Die Lepra war der Schrecken des Mittelalters, denn sie entstellte den Infizierten auf grausame Weise und bedeutete ein langsames Dahinsiechen. Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht der Lepröse in der mittelalterlichen Stadtgesellschaft. Es wird sich deshalb auf die Städte konzentriert, da es dort Leprosorien und Lepraschauen gab, und somit auch ausreichend Quellen (Konzilbeschlüsse und Leprosenordnungen sind sehr viele erhalten, Selbstzeugnisse so gut wie gar nicht); auf dem Land wohnten die Leprösen meist in Feldhütten oder zogen als Wanderbettler umher. Zeitlich wird das Thema auf das Hoch- und Spätmittelalter eingegrenzt, da sich mit dem Aufblühen des Städtewesens ab dem 12. und 13. Jahrhundert vermehrt Quellen zu Leprösen und deren Reglementierung finden lassen. Aufgrund der Quellenlage kann nur von den obrigkeitlichen Maßnahmen und den medizinischen Sichtweisen auf das Leben der Leprösen geschlossen werden, folglich ist es ein Blick von Außen. Die Leitfragen sind dabei: Wurde er in der mittelalterlichen Stadt ausgegrenzt oder eher umsorgt? Wie stark verhielt es sich mit der Ausgrenzung? War die Lepra etwas Besonderes für die Menschen im Mittelalter oder etwas Alltägliches? Im ersten Kapitel wird sich mit Krankheit im Mittelalter allgemein auseinandergesetzt. Welche Sichtweisen von Krankheit gab es? Wie war das Fürsorgewesen beschaffen, insbesondere das bürgerliche Spitalwesen und die medizinische Versorgung? Und welche Motive gaben Anlass zur Fürsorge? Ökonomische? Religiöse?
Das zweite Kapitel behandelt den Umgang mit Lepra im Mittelalter. Anhand von Quellen wird sich auf folgende Aspekte konzentriert: Wie sah die medizinische Sichtweise aus? Welche religiösen Argumente wurden vorgebracht? Welche Reglementierungen gab es? Wie wurde das Leben der Leprösen reglementiert? Welchen Einfluss hatten hier medizinische und religiöse Sichtweisen? Weshalb gab es Ordnungen? Sind Unterschiede zu den allgemeinen Spitälern vorhanden?
Das Fazit fasst die obigen Kapitel zusammen und liefert Antworten auf die Leitfragen und folgende Fragen: Welchen rechtlichen Stand hatte der Lepröse? Welchen sozialen? Wurde er eingereiht in die allgemeine Fürsorgepflicht? Oder gab es Unterschiede zu den normalen Kranken? Sind Unterschiede zu allgemeinen Sichtweisen von Krankheit auszumachen?
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Krankheit im Mittelalter
1.1. Sichtweisen von Krankheit im Mittelalter
1.2. Das Fürsorgewesen im mittelalterlichen Abendland
2. Der Umgang mit Lepra im Spiegel der Quellen
2.1. Religiöse Argumentation des Mittelalters
2.2. Medizinische Sicht und Therapie der Lepra
2.3. Reglementierungen
2.3.1. Die Lepraschau
2.3.2. Orte der Absonderung: Die Leprosorien
3. Fazit: Der Lepröse – ausgegrenzt oder umsorgt?
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die soziale und rechtliche Stellung von Leprakranken in der mittelalterlichen Stadtgesellschaft des Hoch- und Spätmittelalters. Im Zentrum steht die Forschungsfrage, ob Lepröse primär als ausgegrenzte Randgruppe behandelt wurden oder ob sie durch das christliche Fürsorgewesen integriert und umsorgt waren.
- Historische Sichtweisen auf Krankheit und Heilkunde im Mittelalter.
- Die Rolle der christlichen "caritas" und des Hospitalwesens.
- Religiöse Deutungsmuster und medizinische Erklärungsansätze für Lepra.
- Obrigkeitsstaatliche Reglementierungen und die Praxis der Lepraschauen.
- Das Leben in Leprosorien als institutionalisierte Form der Absonderung.
Auszug aus dem Buch
Die Lepraschau
Eine frühe Erkennung der Krankheit war wichtig, um eine schnelle Trennung von den Gesunden zu gewährleisten und weitere Ansteckung zu verhindern. Im Frühmittelalter wurde der Aussatzverdächtige meist von Priestern – wie im Buch Leviticus vorgesehen – besehen. Ansonsten waren es vermutlich vor allem die Leprösen selbst, die eine Diagnose erstellten, hatten sie doch Erfahrung mit der Krankheit. Seit dem 12. Jahrhundert begann sich allmählich eine organisierte Lepraschau herauszubilden; Leprosenmeister, meist erfahrene Lepröse, führten die Untersuchung an den „Verdächtigen“ durch. Ab Mitte des 14. Jahrhunderts wurden sie durch Ärzte und Wundärzte ergänzt bzw. ersetzt.
So lässt die vom Mainzer Erzbischof Uriell erlassene Leprosenordnung aus dem Jahre 1512 verlauten, dass die Lepraschau für das Siechenhaus St. Jörgen einen neue Prüfmeister benötige, da kein Doktor der Arznei mehr für die Probe zur Verfügung stände. Da die Schau „in allen landen den armen zu nutz und gutem vergönnt“, unterstütze der Erzbischof sie, auch im Andenken an seinen Vorgänger Erzbischof Bertold, und übergebe sie wieder in Verantwortung des Stadtrates, damit dieser sich um die Anstellung neuer Prüfmeister kümmere. Der Rat solle einen „tugentlichen und verstendigen ProbirMeister“ auswählen, „samb Zweier den geschicktesten auß dem Siechhauß“. Die Sondersiechen hätten bereits einen Prüfmeister, nämlich einen ehemaligen Pfleger des Siechenhauses, gewählt. Sollten die Beschauer einmal Zweifel bei einer Diagnose verspüren, so sollen sie sich an „einen verstendigen Doctor der arzeney uff Unser facultet“ wenden. Hier ist augenscheinlich, welches Kompetenzgerangel es in der freien Stadt Mainz, die gleichzeitig katholischer Bischofssitz war, zwischen den Räten und dem Bischof gegeben haben muss.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik der Lepra als mittelalterliche Seuche sowie Darstellung des Forschungsstandes und der Quellenlage.
1. Krankheit im Mittelalter: Analyse der zeitgenössischen Vorstellungen von Krankheit als Sündenstrafe oder göttliche Prüfung sowie Erläuterung des mittelalterlichen Spitalwesens.
2. Der Umgang mit Lepra im Spiegel der Quellen: Untersuchung der religiösen und medizinischen Begründungen für den Umgang mit Lepra und der Reglementierungen durch Lepraschauen und Leprosorien.
3. Fazit: Der Lepröse – ausgegrenzt oder umsorgt?: Synthese der Ergebnisse, welche die Ambivalenz zwischen Ausgrenzung und christlicher Fürsorge aufzeigt.
Schlüsselwörter
Lepra, Mittelalter, Stadtgesellschaft, Leprosorium, Lepraschau, Fürsorgewesen, caritas, Aussatz, Stigmatisierung, Sozialgeschichte, Medizinhistorie, Säftlehre, Hospitalwesen, Randgruppen, christliche Nächstenliebe.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Lebensrealität und den gesellschaftlichen Status von Leprakranken in der mittelalterlichen Stadt des Hoch- und Spätmittelalters.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die religiösen und medizinischen Deutungen der Krankheit, das städtische Fürsorgewesen und die obrigkeitsstaatlichen Kontrollmaßnahmen wie die Lepraschau.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt, ob Lepröse in der mittelalterlichen Stadt gezielt ausgegrenzt wurden oder ob sie als Teil der christlichen Fürsorgepflicht eine Form der gesellschaftlichen Teilhabe erfuhren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine Analyse von Quellenmaterial, insbesondere Leprosenordnungen und zeitgenössische medizinische Traktate, unter Einbeziehung sozialgeschichtlicher Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der allgemeinen Krankheitssicht im Mittelalter, der spezifischen religiösen und medizinischen Argumente zur Lepra sowie die konkrete rechtliche und soziale Reglementierung durch Lepraschauen und die Unterbringung in Leprosorien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Lepra, caritas, Leprosorium, Lepraschau, Stigmatisierung und Sozialgeschichte.
Welche Rolle spielte der christliche Glaube bei der Behandlung von Leprösen?
Der Glaube war ambivalent: Einerseits wurde Lepra als Sündenstrafe oder "Kainsmal" betrachtet, andererseits wurde der Lepröse als "leidender Gottesknecht" nach dem Vorbild Hiobs oder des armen Lazarus als Objekt christlicher Barmherzigkeit gesehen.
Warum waren Lepraschauen für die Betroffenen von so großer Bedeutung?
Das Ergebnis einer Lepraschau entschied über den gesellschaftlichen Status; eine positive Diagnose bedeutete oft das Stigma der rechtlichen "Toten" und die erzwungene Absonderung vom bürgerlichen Leben.
Waren Leprosorien reine Isolationsanstalten?
Nein, sie waren zwar Orte der Absonderung, aber auch Institutionen, die den Leprösen eine Grundversorgung, Unterkunft und soziale Kontakte innerhalb der Stadtgesellschaft boten.
- Arbeit zitieren
- B.A. Christine Wagner (Autor:in), 2007, Zwischen caritas und Ausgrenzung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/177204