Karl Mannheims Konservatismus und das Kleinbürgertum


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
19 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das kleinbürgerliche Glück in der Beschränkung - ein begrenz- te Bewußtsein
2.1 Die begrenzte Reichweite
2.2 Die begrenzte Wahrnehmung
2.3 Das begrenzte Wissen

3 Konservatives Denken nach Mannheims wissenssoziologischen Ausführungen
3.1 Das konkrete Erleben
3.2 Der Eigentumsbegriff
3.3 Der Freiheitbegriff
3.4 Der Zeitbegriff

4 Konservatismus und Kleinbürgertum
4.1 Das konservatives Denken in der kleinbürgerlichen Men- talität
4.2 Der Konkretismus als Hintergrund des beschränkten Be- wußtsein des Kleinbürgertums

5 Schlußbemerkungen

1 Einleitung

Das Kleinbürgertum ist neben dem bürgerlich-humanistischen Milieu der Teil der Mittelschicht, der als konservativ beschrieben wird. Die Menta- lität und der Lebenstil des Kleinbürgertums ist gut erforscht und somit leicht zu identifizieren. Diese Aussage kann man meines Erachtens über den Konservatismus nicht treffen. Ihm fehlen die einheitlichen Ziele, die für eine Ideologie bezeichnend wären. Auch als politische Richtung ist das «Konservativsein»in seiner Abhängigkeit von den Umständen der jeweiligen Zeit wenig gleichförmig. Die Gemeinsamkeit besteht im All- gemeinverständnis lediglich in der Verteidigung der jeweils herrschen- den Sozialordnung. Zudem ist die Bezeichnung einer Personengruppe als konservativ meist als ein Werturteil zu verstehen.

Eine genaue Umschreibung des Inhalts des Konservatismus ist also nur schwer möglich. Diese Feststellung führte Mannheim dazu, den Konser- vatismus als Denkstruktur oder Denkart zu beschreiben. Von Interesse sind für ihn dabei nicht die sich wandelnden inhaltlichen Elemente, son- dern «... die formalen Bestimmungen dieses Denkens ...»1. Hier setzt nun meine Fragestellung an. Wenn das kleinbürgerliche Den- ken ein konservatives Denken ist, müssen die Eigenarten der kleinbür- gerlichen Mentalität auch in dem von Mannheim beschriebenen konser- vativen Denkstil angelegt sein. Hierbei soll ein Phänomen im kleinbür- gerlichen Leben im Zentrum der Betrachtung stehen: die Beschränkung oder besser die Kleinbürgerlichkeit als Lebensstil der Reduktion. Bei der Lektüre Mannheims fiel mir auf, daß er dem konservativen Den- ken, wie ich zeigen werde, eine besondere Art des Wahrnehmens der Welt voraussetzte - das konkrete Erleben. Vergleicht man diesen Ansatz mit den Schriften über die Mentalität des Kleinbürgertums, ist der Kon- kretismus besonders in den Aspekten der Beschränkungen der Reichwei- te, der Wahrnehmung und des Wissens zu entdecken.

Daher lautet meine These: Das kleinbürgerliche Glück in der Beschrän- kung ist eine konsequent gelebte Form des durch Mannheim beschrieben konservativen Denkstils. Die Grundlage bildet der Konkretismus - das konkrete Erleben. Der Konkretismus bildet den konstituierenden Hintergrund sowohl für den Konservatismus (nach Mannheim) als auch für das begrenzte Bewußtsein des Kleinbürgertums.

Ich werde zunächst die kleinbürgerliche Mentalität unter dem Aspekt der Beschränkung und das konservative Denken skizzieren, um dann die konservativen Elemente im kleinbürgerlichen Leben herauszustellen. Anschließend folgt, um meine These zu belegen, die Betrachtung der Rol- le des Konkretismus.

2 Das kleinbürgerliche Glück in der Beschränkung - ein begrenzte Bewußtsein

2.1 Die begrenzte Reichweite

Was ist eine begrenzte Reichweite? Letztendlich hat jede Lebenswelt ihre spezifischen Begrenzungen, in denen sich ihr Leben konstituiert. Den- noch ist das Kleinbürgertum das Milieu, in dem sich das Begrenzen auf das Nahe, das Vorhandene, das Erfahrbare und das Alltägliche zu einer Art Lebensgrundlage manifestiert hat. Das Leben und Denken der Klein- bürger findet in dem enggesteckten Rahmen der Familie, des Ortes und des Eigentums statt. Familie, Lokalismus und Eigentum sind die Leitka- tegorien des Kleinbürgers2, alles was darüber hinaus geht, ist außerhalb seiner Reichweite.

Historisch läßt sich die Beschränkung der Kleinbürger auf das Lokale recht einfach mit den eingeschränkten Entwicklungsmöglichkeiten von Kleinhändlern und Handwerkern erklären. Die Konzentration auf ihr Viertel gab ihnen die Möglichkeit, in einer industrialisierten Gesellschaft zu existieren.

Aber die begrenzte Reichweite ist mehr als nur eine wirtschaftliche und soziale Konzentration auf den Ort, die Familie und das Eigentum. Es ist eine Kultur - eine Kultur der Nähe3, die alle Lebensbereiche umfaßt und zugleich begründet. Der Kleinbürger braucht die Enge, die Überschau- barkeit. Sie wird von ihm als Geborgenheit empfunden, in die er einge- bettet ist, die er weder physisch, noch psychisch oder sozial verläßt. In dieser Kultur wird das Kleine zum Maßstab des Großen, weil zum Großen hin die Erfahrbarkeit abnimmt4. Der Kleinbürger verkleinert sich die Welt auf das Maß, welches ihm bekannt und damit erfahrbar ist. Schilling formuliert das so: «Statt in einen Park denkt er sich seine Ver- antwortung in den kleinen Maßstab seines Gartens.»5 Somit sind neue Erkenntnisse über die Welt außerhalb nicht zu erwarten, weil auch sie nur mit dem Innerhalb erklärt werden. Darauf werde ich im Kapitel zur begrenzten Wahrnehmung noch eingehen.

Die Erfahrbarkeit ist also ein wichtiges Kriterium, welches die Reichwei- te des kleinbürgerlichen Lebens begrenzt. Sie ist ursächlich dafür, daß das Leben des Kleinbürgers sich, statt an Prinzipien und Normen, an den Dingen der nächsten Umgebung ausrichtet6. Je instabiler die Erfah- rungsräume werden, desto wichtiger wird für den Kleinbürger der All- tagstrott.

Auch sozial und materiell ist die Reichweite des Kleinbürgers begrenzt. Die fehlende Perspektive oder ein sozialer Aufstieg stellen für ihn kein Problem oder Ziel dar, da die Orientierung im Alltag sein größtes Anlie- gen ist7.

Eigentum ist im kleinbürgerlichen Leben hauptsächlich ein Symbol für Unabhängigkeit, Autonomie und Sicherheit. Es steht als Beweis für per- sönliche Fertigkeiten, aber es ist kein Expansionsmittel für Wachstum und Aufstieg8. Angelegt werden Gewinne meist nur in Immobilien, welche die Ortsfixierung bestätigen.

Ihr Streben gilt hauptsächlich der eigenen Existenz- und Alltagssicherung. Durch die Bindung an Vermögen und Kontinuität ist der Aufstiegswille des Kleinbürger beschränkt. Das, was er besitzt, muß er auch halten können. Es gehört zu ihm.

Schilling äußert dazu die Vermutung, daß die Leitkategorien (Familie, Lokalismus, Eigentum) der Kleinbürger «... tatsächlich “das Meinige“, aufgereiht nach der Steigenden Gefahr des Weggenommenbekommens ...»9 sind.

Also ist es auch das Bestreben nach Sicherheit und das Risikoabwägende, welches die Reichweite des Kleinbürgers begrenzt.

2.2 Die begrenzte Wahrnehmung

Der Kleinbürger erweitert seinen Horizont nicht über die konkrete Um- welt hinaus und er kann nichts bedeutenderes finden als seine eigenen Nöte. Sein Denken geht von dem einen spezifischen Einzelfall aus, näm- lich von ihm selbst. Aber er denkt sich diesen Einzelfall als das Allge- meine. So erreicht er, durch die Begrenzung der Wahrnehmung, ein Ver- ständnis für die Welt, in dem alles nicht passende auf seinen Horizont zurechtgestutzt ist.

Das kleinbürgerliche Wahrnehmungsdefizit erzeugt also eine, auf das Konkrete, einen direkt umgebende und betreffende, reduzierte Welt. Die begrenzte Reichweite und die begrenzte Wahrnehmung bedingen sich gegenseitig. Zum Einen begrenzt die eingeengte Reichweite die Wahr- nehmung und zum Anderen ist die begrenzte Wahrnehmung eine gute Voraussetzung zum Begrenzen der Reichweite. In dem Moment, in dem alles in den engen Rahmen des eigenen Lebens und der eigenen Umstän- de gesetzt wird, wird auch alles nur aus dieser Position heraus wahrge- nommen und beurteilt. Althaus beschreibt dies als ein «Unvermögen zur ganzheitlichen Wahrnehmung »10. Es ist eine Ignoranz, die die Wahrneh- mung begrenzt und gleichzeitig konstituiert. Es geht sogar soweit, daß die Wahrnehmung trotz geänderter Bedinungen konstant bleibt11.

2.3 Das begrenzte Wissen

Ein weiterer Aspekt des begrenzten Bewußtsein ist die Wissensbegren- zung. Durch die begrenzten Erfahrungsräume erscheint dem Kleinbürger die Welt außerhalb seines Bereiches als bedrohliches Labyrinth, welches er nur durch Unwissen für sich erschließen kann. Althaus nennt dies «den Zauberstab der Unkenntnis»12, mit dessen Hilfe von Irrtum zu Irrtum Zusammenhänge entstehen, wo an sich keine mehr sind. Allerdings ist der Bedarf an Wissen, über seine konkrete Umwelt hinaus, für einen Kleinbürger auch nicht groß, denn als Lokalist beschäftigt er sich am liebsten mit sich selbst und zwar zu Hause13. Das macht ihn sehr sensibel für Alltagsnöte und er wird produktiv. Der Kleinbürger perfek- tioniert seine Umwelt.

Das kleinbürgerliche Gesellschaftsbild ist ein hierarchisches. es existiert eine von höherer Macht gestifteten Ordnung, in der jeder und jedes sei- nen Platz hat14. So auch das Wissen. Es ist genau wie die Aufgaben funk- tional aufgeteilt.

[...]


1 MANNHEIM, KARL; Konservatismus. Ein Beitrag zur Soziologie des Wissens. Frankfurt am Main 1984. S. 60.

2 Vgl. SCHILLING, HEINZ; Kleinbürger. Mentalität und Lebensstil. Frankfurt am Main 2003, S. 31.

3 Vgl. ebd. S. 9.

4 Vgl. ALTHAUS, THOMAS; Apologetischer Entwurf. in: ALTHAUS, THOMAS[Hrsg.]; Kleinbürger: zur Kulturgeschichte des begrenzten Bewußtseins. Tübingen 2001, S. 4.

5 SCHILLING, HEINZ; Kleinbürger. Mentalität und Lebensstil. Frankfurt am Main 2003, S. 128.

6 Vgl. ALTHAUS, THOMAS; Apologetischer Entwurf. in: ALTHAUS, THOMAS[Hrsg.]; Kleinbürger: zur Kulturgeschichte des begrenzten Bewußtseins. Tübingen 2001, S. 11

7 Vgl. ALTHAUS, THOMAS; Vorbemerkung. in: ALTHAUS, THOMAS[Hrsg.]; Kleinbürger: zur Kulturgeschichte des begrenzten Bewußtseins. Tübingen 2001, S. XI.

8 Vgl. SCHILLING, HEINZ; Kleinbürger. Mentalität und Lebensstil. Frankfurt am Main 2003, S. 35.

9 Ebd. S. 31.

10 ALTHAUS, THOMAS; Apologetischer Entwurf. in: ALTHAUS, THOMAS[Hrsg.]; Klein- bürger: zur Kulturgeschichte des Begrenzten Bewußtseins. Tübingen 2001, S. 3.

11 Vgl. SCHILLING, HEINZ; Kleinbürger. Mentalität und Lebensstil. Frankfurt am Main 2003, S. 121f.

12 Ebd. S. 5.

13 Vgl.ALTHAUS, THOMAS; Vorbemerkung. in: ALTHAUS, THOMAS[Hrsg.]; Kleinbür- ger: zur Kulturgeschichte des begrenzten Bewußtseins. Tübingen 2001, S. VIII.

14 Vgl. SCHILLING, HEINZ; Kleinbürger. Mentalität und Lebensstil. Frankfurt am Main 2003, S. 22.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Karl Mannheims Konservatismus und das Kleinbürgertum
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Soziologie)
Veranstaltung
HpS: Soziale Mitte
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
19
Katalognummer
V176977
ISBN (eBook)
9783640983957
ISBN (Buch)
9783640984220
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
karl, mannheims, konservatismus, kleinbürgertum
Arbeit zitieren
Juliane Wollmann (Autor), 2005, Karl Mannheims Konservatismus und das Kleinbürgertum , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176977

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