Grin logo
de en es fr
Shop
GRIN Website
Publish your texts - enjoy our full service for authors
Go to shop › Communications - Movies and Television

Entmenschlichung an der EU-Außengrenze

Ästhetik, Ethik und Ökologie im Film "Green Border" von Agnieszka Holland

Title: Entmenschlichung an der EU-Außengrenze

Master's Thesis , 2026 , 96 Pages , Grade: 1,8

Autor:in: Xandra Fritz (Author)

Communications - Movies and Television
Excerpt & Details   Look inside the ebook
Summary Excerpt Details

Was kann ein Film leisten, wenn an einer europäischen Außengrenze Menschenrechte, staatliche Gewalt und politische Verantwortung aufeinanderprallen?

Agnieszka Hollands Film "Green Border" (Zielona granica, 2023) erzählt von der humanitären Krise an der polnisch-belarussischen Grenze im Jahr 2021. Die vorliegende Masterarbeit untersucht den Film als ästhetische Intervention in eine europäische Debatte über Migration, Grenzpolitik und Menschenrechte.

Im Zentrum steht die Frage, mit welchen filmischen Mitteln Green Border Aufmerksamkeit, Empathie und Urteilskraft organisiert. Eine szenenbezogene Analyse untersucht Erzählstruktur, Perspektivwechsel, Bildgestaltung, Montage, Ton und Rhythmus und fragt danach, wie der Film unterschiedliche Positionen – Geflüchtete, Helfende, Grenzschützer und andere Beteiligte – sichtbar macht.

Darüber hinaus wird der Film in den politischen Kontext der Pushbacks an der EU-Außengrenze und der Grenzsituation zwischen Polen und Belarus eingeordnet. Die Arbeit verbindet dabei filmwissenschaftliche Ansätze mit politikwissenschaftlicher Bildtheorie und einer Betrachtung der polnischen Tradition engagierter Kunst.

Eine besondere Bedeutung kommt dem Białowieża-Wald zu. Er erscheint nicht lediglich als Schauplatz, sondern als Erfahrungs- und Konfliktraum, in dem sich humanitäre Verletzbarkeit, Grenzinfrastruktur und ökologische Fragen miteinander verbinden. Damit eröffnet der Film eine Perspektive, die die politische Grenzfrage mit der Frage nach dem Verhältnis von Mensch, Natur und europäischer Verantwortung verknüpft.

Abschließend betrachtet die Arbeit die Rezeption von Green Border in Polen und Deutschland sowie die politischen Debatten und Gegenkampagnen, die den Film begleiteten.

Die Arbeit zeigt, wie filmische Gestaltung politische Wahrnehmung verändern kann – und wie Green Border durch seine Verbindung von Ästhetik, Ethik und Ökologie zu einer kritischen Selbstprüfung Europas auffordert.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Außengrenze als Ort der Entmenschlichung

2.1 Recht, Gewalt und Praxis der Zurückweisungen

2.2 Politischer Kontext an der Grenze Polen–Belarus im Jahr 2021

2.3 Die Grenze im europäischen Selbstverständnis zwischen Anspruch und Realität

2.4 Zwischenfazit

3. Der Film als künstlerische Intervention

3.1 Erzählstruktur und Perspektivenwechsel

3.2 Bildsprache, Montage, Ton und Rhythmus

3.3 Figurenkonstellationen und ethische Dimension der Darstellung

3.4 Nähe zum Dokumentarischen und ihre Wirkung auf Empathie und Urteil

3.5 Zwischenfazit

4. Polnische Tradition engagierter Kunst

4.1 Linien von Theater und Film, von Wajda bis zur Gegenwart

4.2 Motive von Macht, Gewalt, Erinnerung und Verantwortung

4.3 Re-Politisierung seit 2015 und zivilgesellschaftliche Impulse

4.4 Verortung von Green Border in der Tradition engagierter Kunst

5. Ökologie und Raum: Białowieża

5.1 Bedeutung des Waldes für Naturgeschichte und Gegenwart

5.2 Landschaft als Archiv menschlicher Krise

5.3 Zaun, Überwachung, Infrastruktur und Folgen für das Ökosystem

5.4 Verbindung von Naturverlust und humanitärem Leid

6. Rezeption und Wirkung

6.1 Debatten und Auszeichnungen im europäischen Kontext

6.2 Politische Gegenkampagnen und Versuche der Delegitimierung

6.3 Vergleichende Rezeption in Polen und Deutschland

6.4 Rolle von Feuilleton, Aktivismus und Wissenschaft

7. Diskussion

7.1 Rückbindung an die Leitfragen und Ergebnisse

7.1.1 Leitfrage 1: Filmische Organisation von Empathie und Verantwortung

7.1.2 Leitfrage 2: Rahmung des Grenzraums zwischen Recht, Verwaltung und Erfahrung

7.1.3 Leitfrage 3: Die Rolle des Białowieża-Waldes als Konfliktraum von Ökologie und Humanität

7.2 Beitrag der Arbeit zu Forschung und öffentlicher Debatte

7.3 Ausblick auf weiterführende Forschung

8. Schlussbemerkung

Zielsetzung und thematische Schwerpunkte

Die vorliegende Arbeit untersucht Agnieszka Hollands Spielfilm „Green Border“ (Zielona granica) als vielschichtige ästhetische, ethische und politische Intervention im Kontext der humanitären Krise an der polnisch-belarussischen Grenze ab dem Jahr 2021. Im Zentrum steht die Leitfrage, wie der Film durch spezifische narrative und filmische Verfahren Empathie organisiert, den Grenzraum zwischen Rechtsnorm, bürokratischer Praxis und physischer Gewalterfahrung rahmt sowie den Białowieża-Urwald als materiellen Schnittpunkt ökologischer Destabilisierung und menschlichen Leids inszeniert.

  • Analyse der administrativen und völkerrechtlichen Praktiken von Pushbacks sowie der Mechanismen visueller Entmenschlichung im europäischen Grenzregime.
  • Untersuchung der filmischen Formsprache hinsichtlich Schwarz-Weiß-Ästhetik, Kadrage, Montage, Tonregie und multiperspektivischer Figurenkonstellationen.
  • Historische Einbettung des Werks in die Tradition der engagierten polnischen Kunst, insbesondere des „Kinos der moralischen Unruhe“ und des kritischen Theaters.
  • Thematisierung des Białowieża-Waldes als politisierter Naturraum, historisches Archiv und durch Grenzsicherungsanlagen geschädigtes Ökosystem.
  • Rekonstruktion der Rezeptionsdynamiken zwischen europäischer Anerkennung, nationalkonservativen Delegitimierungskampagnen und transnationalen Öffentlichkeiten.

Auszug aus dem Buch

3.2 Bildsprache, Montage, Ton und Rhythmus

Formale Entscheidungen weisen eine Bedeutung auf und lenken die Wahrnehmung schrittweise. Die Analyse setzt deshalb bei Kadergrößen, Schnittfolgen und Klangflächen an und verknüpft entsprechende Beobachtungen mit Kategorien der Empathie- und Sympathielenkung, die auf Bindung, Distanz und Umwertung zielen (vgl. Plantinga 2009, S. 90–96). Terminologische Orientierungspunkte hält eine aktuelle Studie bereit, die Off-Räume, Rollenstaffelung und Blickwechsel für den Film Green Border systematisiert und damit ersichtlich macht, an welchen Stellen Detailarbeit ansetzen kann (vgl. Yakalı & Erdoğan 2024, S. 256–260).

Zunächst sei auf die Bildsprache eingegangen. So holen Nahaufnahmen Atem, Haut und Stofflichkeit in den Wahrnehmungsraum und binden die Aufmerksamkeit an Mikroregungen, wohingegen Halbtotalen und Totalen Körper im Gelände verorten und Apparate, Schneisen und Kontrollpunkte sichtbar machen. Der Wechsel erzeugt Pendelbewegungen zwischen Subjekt- und Apparateblick, die später für die ethische Lektüre entscheidend sind (vgl. Yakalı & Erdoğan 2024, S. 256–260). Bildpolitische Forschung weist darauf hin, dass distanzierte, kontextarme Einstellungen Typisierungen begünstigen. Gegenläufige Strategien arbeiten mit Gesichtern, mit Stimmen im Bild und mit Blickachsen, die Anonymisierung aufbrechen (vgl. Bleiker et al. 2013, S. 400–404).

Die Montage ordnet Erfahrung in Ketten. Harte Anschlüsse zwischen Waldweg, Kontrollpunkt und Fahrzeug erzeugen Reibungen, an denen moralische Aufmerksamkeit hängen bleibt. Ellipsen setzen Informationslücken, die Erwartung und Ungewissheit steigern, allerdings den Erzählfluss nicht zerreißen (vgl. Yakalı & Erdoğan 2024, S. 260–264). Für die Zuschauerhaltung ist die Reihenfolge der Enthüllungen maßgeblich, denn sie verschiebt die Gewichte zwischen Nähe und Zurücknahme und lässt Sympathie aus der Anordnung von Wissen, Zweifel und Offenlassung erwachsen (vgl. Plantinga 2009, S. 96–101).

Rhythmus und Dauer lassen sich als die heimliche Dramaturgie einordnen. Längere Einstellungen halten Körper und Blick im Raum fest, sodass Kälte, Müdigkeit und Anspannung Zeit erhalten, in die Wahrnehmung einzusickern. Dicht getaktete Folgen treiben Entscheidungen voran und lassen Orientierung brüchig werden, wodurch der Grenzraum als ein Kontinuum von Eingriffen erfahrbar wird (vgl. Plantinga 2009, S. 101–106).

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Das Kapitel führt in die Problemstellung ein, skizziert den Ausgangskonflikt an der Grenze Belarus–Polen ab 2021 und formuliert die drei leitenden Forschungsfragen zu filmischer Empathie, Grenzraumkonzeption und Ökologie.

2. Die Außengrenze als Ort der Entmenschlichung: Behandelt die rechtlichen und institutionellen Grundlagen der Pushback-Praxis, die Ausrufung des Ausnahmezustands sowie Theorien visueller Entmenschlichung und administrativer Gewalt.

3. Der Film als künstlerische Intervention: Analysiert detailliert die filmischen Mittel von „Green Border“, darunter multiperspektivische Erzählstrukturen, Bildsprache, Schnitt- und Tonregie sowie dokumentarische Authentizitätsstrategien.

4. Polnische Tradition engagierter Kunst: Verortet das Werk historisch in den Traditionslinien des polnischen Kinos und Theaters, verknüpft es mit dem „Kino der moralischen Unruhe“ und beleuchtet die kulturpolitische Re-Politisierung seit 2015.

5. Ökologie und Raum: Białowieża: Untersucht die Rolle des Urwalds als bedrohtes Ökosystem, Konfliktraum und materielles Archiv menschlicher Krisen, das durch Grenzmilitarisierung und Zaunbau massiv beeinträchtigt wird.

6. Rezeption und Wirkung: Rekonstruiert die polarisierten Reaktionen auf den Film, von internationalen Festivalerfolgen in Venedig über regierungsamtliche Delegitimierungs- und Diffamierungskampagnen in Polen bis hin zu Diskursen im deutschsprachigen Raum.

7. Diskussion: Führt die Analyseergebnisse entlang der drei Leitfragen thesenhaft zusammen, reflektiert den methodischen Ertrag der Verbindung von Filmtheorie und Politikwissenschaft und formuliert Desiderate für zukünftige Forschungen.

8. Schlussbemerkung: Bündelt die Kernüberlegungen zu einem abschließenden Fazit über die europäische Verantwortung an den Außengrenzen und die ethische Forderung an die Urteilskraft des Publikums.

Schlüsselwörter

Green Border, Agnieszka Holland, EU-Außengrenze, Pushbacks, Empathieorganisation, Kino der moralischen Unruhe, Białowieża-Urwald, Grenzregime, Entmenschlichung, Bildpolitik, Flucht und Migration, Zivilgesellschaft

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit befasst sich mit Agnieszka Hollands Film „Green Border“ und untersucht, wie dieses filmische Werk die humanitäre Krise an der polnisch-belarussischen Grenze im Jahr 2021 ästhetisch verdichtet, ethisch verhandelt und politisch reflektiert.

Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?

Zu den thematischen Hauptfeldern zählen filmwissenschaftliche Analysen formaler Mittel, politologische Betrachtungen des europäischen Grenzregimes, kulturhistorische Traditionslinien engagierter Kunst in Polen sowie ökologische Studien zum Białowieża-Urwald.

Was ist das primäre Ziel beziehungsweise die leitende Forschungsfrage?

Das Hauptziel besteht darin aufzuzeigen, wie „Green Border“ als künstlerische Intervention fungiert, indem er Empathie und moralische Verantwortung organisiert, den Grenzraum zwischen Rechtsanspruch und Gewaltpraxis darstellt und die Schnittstelle zwischen Naturzerstörung und humanitärem Leid sichtbar macht.

Welche wissenschaftliche Methodik wird in der Untersuchung angewandt?

Es wird eine interdisziplinäre Methode verwendet, die eine szenerische, timecodebasierte Filmanalyse formaler Elemente (Kadrage, Ton, Montage) mit filmtheoretischen Empathiekonzepten und politikwissenschaftlicher Bild- und Diskursanalyse verbindet.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die genaue formale Analyse der filmischen Gestaltungsmittel, die historische Verortung in der polnischen Film- und Theatergeschichte, die ökologische Erforschung des Schauplatzes Białowieża sowie die Analyse der Rezeptionskonflikte in Polen und Europa.

Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Studie?

Prägende Begriffe sind unter anderem affective design, Dehumanisierung, Moralischer Aufschub, Pushback-Praxis, slow violence, Grenzzaun-Infrastruktur sowie das Kino der moralischen Unruhe.

Welche Rolle spielt der Białowieża-Wald in der Untersuchung?

Der Białowieża-Wald wird nicht nur als bloße Kulisse verstanden, sondern als eigenständiger Akteur und materielles Archiv analysiert, in dem sich historische Gewalt, forstwirtschaftliche Nutzungskonflikte, der Bau von Grenzsperren und akutes humanitäres Leiden unauflösbar überlagern.

Warum rief der Film in Polen scharfe politische Gegenreaktionen hervor?

Konservative und regierungsnahe Kreise der damaligen PiS-Regierung deuteten die kritische Darstellung des Grenzschutzes vor dem Kinostart als Angriff auf die Ehre polnischer Uniformierter und versuchten, den Film im Kontext des laufenden Wahlkampfs 2023 parteipolitisch zu delegitimieren.

Wie unterscheidet sich die Rezeption des Films in Polen von der in Deutschland?

Während die polnische Debatte stark von Identitäts- und Loyalitätsfragen sowie juristischen und politischen Angriffen auf die Regisseurin geprägt war, konzentrierte sich die deutsche Rezeption eher auf die institutionelle Mitverantwortung der EU und verhandelte die Inszenierung als Prüfstein europäischer Rechts- und Humanitätsstandards.

Excerpt out of 96 pages  - scroll top

Details

Title
Entmenschlichung an der EU-Außengrenze
Subtitle
Ästhetik, Ethik und Ökologie im Film "Green Border" von Agnieszka Holland
College
Christian-Albrechts-University of Kiel  (Institut für Slavistik)
Grade
1,8
Author
Xandra Fritz (Author)
Publication Year
2026
Pages
96
Catalog Number
V1766160
ISBN (PDF)
9783389205020
ISBN (Book)
9783389205037
Language
German
Tags
Green Border Agnieszka Holland Entmenschlichung EU-Außengrenze Filmanalyse Pushbacks Polen-Belarus-Grenze Migration Menschenrechte Flucht und Migration Grenze europäisches Selbstverständnis Ästhetik Ethik Ökologie Europa
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Xandra Fritz (Author), 2026, Entmenschlichung an der EU-Außengrenze, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1766160
Look inside the ebook
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
Excerpt from  96  pages
Grin logo
  • Grin.com
  • Shipping
  • Contact
  • Privacy
  • Terms
  • Imprint
  • Withdraw Contract