Thomas Manns Novelle "Tristan" - Die Namensgebung sowie die Auseinandersetzung zwischen Schriftsteller Spinell und Großkaufmann Klöterjahn


Seminararbeit, 1995
19 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Vorbemerkungen

II. Die Namensgebung
1. Tristan
2. Sanatorium Einfried
3. Großkaufmann Anton Klöterjahn
4. Schriftsteller Detlev Spinell
5. Herrn Klöterjahns Gattin Gabriele Klöterjahn geb. Eckhof
6. Magistratsrätin Spatz
7. Pastorin Höhlenrauch
8. Doktor Leander
9. Fräulein von Osterloh
10. Doktor Müller
11. Doktor Hinzpeter

III. Die Auseinandersetzung zwischen Spinell und Klöterjahn
1. Der Brief
2. Der Streit

IV. Schlußbemerkungen

Literaturverzeichnis

I. Vorbemerkungen

Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, Ist dem Tode schon anheimgegeben, Wird für keinen Dienst auf Erden taugen,

Und doch wird er vor dem Tode beben, Wer die Schönheit angeschaut mit Augen! August von Platen (Tristan, 1.Stophe)

Gegenstand dieser Arbeit ist die 1903 erstmals veröffentlichte Novelle Thomas Manns Tristan.

In einem ersten Teil gehe ich auf die Namen der Personen ein, so daß deutlich wird, daß Mann bereits durch die Wahl dieser Namen den literarischen Figuren charakterliche Eigen-schaften und Merkmale zugeschrieben bzw. nahegelegt hat.

Darüber hinaus beschäftigt sich diese Abhandlung mit der Auseinandersetzung zwischen dem Schriftsteller Detlev Spinell und dem Großkaufmann Anton Klöterjahn. Kernstück des Aufeinandertreffens ist ein Streit, der durch einen von Spinell verfaßten und an Klöterjahn adressierten Brief ausgelöst wird.

Die Analyse der Konfrontation wird die unterschiedlichen Charaktere, die gegensätzlicher kaum sein könnten, deutlich herausstellen.

Dabei spielen vor allem die unterschiedlichen Einstellungen zum Leben - aber auch die Behauptung im Leben - eine wesentliche Rolle.

II. Die Namensgebung

Wie so häufig bei Thomas Mann, so verwendet er auch in Tristan sogenannte "sprechende Namen". Dieses stilistische Mittel findet sich in vielen seiner Werke (z.B. Der kleine Herr Friedemann in der gleichnamigen Erzählung, Albrecht van der Qualen in "Der Kleider-schrank" oder Lobgott Piepsam in "Der Weg zum Friedhof"). Erstaunlich erscheint in Tristan jedoch, daß jede Person in diesem Stück mit einem Namen bedacht ist, der mehr zu sein scheint als eine bloße Anredebezeichnung.

Ausgehend von ihren Namen werde ich zusätzlich eine grobe Charakterisierung der Personen vornehmen.

1. Tristan

Der Name der Novelle Tristan ist an die Wagner-Oper Tristan und Isolde angelegt. Diese Oper ist für die Novelle insoweit von Bedeutung, als Gabriele Klöterjahn geb. Eckhof Stellen daraus - in denen sich gerade Sehnsuchts-, Liebes- und Todesmotiv vermischen1 - auf dem Klavier spielt2, was letztendlich - aufgrund der körperlichen Anstrengung - ihren Tod be-schleunigt.

Dieses Klavierspiel repräsentiert darüber hinaus die Kunst (wenn auch nur die nachahmende Kunst), zu der sich Gabriele Klöterjahn - durch Spinell dahingehend verführt - hinwendet.

Zu alledem ist Tristan der Versuch, Wagnersche Musik mit Worten zu vergegenwärtigen3, und Mann selbst schreibt in einem Brief an Friedrich H. Weber:

Es war die Zeit der Maienblüte meiner Begeisterung für das "Opus metaphysicum", [...]. Aber Musikbeschreibung war immer meine Schw ä che (und St ä rke?). 4

2. Sanatorium Einfried

Einfried als Sanatoriumsbezeichnung eröffnet mehrere Assoziationsmöglichkeiten.

Da ist zunächst der Name als solcher, der stark an die Villa Wahnfried Richard Wagners in Bayreuth erinnert.5

Darüber hinaus suggeriert das Wort "Einfried" aber auch Ruhe und eine abgeschiedene Lage, die für einen Sanatoriumsaufenthalt nützlich sein sollten. Davon abgesehen liegt zusätzlich der Gedanke an eine Einfriedung, einen Zaun und an ein Eingeschlossensein nahe, wodurch die zunächst positive Konnotation eine Umkehrung ins Negative erfährt.

Überhaupt ist der Betrieb in diesem Sanatorium mehr als fragwürdig.

Wie kann es einer sichtlich körperlich geschwächten Patientin möglich sein, stundenlang Klavier zu spielen (Chopins Nocturnes, Passagen aus Tristan und Isolde), ohne vom Personal bemerkt bzw. daran gehindert zu werden?1

Von dem Schutz, den eine Einfriedung gewähren kann (hier: Schutz der Patientin), kann nun wahrlich nicht die Rede sein.

Man muß davon ausgehen, daß Thomas Mann sich der Ambiguität bewußt war und er den Namen gerade deshalb so gewählt hat.

3. Großkaufmann Anton Klöterjahn

Der Name Klöterjahn mutet auf den ersten Blick etwas ungewöhnlich an und hat durchaus - wie Spinell sagt - etwas Ordinäres.2

Lang deutet den Namen dahingehend, daß er ihn mit Kloßjohann übersetzt, um den großen Appetit und die erschütternde Gewöhnlichkeit Klöterjahns anzusprechen.3 Naheliegender erscheint mir jedoch die Übersetzung aus dem Nieder- bzw. Norddeutschen, in dem das Wort "Klöten" schlicht und ergreifend "Hoden" bedeutet. Von Hodenmann läßt sich eine Verbindung zu dem Thema der Novelle - das Scheitern des Künstlers am Leben - ziehen, da Klöterjahn somit zu einer Allegorie des Lebens wird.4

Im Gegensatz zum anorganisch-sterilen Wesen des Künstlertums Spinells repräsentiert Klöterjahn (ebenso wie sein Sohn, der als eine "Fortsetzung" seines Vaters gesehen werden muß) das sinnlich-vitale Leben.5

Verstärkt wird die Überlegenheit Klöterjahns zusätzlich dadurch, daß er nicht einfach ein Kaufmann ist, sondern Thomas Mann ihn zu einem Großkaufmann macht. Er ist das unbewußt Menschliche, wobei unbewußt im Sinne von nicht vergeistigt, nicht rational vergegenwärtigt verstanden werden muß.

Das Gewöhnliche, das Profane seiner Art wird in der folgenden Darstellung sehr deutlich:

Er redete laut, salopp und gutgelaunt, wie ein Mann dessen Verdauung sich in so guter Ordnung befindet, wie seine Börse, mit weit ausladenden Lippenbewegungen, in der breiten und dennoch rapiden Art der Küstenbewohner vom Norden. Manche Worte schleuderte er hervor, daßjeder Laut einer kleinen Entladung glich, und lachte darüber wieüber einen gelungenen Spaß. 1

Desweiteren zeichnet er sich durch einen ausgereiften Pragmatismus aus, der ihn zunächst immer nach der Notwendigkeit einer Sache - gerade wenn finanzielle Aspekte berücksichtigt werden müssen - fragen läßt. Zum Beispiel zeigt er wenig Verständnis dafür, daß er ins Sanatorium zurückgerufen wird, da seine Frau doch "nur" an der Luftröhre krankt, was ja mit einem "echten" Lungenleiden gar nicht zu vergleichen ist und deshalb von Klöterjahn bagatellisiert wird.2

4. Schriftsteller Detlev Spinell

Auffallend ist, daß der Schriftsteller als letzter der angeführten Personen namentlich erwähnt wird. Der Erzähler gibt zunächst vor, dessen Namen nicht zu kennen:

Sogar ein Schriftsteller ist da, ein exzentrischer Mensch, der den Namen irgendeines Minerals oder Edelsteines führt und hier dem Herrgott die Tage stiehlt ... 3

Allein dieser Satz verdeutlich bereits die Ironie, mit der Thomas Mann diesen Charakter bedeckt.

Zu Beginn des 4.Kapitels erfährt der Leser dann den Namen des Schriftstellers: Spinell. Spinell ist ein Mineral, das farbige Kristalle bilden kann (aber eben nicht zwingend bilden muß) und dementsprechend unterschiedlichen Wert annimmt.4

Bedeutsam an der Wahl dieses Namens erscheint, daß gerade ein anorganischer, steriler Gegenstand gewählt wurde, der eindeutig im Kontrast zum organisch-vitalen Namen Klöterjahn steht und den Dualismus der beiden Charaktere bereits auf dieser Ebene ausdrückt.

Desweiteren ist die unterschiedliche Wertigkeit, die der Edelstein annehmen kann, von Wichtigkeit, denn bei Spinell stellt sich im Laufe der Erzählung die Frage, ob er als Künstler ein "Edelstein" ist oder doch nur ein unproduktiver Schriftsteller, ein esoterischer Stilkunst-Poet, der dem leeren Ästhetizismus frönt5 (wobei letzteres bejaht werden muß).

[...]


1 vgl. Gregor-Dellin (1962) S.25

2 vgl. Mann (1995) S.237ff

3 vgl. Vaget (1990) S.559

4 Wysling (1975) S.173

5 vgl. Dittmann (1971) S.5

1 vgl. Lang (1967) S.99

2 vgl. Mann S.247

3 vgl. Lang S.96

4 vgl. Kurzke (1991) S.107

5 vgl. Dittmann S.9

1 Mann S.216

2 vgl. ebd. S.243

3 ebd. S.211 (Hervorhebung MM)

4 vgl. Dittmann S.13

5 vgl. Hermand (1964) S.440f

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Thomas Manns Novelle "Tristan" - Die Namensgebung sowie die Auseinandersetzung zwischen Schriftsteller Spinell und Großkaufmann Klöterjahn
Autor
Jahr
1995
Seiten
19
Katalognummer
V176690
ISBN (eBook)
9783640980833
ISBN (Buch)
9783640981083
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas Mann, Erzählung, Tristan, Namensgebung, Etymologie, Tonio Kröger, Frühe Erzählungen, Novelle
Arbeit zitieren
Manfred Müller (Autor), 1995, Thomas Manns Novelle "Tristan" - Die Namensgebung sowie die Auseinandersetzung zwischen Schriftsteller Spinell und Großkaufmann Klöterjahn, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176690

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