Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung" - Eine kritische Untersuchung -Teil III


Wissenschaftliche Studie, 2011
13 Seiten

Leseprobe

Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung"

Eine kritische Untersuchung: Teil III

Die Schriftstellerin (113 -124)

Mit diesem Text wird ein Kapitel aufgeschlagen, das bis in die Biografie der Autorin hineinreicht. Das Geschehen verlagert sich daher in einen Bereich, der zunehmend autobiografische Anteile umfasst. Dies geschieht jedoch sehr verhalten und ohne Namensnennungen. Die Großmutter der Autorin wird lediglich als "Schriftstellerin" bezeichnet, und die Autorin spricht von sich selbst als "Enkelin". Die Figuren erhalten weiche Konturen und werden auf einige markante Merkmale reduziert, so dass sie nicht scharf und plastisch abgebildet werden. Das Geschehen scheint sich hinter einem halbdurchsichtigen Vorhang abzuspielen, der hin und wieder Einblicke in ausgewählte Bereiche der Familiengeschichte gewährt und anderes eher verhüllt, so dass der Leser aufgefordert ist, seine Eindrücke zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen, das letztlich aber nur ausschnitthaft bleibt. Daher werden hier einige Hintergrundinformationen zu den wichtigsten Gestalten eingefügt, die vielleicht zur Erhellung beitragen können.

Jenny Erpenbecks Großmutter, die "Schriftstellerin" Hedda Zinner, wird am 20.05.1905 in Lemberg (Ukraine) geboren. Wegen ihrer jüdischen Mutter und ihrer "kupferroten Haare" (119) wird sie in ihrer Kindheit von ihren Mitschülern gehänselt.

1928 heiratet sie den deutschen Schriftsteller und Publizisten Fritz Erpenbeck, der seit 1927 Mitglied der KPD ist. Ab 1929 lebt sie in Berlin, wird ebenfalls KPD-Mitglied und schreibt Gedichte. 1933 emigriert sie zunächst nach Wien, dann nach Prag und schließlich, 1935, in die Sowjetunion. Dort arbeitet sie als Hörspielautorin für den Moskauer Rundfunk.

Am 29.04.1942 wird ihr Sohn John, der zukünftige Vater Jenny Erpenbecks, in Ufa, Baschkirien, geboren. Die Familie bleibt bis zum Ende des Zeiten Weltkriegs in der Sowjetunion und kehrt 1945 nach Berlin zurück, wo sie im östlichen Teil der Stadt lebt. Hedda Erpenbeck-Zinner arbeitet als Schriftstellerin und beim Rundfunk bis zu ihrem Tode am 04.07 1994 in Berlin

Das Kapitel beginnt zu einem Zeitpunkt Anfang der Siebziger Jahre, als die Familie (Großeltern Hedda und Fritz, Sohn John und dessen Frau sowie deren Tochter Jenny) sich auf dem Seegrundstück mit Haus und angrenzendem Badehaus befinden, das inzwischen "Volkseigentum" (113) geworden ist und von den Großeltern vor zwanzig Jahren "gepachtet" (113) wurde. Die "Schriftstellerin" (Großmutter) schreibt gerade einen Brief an einen "Gemeindebeamten" (113), in dem es darum geht, einem benachbarten Arzt zu ermöglichen, das Badehaus zu versetzen und ihm einen Zugang zum See zu gewähren. (Das Kapitel schließt mit dem Antwortschreiben der Gemeindeverwaltung, in welchem dem Arzt die Zusage erteilt wird mit der Ergänzung, sie könne das Haus käuflich erwerben, aber nicht das Grundstück, auf dem es steht.)

Diese Eingangsszene illustriert anschaulich, wie sich die politischen Verhältnisse inzwischen

gewandelt haben und wie man sich als Pächter mit den Behörden der DDR arrangieren muss, wenn man private Interessen durchsetzen will. Die Reaktion der "Schriftstellerin" (sie empfindet "Wut" und "Erschöpfung", 113) zeigt deutlich, wie schwer es ihr als überzeugter

Kommunistin fällt, sich mit dem "neuerfundenen Frieden" und dem, "was sich da breitmacht" in den "höheren Stellen", abzufinden. (113) Auf diesem Hintergrund entfaltet sich das private Idyll einer Familie, wie man es schon aus früheren Schilderungen kennt: "Unten in der Küche klirrt die Köchin mit dem Geschirr [man kocht nicht selbst, sondern lässt kochen!], der Gärtner sitzt auf der Schwelle zu seinem Zimmer und raucht Zigarre, auf der großen Wiese bespritzen sich ihre Enkelin [Jenny Erpenbeck] und der Nachbarjunge mit Wasser, die Schwiegertochter geht gerade zum See hinunter, um sich zu sonnen, ... der Sohn mäht den Rasen, und unten vor der Werkstatt streicht ihr Mann die Anglerhocker ..." (113 - 114)

Es ist das Bild einer scheinbar harmonischen Familienszene, das sich dem Betrachter darbietet, losgelöst und abgehoben von Alltagssorgen und Sich-Herumplagen-Müssen mit Behördenkram. Die Erzählung lässt Raum für sentimental angehauchte nostalgische Erinnerungen, wenn das Schriftstellerehepaar zum Wald hinaufwandert, wo "vor Jahren ihr Sohn mit dem Taschenmesser die Initialen der Eltern" in eine Bank geschnitzt hat, von der aus gesehen, über den sanft abfallenden Hügel blickend, "die weite Fläche des Sees wie aus Blei" erscheint und man erkennt, "wie der Wind das Kornfeld bewegt". (117) Von diesen und anderen Ruhepunkten aus schweifen die Gedanken zurück in turbulentere Zeiten ihres Lebens, die sie dankbar hinter sich gelassen haben. Bald darauf ruft der Gong (von Enkelin Jenny geschlagen) sie zum Essen. Durch die "farbig verglasten Fenster" fällt "Halbschatten statt Licht auf die lange Tafel" (121), und man findet sich zum Mittagessen ein, zu dem auch die Köchin und der Gärtner eingeladen sind.

Vor dem inneren Auge des Lesers entfaltet sich die Szene eines gemütlichen Beisammenseins in froher Runde mit Essen und Trinken und entspannter Unterhaltung, die ein wenig an das Krebse-Essen mit dem Architekten und seiner Frau erinnert. (vgl. 68) Es geht um nichts Besonderes, sondern um ganz und gar Alltägliches und Banales und um das, was man eben so sagt in gemütlicher Runde. Gesprächspartikel, Redewendungen, Floskeln reihen sich aneinander und werden zusammenmontiert, ergeben aber keinen erkennbaren Sinn. Es entsteht eine Atmosphäre, in dem das Belanglose, aber Vertraute, im Gegenständlichen und in den Dialogen gespiegelt wird: " ... die Besucherin schweigt, der Gärtner schweigt, die Köchin serviert den Hauptgang, sie selbst ergänzt, die Schwiegertochter fragt nach, der Sohn sagt: Das halte ich nicht für möglich, ihr Mann sagt: Aber ja ..." (122) usw. Die Dialoge erinnern ein wenig an die Szene eines absurden Theaterstückes, in dem die Worte sinnentleert, die Phrasen austauschbar und die Verständigungsfunktion der Sprache zweifelhaft geworden sind. Statt sich zu verständigen, redet man aneinander vorbei. Die Sprache wird auf Bruchstücke reduziert, die keinen fortlaufenden Zusammenhang ergeben.

Der Eindruck eines harmonischen Miteinander ist trügerisch. Die Welt hat sich inzwischen entscheidend gewandelt. Moderne Technik hat Einzug gehalten in die private Abgeschiedenheit am See, z. B. das Fernsehen, mit dem man sich die Nachrichten von wichtigen politischen und gesellschaftlichen Ereignissen in die heimischen Stuben holen kann. Es ist von "Ernte" die Rede, von "Mähdreschern", "Silos" und "Plansoll". (123) Das Leben in kleinbäuerlichen Gemeinschaften und herkömmlichen Familienstrukturen ist inzwischen Teil der Vergangenheit geworden. Die Realität im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat ist nicht ein Leben Gleicher unter Gleichen, sondern es gibt soziale Ungerechtigkeiten,

Führungseliten, Vetternwirtschaft und Bevorzugungen Privilegierter (wie zum Beispiel dem jungen Arzt nebenan, der noch gar nicht geboren war, als das Schriftstellerehepaar aus der Emigration in die Heimat zurückkehrte), denen man Sonderrechte einräumt, die anderen

vorenthalten werden und die "von höherer Stelle" so entschieden wurden. (Vgl. 114) Es haben sich hierarchische Strukturen und bürokratische Zuständigkeitssysteme gebildet, die dem einzelnen das Leben sauer machen und denen man sich zähneknirschend fügen muss.

"Ich kehre heim" (113), von der Schriftstellerin in ihre Schreibmaschine getippt, ist das Motto, das dem Text vorangestellt und mehrfach wiederholt wird. Darin offenbart sich der Versuch, nach Jahren der Emigration wieder Fuß zu fasssen in der Heimat, und die Hoffnung, dass man in Deutschland seinen politischen Überzeugungen gemäß in Frieden leben kann. Ihre schriftstellerische Arbeit ist ihr geistiges Kapital, das sie in den Aufbau des neuen Staates einbringen kann, und die Schreibmaschine ist das Werkzeug, dessen sie sich bedient, um Worte zu tippen, "die die deutschen Barbaren zurückverwandeln sollten in Menschen und die Heimat in Heimat". (115) Parallel zur Figur des Gärtners, der den Garten und die Landschaft durch seinen körperlichen Schaffensprozess formt und gestaltet, betrachtet sie sich als Arbeiterin, die sich vermittels ihrer Geisteskräfte am gesellschaftlichen und politischen Umwandlungsprozess beteiligen will. Für sie, die mit vielen anderen "vor ihrer eigenen Verwandlung ins Ungeheure aus der eigenen Heimat geflohen" und "ins Unbehauste gestoßen" war (117), schien es kein "Land" mehr zugeben, das sie "Heimat" nennen wollte, sondern nur noch den abstrakten Begriff "Menschheit". Selbst ihre in Deutschland gebliebenen Verwandten waren ihr inzwischen fremd geworden. (vgl. 121)

Die Erzählerin erweitert hier den Begriff "Heimat", indem sie ihn dem Fremdsein in einer einst vertrauten Umgebung gegenüberstellt. Der anscheinend nie ganz verblasste Zweifel an der Zuverlässigkeit ihres Heimatgefühls deutet auf einen unüberwindbaren Zustand innerer Heimatlosigkeit hin. Wenn man berücksichtigt, dass Hedda Erpenbeck-Zinner für ihre Arbeit mit einer größeren Anzahl von Orden, Auszeichnungen und Literaturpreisen geehrt worden ist, fragt man sich allerdings, ob es ihr schwer gefallen ist, sich mit den Machthabern der DDR zu arrangieren, weil sie sich von ihnen gegängelt fühlte. Wichtige Teile ihres politischen und gesellschaftlichen Engagements werden hier ausgeblendet und die Darstellung konzentriert sich ganz aufs Private. Die politisch-gesellschaftliche Ebene ist nicht inhaltlicher Schwerpunkt des Romans, aber sie wird in den Figuren gespiegelt und reflektiert. Das sich darin abzeichnende Bild ist das eines Staates, gegen dessen Zugriff man sich in einem inoffiziellem Bereich offensichtlich relativ gut abschotten und wo man im Kreise von Freunden und Verwandten ein durchaus gutbürgerliches Leben führen konnte.

[...]

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Details

Titel
Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung" - Eine kritische Untersuchung -Teil III
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Zentrale Einrichtung für Weiterbildung)
Autor
Jahr
2011
Seiten
13
Katalognummer
V176819
ISBN (eBook)
9783640982592
ISBN (Buch)
9783640982745
Dateigröße
422 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
jenny, erpenbecks, roman, heimsuchung, eine, untersuchung
Arbeit zitieren
Hans-Georg Wendland (Autor), 2011, Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung" - Eine kritische Untersuchung -Teil III, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176819

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