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Politik der Form. Die Figurenbezeichnungen in "Die Ermittlung" im Lichte von Jacques Rancière und Roland Barthes

Title: Politik der Form. Die Figurenbezeichnungen in

Term Paper , 2026 , 20 Pages , Grade: 1,3

Autor:in: Anonym (Author)

German Studies - Modern German Literature
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Wie können literarische Gestaltungsmittel politische Bedeutung erzeugen? Dieser Frage geht die vorliegende Hausarbeit am Beispiel von Peter Weiss’ dokumentarischem Theaterstück Die Ermittlung nach.

Im Mittelpunkt stehen die auffälligen Figurenbezeichnungen des Stücks. Die Zeugen und Angeklagten werden nicht mit individuellen Namen, sondern beispielsweise als „Erster Zeuge“, „Zweiter Zeuge“ oder „Angeklagter 1“ bezeichnet. Die Arbeit untersucht, welche ästhetischen und politischen Funktionen diese Form der Figurenbenennung erfüllt und wie dadurch Wahrnehmung, Sichtbarkeit und sprachliche Ordnung gestaltet werden.

Die Analyse erfolgt zunächst eigenständig und textnah. Anschließend werden die gewonnenen Beobachtungen mit zwei unterschiedlichen theoretischen Perspektiven auf das Politische verbunden: Jacques Rancières Konzept der „Aufteilung des Sinnlichen“ und Roland Barthes’ Verständnis von Schreibweise (écriture). Dadurch wird herausgearbeitet, wie die Figurenbezeichnungen einerseits kollektive Sichtbarkeit ermöglichen und andererseits durch ihre sachlich-protokollartige Form Wahrnehmung und Bedeutungsbildung strukturieren.

Die Arbeit verbindet damit eine konkrete Dramenanalyse mit literatur- und kulturtheoretischen Fragestellungen und zeigt, wie politische Wirkung nicht nur über den Inhalt eines Textes, sondern bereits über seine formale Gestaltung entstehen kann.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Hintergrund

2.1. Das dokumentarische Theater

2.2. Der Politikbegriff nach Ranciere

2.3. Der Politikbegriff nach Barthes

3. Die formale Gestaltung von Die Ermittlung

4. Zusammenführende Analyse

4.1. Analyse nach Rancieres Politikbegriff

4.2. Analyse nach Barthes Politikbegriff

4.3. Gegenüberstellung der Ergebnisse

5. Fazit

Zielsetzung und thematische Schwerpunkte

Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern die anonymen und funktionalen Figurenbezeichnungen in Peter Weiss’ dokumentarischem Theaterstück Die Ermittlung als politisches Gestaltungsmittel verstanden werden können. Ausgehend von der Forschungsfrage, wie ästhetische Verfahren die Wahrnehmung geschichtlicher Ereignisse prägen, verortet die Untersuchung das Politische nicht primär im thematischen Gehalt, sondern in der formalen Struktur des Textes. Hierzu werden die theoretischen Ansätze zum Politikbegriff von Jacques Rancière und Roland Barthes herangezogen und vergleichend auf die formale Organisation von Sprache, Sichtbarkeit und Sprechpositionen im Drama angewendet.

  • Dokumentarisches Theater der Nachkriegsliteratur und dessen Transformation authentischer Gerichtsprotokolle in dramatische Kunst
  • Systematische Entindividualisierung, funktionale Rollenzuweisung und Serialität der Figuren
  • Jacques Rancières Begriff der „Aufteilung des Sinnlichen“, der polizeilichen Ordnung und des politischen Dissenses
  • Roland Barthes’ Konzeption der „écriture“ als historisch situierter Schreibweise und Ort politischer Haltung
  • Die paradoxe Wirkung scheinbar objektiver, administrativer Sachlichkeit bei der Darstellung extremer Gewalt

Auszug aus dem Buch

Die formale Gestaltung von Die Ermittlung

Ein zentrales formales Merkmal von Die Ermittlung ist die konsequente Verwendung anonymer Figurenbezeichnungen. An die Stelle individueller Namen treten fast durchgehend funktionale Bezeichnungen, die die Figuren ausschließlich über ihre Rolle im Rahmen des Gerichtsprozesses definieren. Diese formale Entscheidung stellt keine bloße Vereinfachung dar, sondern prägt die Wahrnehmung des gesamten Textes in grundlegender Weise.

Zunächst fällt die systematische Entindividualisierung der Figuren ins Auge. Während im traditionellen Drama Namen häufig als Träger von Identität, sozialer Verortung und psychologischer Tiefe fungieren, verweigert der Text diese Dimension nahezu vollständig. Die Figuren erscheinen nicht als individuelle Subjekte mit biographischer Tiefe, sondern als Positionen innerhalb eines institutionellen Gefüges. Die Bezeichnungen „Zeuge“ oder „Angeklagter“ verweisen nicht auf persönliche Eigenschaften, sondern ausschließlich auf Funktionen im juristischen Verfahren. Diese Reduktion führt dazu, dass individuelle Unterschiede in den Hintergrund treten und die Figuren primär als Träger von Aussagen wahrgenommen werden. Die Zeugen verlieren im Drama ihre Namen und „werden zu bloßen Sprachrohren“. Sie sind ausdrücklich nicht als die Sprachrohre des Autors zu verstehen, „sondern [als] die der Auschwitzrealität“. Erika Salloch (1971) weist den einzelnen Zeugen teilweise sogar noch eine jeweilige „Sprachrohrfunktion“ zu. Eine tiefergehende Analyse dieser Funktionen bleibt aber im Sinne der Präzision dieser Arbeit – auch wenn dies im Hinblick auf eine Verknüpfung mit der Forschungsfrage durchaus interessant wäre – aus. Im Vergleich zu den Zeugen werden die Angeklagten teilweise noch vereinzelnd bei ihrem Namen genannt: „Angeklagter Capesius Kennen Sie diesen Zeugen“. Grundsätzlich werden aber auch die Angeklagten entindividualisiert. „Sie repräsentieren [damit] konkrete Personen, bleiben aber in der dramatischen Darstellung ohne erkennbare Eigenschaften und Charakterisierung“. Sie stehen damit als Symbol für ein ganzes System. Welche Rolle das für ein politisches Handeln spielt, wird im Analysekapitel genauer diskutiert.

Eng verbunden mit dieser Entindividualisierung ist die Serialität und Nummerierung der Figuren. Die durchnummerierten Bezeichnungen („Erster“, „Zweiter“, „Dritter“ usw.) erzeugen eine Struktur der Wiederholung, die den Eindruck von Austauschbarkeit verstärkt. Die einzelnen Figuren erscheinen nicht als singuläre Stimmen, sondern als Teil einer Reihe, die potenziell fortsetzbar ist. Diese Serialität erzeugt eine gewisse Gleichförmigkeit, in der individuelle Besonderheiten nivelliert werden. Gleichzeitig verweist sie auf die Vielzahl der Beteiligten und deutet an, dass die dargestellten Aussagen nicht isoliert stehen, sondern Teil eines umfassenderen Zusammenhangs sind.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Das Kapitel führt in die Debatte um die politische Wirksamkeit von Literatur ein, problematisiert die formale Gestaltung historischer Realität und formuliert die zentrale Fragestellung nach der politischen Dimension der Figurenbezeichnungen in Peter Weiss’ Die Ermittlung.

2. Theoretischer Hintergrund: Hier werden die Grundlagen des dokumentarischen Theaters erläutert sowie die Politikbegriffe von Jacques Rancière (Neuverteilung des Sinnlichen) und Roland Barthes (Schreibweise als Ort politischer Haltung) systematisch hergeleitet.

3. Die formale Gestaltung von Die Ermittlung: Das Kapitel analysiert textnah die spezifischen formalen Merkmale des Dramas, insbesondere die Entindividualisierung, die serielle Nummerierung der Figuren sowie die Übernahme einer protokollarisch-sachlichen Verwaltungssprache.

4. Zusammenführende Analyse: In diesem analytischen Hauptteil werden die formalen Beobachtungen getrennt nach Rancière und Barthes ausgewertet, um abschließend in einer Gegenüberstellung zu zeigen, wie die Figurenbezeichnungen zugleich Sichtbarkeiten organisieren und Bedeutungen verräumlichen.

5. Fazit: Die Schlussbetrachtung fasst die Ergebnisse zusammen, präzisiert die Beantwortung der Forschungsfrage, reflektiert methodische Limitationen und benennt Anschlussmöglichkeiten für die theater- und literaturwissenschaftliche Forschung.

Schlüsselwörter

Die Ermittlung, Peter Weiss, Dokumentarisches Theater, Figurenbezeichnungen, Jacques Rancière, Roland Barthes, Aufteilung des Sinnlichen, écriture, Entindividualisierung, Serialität, Sprechpositionen, Verwaltungssprache, Frankfurter Auschwitz-Prozess, Politik der Form

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit befasst sich mit der Frage, wie literarische und dramatische Form politisch wirken kann. Am konkreten Beispiel von Peter Weiss’ Theaterstück Die Ermittlung wird untersucht, welche politische Bedeutung der formalen Gestaltung der Figuren zukommt.

Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?

Im Zentrum stehen die Poetik des dokumentarischen Theaters der 1960er Jahre, die formale Reduktion und Verfremdung juristischer Protokolle sowie kulturphilosophische Theorien zur Verschränkung von Ästhetik und Politik.

Was ist das primäre Ziel bzw. die leitende Forschungsfrage?

Das primäre Ziel ist es herauszuarbeiten, inwiefern die anonymisierten Figurenbezeichnungen in Die Ermittlung als politisches Gestaltungsmittel verstanden werden können, wenn man sie durch die theoretischen Brillen von Jacques Rancière und Roland Barthes betrachtet.

Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?

Es wird eine qualitative Text- und Strukturanalyse angewandt, die im ersten Schritt die formalen Merkmale des Dramentextes deskriptiv erfasst und diese im zweiten Schritt einer theoriegeleiteten Lektüre und komparativen Gegenüberstellung unterzieht.

Was wird im Hauptteil konkret analysiert?

Der Hauptteil widmet sich der Entindividualisierung der Zeugen und Angeklagten, deren Nummerierung und Reihung sowie der nüchternen Gerichtssprache. Diese Elemente werden als Eingriff in bestehende Ordnungen des Sinnlichen (Rancière) und als bewusste Haltung durch die Schreibweise (Barthes) gedeutet.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?

Zu den prägenden Begriffen zählen Dokumentartheater, Figurenbezeichnungen, Entindividualisierung, Serialität, Aufteilung des Sinnlichen, écriture, Peter Weiss, Jacques Rancière und Roland Barthes.

Wie deutet Jacques Rancières Ansatz die Figurenbezeichnungen im Drama?

Nach Rancière verschieben die Bezeichnungen die Sprechpositionen: Indem die individuelle Identität zugunsten einer seriellen Struktur aufgelöst wird, entsteht eine kollektive Artikulation von Erfahrung, die die vorgegebene polizeiliche Ordnung des Gerichts sichtbar macht und destabilisiert.

Welche Funktion hat nach Roland Barthes die protokollarische Sachlichkeit im Text?

Im Sinne von Barthes’ Konzept der „écriture“ erzeugt der nüchterne, emotionslose Verwaltungsstil eine scheinbare Neutralität, die das historisch Ungeheuerliche in eine bürokratische Normalität integriert und gerade durch diese Verfremdung eine kritisch-politische Distanz schafft.

Warum verzichtet das Stück weitgehend auf historische Eigennamen und Ethnonyme wie „Jude“?

Das bewusste Auslassen konkreter Namen und Bezeichnungen erzeugt eine universelle, verallgemeinernde Perspektive; es löst die Ereignisse aus der bloßen Dokumentation individueller Einzelschicksale heraus und macht die überindividuellen, systemischen Mechanismen der Vernichtung sichtbar.

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Details

Title
Politik der Form. Die Figurenbezeichnungen in "Die Ermittlung" im Lichte von Jacques Rancière und Roland Barthes
College
Bielefeld University  (Fakultät für Literaturwissenschaften)
Course
Seminar
Grade
1,3
Author
Anonym (Author)
Publication Year
2026
Pages
20
Catalog Number
V1769198
ISBN (PDF)
9783389206386
ISBN (Book)
9783389206393
Language
German
Tags
Peter Weiss Die Ermittlung Dokumentartheater dokumentarisches Theater Holocaustdarstellung Figurenbezeichnungen Figurenanalyse Literaturwissenschaft Dramenanalyse Theateranalyse Politisches Theater politische Ästhetik Politik und Ästhetik Jacques Rancière Roland Barthes Aufteilung des Sinnlichen écriture Sprache und Politik Literatur und Politik Form und Politik
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Anonym (Author), 2026, Politik der Form. Die Figurenbezeichnungen in "Die Ermittlung" im Lichte von Jacques Rancière und Roland Barthes, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1769198
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