Der Nahe Osten ist als Konfliktherd bekannt. Als eine der wasserärmsten Regionen der Welt wird die Lage im Nahen Osten immer mehr durch den Wassermangel aufgeheizt. Wasser findet als „blood flowing through the arteries of the nation“ vor allem in Israel und Palästina seine Entsprechung. Das semi-aride Klima in der Region zeichnet sich durch heiße, trockene Sommer und einer feuchten Winterzeit aus. Die Schwankungen der Niederschlagsmengen zwischen den regenreichen Winter- und den regenarmen Sommermonaten einerseits, und zwischen den unterdurchschnittlichen Jahresniederschlagsmengen andererseits, stellen für die Wasserversorgung der Länder einen erschwerenden Faktor dar. Dieser „chronische Wassermangel“ wird durch eine immer zunehmendere Bevölkerung verschärft und führte bereits in der Vergangenheit zu Kriegen. Eine Lösung des Wasserkonflikts muss im Interesse beider Länder sein. Doch mit Beginn des Oslo-Prozesses hat es keinen Wandel, noch Aussicht auf Veränderung der Wasserversteilung gegeben. Zwar haben die Palästinenser inzwischen das Recht, die Wasserversorgung in vereinbarten Gebieten selbst zu verwalten, doch ist diese Souveränität sehr begrenzt und eine endgültige Klärung dieses Streitpunkts wurde seitens Israels auf Endstatushandlungen verschoben. Angesichts dessen drängt sich die Frage auf, weshalb es nicht zu einer Lösung des Wasserkonflikts kommt, wenn beide Länder akut von dem Mangel betroffen sind? Der sozialkonstruktivistische Ansatz der Internationalen Beziehungen soll zur Beantwortung dieser Frage herangezogen werden. Er stellt Normen, Identitäten und Wertvorstellungen in den Mittelpunkt, auf deren Basis die Staaten miteinander agieren oder eben nicht, wenn diese Basis wegfällt. Wasser steht im gemeinsamen Interesse beider Länder, die sich aber aufgrund gegensätzlicher Werte und tiefer gehenden Konflikten verfeindet gegenüber stehen. Die zentrale Frage dieser Arbeit ist daher: Inwiefern kann der sozialkonstruktivistische Ansatz der IB das Ausbleiben einer kooperativen Lösung im Wasserkonflikt erklären? Im ersten Teil werden die Grundannahmen des Sozialkonstruktivismus vorgestellt und die ungleiche Wasserverteilung zwischen Israel und Palästina beleuchtet. Der zweite Teil befasst sich mit der Analyse ausgewählter Faktoren, welche die israelisch-palästinensische Beziehung prägen. Mit den daraus gefolgerten Schlüssen wird im dritten Teil die zentrale Fragestellung beantwortet.
Gliederung
1. Einleitung
2. Der sozialkonstruktivistische Ansatz
3. Die natürlichen Wasserressourcen in der Region des Jordanbeckens
4. Die Wasserverteilung zwischen Israel und Palästina
5. Konfliktanalyse
5.1 Zionismus vs. panarabischer bzw. palästinensischer Nationalismus
5.2 Jerusalem
5.3 Autonomie, Grenzen, Rückkehrrecht - Weitere kompromisslose Konflikte?
5.4 Israelis und Palästinenser - Heterogene Gesellschaften
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Ausbleiben einer kooperativen Lösung im israelisch-palästinensischen Wasserkonflikt unter Anwendung des sozialkonstruktivistischen Ansatzes der Internationalen Beziehungen. Ziel ist es zu analysieren, inwiefern Normen, Identitäten und kollektive Gedächtnisse der Akteure die bestehende Blockade erklären können.
- Grundlagen des Sozialkonstruktivismus in der internationalen Politik
- Hydrologische Verhältnisse und Ressourcenverteilung im Jordanbecken
- Einfluss nationaler Identitätsbildung und kollektiver Traumata auf das politische Handeln
- Die Rolle Jerusalems und territorialer Streitfragen für die Kompromissfähigkeit
- Interne gesellschaftliche Heterogenität und deren Auswirkungen auf den Friedensprozess
Auszug aus dem Buch
2. Der sozialkonstruktivistische Ansatz
Der Sozialkonstruktivismus setzte sich in den Internationalen Beziehungen Mitte der 1990er Jahre durch als Kennzeichnung derjenigen Ansätze, die das soziale Handeln und soziale Strukturen betonen. Vor seiner Zeit dominierten vor allem der Realismus und der Institutionalismus die Theoriediskurse. Doch das Ende des Ost-West-Konflikts und die offenere Struktur im internationalen System erlangten zu ihrer Erklärung nach neuen Denkansätzen. Hier knüpfte der Sozialkonstruktivismus als erklärender Ansatz für den Wandel in den Internationalen Beziehungen an. Er unterscheidet sich von den beiden rationalistischen Theorien im Strukturverständnis und damit auch in der Handlungslogik der Akteure. Die soziale Realität, d.h. die Beziehungen zwischen den Staaten, ist konstruiert. Der Sozialkonstruktivismus negiert zwar nicht das Vorhandensein materieller Faktoren, aber er geht davon aus, dass die Realtität auf sozial konstruierten Ideen und Interpretationen basiert.
Im Zentrum stehen neben Staaten internationale Organisationen und gesellschaftliche Gruppen wie z.B Nicht-Regierungsorganisationen, die auf der Basis von Normen, Identitäten und Wertvorstellungen miteinander interagieren („intersubjektive Faktoren“). Unter diesen Bedingungen handeln die Akteure nicht zweckrational und egoistisch, sondern nach der Logik der „Angemessenheit“. Sie orientieren sich bei ihren Entscheidungen an kulturellen Werten, vorgegeben Normen und vor allem an Identitäten. Je nachdem, welche Identitäten Staaten annehmen und welche Interessen sie verfolgen, „verteidigen sie sich gegen Feinde, kooperieren gegen Rivalen, oder stehen in harmonischen Beziehungen mit Freunden.“ Interessen sind demnach nicht zwingend vorgegeben, sondern sie werden erst gebildet anhand von Selbst- und Fremdbildern, die in der Gesellschaft verankert sind. Gemeinsame Ideen, Werte und Normen schaffen Vertrauen zwischen Staaten und erhöhen ihre Kooperationsbereitschaft, sodass Kulturen der Freundschaft entstehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den Wassermangel als chronisches Problem im Nahen Osten und führt die sozialkonstruktivistische Fragestellung zur Erklärung des ausbleibenden Friedensprozesses ein.
2. Der sozialkonstruktivistische Ansatz: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen des Sozialkonstruktivismus, der den Fokus auf intersubjektive Faktoren wie Identitäten und Normen legt.
3. Die natürlichen Wasserressourcen in der Region des Jordanbeckens: Es erfolgt eine hydrologische Bestandsaufnahme der wichtigsten Wasserressourcen im Jordanbecken und deren politische Umstrittenheit.
4. Die Wasserverteilung zwischen Israel und Palästina: Das Kapitel analysiert die asymmetrische Verteilung der Wasserressourcen und die durch Besatzung geprägten Kontrollmechanismen.
5. Konfliktanalyse: Dieser Hauptteil untersucht die soziologischen und historischen Hintergründe, von Nationalbewegungen bis hin zur gesellschaftlichen Spaltung beider Seiten.
6. Fazit: Das Fazit stellt fest, dass der Sozialkonstruktivismus zwar wichtige Aspekte der Konfliktidentitäten erklärt, das Machtdenken im Sinne des Realismus jedoch ebenfalls eine entscheidende Rolle spielt.
Schlüsselwörter
Internationalen Beziehungen, Sozialkonstruktivismus, Wasserkonflikt, Nahostkonflikt, Identität, Normen, Jordanbecken, Palästina, Israel, Wasserverteilung, kollektives Gedächtnis, Siedlungspolitik, Friedensprozess, Ressourcenknappheit, Souveränität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert das Ausbleiben einer kooperativen Lösung im Wasserkonflikt zwischen Israel und Palästina aus der Perspektive des sozialkonstruktivistischen Ansatzes der Internationalen Beziehungen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den Schwerpunkten zählen die theoretischen Grundlagen des Konstruktivismus, die hydrologischen Gegebenheiten im Jordanbecken, die asymmetrische Wasserverteilung sowie die identitätsstiftenden historischen Traumata beider Völker.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist zu prüfen, ob der sozialkonstruktivistische Fokus auf intersubjektive Faktoren (wie Werte und Identitäten) ausreicht, um die fehlende Kooperation trotz gegenseitiger Betroffenheit vom Wassermangel zu erklären.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt einen theoretisch geleiteten Analyseansatz, um durch die sozialkonstruktivistische Brille politische Strukturen, Handlungslogiken und das kollektive Gedächtnis im Nahostkonflikt zu dekonstruieren.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil befasst sich mit der detaillierten Konfliktanalyse, insbesondere der Rolle des Zionismus, des palästinensischen Nationalismus, der Bedeutung Jerusalems sowie der internen gesellschaftlichen Heterogenität beider Seiten.
Welche Schlüsselbegriffe sind charakteristisch?
Zentrale Begriffe sind Sozialkonstruktivismus, intersubjektive Faktoren, Anarchie, Kollektives Gedächtnis, Wasserrechte, Besatzung und Identitätsbildung.
Wie wirkt sich das kollektive Gedächtnis auf den Wasserkonflikt aus?
Das kollektive Gedächtnis verknüpft Vergangenheit und Ideologie; es festigt Feindbilder und erschwert Kompromisse, da Ressourcenfragen wie Wasser untrennbar mit Fragen der Sicherheit und nationalen Identität verwoben sind.
Warum gelangt die Arbeit zu dem Schluss, dass der Sozialkonstruktivismus allein nicht ausreicht?
Obwohl der Ansatz erklärt, wie sich Identitäten verfeinden, bleibt die materielle Realität der militärischen Überlegenheit Israels bestehen; machtpolitische Instrumentalisierung von Wasser lässt sich besser durch realistische Ansätze des Machtdenkens beschreiben.
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- Faten EL-Dabbas (Author), 2011, Der Konflikt um Wasser zwischen Israel und Palästina, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176943