Die Entwicklung des Tugendbegriffes von der Antike bis zur Gegenwart


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Tugendbegriff in der Antike
2.1 Der vorsokratische Tugendbegriff
2.2 Sokrates und Platon
2.3 Aristoteles
2.4 Die Tugend in der stoischen Lehre

3. Der Tugendbegriff in der christlichen Ethik
3.1 Die Tugend in der Bibel
3.2 Die Tugendlehre im Mittelalter

4. Neuzeitliche Gesichtspunkte der Tugendlehre
4.1 Der Tugendbegriff in der frühen Neuzeit bis zur französischen Revolution
4.2 Deutscher Rationalismus und Idealismus
4.3 Deutungen des 20. Jahrhunderts

5. Fazit und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Täglich geht eine wahre Informationsflut auf uns nieder. Im Fernsehren können wir live die Ereignisse rund um die Welt erleben. Permanent wird uns dabei eine objektive, neutrale Berichterstattung versprochen. Doch oft bleibt die Wahrheit im dunkeln, die Nachrichten werden zensiert, mitunter manipuliert, und dienen meist nur zur Beeinflussung der Menschen. Ihnen wird jeden Tag vorgegeben, was richtig und was falsch, wer gut und wer böse ist. Viele Menschen können damit leben, ist es doch bequem, sich mit Problemen nicht auseinander setzten zu müssen, sondern sich vorgefertigten Meinungen anzuschließen. Ist dies auch der Grund für das mangelnde Interesse an einer Diskussion um den Tugendbegriff? Oder ist die Ablehnung in dem verstaubtem Image des Begriffes begründet?

Dass es in den letzten Jahren doch ein Interesse an einer Diskussion gibt, zeigt zum Beispiel die populistische Publikation „Das Buch der Tugenden“ von Ulrich Wickert.1 Beachtung erhält der Tugendbegriff außerdem durch die neu entstandenen Probleme der Globalisierung. Gentechnik, Massentierhaltung, Umweltschutz und viele andere Themen erfordern eine Diskussion der Tugendethik.2

In dieser Seminararbeit soll die Veränderung des Tugendbegriffes, dessen Interpretation und die Diskussion um ihn, von der Antike bis zur Gegenwart betrachtet werden. Natürlich kann eine solche Darstellung nicht vollständig sein, zu groß ist die Zahl der Menschen, die sich mit dem Thema beschäftigt haben.

Für die Bearbeitung der Seminararbeit wurde folgende Literatur verwendet: Zunächst einmal natürlich die Standardnachschlagewerke der Philosophie, z.B. das „Metzler- Philosophie Lexikon“ von Prechtl/ Burkhard oder das „Philosophische Wörterbuch“ von Stockhammer. Auch das „Historisches Wörterbuch“ zur Philosophie von Rotter/ Virt ist sehr ausführlich und umfangreich. Ein kompaktes Werk zur Ethik allgemein ist Martin Honeckers „Einführung in die theologische Ethik“. Das Buch „Grundbegriffe der christlichen Ethik“ von Wils/ Mieth ist sehr ausführlich, aber auch schwer verständlich. Zuletzt möchte ich noch auf 2 unterhaltsame Werke hinweisen. Zum einen ist dies „Was taugt die Tugend“ von Anselm Winfried M ü ller, der in einer interessanten und leicht verständlichen Art und Weise das Thema bearbeitet. Zum anderen das Buch „Die Biologie der Tugend, warum es sich lohnt, gut zu sein“ von Matt Ridley, welcher die biologischen Zusammenhänge der Tugendethik erforscht hat.

2. Der Tugendbegriff in der Antike

2.1 Der vorsokratische Tugendbegriff

Zum wahrscheinlich ersten Mal werden Tugenden in den Homerischen Epen erwähnt, wenngleich nicht in der späteren Bedeutung moralischer Eigenschaften. Obwohl es eine Vielzahl von Tugenden gibt, zum Beispiel die der Götter, der Frauen oder der Tiere, so existiert kein Tugendkatalog. Charakterzüge wie Stärke, Erfolg oder Durchsetzungsvermögen machen die Arete3, hauptsächlich des Mannes, aus, und führen zu Ruhm und Ehre. In diesem Sinne ist die „körperliche Vortrefflichkeit des Mannes als Athlet, Krieger oder Sippenvorstand“ tugendhaft.4 Auch für Tyrtaios ist die Leistungsfähigkeit im Krieg die wichtigste Tugend, alle anderen sind zweitrangig. Hier zeigt sich zum ersten Mal ein politisch- soziales Kriterium der Arete, denn das Wohl der Gemeinschaft steht im Vordergrund, nicht der Ruhm des einzelnen Individuums.

Die vorsokratischen Philosophen hatten also kein Interesse an der Frage, was die Arete eigentlich sei, sie stellten lediglich einige Ausprägungen dar.5

Die Frage nach der Arete, genauer gesagt, der Weg zum erstrebten Glücklichsein, wird erst in der Sophistik zentrales Thema der Philosophie. Ab dieser Zeit herrschte die Meinung unter den antiken Philosophen, dass Arete dem Menschen zu seinem letztendlichen Lebensziel verhilft - dem glücklich sein. Protagoras versteht das Gutsein politisch, ein guter Bürger ist ausgezeichnet durch „Klugheit sowohl in den eigenen, privaten Angelegenheiten (...) als auch in den Angelegenheiten der Stadt.“6 Gegensätzlicher Meinung ist Kallikles, welcher die Arete des Individuums darin sieht, frei und ungebunden zu sein, Macht und Begierde auslebend. Gerechtigkeit und Besonnenheit widersprächen der Natürlichkeit.

Trotz gegenteiliger Interpretationen ist das Grundverständnis der Arete bei den Philosophen gleich, denn Arete besitzt derjenige, der sich so verhält, wie es für sein persönliches Glücklichsein notwendig ist.

2.2 Sokrates und Platon

Nach Sokrates macht das Gutsein die Verfassung der Seele aus, nicht die körperliche. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern hinterfragte er erstmals, was die Tugenden denn eigentlich seien. Seiner Meinung nach bestehen sie alle aus einem Wissen, mit dem zum Beispiel der Gerechte wie auch der Tapfere ausgezeichnet ist. Für seinen Schüler Platon ist Gutsein eine Form des „rechten Wissens“ und somit durch Bildung erlernbar.7 Anders ausgedrückt ist Arete das Wissen darüber, was Glück ist und wie man es erlangt.8 Die durch die Intellektualisierung des Tugendbegriffes aufgeworfene Frage, was dieses Wissen nun eigentlich sei, diskutiert Platon in seinen Dialogen. Um Arete inhaltlich bestimmen zu können ist zu beweisen, dass sie glückszuträglich sei. Doch dies ist schwierig, denn das Erlangen der Erkenntnis, was Glück oder das Gute überhaupt ist, hält Platon für nicht erreichbar. In seiner Politeia stellt Platon erstmals eine Tugendkatalog auf. Nach Vorbild des Staates entdeckt er die Tugenden Weisheit, Tapferkeit und Maßhaltung, die ihre Entsprechung in den Ständen des Staates (Lehrstand, Wehrstand und Nährstand) bzw. in den Körper- und Seelenteilen (Geist, Gemüt, Leidenschaft9 ) finden.10 „So entspringen dem vernünftigen Seelenteil die Einsicht und Weisheit, dem muthaften die Tapferkeit und dem triebhaft-begehrendem die Mäßigung.“11 Die höchste der Tugenden ist die Gerechtigkeit, welche erst dann entstehen kann, wenn die anderen drei harmonisieren. Trotz der verschiedenen Ausprägungen gibt es nur ein Wissen, es wird nur in den verschiedenen Lebensbereichen angewendet. Daher ist es auch nicht möglich, eine Tugend ohne die andere zu haben. Inhaltlich definiert Platon die einzelnen Tugenden kaum. Er beantwortet ebenso die Frage nach der Lehrbarkeit nicht eindeutig. „Wissen“ kann man nicht wie eine Ware von jemanden anderen übernehmen, wohl aber durch Gewöhnung und Übung erlangen. Dieses Privileg hat nicht jeder, denn bestimmte „Anlagen“ sind als Voraussetzung nötig.

Für das Erlangen von Arete sind laut Platon Einheit und Harmonie der Seele von großer Bedeutung. Die Bedingung dafür ist, zu wissen, was das Gute ist. Erst durch diese Erkenntnis kann das eigene Handeln auf das Gute ausgerichtet sein, und die Affekte und Antriebe beschränkt werden. „Die gute Seele ist also durch den rationalen Seelenteil und sein Wissen dominiert.“12

2.3 Aristoteles

Die erste wissenschaftlich verfasste Ethik, die Nikomachische Ethik des Aristoteles, soll hier näher betrachtet werden. Aristoteles entwickelt die Einsicht seines Lehrers Platon, dass jede Gegenstandsklasse durch eine bestimmte Hervorbringung charakterisiert ist, weiter. Gewisse Gegenstände sind gut, wenn sie ihre Hervorbringung gut realisieren.13 Diese Erkenntnis überträgt Aristoteles auf den Menschen. Die spezifische Hervorbringung des Menschen ist seine Vernunftbegabung, realisiert er diese gut, besitzt er menschliche Arete. Diese Einsicht setzt spezielle Kenntnisse der menschlichen Seele voraus. Laut Aristoteles ist diese zweigeteilt, in einen vernünftigen- und in einen nicht- vernünftigen Teil. Beide Teile sind an den Handlungen des Menschen beteiligt. Zum einen muss das Ziel der Handlung erkannt werden (Logikon), zum anderen muss eine handelnde Kraft in Gang gesetzt werden (Alogon). Gehorcht der nicht- vernünftige dem vernünftigem Teil, steuert also das Logikon das Alogon, befindet sich die Seele in einem Gleichklang. Diesen Zustand nennt Aristoteles Selbstbeherrschung, die Steuerung der Kraft durch die Vernunft. Dem gegenüber steht die Unbeherrschtheit, das Logikon kann das Alogon nicht steuern. Das richtige Verhalten ist dem Menschen nicht angeboren, er muss vielmehr dazu erzogen werden. Der erkennende Teil der Seele wird durch Einsicht in die Ziele des Edlen, des Guten und des Nützlichen belehrt, das Alogon dagegen kann nur eingeübt werden. Das Ergebnis ist eine Haltung, ein Ethos. Aristoteles ist damit der Begründer der Lehre von den Tugenden.14 Er greift die vier Kardinaltugenden des Platon wieder auf: Weisheit, Tapferkeit, Beherrschung sowie die alles vereinende Gerechtigkeit. Die Tugenden werden in zwei Gruppen geteilt. Zu den Verstandestugenden zählen Weisheit und Klugheit, zu den Charaktertugenden Tapferkeit, Besonnenheit, Gerechtigkeit, Freigiebigkeit, Großzügigkeit und Großgesinntheit. Wer gut ist, dessen Affekte reagieren auf Sachverhalte angemessen, das heißt, sie finden die richtige Mitte zwischen Zuviel und Zuwenig. Ein Beispiel soll die Lehre von der richtigen Mitte (Mesotes-Lehre) verdeutlichen: Angesichts sinnlicher Lust liegt die richtige Mitte bei der Besonnenheit, d.h. der Mäßigung. Wer zuviel Lust genießt und sich derer nie enthält ist zügellos, die

Unterdrückung jener führt allerdings zur Empfindungslosigkeit. Das richtigen Handeln ist für Aristoteles also die Mitte zwischen zwei Extremen, keinesfalls allerdings das Mittelmaß oder der Mittelweg. Vielmehr ist mit Mitte das Richtige gemeint, und richtig ist, was die Vernunft als richtig erkennt.15 In diesem Sinne hat Aristoteles die einzelnen Tugenden beschrieben: Tapferkeit ist zum Beispiel die Mitte zwischen Tollkühnheit und Feigheit, Großzügigkeit die zwischen Geiz und Verschwendung. Entscheidend ist also das richtige Maß, weder Gefühllosigkeit noch übermäßige Gefühle sind ethisch richtig, auf Handlungsentscheidungen sollen Affekte weder zu wenig noch zu viel Einfluss haben.

Eine besondere Bedeutung hat die Klugheit. „Der Kluge scheint das für ihn Gute und Zuträgliche recht überlegen zu können, nicht das Gute im einzelnen, etwa was für die Gesundheit oder die Kraft gut ist, sondern was das gute Leben im ganzen angeht.“16 Der Kluge kann also erkennen, welche Handlungen glückszuträglich sind, und welche nicht. „Also ist die Klugheit notwendigerweise ein mit richtiger Vernunft verbundenes handelndes Verhalten im Bezug auf die menschlichen Güter.“17 Aristoteles betont, dass keine Tugend ohne Klugheit ist, widerspricht aber Sokrates, welcher in allen Tugenden nur eine Form der Klugheit sieht. Des weiteren hebt Aristoteles die Gerechtigkeit besonders heraus. Der Gerechte will, im Bezug auf das soziale Zusammenleben, „das Gute für den anderen“. Die Grundlage bildet das politische Gesetz, dort, wo es fehlt, existiert auch keine Gerechtigkeit. Voraussetzung für die Erlangung von Arete ist zu wissen, was Glück ist. Aristoteles definiert also den Kern des Gutseins als das Wissen darüber, was glückszuträglich und glücksabträglich ist.18 Der Mensch soll seine Vernunftbegabung am besten in der (von der Praxis losgelösten) Theorie realisieren, denn darin liegt das vollkommene Glück. Aristoteles erkennt allerdings, dass gewisse „äußere Güter“, die mehr oder weniger zufällig bedingt sein können, für die Realisierung von Arete notwendig sind. Solche Güter sind zum Beispiel Geld, Macht und Einfluss, denn wer kein Geld hat, kann nicht großzügig und freigiebig sein und somit auch nicht gerecht. Die Stoiker werfen später Aristoteles vor, die alleinige Glücksrelevanz der Arete bestritten zu haben.

Ein weiteres Problem ist die unterschiedliche Bedeutung des Tugendbegriffes im Laufe der Geschichte und selbst innerhalb einer Gesellschaft. So sagt Aristoteles über das höchste Ziel des Menschen, der Glückseligkeit: „Was aber die Glückseligkeit sei, darüber streiten sie, und die Leute sind nicht derselben Meinung wie die Weisen.

[...]


1 Wickert, Ulrich: Das Buch der Tugenden. Hamburg 1995

2 vor allem natürlich die Forderung der Global Governance Vertreter nach einer „Weltethik“

3 Arete (griech.) oder virtus (lat.) werden im allgemeinen mit Tugend übersetzt

4 Rotter, Hans/ Virt, Günter: Neues Lexikon der christlichen Moral. Wien 1990, S. 798

5 eine der Ausnahmen stellt z.B. Heraklid dar, der in der Wahrnehmung der Natur bzw. in der Wahrheit die größte Tugend sieht

6 Ritter, Joachim/ Gründer, Karlfried: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Basel 1998 (Bd. 10, S. 1535)

7 Rotter, Hans/ Virt, Günter: S. 799

8 Ritter, Joachim/ Gründer, Karlfried: Bd. 10, S. 1536

9 Logistikon, Thymos, Epithymia (vgl. Prechtl, Peter/ Burkhard, Franz-Peter: Metzler-Philosophie Lexikon. Begriffe und Definitionen. Stuttgart 1996, S. 529)

10 dies sind die Tugenden, welche später Kardinaltugenden genannt werden, in einigen Dialogen kommt noch die Frömmigkeit hinzu. (vgl. Prechtl, Peter/ Burkhard, Franz-Peter: S. 529)

11 Rotter, Hans/ Virt, Günter: S. 799

12 Ritter, Joachim/ Gründer, Karlfried: Bd. 10, S. 1538

13 ein Standardbeispiel ist die Arete des Messers, d.h. die spezifische Hervorbringung des Gegenstandes: „Gut ist ein Messer, wenn es gut schneidet.“ (vgl. Ritter, Joachim/ Gründer, Karlfried: Bd. 10, S. 1538)

14 Honecker, Martin: Einführung in die theologische Ethik. Berlin 1990, S. 162

15 Ritter, Joachim/ Gründer, Karlfried: Bd. 10, S. 1539

16 Aristoteles: Nikomachische Ethik: VI - 5, 1140a27 [zitiert nach der Übersetzung von: Gigon, Olof: Die Nikomachische Ethik. Stuttgart, 2. Auflage 1967, S. 185]

17 Aristoteles: Nikomachische Ethik: VI - 5, 1140b17 [zitiert nach der Übersetzung von: Gigon, Olof: S. 187]

18 Ritter, Joachim/ Gründer, Karlfried: Bd. 10, S. 1539

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung des Tugendbegriffes von der Antike bis zur Gegenwart
Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg  (Institut für Theologie und Gesellschaft)
Veranstaltung
Grundlagen philosophischer Ethik
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
19
Katalognummer
V17720
ISBN (eBook)
9783638222167
Dateigröße
410 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklung, Tugendbegriffes, Antike, Gegenwart, Grundlagen, Ethik
Arbeit zitieren
Mathias Antusch (Autor:in), 2003, Die Entwicklung des Tugendbegriffes von der Antike bis zur Gegenwart, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17720

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