Ekstasen der Körperlichkeit

Fritz Zorns Autobiographie "Mars" und Thomas Brussigs Roman "Helden wie wir"


Bachelorarbeit, 2011

51 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Körper Fritz Zorn und Klaus Uhltzscht in der Konformität
2.1 Die Erziehung des Körpers des Klaus Uhltzschts
2.1.1 Bernhard und Lucie Uhltzscht
2.1.2 Der erzogene Körper des Klaus Uhltzschts
2.2 Die Erziehung des Körpers des Fritz Zorns
2.2.1 Die Eltern Zorn
2.2.2 Der erzogene Körper des Fritz Zorns
2.3 Politik und Körper

3 Ekstasen der Körperlichkeit
3.1 Spielarten der Ekstase
3.1.1 Sexualität
3.1.1.1 Geweckte Körperlichkeit
3.1.1.2 Sexualität und Ekstase der Körperlichkeit bei Klaus Uhltzscht
3.1.2 Krankheit und Ekstase der Körperlichkeit bei Fritz Zorn
3.2 Folgen der körperlichen Ekstasen
3.2.1 Das Schreiben - der neue Körper
3.2.1.1 Mars - ein inszenierter Körper?
3.2.1.2 „Sein Körper ist mein Körper“ - Körpertausch
3.2.2 Mythendekonstruktion bei Thomas Brussig - Der Körper als Instrument wider Geschichtslügen und Geschichtsverklärung
3.2.2.1 Die „selbstquälerische“ und „kritisch-betroffene DDR- und Wendeliteratur“
3.2.2.2 Der Held der Wende

4 Schlussbetrachtung

5 Literaturverzeichnis

6 Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

Am 2. November 1976 erlag Dr. Fritz Fürchtegott Angst[1] im Alter von 32 Jahren seinem Krebsleiden. Er war ein braver Schweizer Bürger, ein Mustermann bür die Züricher Goldküste, einer, der nicht „aneckte“, der nicht störte. Mars ist die Niederschrift seines Lebens. Über sie erhält der Leser einen Einblick in die Welt des Fritz Zorns, einen Einblick, der aber, entgegen allen Erwartungen, erschüttert. Mars ist der letzte „Aufschrei eines Todkranken“[2]. In ihm gibt sich ein Schreiber zu erkennen, der „jung und reich und gebildet; und [...] unglücklich, neurotisch und allein“ ist. Der Leser lernt Fritz Zorn als einen Mensch kennen, der an Depressionen leidet, der unfähig ist, mit seinen Mitmenschen in Kontakt zu treten und der letztlich in völliger Einsamkeit sterben wird.

In Thomas Brussigs Helden wie wir finden wir eine ähnliche Geschichte. Wie auch Fritz Zorn, lebt Klaus Uhltzscht, der Protagonist, vollkommen isoliert. Im Ost-Berlin der 80er Jahre, als Sohn des Stasi-Mitarbeiters Bernhard Uhltzscht und der Gesundheitsinspektorin Lucie Uhltzscht ist er ein von Vorschriften und Regeln umstellter Gefangener. Bestimmt vom Streben nach tradierten, moralischen Werten seines Milieus, entwickelt Klaus im Laufe seines Lebens eine Fülle an körperfeindlichen Komplexen im Zuge derer er das Eigene bekämpft, unterdrückt und mumifiziert.

Obwohl sich Fritz Zorn und Klaus Uhltzscht in ihren Wesenszügen nicht deutlicher von einander hätten unterscheiden können - auf der einen Seite haben wir den braven Schweizer Millionärssohn, auf der anderen Seite haben wir den perversen Stasi­Schergen - verbindet sie dennoch eine bedeutende Gemeinsamkeit: Beide Charaktere sind aufgrund ihres Versuchs, den Idealen der Eltern im Konkreten gerecht zu werden, in den Mauern der Konformität gefangen. Sie sind Ja-Sager, Opportunisten und Feiglinge. Sie haben das Eigene aufgelöst, um in der Masse funktionieren zu können.

Die eigene Natürlichkeit, die eigenen Wünsche und Gefühle werden für das Mitschwimmen in der Gesellschaft aufgegeben. Der Körper wird infolge dieser Entwicklung zum Fremdkörper. Erst in der körperlichen Ekstase gelingt es beiden die Mauern der Konformität aufzubrechen und sich von den körperfeindlichen Normen und Werten ihresjeweiligen Milieus zu befreien.

Das Anliegen dieser Arbeit ist es, den Prozess der Körpererfahrung von Fritz Zorn und Klaus Uhltzscht genauer zu untersuchen. Dabei interessiert zunächst der Weg weg vom Körper: Wie kam es bei beiden Protagonisten zur körperlichen Selbstentfremdung? Welche Rolle spielen diesbezüglich die Eltern und was sind die konkreten Folgen ihrer Erziehung? Wir werden sehen, wie Fritz Zorn und Klaus Uhltzscht trotz unterschiedlichem Milieu ähnlich körperfeindlich sozialisiert werden. Auch wird die Frage nach dem Warum der ausgeübten Erziehung gestellt. Im weiteren Verlauf der Arbeit rückt das Selbstfinden der Protagonisten in der Mittelpunkt der Untersuchung. Beide brechen aus der Konformität aus. Wie gestaltet sich das Neuentdecken der eigenen Individualität und wie stehen Fritz Zorn und Klaus Uhltzscht dieser Neuentdeckung gegenüber? Sind ihre Emanzipationsversuche bewusst getroffene Entscheidungen? Auch die Folgen der von ihnen gemachten Körpererfahrung werden uns an dieser Stelle interessieren.

2 Die Körper Fritz Zorn und Klaus Uhltzscht in der Konformität

In diesem Kapitel wird der Weg der Protagonisten in die Selbstentfremdung untersucht. Wann und warum kommt es bei Fritz und Klaus zum Auflösen der eigenen Persönlichkeit und welche Werte rücken an Stelle des Individuellen in den Lebensmittelpunkt? Dabei soll auch untersucht werden, welche externen Faktoren auf Fritz und Klaus bei ihrer Selbstentwicklung wirken und welchen Einfluss diese auf beide haben.

2.1 Die Erziehung des Körpers des Klaus Uhltzschts

2.1.1 Bernhard und Lucie Uhltzscht

Bernhard Uhltzscht ist ein wortkarger Stasi-Mitarbeiter. Sein „größtes Talent“ ist das Verschwiegen-Sein, eine Fähigkeit, die für ihn aus zweierlei Sicht von Bedeutung ist: Zum einen ist sie die zwingende Voraussetzung für seine Tätigkeit im Staatsdienst und zum anderen die tatsächlich einzige Eigenschaft, mit der er sich gegenüber anderen auszeichnen kann. Bernhard und Gesellschaft bilden Dank seines „Talents“ eine produktive Gemeinschaft. Er als Subjekt kann sich selbst gewinnbringend in die Gesellschaft integrieren. Es ist daher nur konsequent - beinahe unumgänglich -, dass dieses „Talent“ auch die Erziehung seines Sohnes prägt. So muss Klaus feststellen: „Er sagte nicht mal meinen Namen! Niemals habe ich aus seinem Munde meinen Namen gehört!“[3] Bernhard „verschweigt“ seinen Sohn. Klaus findet in dem Leben seines Vaters lediglich als unausgesprochenes Übel statt. Im Grunde negiert Bernhard seinen Sohn, sein eigenes Fleisch und Blut, und - weitergedacht - auf diesem Weg auch sich selbst. Klaus ist nur das Objekt, die Spiegelfläche des gegen sich selbst Kämpfens des Vaters. Das Subjekt Klaus ist für Bernhard bedeutungslos. Klaus existiert nicht.

Das für den Vater nicht als Subjekt Existieren deutet Klaus als Zeichen dessen Geringschätzung. Dieses anfängliche Gefühl wird durch das Handeln Bernhards im Verlauf der Geschichte mehr und mehr bestätigt.

„Ein Vater, der so wenig an mich glaubte, dass er sich nicht mal der Anstrengung unterzog, einen vernichtenden Satz wie „Ach, aus dem Jungen wird doch nichts!“ zu Ende zu bringen; er winkte nach den Worten „Ach, aus dem Jungen...“ immer nur resignierend ab.“[4]

Die Versuche Klaus', sich aus diesem Zustand zu befreien, werden von Bernhard ignoriert bzw. gleich im Keim erstickt.

„Und als ich ihm jetzt endlich sagte, dass die Versuchsanordnung der AG Junge Forscher zur Bezirksmesse delegiert wurde, als ich ihm mit Stolz erzählte, dass ich als Standbetreuer eingesetzt werde, ich, ein Neunjähriger, wissen Sie, was er dazu sagte? Er schnippte mit dem Finger an die Knopfleiste meines Hemdes und sagte: „Bis dahin wirst du hoffentlich gelernt haben, wie man sich ordentlich anzieht.“[5]

Durch die Erziehung seines Vaters übernimmt Klaus Bernhards verquerere Wert- und Moralvorstellung. Im Zuge dessen entwickelt Klaus ein Bild von lebensnotwendiger Einsamkeit. Der Kampf des Vaters gegen den eigenen Körper, gegen seinen eigenen Sohn[6] und gegen die Außenwelt zeigt Klaus, dass alles Intime bedrohlich und gefährlich ist, da es automatisch zur Verwundbarkeit und Bedrohung des Eigenen führe.[7] Bernhard schafft auf diesem Weg ein lebensfeindliches Milieu, in das er Klaus hinein wirft und allein lässt.

Rettung aus diesem Milieu sieht Klaus bei seiner Mutter. Diese Zufluchtssuche führt allerdings zur eigenen, willenlosen Unterwürfigkeit. Da Lucie Uhltzscht ihren Sohn - anders als Bernhard - noch nicht aufgegeben hat, sieht sich Klaus verpflichtet, seiner Mutter bedingungslos zu gehorchen. Das Gesagte der Mutter wird für Klaus zur Doktrin. Jedes Hinterfragen könnte dazu führen, es sich auch mit der Mutter zu „verscherzen“.[8] „[Ich nahm] auch wirklich jede Anstrengung auf mich [...], um meine Mutter nicht zu enttäuschen.“[9] Klaus degradiert sich auf diesem Weg selbst zum Objekt. Er gibt sich und seine eigenen Bedürfnisse völlig auf bzw. kann diese nicht mehr vor den Eltern vertreten.[10]

„Mein Vater hatte die Angewohnheit, mir kommentarlos immer noch eine Scheibe Brot auf den Teller zu werfen, so dass mi]r nachdem meine Mutter Du willst doch groß und stark werden gesagt hatte, nichts anderes übrig blieb, als sie zu schmieren und zu essen.“[11]

Klaus findet auch bei der eigenen Mutter keine Liebe; er findet erneut Erziehung. „Das Fatale war nämlich, dass ich Erziehung mit Zuwendung verwechselte; sie auch.“[12] Klaus muss sich moralisch „richtig“ entwickeln.[13] Dazu bedarf es einer strengen und konsequenten Erziehung. Im Mittelpunkt dieser steht die Erziehung des Körpers, aus dem Grund, da für Lucie Uhltzscht als Hygieneinspektorin bzw. „Hygienegöttin“[14] v.a. das Natürliche als außerordentlich schmutzig - also unmoralisch - gilt. In der Folge lehrt sie Klaus, dass angemessenes Handeln in der Gesellschaft besondere Regeln im Umgang mit dem eigenen Körper verlangt.[15]

„Klaus“, sagte sie, als sie das Bad betrat, wo ich gerade mein großes Geschäft erledigt hatte, „merkst du was?“ Was meinte sie? [...] Sie hatte entgegen ihrer Angewohnheit nicht übers ganze Gesicht gestrahlt, als sie eintrat! Statt dessen zog sie die Stirn in Falten. [...] „Merkst du nichts?“ fragte sie erneut, hob die Nase und schnüffelte ein paarmal nach Luft ein. „Es schnuppert!“[...] Wie sollman ein Mann werden, wenn man sich sogar seiner selbstgekackten Scheiße schämen muss? Ich spülte seitjenem Tag sofort, wenn es platschte.“[16]

Natürlichkeit ist im Hause Uhltzscht etwas Unmoralisches. Alles Körperliche, jede sexuelle Erfahrung Klaus' wird von der Mutter kriminalisiert[17] und mit Hilfe von Hemmnissen wie Ekel, Schamgefühl, ästhetischen und moralischen Idealanforderungen bekämpft. Im Zuge dessen wird die körperliche, sexuelle Annäherung aber auch das Sprechen über Körperliches verboten.[18] Als Ergebnis dieser Erziehung entwickelt Klaus ein „pervertiertes Verständnis von sexueller Triebhaftigkeit“[19].

Die sexualfeindliche Haltung der Mutter wird besonders beim Umgang mit Klaus Penis deutlich: Der Penis ist für Lucie ein schändliches Körperteil. Er bedarf daher einer eigenen Behandlung. So erfordert das Waschen des Penis beispielsweise die Benutzung einer eigenen Seife. Klaus muss sich, um den Idealen seiner Mutter gerecht zu werden, der „Monofunktionalität“[20] seines Geschlechtsorgans bewusst werden.

„Aber irgendwie bugsierte ich meinen Steifen ins Badezimmer, schloss ab, zog die Hose herunter und staunte. Donnerwetter! Es konnte hochkommen, es konnte groß und hart werden. Ich wollte gerade versuchen, verschiedenen Dinge daran aufzuhängen - zum Beispiel meine Sandalen - , als meine Mutter die Klinke herunterdrückte. „Klaus, warum schließt du ab?“ Warum schließe ich ab? [...] Weil ich das Ding nur zum Pinkeln anfassen darf. Weil nur die Toilette der Ort für hygienisch heikle Handlungen ist. Weil mein Ding außerhalb des Klos überhaupt keine Daseinsberechtigung hat. [.] Ich schloss auf [...]. Dann sah sie, was sie nicht sehen sollte, und sagte: „Hast du wieder daran rumgespielt?“ „Nein!“ beteuerte ich. „Es geschah von allein!“ „Erzähl doch nicht“, erwiderte sie spöttisch.“[21]

Die naturfeindliche Haltung der Mutter ist allerdings nicht dienlich, um bestimmte Kulturen der Gesellschaft zu pflegen, sondern um Klaus zu unterwerfen.[22] Ihre Erziehung führt zu einer strukturellen Kopplung von Liebe und Gewalt. Intimität wird für Klaus zur Schmerzerfahrung.

Ähnlich wie Bernhard Uhltzscht, bekämpft auch Lucie Uhltzscht bei Klaus das Innen und Außen. Auch ihre Erziehung führt bei ihm zu einer einheitlichen Manipulierung des Körpers. So ist sie ständig bemüht, Klaus vor den „Gefahren der Welt“ zu warnen. Für sie scheint alles außerhalb des Hauses Befindliche für Klaus gefährlich. Allerdings raubt sie Klaus mit ihrem rührenden Schützen die Möglichkeit, sich außerhalb des Elternhauses und damit außerhalb des elterlichen Einflussbereichs zu bewegen. Ihre Erziehung ist daher kontraproduktiv[23]. Die Vorschriften und Verbote schützen Klaus nicht, sie werden für ihn zum hinderlichen Ballast und führen letztlich zur Asozialisierung. Klaus darf aus Sicherheitsgründen keinen Sport treiben, das Segeln und Fahrradfahren werden ihm verboten.

„Klaus, ich möchte nicht, dass du jetzt anfängst, dir ein Fahrrad zu bauen. Es gibt so viele Verkehrsopfer, die Radfahrer sind, und ich habe selbst erlebt, wie schnell ein Radfahrer unter die Räder kommen kann.“[24]

Es werden allein „didaktisch wertvolle Spiele“[25] gespielt. Diese helfen ihm allerdings nicht, im Alltag zu bestehen. Sein umfangreiches Bildungswissen kann seine soziale Inkompetenz nicht auffangen.

„Ich und die waren vermutlich zweierlei. [...] Diese Kinder redeten in einer völlig fremden Sprache. Konsequent von den Niederungen der Gosse abgeschirmt, geriet ich in ein Milieu, in dem berlinert wurde. [...] Ich trat von einem Bein aufs andere und verstand nichts. Völlige Hilflosigkeit, wenn einer auf mich zukam und mir nach der Lautfolge Mach ma hintn meen Hemde sauba, damit meene Mutta nich meckert! den Rücken zudrehte. Wie? Was?“[26]

Dadurch, dass die Mutter „immer nur das Beste“ für Klaus will, sich um seine Sicherheit kümmert, legitimiert sie ihren ständigen Zugriff auf die Freiheit von Klaus, sodass dieser das Gefühl erhält, ständig überwacht zu werden. „Ich war mir sicher, dass ich abgehört werde. [...] Irgend jemand hört dich! Irgend jemand macht sich seine Gedanken!“[27] Gebauer stellt diesbezüglich treffend fest: „Klaus ist umstellt von Prinzipien und Vorsichtsmaßnahmen, die ihn hindern, das zu tun, was er will.“[28] Er ist gefangen zwischen dem eigenen Opportunismus und den „Erziehungsgesetzen“ der Mutter. Besonders gut wird das Gefühl des Gefangen-Seins beim Gespräch der Eltern während des Abendessens sichtbar. Die Unterhaltung beider nimmt für Klaus Züge einer Gerichtsverhandlung an. Dabei ist er schuldig im doppelten Sinn. Zum einen wegen seiner Vergehen und zum anderen wegen des durch ihn ausgelösten Streits zwischen den Eltern. Klaus klagt sich an, wenn er sagt: „Wenn ich nicht wäre, würden sie in schönster Eintracht leben“[29]

2.1.2 Der erzogene Körper des Klaus Uhltzschts

Klaus Uhltzscht ist durch sein Bemühen um korrekten Umgang in einem Netz aus Geboten und Verboten gefangen. Da Klaus die Absurdität der familiären Ideale nicht hinterfragt, verhaftet er sich unumgänglich in deren lebensfeindlichem Milieu. Der Versuch, beiden Elternteilen im Konkreten gerecht zu werden, führt zur totalen Unterwürfigkeit Klaus'. Aus der Angst des Enttäuschens entspringt bei Klaus eine extreme Selbstverleugnung. Seine faktischen Schwächen und Fehler, seine Gefühle und Bedürfnisse, die zur Vervollständigung seines Wesens notwendig sind, werden unterdrückt bzw. bekämpft. Das von ihm inszenierte Mitfunktionieren in der Gesellschaft entfernt ihn dabei mehr und mehr von sich selbst. Auf diesem Weg entwickelt Klaus Komplexe. Sein eigener Körper, seine Gefühle und Begehren werden ihm rätselhaft. In der Folge wandert Klaus’ Selbsteinschätzung zwischen den beiden Extremen Größen- und Kleinheitswahn.[30] In Helden wie wir heißt es diesbezüglich: „Das ich mich immer so zerrissen fühlte! Dass ich immer glaubte, dass ich, wenn ich kein Genie werde, ein Versager sei!“[31] Nur selten gelingt es ihm, auf Übertreibungen zu verzichten. Gesteigert wird die übertriebene Selbstauffassung durch den kurzen Ruhm, den Klaus dank der Abbildung auf der Titelseite der NBJ als Naturforscher[32] genießt.[33] In Folge dessen Klaus jede seiner Handlungen - sei sie noch so belanglos - mit einer fiktiven Überschrift eines Zeitungsartikels kommentiert und so überhöht.[34]

Klaus' Kleinheitswahn ist nicht weniger als ein umgekehrter Größenwahn[35], da nach wie vor das Besondere von ihm betont wird. Gerade weil Klaus ein Sammelbecken aller erdenklichen Makel[36] ist, ist er eben nicht wie die anderen und daher einzigartig.

„Ich hatte den widerwärtigsten Namen, ich war der schlechtinformierteste Mensch, ich war Toilettenverstopfer, Sachenverlierer, Totensonntagsfick und letzter Flachschwimmer. Ich konnte mir nicht mal einen runterholen.“[37]

Klaus' Größenwahn wird darüber hinaus vom System gefördert. Es ermöglicht ihm, den Größenwahn der Ideologie des Staates auf das Persönliche zu übertragen.[38] Sein Größenwahn ist aus diesem Grund mit dem System der DDR kompatibel. Aus dem Erfolg des Individuums - auch wenn er wie im Falle von Klaus eher ein Zufall ist - wird ein Erfolg des Systems. Die Bedeutung des Erfolges des Individuums wird so ins Unendliche gesteigert. Die Verzerrung der Wirklichkeit geschieht in diesem Zusammenhang im Schutz des Pathos. Auf diesem Weg entlarvt Brussig „die Unangemessenheit des Pathos, mit dem [die Gesellschaft] einen in Wirklichkeit unspektakulären Alltag überzieht und diesen in eine Endloskette aus Haupt- und Staatsaktionen verwandelt.“[39]

2.2 Die Erziehung des Körpers des Fritz Zorns

2.2.1 Die Eltern Zorn

Die Erziehung der Eltern Zorn zeichnet sich durch eine omnipräsente Harmonie aus. Alles „Schlechte“ bzw. „Schwierige“ wird von Fritz ferngehalten. Leid und Unglück lernt Fritz an der Züricher Goldküste nicht kennen. Seine Jugend ist daher eine glückliche. Selbst sagt er, dass er sich „freilich kaum an besonders unglückliche Einzelheiten aus [s]einer Kindheit erinnre[n]"[40] kann. Seine Welt scheint über alle Maßen hinaus harmonisch zu sein. „Wenn ich mich nun also an meine Kindheit erinnern soll, so will ich zuerst sagen, dass ich in der besten aller Welten aufgewachsen bin.“[41] Seine „beste aller Welten“ scheint gar so harmonisch, dass es „selbst den ausgepichtesten Harmoniker [...] noch das große Grausen packen könnte.“[42] Meinungsverschiedenheiten, Streitigkeiten oder Diskussionen wurden um jeden Preis vermieden, da sie die innere Harmonie der Familie gefährdeten bzw. im schlimmsten Fall sogar zerstört hätten.[43] Das „Gute“ bestimmte die Familie Zorn.

„Es war bei uns immer ganz, ganz ruhig; es konnte niemand durch diese Ruhe gestört werden. Es braucht uns niemand „Ruhig!“ zurufen, denn wir waren es schon. Und eben weil wir niemanden und niemandes Ruhe störten, waren wir comme il faut. Und das war unsere Tugend.“[44]

„Ich glaube, das war gerade das Schlimme: dass immer alles zu gut ging.“[45] Es galt „Harmonie oder Nichtsein."[46] Jeder hatte sich diesem Wert zu unterstellen. D.h., ein Zorn muss seine Meinung, seine Bedürfnisse und Wünsche dem familiären Konsens anpassen. Sollten sich dennoch Konflikte entwickeln, wurden diese mit der Erklärung des an einander vorbei Redens entwaffnet. Die Ursache der Streitigkeiten sind unglückliche Missverständnisse, die es gilt, aus der Welt zu schaffen. Geschieht dies, erkennen die beiden Streitenden bald, dass sie im Grunde der gleichen Meinung sind und lediglich aneinander vorbei geredet haben.

„Wenn wir hier als Beispiel den Termin für eine bestimmte zu erledigende Sache annehmen wollen, so konnte es meiner Mutter unvorsichtigerweise passieren, dass sie als Stichtag etwa den Dienstag vorschlug. Zog dann mein Vater aber den Freitag vor [...], so war es meiner Mutter ein leichtes, sich plötzlich einfallen zu lassen, dass der Freitag eigentlich noch viel besser passe als der Dienstag, dass er dem Dienstag in jeder Hinsicht vorzuziehen sei und dass im Grunde genommen der Dienstag gar nicht in Frage kommen könne.“[47]

2.2.2 Der erzogene Körper des Fritz Zorns

Fritz Zorns Leben wird, durch die Erziehung der Eltern geprägt, von einer allgegenwärtigen Harmonie bestimmt. Meinungsverschiedenheiten existieren in der Familie Zorn nicht bzw. werden - wie vorausgehend gezeigt - wieder in Harmonie aufgelöst. Dies evoziert bei Fritz ein Gefühl des allgemeinen Konsens. Jeder besitzt die gleiche Meinung und keiner eine eigene. Das Wort „Nein“ wird in diesem Zusammenhang nutzlos. Fritz bezeichnet sich selbst als „perfekt erzogener Jasager."[48]

„In der Welt, in der ich lebte, wusste ich, dass ich traditionellerweise um keinen Preis stören oder auffallen durfte. Ich wusste, dass ich korrekt und konform sein musste, und vor allem - normal. So wie ich die Normalität aber verstand, bestand sie daraus, dass man nicht die Wahrheit sagen, sondern höflich sein soll. Ich war mein ganzes Leben lang lieb und brav [.. ,].“[49]

Er passt sich der Umgebung selbstlos an. Das Eigene wird für ein Mitfunktionieren in der Gesellschaft aufgelöst. Jede eigene Regung hat sich der Allgemeinheit zu unterstellen. Fritz wird unfähig, individuell zu handeln. Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche werden für Fritz bedeutungslos. Die konservativ-bürgerliche Harmonie seines Milieus wird für Klaus daher zu der körperfeindlichen Mauer, „die [ihn] vom realen Leben abtrennt. In ihrem Bannkreis herrscht die tradierte Rangordnung von Geld, Reichtum, Sicherheit, Ordnung, Angepasstheit [...] und vor allem Ruhe über die verschiedenen Formen menschlicher Beziehungen und Gefühle, Zärtlichkeit, Kontakt, Lachen, Lärm und so weiter.“[50] Zorns Erkenntnis lautet daher: „Man könnte es paradoxerweise so sagen: Eben dass ich mich innerhalb der besten Welten befand, das war das Schlechte[...]"[51]

Das Perfekte führt im Hause Zorn zu einer Entfremdung vom Menschlichen.

[...]


[1] Dr. Fritz Fürchtegott Angst hat seinen Namen im Prozess des Schreibens abgelegt und sich fortan Fritz Zorn genannt. Im folgenden wird daher für den bürgerlichen Namen Fritz Fürchtegott Angst der Name Fritz Zorn verwendet.

[2] Süddeutsche Zeitung, zitiert nach Zorn: Mars, s. Klappentext.

[3] Brussig: Helden wie wir, S. 10.

[4] Siehe. ebd., S. 10.

[5] Siehe. ebd., S. 12.

[6] Der Kampf des Vaters gegen seinen Sohn wird vor allem an der ständigen Fehlersuche Bernhards deutlich. Wenn er mit Klaus spricht, dann nur, um diesen auf seine gemachten Fehler hinzuweisen. „So, und wer hat hier den Vorhang wieder mal nicht zugezogen“ (Brussig: Helden wie wir, S. 12).

[7] Qafoku: Intimität, Sexualität, Beziehungsunfähigkeit, S. 39.

[8] Klaus' spät gezeigter Hass auf Lucie Uhltzscht oder Christa Wolf entsteht aus der starken Abhängigkeit zu diesen. Bei Eicke heißt es: „Das Kind richtet auf die Mutter [...] Hassgefühle, die wegen der Abhängigkeit zur Mutter bestehen [...]“ (Ei>

[9] Brussig: Helden wie wir, S. 43.

[10] Vgl. Gebauer: Wendekrisen, S. 72.

[11] Brussig: Helden wie wir, S. 33.

[12] Siehe. ebd., S. 43.

[13] Vgl. Qafoku: Intimität, Sexualität, Beziehungsunfähigkeit, S. 22.

[14] Siehe. ebd., S. 25.

[15] Symbolisch für Lucies gescheiterte Aufklärungsversuche steht folgende Szene. Auf das Thema Sexualität von Klaus angesprochen, flüchtet sie sich in einen Vortrag über griechische Kunstgeschichte. Der Verweis in die griechische Antike führt allerdings nur dazu, dass Klaus weiter sexuell verblödet (Brussig: Helden wie wir, S. 90).

[16] Siehe. ebd., S. 44.

[17] Vgl. Siehe ebenda.

[18] Vgl. Neuhaus, Stefan: Sexualität im Diskurs der Literatur, S. 170.

[19] Vgl. Qafoku: Intimität, Sexualität, Beziehungsunfähigkeit, S. 38.

[20] Kluwe: Kein schöner Schwanz zur Wendezeit.

[21] Brussig: Helden wie wir, S. 67-68.

[22] Vgl. Qafoku: Intimität, Sexualität, Beziehungsunfähigkeit, S. 22.

[23] Vgl. Gebauer: Wendekrisen, S. 70.

[24] Brussig: Helden wie wir, S. 86.

[25] Siehe. ebd., S. 14.

[26] Siehe. ebd., S. 32.

[27] Siehe. ebd., S. 220.

[28] Vgl. Gebauer: Wendekrisen, S. 70.

[29] Brussig: Helden wie wir, S. 37.

[30] Hervorgehoben werden Größen- und Kleinheitswahn oft durch Superlative und Kursivschrift. Der Wahn erhält den Schlagzeilencharakter einer Tageszeitung. Es scheint, als müsse die Presse, täglich von der Besonderheit Klaus' berichten. Auf diesem Weg wird Klaus' Größenwahn ins Unendliche gesteigert.

[31] Brussig: Helden wie wir, S. 45.

[32] Siehe. ebd., S.13.

[33] Vgl. Gebauer: Wendekrisen, S. 81.

[34] Brussig: Helden wie wir, S. 15.

[35] Vgl. Gebauer: Wendekrisen, S. 83.

[36] Vgl. Simanowski: DDRals Dauerwitz, S. 160.

[37] Brussig: Helden wie wir, S. 93.

[38] Vgl. Qafoku: Intimität, Sexualität, Beziehungsunfähigkeit, S. 42.

[39] Gebauer: Wendekrisen, S. 81.

[40] Zorn: Mars, S. 26.

[41] Siehe. ebd., S. 26.

[42] Siehe. ebd., S. 28.

[43] Vgl. Lynen: Fritz Zorn, S. 3.

[44] Zorn: Mars, S. 207.

[45] Siehe. ebd., S. 26.

[46] Siehe. ebd., S. 28.

[47] Siehe. ebd., S. 39.

[48] Siehe. ebd., S. 28.

[49] Zorn: Mars, S. 135.

[50] Schurian: Ein bürgerliches Trauerspiel, S. 73.

[51] Zorn: Mars, S. 27.

Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
Ekstasen der Körperlichkeit
Untertitel
Fritz Zorns Autobiographie "Mars" und Thomas Brussigs Roman "Helden wie wir"
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Germanistik)
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
51
Katalognummer
V177003
ISBN (eBook)
9783640984367
ISBN (Buch)
9783640984251
Dateigröße
612 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fritz Zorn, Brussig, Thomas Brussig, Helden wie wir, Mars, Körperlichkeit, Ekstase, Individuum
Arbeit zitieren
Hans Erdmann (Autor), 2011, Ekstasen der Körperlichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/177003

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