Islamismus und Dschihad

Der militante Islam der Hamas


Hausarbeit, 2011

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Islamistischer Terror
1.1 Verschiedene Arten von Terror
1.2 9/11 – Angriff auf Israel?

2 Die Muslimbruderschaft
2.1 Entstehung
2.2 Die Stellung der Organisation zu Palästina
2.3 Der Dschihad im Sinne der Bruderschaft
2.3.1 Sieg oder Märtyrertod
2.3.2 Gründe und Rechtfertigung für den Dschihad
2.4 Palästina als wichtigste Front
2.5 Erziehungsarbeit und Propaganda
2.6 Die Etablierung der Muslimbrüder in Palästina als Fundament der Hamas
2.7 Radikalisierungstendenzen

3 Harakat al-Muqawama al-Islamiyya (kurz: HAMAS)
3.1 Die Intifada als Auslöser zur Gründung der Hamas
3.2 Die Charta der Hamas
3.2.1 Der Islam – einzige Grundlage für einen palästinensischen Staat
3.2.2 Offener Antisemitismus
3.3 Aktiv gegen den Frieden

4 Zusammenfassung

5 Literaturverzeichnis

6 Literatur aus einer Online-Recherche im Internet

7 Medienverzeichnis

8 Anhang

0 Einleitung

„Wenn wir als Märtyrer sterben, kommen wir in den Himmel“, trällern die zarten Stimmen des populären panarabischen Kinderchores „ Birds of Paradise“ in einem Lied, welches im gleichnamigen Sender ausgestrahlt und über Youtube grenzüberschreitend millionenfache Klicks vermerkte. Der tolerant erzogene westliche Intelektuelle kann sich der Frage nicht erwehren, wie Kinder angesichts der Brutalität der sogenannten Märtyrer zu einer solchen Denkweise kommen können. Gleichzeitig offenbart dieses Kinderlied die erschreckenden Ausmaße eines sich rasant entwickelnden radikalen Islam, der schon lange nicht mehr an den Grenzen der arabischen Welt Halt macht sondern den Okzident und die restliche Welt mit Operationen heimsucht, die als Heiliger Krieg betrachtet werden und mitunter hohe Opferzahlen kosten.

Beinahe ohnmächtig versuchen sich Europa und Amerika vor den Gefahren der schleichenden Fanatisierung des Islam zu schützen. Dass der Islam in seiner radikalen Auswirkung als Bedrohung der hochgelobten freiheitlichen Prinzipien und Werte der westlichen Welt betrachtet werden muss, stellt niemand mehr in Frage.

Wie konnte es zu dem heutigen Verständnis dieser Religion kommen, welches terroristische Gruppierungen weltweit eint? Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Ursprüngen des Islamismus in seiner heutigen Form, welche sich zu einem großen Teil an der Institutionsgeschichte der ägyptischen Muslimbruderschaft entlanghangeln. Als direkter Ableger derselben und beispielhafte Entwicklung einer radikalen islamistischen Organisation wird die palästinensische Hamas (ḥamās)[1] von ihren Anfängen an und unter Betrachtung ihrer Charta beleuchtet. Diese Arbeit behandelt weniger die Ausmaße des islamistischen Terrorismus, bekannt vor allem durch seine Selbstmordattentate, als vielmehr die Ziele und Denkweisen radikaler muslimischer Gruppierungen am Beispiel der Hamas , die immer mehr Zuwachs finden. Einen Schlüssel zum Verständnis bildet ein bis heute ungebrochener Antisemitismus der radikalen Organisationen und die Rolle des Landstrichs, auf dem vor gut 60 Jahren der Staat Israel gegründet wurde.

Die politische Dimension, deutlich durch den Wahlsieg der Hamas im Gazastreifen 2006, ist eine weitere Entwicklung des radikalen Islam, welche auf Grund des gebotenen Umfangs keine nähere Betrachtung in dieser Arbeit findet. Gerade die massiven und andauernden Proteste in der arabischen Welt deuten auf die Wichtigkeit dieser Thematik hin. Um ihm gerecht zu werden, müsste dem Phänomen jedoch mindestens genauso viel Aufmerksamkeit gewidmet werden wie dem vorliegenden Thema.

1 Islamistischer Terror

1.1 Verschiedene Arten von Terror

In den Fokus der Weltöffentlichkeit rückte Terror, insbesondere in seiner islamistischen Ausprägung, erst mit den Anschlägen vom 11. September 2001. Das Ausmaß an Brutalität überschattete alles bisher Dagewesene und die neue Bedrohung weitete sich auf die gesamte westliche Welt aus. Um Terroristen in ihrer Motivik und Vorgehensweise unterscheiden zu können, teilen Fachleute sie in vier Kategorien ein (vgl. Ulfkotte 2002):

Eine Randgruppe bilden Einzeltäter wie der Attentäter von Oklahoma, die meist geistig verwirrt sind und ohne unterstützendes Netzwerk agieren. Sie sehen sich als Auserwählte in einer Mission. Ferner werden revolutionäre Gruppen mit ideologischen Zielen unterschieden, die Gewalt einsetzen, um soziale oder politische Veränderungen zu erzwingen. Dazu gehören die ehemalige Rote Armee Fraktion und die frühere PLO . In die dritte Kategorie zählen ethnische oder politische Minderheiten, die innerhalb eines Staates um Autonomie kämpfen wie dies in der Türkei durch die kurdische PKK geschieht. Die letzte und gleichzeitig gefährlichste Gruppe bilden Organisationen mit religiösen oder pseudo-religiösen Motiven. Zu nennen sind hier die durch die zuerst genannten Anschläge bekannt gewordene Al-Qaida (al-qāʿida) Osama bin Ladens , welche ein weltweites Netz aufgebaut hat, als auch die Hisbollah (ḥizbu l-llah) und die palästinensische Hamas .

Was letztere Gruppierungen so gefährlich macht, ist die Schwierigkeit, sie zu lokalisieren und zu infiltrieren. Terroristen leben oft jahrelang unerkannt in einem Land, bevor es zu einer Tat kommt. Massenmorde an Zivilisten werden unter religiösen Motiven gerechtfertigt.

Nicht nur ihr Hass gegen Amerika, auch und gerade ihr Antisemitismus vereint islamistische Gruppen global.

1.2 9/11 – Angriff auf Israel?

Entgegen der Logik des aufgeklärten Geistes findet sich der Ursprung islamistischen Terrors nicht in den perspektivlosen Armutsvierteln arabischer Großstädte. Um die Vorgänge im Nahen Osten und den islamistischen Terrorismus am Beispiel der Hamas besser verstehen zu können, lohnt es sich, einen Blick auf den Hauptschuldigen der Anschläge um das World Trade Center zu werfen. Mohammed Atta , Anführer der Todespiloten, gehörte der Mittelschicht an und genoss ein Leben in Freiheit und Wohlstand. Paradoxerweise studierte er jahrelang im verhassten Westen und erlernte erst in Amerika das Fliegen von Flugzeugen, bevor er seine Fähigkeit dann als tödliche Waffe einsetzte. Obwohl die USA, Inbegriff der politischen und religiösen Freiheit, für Islamisten den „großen Satan“ und Israel ‚nur‘ den „kleinen Satan“ (ebd.) verkörpert, galt Attas Ziel nicht primär den Vereinigten Staaten.

„Ein "nationalsozialistisches Weltbild" attestieren ihm Teilnehmer der Koran-Runden. "Die Juden", das waren für ihn die reichen Strippenzieher der Medien, der Finanzwelt, der Politik, und natürlich steckten auch hinter dem Einsatz der Amerikaner am Golf die Juden, hinter den Kriegen auf dem Balkan, in Tschetschenien, überall. Wer waren die Täter in Ägypten, die die Architektur, die Kultur, letztlich den gesamten Islam ausrotten wollten? Klar, die Juden. Und "das Zentrum des Weltjudentums", so sah es Atta, war New York. Atta wünschte sich einen Gottesstaat vom Nil bis zum Euphrat, frei von Juden, und sein Befreiungskrieg musste in New York beginnen.“ (Brinkbäumer u.a. 2002, S. 117)

Der eigentliche Angriff auf die Zwillingstürme galt nach dieser Erkenntnis den Juden.

Attas Kreis bildet mit seinem offensichtlichen Antisemitismus jedoch keinen Einzelfall, sondern die Regel unter islamistischen Terroristen. Neu aufgekommen war der militärische Dschihad (ğihād) und die Todessehnsucht als Ideal des Märtyrers im Jahre 1928 mit der Gründung der Muslimbrüder in Ägypten. Sie sind es, aus denen die Hamas hervorgegangen ist. Ein Gründungsmitglied dieser wichtigsten palästinensischen Dschihad -Organisation wiederum, Abdullah Azzam , brachte in den 1980er Jahren die dschihadistische Philosophie als Erster Osama bin Laden näher (vgl. Küntzel 2003, S. 9f.). Ideologie und Vorgehensweisen sämtlicher islamistischer Terrorgruppen, insbesondere jedoch der Hamas , sind maßgeblich geprägt durch die Muslimbrüder. Im Abschnitt 1, Artikel 2 ihrer Charta bekennt sich die Hamas klar zu ihren historischen Wurzeln:

„Die Islamische Widerstandsbewegung ist einer der Flügel der Muslimbrüder in Palästina. Die Bewegung der Muslimbrüder ist eine internationale Organisation, und sie ist die bedeutendste der islamischen Bewegungen in der modernen Zeit.“ ( Charta Hamas, Baumgarten 2006, S. 209)

2 Die Muslimbruderschaft

2.1 Entstehung

Als Ägypten nach dem Ersten Weltkrieg britisches Protektorat wurde und auch Palästina unter Mandatsherrschaft der Insulaner geriet, gründete der ägyptische Lehrer Hassan al-Banna (ḥasan al-bannā) eine Organisation mit dem erklärten Ziel, die Gesellschaft islamisch umzuerziehen und die Solidarität unter Muslimen zu stärken (vgl. Croitoru 2007, S. 12f). Ihr patriotisches Gedankengut wurde eher versteckt gehandhabt, politisches Engagement war jedoch fester Bestandteil der Organisation und nahm im Laufe der Jahre enorm zu.[2] Unter dem Protektorat wuchs die Mitgliederanzahl innerhalb von 20 Jahren rasant und betrug 1948 geschätzte zwei Millionen Mitglieder und Sympathisanten (vgl. ebd., S. 16f). Al-Banna baute die Organisation mit etlichen landesweiten Zweigstellen streng hierarchisch auf und behielt von Kairo aus stets alle Fäden in der Hand. Bald verfügten die Muslimbrüder über eigene Moscheen, geschlechtergetrennte Schulen, eine Druckerei zur Veröffentlichung eigener Publikationen und sogar Arztpraxen und Krankenhäuser. Sie boten sportliche Aktivitäten an, engagierten sich karitativ und sozial und bildeten ihre Mitglieder in pfadfinderähnlichen Gruppen auch paramilitärisch aus. Neben Propaganda wurde genauestens Buch über jedes Mitglied geführt, wobei selbst der Gesundheitszustand registriert wurde (vgl. ebd., S. 17).

Die größte Massenbewegung Ägyptens war entstanden und genoss großes Ansehen unter der Bevölkerung. Ihr Oberhaupt entwickelte eine sehr ambivalente Haltung und verstand es, seine sich oft widersprechenden Prinzipien mit dem Koran (qurʾān) oder den Hadithen (ḥadīṯ)[3] zu erklären. Obgleich al-Banna die Scharia (šcharīʿa) als Gesetzesordnung anstrebte, hob er die islamische Grundlage des existierenden Nilstaates hervor. Vermutlich wollte er sich nicht in die Gefahr zu bringen, als Revolutionär verfolgt zu werden.

Um sich weiter im Nahen Osten zu etablieren, gewann der militärische Flügel der Bewegung zunehmend an Bedeutung und zusätzliches Engagement in der Palästinafrage bescherte neue Anhänger, brachte jedoch auch eine Kehrseite mit sich. Zahlreiche Anschläge auf britische Soldaten, ägyptische Polizeiposten und Regierungsvertreter führten ab Mitte der vierziger Jahre zu einer Verhaftungswelle und die steigende Angst vor einem Putsch schließlich zum Verbot der Organisation. Ein radikaler Muslimbruder erschoss kurz darauf den ägyptischen Premierminister Mahmud Fahmi al-Nuqrashi (vgl. Mitchell 1969, S. 58-67) und al-Banna fiel am 12. Februar 1949 vermutlich einem Vergeltungsschlag zum Opfer (vgl. Croitoru 2007, S. 22).

In den darauffolgenden Jahrzehnten wechselte der Status der Muslimbrüder unter den verschiedenen Regierungen zwischen geduldet und verfolgt, zuletzt hielt sie Mubarak unter strenger Kontrolle seiner Sicherheitskräfte in Schach. Die Popularität der Gruppe ermöglichte den Muslimbrüdern, auch in für sie schwierigen Zeiten eine hohe Gefolgschaft zu bewahren. Ihre Operationen wurden im Geheimen stets fortgeführt, wenn die jeweilige Regierung die Bewegung unter Verbot stellte.

[...]


[1] Zur Transliteration der wichtigeren originalsprachlichen arabischen Begriffe dieser Arbeit dient die Tabelle der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft. Vgl. Meyer 2010, S. 231 f.

[2] Die Muslimbrüder verfügen seit Dezember 2005 über ein Fünftel der Sitze im ägyptischen Parlament, Tendenz steigend (Vgl. Croitoru 2007, S.7). Nach dem Sturz Hosni Mubaraks im Februar 2011 ist die Organisation stärkste Opposition im Land und ihre Chance, nach einer Wahl an die Macht zu kommen, ist so hoch wie nie.

[3] Mündlich weitergegebene Überlieferung über Situationen im Leben des Propheten. Sie werden zu Hilfe gezogen, wenn im Koran keine Antwort auf eine bestimmte Frage gefunden wird und besitzen die gleiche Autorität wie das Heilige Buch des Islam selbst. Vgl. hierzu u. a. Elger 2008, S. 118ff

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Islamismus und Dschihad
Untertitel
Der militante Islam der Hamas
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Orientalisches Institut)
Veranstaltung
Die Friedensbewegung in und außerhalb Israel: Geschichtliche Retrospektive und (hoffnungslose?) Gegenwartsperspektiven
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V176961
ISBN (eBook)
9783640985265
ISBN (Buch)
9783640985623
Dateigröße
1499 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hamas, Israel, Islam, Antisemitismus, Charta, Muslimbrüder, Muslimbruderschaft, Terror, Palästina, Intifada, Islamismus, Dschihad, Djihad
Arbeit zitieren
Johannes Rieble (Autor), 2011, Islamismus und Dschihad, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176961

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