrt. Aus dem odysseischen 'Zorn des Poseidon'23 wird bei Vergil der 'Zorn der Juno'24. Das Ergebnis ist das gleiche — Seesturm und Schiffbruch. Eneas und seine Männer stranden vor der Küste Libyens und werden durch die Ägide der Königin Dido freundlich empfangen. Sie ist es dann auch, die in Eneas alte Erinnerungen wachruft und dem Leser so eine neue Sichtweise auf den trojanischen Krieg ermöglicht — die Perspektive der Besiegten und die odysseeische Suche nach einer neuen Heimat.25 Nach diesem Rückblick entfaltet sich nun die volle Kraft des Liebeszaubers zwischen Eneas und Dido. Jupiter interveniert und befiehlt Eneas die unverzügliche Abreise aus Kathargo. Darauf folgt erst ein klärendes Gespräch, anschließend eine tränenreiche Trennungskrise, schlussendlich wiederholt Eneas seinen göttlichen Auftrag. »Hör nun auf, mir die Seele wie dir zu entflammen durch Vorwurf! | Gen Italia muß ich und will26 «(Aen. 4>[360]-[361]) , woraufhin Dido Suizit begeht.
Nach einem zwischenzeitlichen Ausflug in die Unterwelt, begleitet von der Priesterin Sybille (Aen. [6]), landet Eneas dort, wo einst die Stadt Ostia liegen würde, an der Tibermündung. Ein Konflikt entwickelt sich mit dem dort ansässigen König Latinus (genauer seiner Frau und seinem potentiellen Schwiegersohn Turnus) um das Reich und die Hand der Königstochter.
Der Übermacht seines Gegners nicht gewachsen, verschafft sich Eneas in Persona des Königs Euander (bzw. seines Sohnes Pallas) zu Pallanteum Verbündete. Es folgt die Schlacht um Italien. Turnus tötet Pallas, daraufhin erzürnt Eneas, sinnt nach Rache und greift männermordend in den Kampf ein.27 Der Krieg wird entschieden durch den unausweichlichen Zweikampf zwischen Turnus und Eneas. Letzterer gewinnt den Kampf, Turnus stirbt, das Epos ist zuende.28 Der Rest ist - wie sich Markus Janka ausdrückt - Schweigen.29
Es gilt festzuhalten, die homerischen Handlungsstrukturen der Ilias wie der Odyssee finden sich ebenso bei Vergil.30 Sein Werk, dass neben Homer auch Topoi der 'Argonautika' des Apollonios von Rhodos31 und das Lokalkolorit der italischen Sondergottheiten32 neu verwebt, ist zweifelsohne das Hauptwerk Vergils und war über viele Jahrhunderte hinweg Teil der mittelalterlichen Schullektüre.33
2. DIE MITTELALTERLICHE ENEASDICHTUNG
Zuerst einmal — Ilias und Aeneis sind nur zwei Werke von vielen, die sich mit der Figur des Eneas beschäftigen. Erwähnung findet er ebenso bei Hesiod (Theogonie), Arktinos von Milet (Iliupersis), Naevius (Bellum Punicum), Livius (Ab urbe condita) und vielen weiteren, nicht zuletzt auch bei Ovid und seinen Metamorphosen. Letztere werden hier noch Erwähnung finden — doch zuerst ein Blick auf jenes altfranzösische Werk, dass unserem Dichter als Grundlage für seinen Eneasroman diente.
Etwa 1160 entstand (vermutlich unter dem Mäzenat des englischen Königs Heinrich II.) das frühe und keinem bestimmten Autoren zugeordnete Epos 'Roman d'Eneas'34. Das Werk ist, was man in der Moderne als 'Adaption' bezeichnen würde — die recht freie Nachdichtung eines (oder auch mehreren?) antiken Ausgangstexten im Kontext theologisch-gesellschaftlicher und kultureller Elemente des frühen und hohen Mittelalters. Wo Vergil mit seinem »Antiken Staats- epos«35 die Geschichte Roms glorifizieren wollte, ist es den anonymen Autoren des 'Roman' (vermutlich eine Gruppe belesener Kleriker36 ) mehr ein Anliegen, durch den Adaptionsprozess die Eneasdichtung als Liebesroman umzudeuten.37 Ganz ähnlich verhält es sich auch mit dem Eneasroman. Tatsächlich ist der 'Roman', um das noch einmal zu wiederholen, die »unmittelbare Quelle und Vorlage Veldekes«, während Vergil zwar bekannt, doch nicht jederzeit zur Hand war.38 Daraus folgt: Beide Werke müssen stets zusammengedacht werden. Ein Vergleich des Eneasromans mit Vergil ist wertlos, bezieht man den 'Roman' nicht mit ein.
Ein wichtiges Element zum Verständnis dieser zwei Werke ist ein Fakt, den Edmond Faral, Ovid französischer Romanist und Mediävist39, wiefolgt zusammengefasst hat. »Die höfischen Romane des 12. Jahrhunderts waren keineswegs das Ergebnis einer völlig spontanen Eingebung, sondern stehen vielmehr in einer literarischen Tradition, die mit mehreren ihrer Wurzeln tief in eine ferne Vergangenheit zurückreicht.«40 Was er damit meint ist der umfassende (und zumeist unterschätzte) lateinisch-griechische Bildungshintergrund von Autor wie Rezipient der volkssprachigen altfranzösischen Literatur. Ihm zufolge ist ein ganz bestimmtes Werk dabei zu kurz gekommen — die 'Metamorphosen' des Publius Ovidius Naso, besser bekannt als Ovid. Oder, wie es Peter Kern beschreibt: »Bei der Umwandlung des römischen Staatsepos zum mittelalterlichen Liebesroman spielte die Ovid-Rezeption eine erhebliche Rolle. Das ist nicht nur aus einem Modetrend [...] erklärbar, sondern wohl auch dadurch mitbedingt, daß die Vergil-Paraphrase mit Hilfe Ovidianischer Textstellen in der Schultradition der 'Aeneis'-Kommentierung seit langem geübte Praxis war.«41 Diese Behauptung wird unterstützt durch die Annahme des zu München lehrenden Altphilologen Ludwig Traube - Stichwort Modetrend - der das zwölfte und dreizehnte Jahrhundert zur 'Aetas Ovidiana' kürte, in welchen statt Vergil (8./9. Jhr.) und Horaz (10./11. Jhr.) nunmehr das »Ovidische Distichon, in dem man sogar Komödien schreibt, alle Gegner zu Boden [schlägt].«42
Ovid also, ein Autor der späten römischen Republik, der in seinen (ebenfalls in Hexametern verfassten) Metamorphosen, die Geschichte der Welt anhand römischer und griechischer Sagen erzählt.43 Seine Werke sind im frühen Mittelalter nicht flächendeckend bekannt. Als einge davon jedoch ab ca. 1050 zur Schullektüre werden, steigt seine Popularität und damit die Auflage, wie uns Bibliothekskataloge verraten.44 Insbesondere Mythologie und Minnehandlung im 'Roman' und dem Eneasroman sind stark von seinem Werk beeinflusst.45
Wie dieser Prozess im Einzelnen aussieht, soll hier exemplarisch anhand einiger Szenen dargestellt werden, doch zuerst ein Satz vorweg. Vergil wie Heinrich mögen beide den gleichen Stoff behandeln, doch sind sie Autoren ihrer Zeit und es trennt sie über tausend Jahre. Will man beide Werke (oder gar alle drei) vergleichen, so ist Vorsicht geboten. Es wäre unklug ein und dieselbe Messlatte für solch grundverschiedene Zeiten anzulegen und die Werke sind nun mal im Kontext ihrer Zeit zu verorten.46 Man möge deshalb verzeihen, wenn diese Hausarbeit zum Verständnis gewisser Kontexte gelegentlich den Schwenk in die Geschichtswissenschaft unternimmt.
Beginnen wir also und widmen uns in gebotener Ausführlichkeit der Entstehungsgeschichte des Eneasstoffes, beginnend mit dem sogenannten Parisurteil. Vergil beschreibt die Szene wie folgt. »Und der erbitterte Schmerz; tief bleibt in der Seele bewahret | Paris richtender Spruch und die Schmach der beleidigten Schönheit [...].«(Aen-[1],[26]-[28]) Aus dieser kurzen Episode erwächst im 'Roman', vermutlich unter anderem auf Grundlage des ovidschen sechzehnten Heroiden- briefes47 48 49, eine ausgewachsene Szene. »Er denkt nach [.] welcher von diesen dreien er sich zuwenden solle; | denn sehr begehrte er den Reichtum | und sehr verlangte er nach Tapferkeit, doch die Frau gefiel ihm noch mehr, | die Venus ihm versprochen hatte. | Die Göttinnen verweilten nicht, | sondern kehrten zum festgesetzten Zeitpunkt zurück. | Sie verlangten das Urteil. | So sehr Paris darüber auch gezweifelt hatte, | gab er Venus den goldenen Apfel | und urteilte, dass sie mehr wert sei als die beiden anderen an Schönheit. | Danach wurde er dafür reich belohnt, | denn sie gab ihm die Herrin Helena.«[48]/(RdE [162]-[177])
Heinrich dagegen nimmt deutlich Abstand von der Szene. »Do was die gottinne Juno | Enea- se vil gehaz | Und tet iz umbe daz | Das sie ime schaden wolde | Durch den apphel von gol- de | Den Paris Venus gab. | Da quam alle der nit ap | Daz Troye wart zu brochen. | Da mitte wart das gerochen, | Das saget uns Virgilius, | Des gehalf die vrowe Venus, | Das Paris Elenam nam, | Da grosz ubel von quam.«[49]/(En. [21],[16]-[28]) Obgleich Heinrich Vergil als Quelle angibt, ist die Szene zu kurz (zu arg gekürzt?) als das man Vermutungen über dessen Herkunft anstellen könnte. Die viel spannendere Frage ist auch weniger das 'woher?', als vielmehr das 'warum?' Aus welchem Grund hat Heinrich die (ihm sicher vorliegende) Szene aus dem 'Roman' nicht übernommen? Diese Frage leitet ganz wunderbar den letzten Teil dieser Arbeit ein und soll daher für's erste zurückgestellt werden.
Im der Folge seines Krieges erhält Eneas mächtige Waffen zur Hand. Des Nachts entschließt sich seine Mutter ihren Gatten Vulkan zu umgarnen und erreicht so, dass dieser am nächsten Morgen in seine Schmiede zurückkehrt und seinen Cyclopen den Befehl gibt, die schönsten Waffen für Eneas herzustellen. Bei Abreise dann erscheint die Göttin persönlich. »Venus die Göttin indes, glanzhell in ätherischer Wolke, | Kam und bracht' das Geschenk; und den Sohn im entzogenen Thale [...].«(Aen- [8],[609]-[611])
Die Vulkan-Episode - auf einmal fast wörtlich übernommen durch Heinrich - ist dabei höchst aufschlussreich in der Analyse des eneasschen Adaptionsprozesses. Erzählt Vergil also lediglich von der Verführung des Schmiedegottes durch Venus, bläst der 'Roman' die Szene zum tragischen Ehebruch (im Kontext der Dreiecksbeziehung Venus-Vulkan-Mars) auf. »Vulkan wusste ganz gewiss und ohne Zweifel, | dass Mars, der Gott des Kampfes war, | seine Frau liebte und sie ihn; | darum hassten sie einander beide. [...] aus Eisen fertigte er ein kunstvolles Netz, | sehr fein waren dessen Fäden; | rings um sein Bett brachte er es an. | Sobald Mars sich mit ihr niederlegte | und er sie in seinen Armen hielt, | zog Vulkan seine Schlingen zusammen, | verstrickte sie in dem Netz, | führte alle Götter dorthin | und zeigte ihnen ganz offen | diesen aufgedeckten Ehebruch.«(RdE. [4355] - [4371]) Zum Vergleich hier einmal Ovid: »Schleunig schafft er aus Erz sich dünngezogene Kettlein; | Und feinmaschige Netze, die fast den Augen entschwinden, | Feilet er aus [.] | Jetzo, sobald ein Lager das Weib und den Buhlen gesellet, | Siehe, durch Kunst des Gemahls, und neu erfundene Bande, | Werden im Augenblick der Umarmungen beide verhaftet [...] Ladet die Götter heran. [,..]«[50]/(Met- [4],[171]-[186])
Heinrich kopiert also vom 'Roman', der wiederum Ovid adaptiert und so die Geschichte um zusätzliche Komponenten erweitert. Nur, warum? Auch diese Frage gilt es aufzuschieben.
Die Rolle der Lavinia hat über die Jahrhunderte hinweg mit den größten Wandel durchlaufen. »Silvius, dein Nachsprößling, ein glänzender Name von Alba«, so prophezeit Anchises seinem Sohn in der Aeneis. »Den dir Hochbetagten Lavinia spät, die Gemahlin, | Auf in Waldungen zieht, den Könige zeugenden König.«(Aen. [6],[763]-[766]) Lavinia ist also dem Eneas vorbestimmt, ihre Figur, die nicht viel mehr zur Geschichte beiträgt als beim Anblick des Turnus zu erröten50 51, ist mehr Symbol (Herrschaft über das Königreich) als Handlungsträger.
An dieser Stelle steigt der französische Anonymus ein (Heinrich übernimmt fast die gesamte Episode) und macht aus dem unbekannten Mädchen eine Prinzessin, die, selbst denkend, nicht nur nicht über sich verfügen lässt, sondern sogar die Initiative ergreift. »Da stand sie vom Fenster auf | und suchte rasch Tinte und Pergament, | und schrieb alles auf Latein. | Der Brief sagte, was in dem Schreiben stand: | zuerst sandte sie Grüße | an Eneas, ihren lieben Freund, | und sagte darauf, dass sie ihn so sehr liebte, | dass ihr sonst nichts mehr etwas bedeutete.«(RdE. [8776]-[8783]) Das Zitat streift die Problematik — Lavinia kennt die Liebe nicht, hat sie noch nie erlebt. Und so setzt sich Königin Amata hin und betreibt für ihre Tochter Aufklärungsunterricht. Daraus resultiert eine Art von ovidscher 'Ars amatoria'52, das Gespräch (Monolog/Dialog) über die Lie- be.53 Einer der beliebteren Topoi der höfischen Literatur. Und dann ist da ja noch Eneas, der sich nach seinem ersten Treffen des Nachts in heißem Liebesschmerz wälzt. Eine Tatsache, die »vor allem die stilistischen Forderungen des heroischen Epos [sprengt], das einen liebeskranken Helden im Sinne der mittelalterlichen Dichter nicht kennt.«54
Der Entstehungsprozess kann also wiefolgt zusammengefasst werden. Auf Grundlage Vergils und Ovids, sowie vermutlich einiger »vermittelnder Texte wie Kommentare, Scholien oder myt- hographischer Handbücher«55 schrieb der französische Anonymus mit »Lust am Erzählen«56 seine Geschichte und schuf dabei, wann immer es ihm dünkte, wildwüchsige Texterweiterungen. Heinrich dagegen agiert nur selten, er kopiert — und redigiert immer dann, wenn es ihm als dringend geboten erscheint. Dies ist die nächste Frage, die wir uns stellen müssen. Wann und warum redigiert Heinrich den 'Roman'? Doch zuerst ein wenig mehr Kontext.
DAS THEOLOGISCHE WELTBILD IM WANDEL DER ZEITEN
'Deus' ist nicht gleich 'deus'. Was im ersten Moment eher seltsam klingt, ist eine Weisheit, die es sich genauer anzuschauen gilt. Während 'deus' sich gut aus dem lateinischen mit dem Wort 'Gott' übersetzen lässt, beschreibt 'Deus' stets den 'Gott der Christen'. »in Deum credere — an Gott glauben«[57]. Diese kleine Diskrepanz, welche den Unterschied zwischen einem monotheistischen und einem polytheistischen Weltbild ausmacht, ist zum Verständnis des Antikenro- manes von herausragender Bedeutung. Diesem kleinen aber feinen Unterschied wollen wir uns hier kurz im Rahmen einer kurzen religionsgeschichtlichen Einordnung widmen, ehe die Texte selbst ausführlichst auf ihr Götterbild hin untersucht werden.
1. DER SIEGESZUG DES MONOTHEISMUS
In grauer Vorzeit wurden die 'Götter' in Griechenland für gewöhnlich »tiergestaltig gedacht und verehrt: als Vogel, als Kuh oder Stier.«[58] Über die Jahrhunderte hinweg veränderte sich diese Vorstellung hin zu 'Göttern' in Gestalt von Menschen.[59] Mit Homer dann setzte sich das System der zwölf olympischen Götter durch. Wenn diese »Götter des Adels« eingreifen, »und das tun sie öfters, so auf höchst natürliche Weise. Das [alte] Grauen vor dem Unheimlichen [...] gibt es in der olympischen Religion nicht mehr [...]. Die alten Elementargottheiten [.] sind bei Homer entthront: die Götter sind bei ihm nicht mehr Naturmächte, sondern immer stärker und bewußter Geistwesen.«[60] Über dem Willen der Götter steht dabei nur eines — die Moipa[61].
Bei den Römern wiederholt sich dieser Prozess — und setzt sich schließlich fort. Auf Grundlage einer ganzen Reihe alter Götter (di indigetes) entwickelt sich das moderne römische Pantheon. Dabei gilt: Je größer das Reich, desto größer der Einfluss aus anderen Teilen der römischen Hemisphäre. Etruskische und eben vor allem griechische Einflüsse sorgten für jenes Götterbild, dass der Aeneis zugrunde liegt — mit den Namen der alten römischen- und den Eigenheiten der griechischen Gottheiten. Mit dem Tode Augustus traten viele der römischen Götter einen Schritt zurück, der verstorbene Kaiser nimmt ihren prominenten Platz ein und begründet somit den Kaiserkult.57
Ein kurzer Rückblick: Keineswegs im Jahr 0., sondern zwischen 8. und 4. v. Chr. wurde der spätere jüdische Wanderprediger Jesus von Nazareth geboren. Nach seinem Tode am Kreuz hinterließ er die zwölf Apostel, die seine Lehren in weite Teile der Welt transportierten. Das Duo Petrus und Paulus lehrten dabei in Rom, wurden verhaftet und im Kontext der Christenverfolgung ermordet. Die Saat aber war gesetzt, das Christentum erfuhr einen rapiden Aufschwung. Im Jahre 313 n. Chr. wurde unter Konstantin Religionsfreiheit gewährt, unter Theodosius dann 380 das Christentum zur Staatsreligion erhoben. Aus dem 'Pontifex Maximus' ist der 'Papst' er- wachsen.58
Was aber ist das Erfolgsrezept des Christentums? Die Antwort darauf ist komplex — ein Faktor war jedoch sicherlich - wie bereits angeklungen -, dass das Christentum sich als monotheistische Religion fundamental vom polytheistischen Weltbild der vorchristlichen Zeit unterschied. Der Polytheismus beschreibt dabei eine Religionsform, »in der ein Handeln einer Mehrzahl persönlich vorgestellter Götter konzipiert ist. Das Handeln der Götter wird dargestellt als aufeinander bezogen, auf die 'Welt' gerichtet, die Menschen betreffend. [...] Die Götter 'sind' nicht bloß, sondern greifen aktiv und arbiträr in das Weltgeschehen ein.«59 Sie werden aufgeteilt nach Geschlecht; haben eine interne Hierarchie und so etwas wie eine Arbeitsteilung; sie sind Teil einer komplexen Verwandschaft und lassen sich in 'jung' und 'alt' kategorisieren; es herrscht Kooperation wie Feindschaft, Sieg wie Niederlage60, allerdings seltenst 'gut' und 'böse'. Kurzum: Die präzise Beschreibung der altgriechischen Gottheiten.61
Der Charakter der Götter bei Vergil ist dabei, anders als in der Ilias, bestimmt vom typischen Wesenszug der altrömischen Religion. »Schrieb sie doch jedem ihrer Götter einen begrenzten, isolierten Wirkungsbereich zu, ohne sie jemals in einer großen Ordnung zusammenzufassen.«62 Wo die Götter Homers meist am Tage in der Maske eines Sterblichen sprechen und handeln - und dabei nicht selten unerkannt bleiben - , agieren die Götter Vergils meist in der Nacht und oft im Traum. Der Austausch erfolgt über Gebete und Opfer, weniger über den direkten, realen Kontakt.63
Ganz nach dem alten Sprichwort 'Tempora mutantur, nos et mutamur in illis'64 hatte dieses Weltbild im ersten Jahrhundert n. Chr. ausgedient. Der Götterkult war sozusagen »zur offiziellen [Feierlichkeit] geworden, wie heute die Fahnenparade am Geburtstag der englischen Königin [.].«65 Daneben waren »die Götter überhaupt unpersönlich und gestaltlos, und im menschlichen Lebensschicksal rechnete man nicht mit der 'Wirkung persönlich gedachter Götter.«66
Der Monotheismus des Christentums dagegen bot einen Ausweg. »In einer Welt, die in tellektuell so verarmt, materiell so unsicher und so voll von Furcht und Haß war, [...] muß jeder Weg, der eine Flucht aus ihr versprach, die ernsthaften Geister angezogen haben.«67 In anderen Worten, das Leben und die Religion, welche zuvor zwei Teile eines Ganzen gewesen waren, verschränkten sich immer mehr ineinander. Die Entwicklung hin zu einer »persönlichen Frömmigkeit«68, die Suche nach der 'Gnosis'69 wurde Teil der religiösen Erfahrung — und das Christentum bot Antworten.70
2. POLYTHEISMUS IM ZWÖLFTEN JAHRHUNDERT
In der Folge war die Kirche bestrebt, die Erinnerung an die 'alten Götter' zu tilgen.71 Das Unternehmen misslang — sie verblieben als Planeten am Himmel72, als Bezeichnungen für Wochen- tage73, waren Teil der Schullektüre74. Latein war schließlich noch immer gemeinsame Schrift-, Bildungs- und Gelehrtensprache75 und das christliche Mittelalter empfand sich im Sinne einer 'translation imperii' als Erbe der Römer76. Außerdem hatte die Trojadichtung bereits äußerst früh einen Platz im kollektiven Gedächtnisses des Mittelalters. Genauer seit Fredegars Chronik aus dem siebten Jahrhundert, »die erstmals von der trojanischen Abstammung der Franken erzählt [.].77 Hier dient Troja als Bezugspunkt für genealogisch-aitiologischer Vorstellungen.
Alles in allem also musste ein Weg gefunden werden, mit den Göttern umzugehen. Welche Möglichkeiten blieben dem französischen Anonymus und Heinrich von Veldeke also, um sie in Szene zu setzen? Zu dieser Frage herrschen unterschiedliche Ansichten. Für diese Hausarbeit soll die Analyse der Transformation der Götter anhand eines Systems von vier Erklärungsmustern erfolgen: (1) Erstens die 'Euhemerisierung'. »Die angeblichen Götter waren Menschen der alten Zeit, die wegen ihrer Taten und Verdienste von den Ihrigen nach dem Tod verehrt wurden, wie [.] Juno, Venus, Vulkan [.]. Sie alle gehören der Geschichte an.«78 (2) Zweitens die 'Dämonisierung'. »An der Spitze steht Jupiter, als ein Meister der Zauberei und Blutschande, Gemahl seiner Schwester, Verführer seiner Töchter, neben ihm Mars, der Urheber aller Zwietracht, Merkur der Dieb und Betrüger, [.] Venus der Dämon der Unzucht.«79 (3) Drittens die moralische Allegorese. »Sie wirft zur Rache den Apfel, der die drei großen Göttinnen, die Verkörperungen der vita contemplativa [Das auf Weisheit und Erkenntnis ausgerichtete Leben.], activa [Das auf weltliches Handeln, Besitz und Herrschaft ausgerichtete Leben.] und philargica
[Das auf sinnliche Lust ausgerichtete Leben.], entzweit[85]«. (4) Viertens die naturphilosophische Allegorese. »Deshalb fügt sich der Gott in die Vereinigung von Wasser und Erde [Vereinigung von Thetis und Peleus], aus welcher unter Mitwirkung des beseelenden Feuers [Jupiter] der vollkommene Mensch [Achilleus] entsteht«.
Anhand der zwei wichtigsten Götter für den Eneasroman, 'Juno' und 'Venus', gilt es nun herauszufinden, für welche der oben genannten Möglichkeiten sich der 'Roman' und Heinrich entschieden haben. Wo lassen sich Unterschiede feststellen und wo Gemeinsamkeiten? Und welche Auswirkungen hat das Götterbild auf das Werk selbst?
GOTT UND GÖTTER IN DER MITTELALTERLICHEN DICHTUNG
Über die gesamte Antike hinweg war die Figur des Göttervaters zentral für das griechisch-römische Pantheon. Wird Jupiter in der Ilias über vierhundert Mal erwähnt, sind es in der Ae- neis immerhin noch sechsundachzig. Im 'Roman' dann verwandelt sich seine Rolle zu etwas, dass man beim Film einen 'Cameo' nennt. »Um [den goldenen Zweig] abzuschneiden, wirst du vergeblich nach Eisen suchen | oder nach irgendeiner Schneide aus Stahl; | er wird sich wohl ausreißen lassen, | wenn Jupiter will und gestattet, | dass du diesen Weg unternimmst.«(RdE. 2316-[2320]) Etwas später dann: »Und Nacht und Tag sind sie so lange gezogen, | bis sie in die Lombardei gekommen sind: | Dies ist das Land und die Gegend, | die Jupiter ihnen versprochen hat.«(RdE. [3025]-[3029]) Und schlussendlich: »Es ist kein Wunder, wenn sie von solcher Art war, | denn der Gott hatte sie gefertigt, | der die Donnerkeile zu schmieden verstand, | die Jupiter zu schleudern pflegte.«(RdE. [4503]-[4507])
Die Rolle des Jupiters lässt sich also immerhin als passiv auffassen — er handelt nicht, er hat keine Redeanteile, er entspricht keiner der zuvor aufgeführten Kategorien. Bei Heinrich dann wird der einst so mächtige Göttervater kein einziges Mal erwähnt, seine Rolle ist nicht existent. Wie aber verhält sich das mit seiner Frau und seiner Tochter?
1. JUNO
»Lenkst durch ewige Macht und mit donnerndem Strahle sie schreckest, | Was hat mein Äneas an dir so Großes zu freveln [...]?«(Aen. [1] [230]-[231]) Diese Frage ist zwar an Jupiter gerichtet, doch passt sie auch zu Juno. Hat in der 'Odyssee' noch Poseidon die Rolle des Antagonisten inne, übernimmt in der 'Aeneis' sie diese Rolle.
Die Gründe für ihren Hass und ihre Eifersucht sind bereits angeklungen. Auf Grundlage von Parisurteil Ovid hat der französische Anonymus eine Szene erschaffen, die um einiges tiefer in die Materie einsteigt, als dies bei Vergil der Fall war. Heinrich dagegen hat die Stelle redigiert und daraus das folgende gestrickt: »Do was die gottinne Juno | Enease vil gehaz | Und tet iz umbe daz | Das sie ime schaden wolde | Durch den apphel von golde | Den Paris Venus gab. | Da quam alle der nit ap | Daz Troye wart zu brochen. | Da mitte wart das gerochen, | Das saget uns Virgilius, | Des gehalf die vrowe Venus, | Das Paris Elenam nam, | Da grosz ubel von quam.«(En. 2[1],[16]-[28]) Es ist die erste Erwähnung der Juno und sie ist bedeutsam, denn statt die Göttin als Figur auftreten zu lassen, wie dies bei Homer, Vergil und in gewissem Grad auch beim französischen Anonymus der Fall ist80, entscheidet sich Heinrich für die fünfte der vier angesprochenen Erklärungsmuster — er benennt die Gottheit zwar, gibt ihr aber keine Sprechrolle, keine direkte Handlung, keinen Einfluss. Nennen wir diese Praxis für's erste 'Option Fünf', sie wird uns noch des öfteren begegnen.
Doch stellt sich noch immer die Frage, warum sich Heinrich und vor allem der französische Anonymus überhaupt die Mühe gemacht haben, die Szene in ihr Werk einzugliedern. Dreht man die Frage einmal um, fragt man sich warum Vergil dies nicht getan hat. Die Antwort auf die Frage formuliert Renate Kistler wiefolgt. »Die religiöse Grundstimmung des lateinischen Epos, in der alles Handeln des Helden auf die Erfüllung des göttlichen Willens ausgerichtet ist, muß notwendig alles Niedrige und Lächerliche von den Gottheiten fernhalten, wogegen sich die beiden Eneasdichter nicht scheuen, die unterhaltsame Erzählung in Vergils Dichtung ein- zufügen.«81
Setzen wir unsere Analyse fort. »Das ime die vrowe Juno was | Ungenadic und gram. | Do her auff das mer quam | Und dannen varen wolde, | Swa so her hin solde, | Sie was ime io widere | Mit starckeme ungewittere. | Die buch sagen unz vor war | Das sie ime wol siben jar | Uff dem mere errete | Und von dem lande verrete.«(En. [21],[30]-[36]) In Form einer Zeitraffung presst Heinrich die sieben Jahre weilende Irrfahrt in wenige Sätze und führt dabei Juno als Antagonistin ein. Die Episode qualifiziert sich nicht für 'Option Fünf', da Juno, in dem sie Eneas Stürme schickt, durchaus als handelnder Akteur durchgehen kann. Und auch keine der anderen Erklärungsmuster passt auf diese Szene, da sie sich als Gattin des Jupiter und Göttin der Ehe weder als Allegorie für Stürme auf See eignet, noch von Heinrich verteufelt wird. Tatsächlich ist dieser Handlungsstrang ein Überbleibsel der 'Aeneis'.
Vergil führt die Szene deutlich weiter aus. Dort schickt nicht Juno selbst die Stürme, sie überredet in wörtlicher Rede den Windgott Äolus es für sie zu tun, was dieser sodann auch tut, bis er von Neptun zurechtgewiesen wird.82 Es ist, nach jener Szene in der Ilias, nun schon das zweite Mal, dass der Meeresgott Eneas das Leben rettet. Aus dieser Episode streicht nun der französische Anonymus den Anteil des Äolus und des Neptun und lässt Juno den Sturm auslösen.83 Heinrich schließt sich dem an und verkürzt obendrein für seine Szene die Beschreibungen des Sturmes und des beinahe eingetretenen Schiffbruchs.84 Zwar agiert Juno und ihr wird auch ein 'Wille' attestiert, doch das ist auch schon alles.
Für die dritte Szene springen wir vor zur Landung an der Küste Libyens. »Michel was ir rich- Kathargo tum [Dido], | Sie hette grozen wistum, | Dez vorchte man sie zere. | In vrowen June ere | Stunt ein munster [Heidentempel85 ] da | Bi irme husze genuc na. | Daz machte vrawe Dydo. | Da waz die gottynne Juno | Vil hartte geeret.«(En. [27],[25]-[33]) Die Quintessenz dieser Episode ist schnell erklärt — obgleich sie auch hier nicht aktiv handelt und dabei eindeutig der 'Option Fünf' zuzuordnen ist, wird Juno als Schutzgöttin Kathargos etabliert. Dem geneigten Leser entgeht dabei der Löwenanteil dieses Bildes - Kathargo als historischer Gegenspieler Roms -, wie auch die vergilsche Szene der Ankunft des Eneas in Kathargo bei Heinrich und dem 'Roman' nicht einmal annähernd ihre volle Kraft entfaltet.
Mit der Nennung der Juno als Schutzgöttin Kathargos endet ihre Rolle auch schon, jedenfalls im Kontext Heinrichs und des 'Romans'. Und hier wird es spannend, denn in der Aeneis hat sie mit ihrem Rachefeldzug kaum erst angefangen. »Bleiben die Oberen mir unbewegt, in den Acheron stürm' ich! | Nicht ist vergönnt, ihm zu wehren (es sei!) die latinische Herrschaft; | Und unwandelbar bleibt durch Geschick Lavinia Braut ihm.«(Aen. [7],[312]-[314])
Hasserfüllt säht sie in Persona der Furie Allecto erst Zwietracht bei Königin Amata, dann Kriegsmühen bei Turnus selbst und provoziert anschließend den Tod des zahmen Hirsches des Tyrrhus.86 Anschließen scheucht sie Allecto fort. »Ich will, was an Arbeit noch das Geschick bringt, | Selber versehn.«(Aen- [7]’[559]-[560]) Genauer gesagt sorgt sie dafür, dass... »Aber die Königin selbst der Unsterblichen schwang sich vom Äther, | Drängte die Pforten zurück mit der Hand, und drehend die Angel | Sprengte die eisernen Pfosten des Kriegs die saturnische Göttin.«(Aen. [7],[620]-[623])
Der siebte Gesang zeigt exemplarisch, wie grundsätzlich sich die Rolle der Juno bei Heinrich und dem 'Roman' wandelt. Wo in der Aeneis noch die Göttin selbst den Krieg provoziert, ist es in der mittelalterlichen Eneasdichtung schlicht Pech, respektive ein 'Unglück'. »Des selbin tagis quam iz so, | Daz waz sin unsalicheit, | Do Ascanius birszen reit, | Alse ir da vor habit vornomen, | Do waz der herz hin uz komen | Zu andern tyeren | Mit wilden herzen vieren | Eynes orgenes vru.«(En. [132],[18]-[25]) Dieses homerische Muster setzt sich fort. Im neunten Gesang schützt und stärkt Juno Turnus, bis Jupiter sie zwingt, ihre Unterstützung einzustellen. Anschließend ruft der Göttervater im zehnten Gesang die Götter zusammen. »Jetzt wird geöffnet das Haus des allmachtvollen Olympus, | Und Versammlung beruft der Götter und Sterblichen Vater«(Aen. [10],[1]-[2]) Dieser richtet das Wort an Venus und Juno. »Jetzo ruht, und fröhlich vereint friedfertiges Bündnis.«(Aen. [10],[15]) Als Antwort gibt Venus: »O vergönnt sei, Ascanius [Sohn des Eneas] doch der Befehdung | Unversehrt zu entziehn! o vergönnt, zu behalten den Enkel!«(Aen. [10],[45]-[47]) Juno dagegen rebelliert. »Warum aus der Tiefe des Schweigens | Treibst du mich, aufzuhüllen den überschleierten Unmut? | Hat den Äneas ein Mensch, hat irgend ein Gott ihn genötigt, | Kriege zu spähn und feindlich zu nahn dem König Latinus?«(Aen. [10],[63]-[66])
Diese Szene existiert weder bei Heinrich, noch im 'Roman' — tatsächlich kann sie nicht existieren. Allerdings, bevor wir tiefer in das 'Warum?' einsteigen, zuerst ein Blick auf die Gegenfigur der Juno, ihre Verwandte.
2. VENUS
Venus erstes Vorhaben im Eneasroman ist es, ihren Sohn zu verkuppeln. »Do der herre Eneas | In die burg komen was | Zu frowen Dydo hus, | Do schuff sine muter Venus | Und sein bruder Cupido | Daz in vrowe Dydo | So starcke mynnen began | Daz nie wip einen man | Harter mochte minnen.«(En. [35],[37]-[36],[5]) Sie erreicht das, in dem sie - ganz ähnlich wie im Roman87 - den Mund des Ascanius berührt und ihm so einen Liebeszauber verleiht88. Venus Handeln (durch Ascanius) entspricht so am ehesten dem Erklärungsmuster der 'moralischen Allegorese' mit einer wichtigen Einschränkung. Weder Heinrich noch der Anonymus lösen die Venus vollständig in einer Allegorie auf, vielmehr verbleibt sie als realer, mythologischer Akteur und verkörpert die sinnliche Liebe. Diese Beobachtung gilt es im Hinterkopf zu behalten, insbesondere wenn man sich anschaut, wie Vergil diese Szene erdacht hat. In der Aeneis nämlich erwirkt Venus bei Jupiter göttliche Unterstützung. Jupiter schickt daraufhin Merkur nach Kathargo um sicherzustellen, dass Eneas gut aufgenommen wird. Daraufhin sucht Venus ihren Sohn verkleidet auf, informiert ihn, sichert ihm den Zugang nach Kathargo und lässt ihn beim Aufeinandertreffen mit Dido in übermenschlicher Schönheit erstrahlen. Die Liebe entsteht dann in Persona des Cupido, der Ascanius Gestalt annimmt und Dido heimlich das Liebesfeuer einflößt.89 Daraus lässt sich schließen, der Anonymus hat die Szene vollständig umgeschrieben, Heinrich hat sie dann übernommen. Es unterscheidet sich nicht nur die Art, wie die 'Minne' übertragen wird - vom flüssigen Liebesfeuer hin zum ätherischen Liebeszauber -, sondern auch wie direkt oder auch indirekt Venus dazu beiträgt.
Diese 'Minneübertragung' durch den Kuss ist dabei nicht ausser Acht zu lassen. Gerade diese physische Berührung zeigt den Charakter der Szene und den Einfluss des Mittelalters. »Das Berühren, als magische Handlung gedacht, vermittelt den Übergang einem Wesen oder Ding innewohnender geheimer Kräfte auf ein anderes. [...] Durch Berührung können körperliche wie geistige Eigenschaften übertragen werden [..,].«90 Dabei erfolgt die »Übertragung der magischen Kraft [.] in erster Linie durch eine Gottheit. [.] Der Glaube an einen Berührungszauber ist im Mittelalter weit verbreitet.«91
In einer wichtigen Ergänzung zur Dido-Episode gilt es die 'Minne' selbst zum Thema zu machen. Im Eneasroman heißt es dazu: »Minniclichen her sie bat | Das sie in gewerte | Des sie doch selbe gerte, | Ydoch sprach sie darwidder, | Unde her leite sie dar nider, | Alzo iz vrowe Venus geriet. | Sie ne mochte sich er weren niet. | Her tet ir daz her wolde, | So daz her ire holde | Manlich unde wol behielt. | Wir wissen wol waz des ge wielt.«(En. [63],[18]-[28]) Was bei Heinrich - angestiftet von Venus - so einige Merkmale einer Vergewaltigung trägt und nach mittelalterlichem Weltbild eigentlich als 'Sünde' zu gelten hat92, ist im 'Roman' klar einvernehmlich.93 Vergil dagegen gestaltet eine ganz andere Szene: »Aber die Königin, längst von heftiger Liebe verwundet, | Nährt ihr blutendes Weh und vergeht an heimlicher Flamme.«(Aen. [4],[1]-[2]) Um Eneas aus Italien fernzuhalten, präsentiert Juno in der Aeneis ihrer Gegenspielerin Venus den Plan, ihren Sohn und Dido in 'conubio stabili' (rechtmäßig) miteinander zu verehelichen, der Geschlechtsverkehr wird dabei nur implizit beschrieben.94
Wieder wurde also die Szene deutlich umgeschrieben. Aus einem göttlichen Komplott wird beim französischen Anonymus einvernehmlicher Geschlechtsverkehr, beim Eneasroman ähnelt die Szene mehr einer Vergewaltigung unter der Ägide der Venus. Die Rolle der Göttin, die in der Aeneis noch intrigierender Art war, erfüllt im Eneasroman klar die der 'moralischen Allego- rese'. Sie repräsentiert dieses Mal nicht die sinnliche Liebe, sondern eine Triebhandlung — das erotisch-sexuelle Begehren des Eneas. Und im Kontext der Berührungslehre eröffnet sich obendrein eine zweite und für das mittelalterliche Weltbild um einiges bequemere Antwort auf die Dido-Frage. Lief es bei Vergil noch darauf hinaus, dass Jupiter dem Eneas den Befehl zum Aufbruch erteilt, fällt diese Ausrede im Eneasroman flach. Stattdessen wird das Problem mit der 'Minne' gelöst, besser mit der fehlenden 'Minne' des Eneas gegenüber Dido. »Dass Eneas sich nichft verliebt [...] bestätigt die These des mythisch-magischen Ursprungs der Liebe. Er kann sich nicht verlieben, weil er Ascanius nicht geküsst hat, daher bleibt für ihn der hier einzig denkbare Weg der Liebesentstehehung, der kontaguöse Weg, verschlossen.95
Eine weitere wichtige Szene sollte bereits bekannt vorkommen — es ist die Vulkan-Episode, Vulkan die der französische Anonymus auf Grundlage Ovids in sein Werk verpflanzt hat. Dazu heißt es im Eneasroman: »Volkan ir man | Der wiste wol ane spot | Das her Mars des wiges got | Bie frawe Venus lagk. | Das hatte her machen tag | Vor swigen und vorholen. | Do hersz nicht lenger wolde dolen, | E sie esz mochte gemercken, | Eyn netze hiesz her werken | Von silber und von stale, | Des nam in michil hale. [.] Mit dem netze her beslug | Sie zwey beide. | Do lies ir Venus leide, | Wen her brachte dy gote alle dar.«(En. [157],[38]-[158],[23]) Diese Darstellung zeigt das Dreiergespann Vulcan, Mars und Venus retrospektiv als handelnde Akteure in einer Szene, die in ihrer Beschreibung direkt aus Ovid entnommen wurde. Die Handlung dagegen hat gewisse euhemerisierende Züge und wird als schlichter Ehebruch erzählt. Vulkan wird dabei als 'ir man' der Venus etabliert, Mars gleichzeitig als Liebhaber der Venus und 'des wiges got'. Der Prozess der Vermenschlichung der Götter ist im Ansatz erkennbar - auch aus der Tatsache heraus, dass die Szene überhaupt aufgenommen wurde -, doch sind noch immer die alten Muster Vergils und Ovids zu erkennen, vor allem wenn es darum geht, Waffen und Rüstung des Eneas zu be- schreiben.96
Hier führt Edmond Faral ein Phänomen auf, dass sich recht gut auf die Eneasdichtung anwenden lässt. »Unter den anderen erzählenden Werken derselben Epoche ist es eine der charakteristischen Eigenschaften [.], dass er der Beschreibung einen breiten Raum einräumt. Diese Beschreibung erstreckt sich auf sehr unterschiedliche Gegenstände, auf Lebewesen und Dinge [.]. [Die Gegenstände sind] dazu bestimmt, Bewunderung hervorzurufen [.] und es scheint, als habe unter den Dichtern, den Verfassern von Romanen, ein Wettstreit darum bestanden, wer die prächtigsten Gärten, die prunkvollsten Schlösser, die strahlendsten Frauen, die seltensten Kuriositäten und die unerwartetsten Wunder schildern könne: Das Wunderbare hat mitten in ihren Beschreibungen seinen Platz eingenommen.« Dieses 'Wunderbare', so führt er weiter aus, wird oft mythologisch erklärt. »Die Autoren lassen dann gern die Götter an der Seite der Helden auftreten.«97 So lässt sich denn also die Vulkan-Szene erklären. Er, zwar Gott, ist gleichzeitig Schöpfer dieser Kuriositäten, die erst durch die Existenz des Göttlichen ihren narrato- logischen Zweck erfüllen. Wohl auch aus diesem Grund wird der Prozess der Herstellung eng begleitet.98 Und nicht nur das. In ihrer - vom Götterhimmel entkoppelten - Eigenständigkeit, beschreibt Heinrich in alter Tradition Rüstung und Waffen in einem geradezu unverschämten Detailgrad.99 Die Rolle seiner Ausrüstung wird umso deutlicher, als dass die einzige Episode, in der Eneas ernsthaft verletzt wird - bei jenem Waffenstillstand -, gerade die Szene ist, in der er die Rüstung im Lager gelassen hat.100 Es sei nebenbei erwähnt, dass Eneas, in jenem Moment der Gefahr für Leib und Leben, durch seinen Sohn Ascanius und drei seiner Männer gerettet wird und nicht durch das göttliche Eingreifen der Venus oder des Neptun wie dies in der Ilias der Fall gewesen war.
Im Veränderungsprozess der Lavinia-Episode spielt Venus eine übergeordnete Rolle. »Do der here dar quam | Unde sein die maget lustsam | Da nidene wart ge war | Und sie ire ougen kerte dar | Da sie was off dem hus, | Do schoz die vrowe Venus | Mit eyner scharffen stra- len. | Das wart ir zu qualen | Sindt uber eyne lange stunde. | Sie gewan eine Wunde | An irem herzen in binnen, | So das sie muste mynnen, | Sie wolde oder en wolde.«(En. [267],[19]-[31]) Die Szene ist fast identisch mit dem 'Roman', auch dort wird Lavinia mit einem Liebespfeil getroffen — nur ist es dort Amor, der den Pfeil abschießt.
Statt also wie im zwölften Gesang der Aeneis sich um das Wohl ihres Sohnes zu kümmern, wird beim französischen Anonymus und Heinrich eine neue Handlung eröffnet, in der Venus - so scheint es - aktiv handelt. Gleichzeitig lässt die Szene aber auch das Urteil einer moralischen Allegorese zu, denn schaut man sich den präzisen Ablauf der Geschehnisse einmal genauer an, dann fällt auf, dass Venus den Pfeil im gleichen Augenblick abschießt, da Lavinia ihren Helden das erste Mal zu Gesicht bekommt. »Menschliches Tun - der Blick der Lavinia - und göttliche Aktion - das Abschießen des Pfeils - sind untrennbar miteinander verbunden. [...] Mythisches Geschehen wird in mittelalterliche Liebespsychologie überführt.«101 Die Entstehung der 'Minne' bei Lavinia erfolgt also durch einen Blick, während die 'Minne' des Eneas durch den Brief entsteht, eine »Inszenierung [.] über Schrift. Sie bedeutet eine entschiedene Rationalisierung des mythischen Minnegeschehens.«102
3. GOTT
Bevor wir uns den Schlussgedanken nähern, noch ein kurzer Hinweis. Im Gegensatz zu Vergil und dem 'Roman' - hier sind lediglich fünf Stellen nachweisbar103 - , verwendet Heinrich gar nicht selten das mittelhochdeutsche Singular 'got'. »Ich lobes got den hochsten, | Wan her mich wol hat ge wert | Des ich lange han gegert | Umbe den edelen Troyan, | Wan nie wart nichein man | Der tugende sein gliche.«(En. [343],[18]-[23]) Dieser 'Gott' taucht nicht als handelnde Figur auf, »sondern immer nur in der Figurenrede und in Erzählerkommentaren. Es ist dabei nie klar, ob die Protagonisten einen höchsten antiken Gott meinen oder, implizit, den einen, also den christlichen Gott.«104 105 Unabhängig davon erleben wir hier ein System von zwei Klassen, die sich gegenseitig weder beeinflussen noch behindern oder widersprechen. »Die Gottnennungen rufen den 'primary agent' Gott immer wieder in Erinnerung, was überhaupt erst den Göttern ihren spezifischen Platz zuweist. Nur als 'secondary agents' sind die antiken Götter zulässig und akzeptabel [...].«in Für das 'Fortleben der antiken Götter' ist diese Tatsache deshalb erst einmal zweitrangig, vielmehr ist die Existenz des 'christlichen Gottes' im Eneasroman eine Frage der Laien- und Kirchentheologie und für diese Hausarbeit nicht von Relevanz.
SCHLUSSGEDANKEN
Die Interpretation des Eneasroman hat lange Tradition, die Suche nach einer Deutung ist dabei zu keinem eindeutigen Ergebnis gekommen. Auf der einen Seite stehen die Forscher, die zu einer christlich-religiösen Deutung kommen. Auf der anderen Seite meinen manche Wissenschaftler in der 'Minne' das zentrale Thema zu sehen und »billigen dem christlichen Gedankengut nur eine untergeordnete Rolle zu«.112 Und dann gibt es auch noch diejenigen, die das Werk im Kontext von Genealogie und Geschichte interpretieren und Heinrich attestieren, sich hier vom französischen Anonymus entfernt und einen Schritt zurück zu Vergil getätigt zu haben.113
Wagen wir deshalb einmal den Blick über die eigene Teetasse und beschauen uns unsere skandinavischen Nachbarn. Dort gibt es eine spannende Sage, die sich mit einem der gefürch- testen Szenarien überhaupt beschäftigt, dem Untergang der Götter. Aus dem altnordischen 'rag- narökr' wurde im Deutschen das Wort 'Götterdämmerung'.114 Was eigentlich nicht viel mehr als eine unzutreffende Übersetzung ist, wurde zu einem geflügelten Wort mit mächtigem Fußabdruck. So attestiert nicht zuletzt der Historiker Friedrich von Bezold auch den griechisch-römischen Göttern ihre eigene Götterdämmerung.115 Dem ist natürlich nicht der Fall, viel mehr ist es ein Ringen um die Götter, »das uns in den mittelalterlichen Bearbeitungen der Vergil'schen Aeneis zu begegnen scheint, ein Ringen um Präsenz und ihre Bedeutung, ein unbequemes Nebeneinander von Antikem und Christlichem«.106 Dies gilt es stets zu berücksichtigen, schaut man sich an, auf welche Weise die 'alten Götter' ins zwölfte Jahrhundert fortlebten. Dabei ist deutlich geworden, dass es gar nicht so leicht ist die Frage zu konkretisieren. Was heißt das überhaupt, das 'Fortleben der Götter'? Die Analyse hat gezeigt, dass nicht alle Götter auf gleiche Weise gealtert sind: Jupiter ist verschwunden, wie auch viele seiner Verwandten. Juno ist namentlich erhalten geblieben, hat aber gleichzeitig den Löwenanteil ihrer Handlungsmacht verloren. Venus - und durch sie auch Cupido und Amor - besteht ebenfalls fort, doch hat sie eine funktionale Verengung und mittelalterliche Umcodierung erfahren. Und Vulkan, ihr Gatte, existiert vor allem deshalb als eigenständige Figur, weil seine Göttlichkeit für das 'Wunderbare' gebraucht wird. Von den vier dargebrachten Erklärungsmustern findet somit vor allem die 'moralische Allegorese Verwendung, neben jener 'Option Fünf' die es bei einer schlichten und kontextlosen Benennung belässt. Das olympische Personal wird weder beseitigt noch bewahrt, sondern vielmehr transformiert.
Die Rolle der Götter bei Homer und Vergil entspricht dem Weltbild des Polytheismus. Den Göttern »entgeht nichts, sie schalten sich ein, wo immer sie wollen, sie bestimmen, ob es stürmt oder nicht, ob Krieg beginnt oder nicht, sie regieren über die Liebe, über Sieg und Herrschaft. [...] Widerstand kann aufkommen [...], führt jedoch nur noch mehr in den Untergang.«107 Was wäre nun aber geschehen, wenn der französische Anonymus oder Heinrich die Rolle der Götter vollständig herausgekürzt hätte? So wäre die Kohärenz gebrochen gewesen — jene Quintessenz, die zur Sinnerschließung des antiken Stoffes nunmal nicht ersetzbar ist.108 Es war also die Aufgabe der zwei Autoren, zwar sicher an Charybdis vorbei zu manövrieren, gleichsam aber nicht der Skylla zu erliegen. Jene Anteile Vergils, die zum Verständnis erstens seiner göttlichen Abkunft, zweitens des Auftrages im Kontext der Gründung Roms und drittens Junos Feindschaft sind, konnten unmöglich redigiert werden und verblieben im Text. Wie auch die teleologische Grundordnung des Stoffes selbst, weniger der Frage nach 'Was soll Eneas tun?', als mehr 'Warum kann die Handlung nur auf dieses eine Ziel hinauslaufen?'.
Dargestellt wurde aus gutem Grund auch der Quellenweg. Vergil adaptiert Homer; der französische Anonymus adaptiert Vergil und Ovid — und wird von Heinrich übersetzt. Und tatsächlich ist es auch so, dass es sich beim Eneasroman um eine »nach mittelalterlichem Verständnis treue Wiedergabe der Quelle [handelt], für die (wie auch für die französische Vorlage) gilt, daß Übersetzen im Mittelalter freies Paraphrasieren mit immer wechselnder Entfernung zur Quelle bedeutet [.].«109 Unabhängig davon wird deutlich, die Mediävalisierung geschieht nicht erst bei Heinrich. Vielmehr erfährt jener lange Prozess an jeder Haltestelle neue Veränderungen. Schon im Übergang von Ilias zu Aeneis erfahren die Götter einen nicht zu unterschätzenden Wandel, der durch ovidsche Einflüsse beim französischen Anonymus zusätzlich mittelalterliche
Züge erhält. Und auch Heinrich kopiert nicht nur, er redigiert und führt jene Transformation selektiv fort: Die ausführliche, stark anthropomorphisierte Götterszene des Parisurteils wird massiv verkürzt, da sie im Kontext der Heilsgeschichte vermutlich als theologisch unverträglich angesehen und nur ihre kausale Funktion für den Eneasstoff benötigt wurde. Es wird deutlich, die Regel 'Weg mit allem heidnischen!' ist auf die Eneasdichtung nicht anwendbar, sie ist komplizierter und hängt ab von sowohl der theologischen Verträglichkeit (Jupiter), als auch der narrativen Funktion (Juno) und schlussendlich des Unterhaltungs- und Symbolwerts (Vulkan). Seine Rüstung ist es, die Eneas das Leben rettet - anders als in der Ilias, in der sowohl seine Mutter, als auch Poseidon die Ehre haben - und gerade deshalb übernimmt Heinrich von Veldeke die Vulkanepisode, weil die mythologische Ausgestaltung selbst einen narrativen Nutzen bringt.
Und Venus? Sie - und mit ihr auch Cupido und Amor - nimmt eine gewisse Sonderrolle ein. »In ihren Gestalten verkörperte sich besonders eindrucksvoll die verführerische Gewalt einer Leidenschaft, mit deren Unausrottbarkeit das asketisch gerichtete Christentum von jeher im unausgesetzten Kampf, sozusagen in einem täglichen Kleinkrieg lag.«110 Erlischt die Wirkmacht der antiken Götter mit dem Ende des Polytheismus, kann die der Venus im Bereich der Minne fortbestehen. Oder, wie sich Renate Kistler ausdrückt, »Wo bei Vergil Mythos und geschichtliche Zeit des römischen Volkes sich begegnen, ist für Veldeke die Nahtstelle im Übergang von den heidnisch-antiken in die christliche Zeit, wodurch der Aeneasstoff seinen Platz in der christlichen Heilsgeschichte findet.«111 Keiner symbolisiert diesen Wandel besser als Lavinia. Gerade an dieser Figur zeigt sich - unabhängig einmal von Ovid - das einzigartige und lobenswerte am 'Roman' und der Dichtung Heinrichs.
Ein letzter Blick, ein letzter Satz zum 'Fortleben' der antiken Götter im Eneasroman des Heinrichs von Veldeke. Unabhängig von 'Gott' im Singular nehmen die Götter einen untergeordneten Platz im Mosaik des zwölften Jahrhunderts ein. Das Mittelalter hat aufgenommen was es stärkt — während Gottheiten wie Jupiter ihr Ende gefunden haben, hat in jener Renaissance des zwölften Jahrhunderts die Göttin Venus als Symbol der 'Minne' unverhofft Karriere gemacht. Aber wie heißt es so schön, unverhofft kommt oft!
LITERATURVERZEICHNIS
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TEXTBELEGE
1. ILIAS
Abb. in Leseprobe nicht enthalten
2. GEOGRAPHICA
Abb. in Leseprobe nicht enthalten
3. AENEIS
[1,5-7] multa quoque et bello passus, dum conderet urbem | inferretque deos Latio; genus unde Latinum | Albanique patres atque altae moenia Romae.
[1,26-28] exciderant animo; manet alta mente repostum | iudicium Paridis spretaeque iniuria formae | et genus invisum et rapti Ganymedis honores:
[1,230-231] aeternis regis imperiis et fulmine terres, | quid meus Aeneas in te committere tantum
[4,1-2] At regina gravi iamdudum saucia cura | vulnus alit venis et caeco carpitur igni. [4,360-361] desine meque tuis incendere teque querelis; | Italiam non sponte sequor.« [6,763-766] Silvius, Albanum nomen, tua postuma proles, | quem tibi longaevo serum Lavinia coniunx | educet silvis regem regumque parentem, | unde genus Longa nostrum domi- nabitur Alba.
[7,312-314] flectere si nequeo superos, Acheronta movebo. | non dabitur regnis, esto, prohi- bere Latinis, | atque immota manet fatis Lavinia coniunx.
[7,559-560] cede locis. ego, si qua super fortuna laborum est, | ipsa regam.» talis dederat Sa- turnia voces.
[7,620-623] tum regina deum caelo delapsa morantis | impulit ipsa manu portas, et cardine verso | Belli ferratos rumpit Saturnia postis.
[8,609-611] dona ferens aderat; natumque in valle reducta | ut procul egelido secretum flumine vidit, | talibus adfata est dictis seque obtulit ultro:
[10,1-2] Panditur interea domus omnipotentis Olympi | conciliumque vocat divum pater at- que hominum rex
[10,[15] nunc sinite et placitum laeti componite foedus.«
[10,45-47] dura, per eversae, genitor, fumantia Troiae | excidia obtestor: liceat dimittere ab armis | incolumem Ascanium, liceat superesse nepotem.
[10,63-66] acta furore gravi: »quid me alta silentia cogis | rumpere et obductum verbis vulgare dolorem? | Aenean hominum quisquam divumque subegit | bella sequi aut hostem regi se inferre Latino?
4. METAMORPHOSEN
[4,171-186] primus adulterium Veneris cum Marte putatur | hic vidisse deus; videt hic deus omnia primus. | indoluit facto Iunonigenaeque marito | furta tori furtique locum monstra- vit, at illi | et mens et quod opus fabrilis dextra tenebat | excidit: extemplo graciles ex aere catenas | retiaque et laqueos, quae lumina fallere possent, | elimat. non illud opus tenuissima vincant | stamina, non summo quae pendet aranea tigno; | utque levis tactus momentaque parva sequantur, | efficit et lecto circumdata collocat arte. | ut venere torum coniunx et adulter in unum, | arte viri vinclisque nova ratione paratis | in mediis ambo deprensi amplexibus haerent. | Lemnius extemplo valvas patefecit eburnas | inmisitque deos; illi iacuere ligati
5. ROMAN D'ENEAS
[162-177] la plus bêle femme del mont. | Vait s'en; des ofres qu'els li font | se porpensa en maint endreit, | al quel de cez treis se tendreit; | car molt coveita la richece | et molt desirra la proece, | mais molt li plot la femme plus, | que promise li ot Venus. | Les déesses ne s'atar- gierent, | mais a lor terme repairierent. | Le jugement ont demandé. | Que que Paris en ait doté, | la pome d'or dona Venus | et juja qu'ele valeit plus | que les deus altres de belté. | Puis li fu bien gueredoné, | car dame Heleine li dona:
[2316-2320] A lui trenchier mar querras fer | ne nul trenchant ki seit d'acier, | il se laira bien arachier, | se Jupiter vuelt et otreie | que tu enpreignes ceste veie.
[3025-3029] Et nuit et jor ont tant coru, | qu'en Lombardie sont venu: | ce est la terre et le païs, | que Jupiter lor a promis.
[4355-4384] Vulcans sot bien de fi senz faille | que Mars, ki ert deus de bataille, | amot sa femme et ele lui; | entrehaïrent s'en andui. | Vuleans ert maistre del mestier | et deus de feu et de forgier; | de fer fist une rei sotil, | molt en furent delgié li fil; | entor son lit l'apareilla. | Des que Mars o li se colcha | et il la tint entre ses braz, | si asenbla Vulcans ses laz, | enz en la rei les enmailla, | trestoz les deus i amena | et mostra lor tôt en apert | cele avoltire a descovert.
[4503-4507] N'est merveille s'ele esteit tels, | que ja l'aveit faite li deus | ki les foldres saveit forgier, | que Jupiter soleit lancier.
[8776-8783] Adonc leva de la fenestre | et quist tost encre et parchemin, | si a escrit tôt en Latin. | La letre dist ki ert el brief: | saluz mandot el premier chief | a Eneas son chier ami | et dist après qu'el l'amot si.
6. ENEASROMAN
[21,16-28] Do was die gottinne Juno | Enease vil gehaz | Und tet iz umbe daz | Das sie ime schaden wolde | Durch den apphel von golde | Den Paris Venus gab. | Da quam alle der nit ap | Daz Troye wart zu brochen. | Da mitte wart das gerochen, | Das saget uns Virgilius, | Des gehalf die vrowe Venus, | Das Paris Elenam nam, | Da grosz ubel von quam.
[21,30-36] Das ime die vrowe Juno was | Ungenadic und gram. | Do her auff das mer quam | Und dannen varen wolde, | Swa so her hin solde, | Sie was ime io widere | Mit star- ckeme ungewittere. | Die buch sagen unz vor war | Das sie ime wol siben jar | Uff dem mere errete | Und von dem lande verrete.
[27,25-33] Michel was ir richtum, | Sie hette grozen wistum, | Dez vorchte man sie zere. | In vrowen June ere | Stunt ein munster da | Bi irme husze genuc na. | Daz machte vrawe Dydo. | Da waz die gottynne Juno | Vil hartte geeret.
[35,37-36,5] Do der herre Eneas | In die burg komen was | Zu frowen Dydo hus, | Do schuff sine muter Venus | Und sein bruder Cupido | Daz in vrowe Dydo | So starcke mynnen began | Daz nie wip einen man | Harter mochte minnen.
[132,18-25] Des selbin tagis quam iz so, | Daz waz sin unsalicheit, | Do Ascanius birszen reit, | Alse ir da vor habit vornomen, | Do waz der herz hin uz komen | Zu andern tye- ren | Mit wilden herzen vieren | Eynes orgenes vru.
[63,18-28] Minniclichen her sie bat | Das sie in gewerte | Des sie doch selbe gerte, | Ydoch sprach sie darwidder, | Unde her leite sie dar nider, | Alzo iz vrowe Venus geriet. | Sie ne mochte sich er weren niet. | Her tet ir daz her wolde, | So daz her ire holde | Manlich unde wol behielt. | Wir wissen wol waz des ge wielt.
[157,38-158,23] Volkan ir man | Der wiste wol ane spot | Das her Mars des wiges got | Bie frawe Venus lagk. | Das hatte her machen tag | Vor swigen und vorholen. | Do hersz nicht lenger wolde dolen, | E sie esz mochte gemercken, | Eyn netze hiesz her werken | Von silber und von stale, | Des nam in michil hale. [...] Mit dem netze her beslug | Sie zwey beide. | Do lies ir Venus leide, | Wen her brachte dy gote alle dar.
[343,18-23] Ich lobes got den hochsten, | Wan her mich wol hat ge wert | Des ich lange han gegert | Umbe den edelen Troyan, | Wan nie wart nichein man | Der tugende sein gliche.
[...]
1 Wenn von 'Heinrich' die Rede ist, so ist 'Heinrich von Veldeke' gemeint.
2 Fromm 1989, S. 80-85.
3 Ettmüller 1852, S. VI.
4 Schieb 1964, S. X.
5 Klein/Minis 1985, S. 7.
6 Ettmüller 1852, S. V.
7 Ders., S. XVII. / Zum Zitat selbst: Wie dies bei guten und unterhaltsamen Geschichten zumeist der Fall ist, so können wir uns auch bei der Diebstahl-Episode nicht sicher sein, dass es sie tatsächlich gegeben hat. Ob sie mehr ist als literarische Fiktion oder etwa eine gut gewählte Mischung aus Historizität und Fiktionalität, das lässt sich leider nicht final aufklären (Vgl. Hamm/Masse 2014, S. 85-86.).
8 Die Frage nach der Sprachform, die auch als das große 'Veldeke Problem' bezeichnet wird, ist nur sehr schwer zu beantworten und soll an dieser Stelle nicht weiter erörtert werden. Es sei auf das exzellente Werk 'Zwei Studien zu Veldeke und zum Strassburger Alexander' von Klein/Minis aus dem Jahre 1985 verwiesen.
9 Ettmüller 1852, S. X.
10 Tobler 1877, S. 398-400.
11 Ettmüller 1852, S. X-XII.
12 Fromm 1989, S. 82.
13 Schieb 1964, S. X.
14 Die 'Ilias' des Homer wird im Folgenden zitiert nach der Ausgabe 2017, übersetzt und kommentiert von Kurt Steinmann.
15 Linearschrift B, Silbenschrift der mykenischen Kultur Griechenlands vom 15. bis ins 12. Jahrhundert.
16 Arnold 1861, S. 1.
17 Latacz 2001, S. 39-55.
18 Ders., S. 233.
19 Ders., S. 18.
20 Die 'Geographica' des Strabon wird im Folgenden zitiert nach der Ausgabe von 2004, herausgegeben und übersetzt von Stefan Radt.
21 Janka 2021, S. 6-8.
22 Die 'Aeneis' des Vergil wird im Folgenden zitiert nach der Ausgabe von 2017, herausgegeben von Otto Güthling, übersetzt von Johann Heinrich Voß.
23 Vgl. Od. 1,68-75.
24 Vgl. Aen. 1,4.
25 Vgl. Aen. 2/3.
26 Die Übersetzung 'Gen Italia muß ich und will' auf Grundlage des lateinischen 'Italiam non sponte sequor.' ist ungenau. Textgenauer wäre 'Italien folge ich nicht aus eigenem Willen' oder idomatischer ' Nicht aus eigenem Willen strebe ich nach Italien'. Der 'Wille', welcher Eneas hier durch Johann Heinrich Voß attestiert wird, ist nicht vorhanden.
27 Vgl. Aen. 9.
28 Vgl. Aen. 11/12.
29 Janka 2021, S. 126.
30 Ders., S. 9-11.
31 Ders., S. 12-15.
32 Kühn 1971, S. 168.
33 Kasten 1993, S. 78.
34 Im folgenden 'Roman' genannt.
35 Kern 1996, S. 110.
36 Fromm 1989, S. 88.
37 Kern 1996, S. 109-111.
38 Fromm 1989, S. 87.
39 Renou 1958, S. 36-40.
40 Faral 1913, S. VII (eigene Übersetzung).
41 Kern 1996, S. 133.
42 Traube 1911, S. 8.
43 Holzberg 2024, S. 9-28.
44 Kistler 1993, S. 8-12.
45 Ders., S. 32.
46 Vgl. Brandt 1969, S. 8-11.
47 Kistler 1993, S. 36.
48 Der 'Roman d'Eneas' wird im Folgenden zitiert nach der Ausgabe von 1891, herausgegeben von Jacques Salverda par de Grave (eigene Übersetzung).
49 Der 'Eneasroman' wird im Folgenden zitiert nach der Ausgabe von 1964, herausgegeben von Gabriele Schieb u. Theodor Frings.
50 Die 'Metamorphosen' des Ovid werden im Folgenden zitiert nach der Ausgabe von 1798, übersetzt von Johann Heinrich Voß.
51 Vgl. Aen. 12,64-69.
52 Ein Werk des Ovid, dass sich mit den drei wichtigsten Fragen des Lebens beschäftigt: (1) Wo kann ein Mann in Rom ein Mädchen kennenlernen? (2) Wie kann ein Mann ihre Liebe gewinnen? (3) Wie kann ein Mann sich seine Geliebte erhalten?
53 Vgl. Kistler 1993, S. 113.
54 Kistler 1993, S. 114.
55 Ders., S. 94.
56 Ders., S. 96.
57 Leggewie 1961, S. 223-229.
58 Logan 2005, S.15-25.
59 Gladigow 1983, S. 294-295.
60 Ders., S. 296-301.
61 Ehlers 1977, S. 30-36.
62 Kühn 1971, S. 169.
63 Ders., S. 175.
64 'Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen', adaptiert von Ovids 'Fasti'.
65 Logan 2005, S. 19.
66 Angenendt 2000, S. 108.
67 Dodds 1985, S. 90-91.
68 Angenendt 2000, S. 108.
69 'yvwaii', zu dt. Erkenntnis.
70 Dodds 1985, S. 93-95.
71 Wehrli 1982, S. 24.
72 Bartninkas 2023, S. 226-237.
73 Bultrighini 2021, S. 10-79.
74 Kasten 1993, S. 78.
75 Jensen 2004, S. 63.
76 Haskins 1971, S. 94-96.
77 Hamm 2001, S. 241.
78 Bezold 1962, S. 6.
79 Ders., S. 6.
80 Der Anonymus verwendet die Verben 's’atargier' (sich aufhalten, verweilen, zögern), 'repairier' (zurückkehren, wiederkommen), 'demander' (fordern, verlangen, erbitten).
81 Kistler 1993, S. 87.
82 Vgl. Aen. 1,34-156.
83 Vgl. RdE. 183-210.
84 Vgl. En. 22,4-23,3.
85 Schieb 1970, S. 315 / Vgl. auch Henning 2014, S. 225, s.v. 'munster'.
86 Vgl. Aen. 7,341-539.
87 Vgl. RdE. 769-779.
88 Der Anonymus verwendet das Verb 'doner' (geben, verleihen), Heinrich schließt sich ihm mit 'geben' an.
89 Vgl. Aen. 1,229-772.
90 Quast 2008, S. 71-72.
91 Ders., S. 71-72.
92 Angenendt 2000, S. 280-284.
93 Vgl. RdE. 1518-1530.
94 Vgl. Aen. 4,100-127.
95 Quast 2008, S. 70-71.
96 Vgl. En. 159,17-162,38.
97 Faral 1913, S. 307-311 (eigene Übersetzung).
98 Christ 2015, S. 112-113.
99 Ders., S. 107-115, Vgl. auch En. 159-163.
100 Ders., S. 118-120, Vgl. auch En. 313-314.
101 Quast 2008, S. 74-76.
102 Ders., S. 77-78.
103 Dittrich 1960/61, S. 86.
104 Schlechtweg-Jahn 2019, S. 208.
105 Ders., S. 209.
106 Braun 2016, S. 191.
107 Gerok-Reiter 2021, S. 285-286.
108 Braun 2016, S. 191.
109 Hamm 2001, S. 240.
110 Bezold 1962, S. 60.
111 Kistler 1993, S. 39.
112 Brandt 1969, S. 7.
113 Dittrich 1966, S. 38-41.
114 Hultgärd 2003, S. 102-108.
115 Bezold 1962, S. 1.
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- Lukas Kaiser (Author), 2026, Das Fortleben der heidnischen Götter in der mittelalterlichen Eneasdichtung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1766156