Selbstüberredung zum Leben in: „Der Atem – Eine Entscheidung“ von Thomas Bernhard


Hausarbeit, 2011

16 Seiten, Note: 1, 7

Phyllis Hoofe (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Schlüsselerlebnisse als Instanzen der Selbstüberredung zum Leben

3. Hören zur Teilhabe am Leben, Atmen aus Überzeugung und Gedanken als Existenz rettend

4. Überleben durch die gelenkte Selbstwahrnehmung

5. Bezugspersonen

6. Erkenntnisse

7. Zusammenfassung und Fazit

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

Als der Großvater schwer erkrankt tut es ihm sein Enkel, Bernhard, gleich und wird, im Alter von 18 Jahren im Jahre 1949, ebenfalls von einer ernsthaften Erkrankung heimgesucht. Bernhard schildert, dass ihm „Jetzt…klar geworden…“[1]sei „…daß…“[2]ihn seine, „…den halben Winter ignorierteVerkühlung,in das Krankenhaus hereingebracht hatte.“[3]„Ich war dem Großvater in das Krankenhaus nachgefolgt.“[4], erklärt Bernhard und wird sich in Folge seiner Formulierung der bewussten Entscheidung, beim Großvater sein zu wollen, gewahr. In dem „…existenznotwendigen Denkbezirk…“[5], als welchen der Großvater das Krankenhaus in den Kontext des Lebens eines Künstlers, insbesondere Schriftstellers,[6]einzugliedern versteht, durchläuft Bernhard den Prozess des Erwachsenwerdens. Elementare Entscheidungen, wie die, überleben zu wollen, und das nur zu können, wenn er weiteratmete oder Bernhards Erkenntnis seine Selbstformation betreffend „…ich– Werden…“[7]zu „…wollen.“[8]dienen ihm in seiner Entwicklung.[9]Der Großvater ist ihm dabei eine bedeutsame Instanz. Indem Bernhard ihm ins Krankenhaus nachfolgt, folgt er ihm an den Rand der Existenz. Bernhard benötigt genau diese Grenzerfahrung, um zu erkennen, was er noch vor sich hat und es sich aufgrund dessen lohnt weiterzuleben, auch wenn der ihm liebste Mensch, sein Großvater, verstirbt. Am Ende Bernhards „…erster Existenz…“[10], womit seine „…zweite…“[11]beginnt, erkennt er, dass er in der „…Elementarschule, schließlich…Hochschule…“[12], die ihm sein Großvater bot, genug gelernt hat um darauf sein eigenes selbstbestimmtes Leben errichten zu können. Generell trifft Bernhard seine Grundsatzentscheidungen einsam,[13]was sich wohl in seiner künstlerisch–intellektuellen Lebensphilosophie, deren Umkehrschluss die Isolation ist, begründet.[14]Die zweite Überschrift des Werkes von Thomas Bernhard „Eine Entscheidung“, definierbar als die Festlegung eines Weges unter mehreren,[15]spielt in gleichem Maße eine zentrale Rolle für Bernhards Kampf ums Überleben und seine Selbstfindung, wie die Selbstüberredung zum Leben. Mittels dieser Arbeit soll nun geklärt werden, ob das Weiteratmen und Weiterleben durch die Selbstüberredung Bernhards zum Leben in „Der Atem – Eine Entscheidung“ von Thomas Bernhard erreicht wird.

2. Schlüsselerlebnisse als Instanzen der Selbstüberredung zum Leben

Als die nasse Wäsche im Badezimmer gerade so Mund und Nase des jungen Patienten Bernhard verfehlt, beschließt er, den finsteren Vorgängen im Krankenhaus zum Trotz rebellisch weiterzuleben.[16]

„Plötzlich fällt die nasse und schwere Wäsche,…auf mich. Zehn Zentimeter, und die Wäsche wäre auf mein Gesicht gefallen, und ich wäre erstickt. …Jetztwill ich leben.“[17]

Die dargebotene Art und Weise, auf welche der Protagonist eine Entscheidung, die pure Existenz betreffend, fällt, kennzeichnet dabei weniger einen Entwicklungsprozess, als eine starke Entschlussfreudigkeit. Deutlich wird dies wenn Bernhard erklärt, dass er sich „Von zwei möglichen Wegen…in dieser Nacht in dem entscheidenden Augenblick für den des Lebens entschieden…“[18]hatte. Für ihn war es somit „Unsinnig darüber nachzudenken, ob diese Entscheidung falsch oder richtig ist.“[19]Gleichermaßen führt die Beobachtung des würdelosen Abtransports eines zu atmen aufgehört habenden Mitpatienten, durch die „…graugekleideten Männer von der Prosektur…“[20], Bernhard zur unverzüglichen Entscheidung nun weiterleben zu wollen.[21]Erneut führt er mit dem Temporaladverb „Plötzlich…“[22]auf die Tatsache hin, dass der „…Atem des Mannes…“[23]vor ihm „…aufgehört…“[24]habe. Bernhard wird sich der Signifikanz seines eigenen Atems, auf Grund seiner Beobachtung dieses sterbenden Mannes in Folge von Atemstillstand, bewusst.[25] Prompt folgt die Resolution:[26]

„Ich will nicht sterben, denke ich.Jetztnicht. … Ich wollteleben,alles andere bedeutete nichts. Leben, und zwarmeinLeben,wie und solange ich es will.Das war kein Schwur, das hatte sich der, derschon aufgegeben gewesen war,in dem Augenblick, in welchem der andere vor ihm zu atmen aufgehört hatte, vorgenommen. “[27]

„Gegen Abend…“[28] erkennt Bernhard „…zum erstenmal einen Menschen…“[29], seinen Großvater, der neben ihm auf einem Sessel sitzend seine Hand hält, ihm somit Halt, Schutz, Sicherheit und Geborgenheit gewährt,[30]und durch die Zusicherung dieser fürsorglichen Wärme in Bernhard einen Keim des Willens zum Weiterleben setzt. Ein „…nicht gekannter, unglaublicher Existenzantrieb…“[31]wiederfährt ihm im Zuge des Todes seines Großvaters. Indes er sich darüber bewusst wird „…allein zu sein und aus sich selbst heraus weiterzugehen.“[32], somit seine „…erste Existenz…“[33]als abgeschlossen…“[34]empfindet und seine „…zweite…“[35]als die beginnende, unterstreicht Bernhard die Beendung seiner Adoleszenzphase.[36]Die Tatsache, dass der Großvater „…plötzlich tot war…“[37]brachte die Entlassung Bernhards aus seinem Unterricht mit sich, der „…eine Elementarschule, schließlich eine Hochschule gewesen…“[38]war.[39]Bernhard begründet so die Grundlagen, die er sich in der Schule des Großvaters für sein Leben als Erwachsener hatte aneignen können.[40]In Folge des neuen Lebensgefühls verspürt Bernhard die absolute Gewissheit seine Krankheit bereits besiegt zu haben.

„Von dem Augenblick…hatte ich die Auseinandersetzung mit meiner Krankheit gewonnen.“[41]

3. Hören zur Teilhabe am Leben, Atmen aus Überzeugung und Gedanken als Existenz rettend

Schwer atmend und entkräftet, dadurch „…vollkommen bewegungsunfähig…“[42], harrt Bernhard in seinem Krankenbett aus. Kaum fähig seinen Kopf zu heben ist es ihm nicht möglich die Geschehnisse, die ihn umgeben, mit eigenen Augen wahrzunehmen. Um weiterhin am Leben partizipieren zu können, wenn auch an einem tristen Teil des Lebens, von welchem sich das Krankenhaus überschattet zeigt, übernehmen seine Ohren eine zentrale Rolle. So weist Bernhard darauf hin, dass er „…Den Mann…sterbengehört, nicht sterbengesehen...“[43]hatte. Auch das Atmen erhält damit einen zentralen Stellenwert.[44]Von Bernhard wird es in enger Verknüpfung zu Geist und Körper erfahren. Indem Atmen, eine dem Körper eigene, somit die natürlichste und selbstverständlichste Eigenschaft bildend, von Bernhard als Grenzerfahrung erlebt wird, stellt es für ihn etwas Künstliches dar. Bernhard muss seinen Körper zum Atmen disziplinieren, wenn er „…weiteratmen und weiterleben…“[45], und nicht, wie er formuliert, „…wie der andere…aufhören…“[46]wollte „…zu atmen.“[47]Bernhard fügt dem hinzu, dass, wenn er „…nur einen Augenblick in diesem...Willen nachgelassen…hätte…“[48], er „…keine einzige Stunde länger…“[49]gelebt haben würde. Überdies repräsentiert das Atmen für ihn ein Mittel der Autonomie. Bernhard demonstriert dies, indem er argumentiert „…die sicher auf seinen Tod eingestellte Schwester…“[50]nur durch sein Weiteratmen „…zwingen…“[51]zu können ihn „…aus dem Badezimmer heraus- und in den Krankensaal zurückführen zu lassen….“[52]Desweiteren lässt sich die Überzeugung Bernhards der Mündigkeit durch Atmen der Möglichkeit einer aktiven Wahl zuschreiben, bei der er sich für den „…Lebensweg…“[53], der „…den Vorteil der Selbstbestimmung…“[54]zur Folge hat, entscheidet, auch wenn „Der Weg in den Tod…leicht gewesen…“[55]wäre. Offenkundig wird jenes in folgender Aussage:

[...]


[1]Thomas, Bernhard: „Der Atem – Eine Entscheidung“, München 2008, S. 15.

[2]Ebd., S. 15.

[3]Ebd., S. 15.

[4]Ebd., S. 15.

[5]Ebd., S. 49.

[6]Ebd., S. 48.

[7]Ebd., S. 121.

[8]Ebd., S. 121.

[9]Vgl. ebd., S. 18.

[10]Ebd., S. 85.

[11]Ebd., S. 85.

[12]Ebd., S. 84.

[13]Vgl. Iris, Hammann: Der Atem als Metapher bei Thomas Bernhard, Hannover 1992, S. 97 – 98. Zum Beispiel entscheidet sich Bernhard gegen die Funktion der Schwestern, die aus dem Warten auf den Eintritt des Todes der Patienten in Folge von Atemstillstand bestehe, weiter zu atmen. vgl. Barth,Lebenskunst,S. 156.

[14]Vgl. Raingard, Multer: Künstler- und Kunstproblematik im Werk von Thomas Bernhard: Gegen Aura – Verlust und Warencharakter der Kunst, Los Angeles 1991, S. 28.

[15]Vgl. Hammann,Der Atem als Metapher, S. 97 – 98.

[16]Der Überlebenswille verbindet sich mit einer rebellischen Energie sozialer Art. Thomas, Anz (2011): Initiationsreisen durch die Krankheit und Ästhetik der Grenzerfahrung - Aus Anlass von Thomas Bernhards 15. Todestag, http://www.literaturkritik.de/public/Bernhard_Krankheit.php,Rev.03.03.2011.

[17]Bernhard,Atem, S. 16.

[18]Ebd., S. 17.

[19]Ebd., S. 17.

[20]Ebd., S. 17.

[21]Vgl. Markus, Barth: Lebenskunst im Alltag, Wiesbaden 1998, S. 147, vgl. Herbert, Grieshop: Rhetorik des Augenblicks – Studien zu Thomas Bernhard, Heiner Müller, Peter Handke und Botho Strauß, Würzburg 1998, S. 56.

[22] Bernhard,Atem, S. 17, vgl. Barth,Lebenskunst, S. 147.

[23] Bernhard,Atem,S. 17.

[24] Ebd., S. 17.

[25]Vgl. Hammann,Der Atem als Metapher, S. 79.

[26]Aus Bernhards präziser Beobachtung des Atemstockens des anderen Todeskandidaten erwächst sein Wille zum Überleben. Vgl. Franz, Lennartz: Deutsche Schriftsteller des 20. Jahrhunderts im Spiegel der Kritik Band I, 1984 Stuttgart, S. 136.

[27]Bernhard,Atem,S. 17.

[28]Ebd., S. 18.

[29]Ebd., S. 18.

[30]Vgl. ebd., S. 18.

[31]Ebd., S. 83.

[32]Ebd., S. 83.

[33]Ebd., S. 85.

[34]Ebd., S. 85.

[35]Ebd., S. 85.

[36]Bernhard geht in eine neue Existenz über. Vgl. Franz, Lennartz:Schriftsteller des 20. Jhd., S. 136.

[37]Bernhard,Atem, S. 84.

[38]Ebd., S. 84.

[39]Vgl. ebd., S. 84.

[40]Vgl. ebd., S. 84.

[41]Vgl. ebd., S. 83.

[42]Ebd., S. 20.

[43]Ebd., S. 20.

[44]Vgl. Hammann,Der Atem als Metapher, S. 80 – 81.

[45]Bernhard,Atem, S. 18.

[46]Ebd., S. 18.

[47]Ebd., S. 18.

[48]Ebd, S. 18.

[49]Ebd., S. 18.

[50]Ebd., S. 18.

[51]Ebd., S. 18.

[52]Ebd., S. 18.

[53]Ebd., S. 18.

[54]Ebd., S. 18.

[55]Ebd., S. 18.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Selbstüberredung zum Leben in: „Der Atem – Eine Entscheidung“ von Thomas Bernhard
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1, 7
Autor
Jahr
2011
Seiten
16
Katalognummer
V177092
ISBN (eBook)
9783640986293
ISBN (Buch)
9783640986392
Dateigröße
578 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
selbstüberredung, leben, atem, eine, entscheidung“, thomas, bernhard
Arbeit zitieren
Phyllis Hoofe (Autor), 2011, Selbstüberredung zum Leben in: „Der Atem – Eine Entscheidung“ von Thomas Bernhard, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/177092

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