David M. Armstrongs Glaubenstheorie der Wahrnehmung


Seminararbeit, 2006

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
l.l BiographieundWerke

2. Armstrongs Glaubenstheorie der Wahrnehmung
2.1 Wahrnehmung alsErwerbvonÜberzeugung
2.2 Die Rolle der Sinnesorgane
2.3 Wahrnehmung ohne Überzeugung
2.3.1 Armstrongs Kritik an der Theorie der Sinnesdaten
2.4 Unbewusste Wahrnehmung
2.5 UnmittelbareundmittelbareWahrnehmung
2.5.1 Direkte Wahrnehmung

3. Zusammenfassung und Kritik

Literatur

1. Einleitung

Was ist Wahrnehmung überhaupt? Eine Frage, mit der sich David Armstrong, wie viele seiner Philosophenkollegen, befasst hat. Er gehört zujenen, welche die Welt als unabhängig vom Geist existierend ansehen und betrachtet die Wahrnehmung von realistischer bzw. erkenntnistheoretischer Seite. Er selbst bezeichnet sich als „direkter Realist“ oder auch Materialist bzw. Naturalist. Armstrong entwickelte eine Wahrnehmungstheorie, die davon ausgeht, dass durch Wahrnehmung Überzeugungen erworben werden.

In dieser Hausarbeit werde ich seine Theorie der Wahrnehmung durch Überzeugungserwerb darstellen und hauptsächlich mit dem Kapitel “Perception and Belief“ in seinem Buch Ä Materialist Theory of Mind arbeiten, wobei ich aus Gründen der Orientierung die Kapitelüberschriften weitestgehend beibehalte.

1.1 Biographie und Werke

Geboren wird David Malet Armstrong am 8. Juli 1926 in Melbourne, Australien als Sohn eines Offiziers in der Australian Navy und einer Engländerin aus Jersey, Channel Islands, Tochter des Oxforder Anthropologen R. R. Marett.

Nach der Schule und zwei Jahren in der Navy studiert David Armstrong von 1947­1950 Philosophie an der University of Sydney. Dort begegnet er dem Schotten John Anderson (1893-1962), Inhaber des Lehrstuhls für Philosophie und philosophischer Ikonoklast; der leugnet, dass es etwas außer dem raumzeitlichen Universum gebe, also beispielsweise ideale Gegenstände, die Seele, Moral, freien Willen oder Gott. Armstrong ist der gleichen Ansicht, er nennt es Naturalismus bzw. Materialismus, gehört jedoch nie dem Kreis der Anhänger Andersons.[1] Von 1952 bis 1954 studiert er den Bachelor der Philosophie am Exeter College in Oxford. Damit gerät er vor allem in den Einflusskreis der Männer Gilbert Ryle (1900-1976), Professor für metaphysische Philosophie und Herausgeber der Zeitschrift Mind (1948-71), John L. Austin (1911-1960), Begründer der Sprechakttheorie, und Henry H. Price (1899­1985), Professor für Logik, der sich hauptsächlich mit der Wahrnehmung und dem Denken beschäftigt. Armstrong interessiert sich schon damals sehr für das Thema Wahrnehmung, weshalb er Henry Price als seinen Supervisor wählt. (Henry Prices Werk Perception (1932) lehnt Kausaltheorien der Wahrnehmung ab.) Price hilft ihm sehr bei seinem Aufsatz über Berkeleys Theory of Vision. 1954 arbeitet Armstrong als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Philosophie am Birkbeck College, einem Abendcollege der London University. Er entscheidet sich, einen Ph. D. in London zu machen und sucht sich New Theory of Vision von Berkeley als Thema. Dort trifft er auch auf AlfredJ. Ayer (1910-1989), der ihn zu der Ausarbeitung einer Wahrnehmungstheorie aus Sicht des direkten Realismus ermutigte. 1955 kehrt er nach Australien zurück, um dort als Dozent an der Melbourne University zu arbeiten. Sein Hauptinteresse gilt immer noch der Wahrnehmung. Er setzt die Arbeit an Berkeleys theory of vision fort, welches 1960 veröffentlicht wird. Im gleichen Jahr wird ihm der Ph. D. von der Melbourne University verliehen. Armstrong kritisiert Berkeleys Theorie, dass die visuellen Objekte der Wahrnehmung nur zweidimensional seien, aufgrund der zweidimensionalen Natur der Retina. Daher seien die visuellen Objekte und die anfassbaren dreidimensionalen Körper voneinander verschieden. Wenn man sich das Wahrgenommene als Objekt und als rein zweidimensional vorstellt, dann könne Berkeleys Argument klappen, kommentiert Armstrong. Inzwischen hält er Berkeleys Position für vertretbarer, allerdings ist er immer noch nicht der Ansicht, dass die Informationen, die unmittelbar durch das Sehen geliefert werden, nur zweidimensional sind.[2]

1961 wird sein Buch Perception and the Physical World veröffentlicht, in dem er die Wahrnehmung und die physische Welt aus Sicht des direkten Realismus beleuchtet, und dabei Illusion, Verifikation sowie Kausalität behandelt. Ebenso versucht er gegen die repräsentative Wahrnehmungstheorie und den Phänomenalismus zu argumentieren.

In dem 1962 erschienenen Werk Bodily Sensations versucht Armstrong Gefühle (,sensations’) von Hitze, Schmerz, Druck usw. und taktile und körperliche Wahrnehmungen zu unterscheiden. Die „sensations“ unterteilt er in “transitive sensations“, jene der Hitze, des Druckes usw. und “intransitive sensations“, jene Gefühle des Schmerzes. Schmerz lässt sich nicht vom Gefühl des Schmerzes trennen, während dies bei Hitze und dem Gefühl von Hitze schon möglich ist.

[3] 1964 wird Armstrong als Professor für Philosophie an die University of Sydney berufen, an der er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1992 bleibt.

Das Werk A Materialist Theory of the Mind (1968) beschäftigt sich mit den Theorien und Konzepten des Geistes. Es ist unterteilt in drei Hauptabschnitte: Theorien des Geistes, das Konzept des Geistes und die Natur des Geistes. Im ersten Abschnitt kritisiert Armstrong den Dualismus, Eigenschaftstheorien und den Behaviorismus und stellt seine eigene “Central-state“-Theorie dar. Im zweiten geht er auf den Willen, Wissen und Schlussfolgerung, Wahrnehmung und Überzeugung, „bodily sensations“ und Selbst-Beobachtung ein. Im dritten, sehr kurzen Abschnitt geht es um die Identifikation des Mentalen mit dem Physischen.[4] Armstrong nennt es „kontingente“ Identität, das heißt, jedes geistige Ereignis ist mit einem physischen Ereignis im Gehirn identisch, als Beispiel nennt er den Abend- und Morgenstern.

1973 folgt das Werk Belief, Truth and Knowledge. Nach der Veröffentlichung beginnt Armstrong, sich mit Ontologie und dem Universalienproblem zu beschäftigten. In der Debatte zwischen Nominalismus und Realismus ist er von Anfang an auf Seite des Realismus gewesen. Der Nominalismus bestreitet die Existenz von Universalien, während der Realismus sie anerkennt. Armstrong ist der Ansicht, dass Eigenschaften und Beziehungen Universalien sind. Er benutzt Universalien, um Ähnlichkeiten zwischen zwei Dingen zu erklären. Demnach gibt es ein Universale, das in beiden Dingen, wie er es nennt instantiiert ist. Das Buch Universals and Scientific Realism, das diese Thematik behandelt, erscheint 1978. Die Theorie der Universalien als Grundlage nehmend, entwickelt Armstrong eine Theorie der Naturgesetze. Er bearbeitet hierbei die Frage, was der ontologische Grund der Naturgesetze und was für die Wahrheit einer Gesetzesaussage verantwortlich ist. 1989 erscheint noch ein Werk über Universalien: Universals: An Opinionated Introduction. 1997 und 1999 werden A World of States of Affairs und The Mind-Body Problem: An Opinionated Introduction veröffentlicht, die sich mit dem Leib-Seele-Problem beschäftigen.[5]

2. Armstrongs Glaubenstheorie der Wahrnehmung

2.1 Wahrnehmung als Erwerb von Überzeugung

Armstrong betrachtet Wahrnehmung als „Erwerb wahrer oder falscher Überzeugung (er gebraucht das englische Wort „belief“) bezüglich des gegenwärtigen Zustands des Organismus selbst und seiner Umgebung“[6]. Als Argument für diese Theorie führt er an, dass die Funktion der Wahrnehmung aus biologischer Sicht die ist, dem Wahrnehmenden Informationen über sich und seine Umgebung zu geben, die ihm das (Über-)Leben ermöglichen. In der Art, wie die Wahrnehmung mit der physischen Welt übereinstimmt bzw. es nicht tut, stimmen die erworbenen Überzeugungen mit den Tatsachen überein bzw. tun es nicht[7]. Gibt es Übereinstimmung, erwirbt man wahre Überzeugungen; gibt es keine, so erwirbt man falsche Überzeugungen. Wahre Überzeugung kann Wissen sein oder auch bloße Überzeugung, die sich als wahr herausstellt. Der Erwerb falscher Überzeugung kann mit Sinnestäuschung gleichgesetzt werden. Armstrong selbst merkt an, dass der Begriff „Überzeugung“ in diesem Fall leicht fälschlicherweise mit Reflektion verwechselt werden kann, es aber schwierig sei, einen anderen Begriff zu finden. Man könnte von „Urteilen“ sprechen, Armstrong meint aber, das sei noch verwirrender als der Begriff „Überzeugung“. Weshalb er das so sieht, erklärt er allerdings nicht. Seine mögliche Alternative „Bewusstsein“ hat den Nachteil, dass man kaum von einem ,falschen Bewusstsein’ sprechen kann. Den Begriff „Abbildung“ könnte man verwenden. Eine „Abbildung“ kann wahr oder falsch sein, erweckt aber den Anschein, als würde nur ein Eindruck auf unseren Geist hinterlassen und nicht mehr. Da Armstrong aber überzeugt ist, dass Wahrnehmung mehr ist, genügt ihm dies nicht. Er setzt schließlich „Information“ mit Überzeugung gleich, unterscheidet also nicht zwischen Information und deren Ergebnis, der Überzeugung. Sinnestäuschung wäre in diesem Fall „Fehlinformation“.[8] Allerdings kann man hier leicht durcheinander kommen und Information bzw. Überzeugung mit Wahrnehmung gleichsetzen.

An anderer Stelle weist Armstrong noch einmal daraufhin, dass dies, seiner Ansicht nach, nicht der Fall ist. Überzeugung sei mehr oder weniger langer Zustand des Geistes, der sich entweder manifestiert oder auch nicht. Wahrnehmung hingegen sei ein zu einer bestimmten Zeit stattfindendes Ereignis, das danach wieder vorbei ist. „Belief is a dispositional state of mind which endures for a greater or lesser length of time, and that may or may not manifest itself during that time. But perceptions are definite events that take place at definite instants and are then over.[9]

2.2 Die Rolle der Sinnesorgane

Wenn wir von Wahrnehmung sprechen, setzen wir automatisch voraus, dass die Sinnesorgane daran beteiligt sind. Wir gehen davon aus, „dass Sehen der Erwerb wahrer und falscher Überzeugungen als kausales Ergebnis der Operation der Augen, [...] etc. sei.[10] “ Doch Armstrong führt folgende Probleme an: Erstens kann man nicht genau definieren, was das Organ des Tastsinns ist. Armstrong schlägt hier vor, dass der Tastsinn kein spezifisches Organ besitzt, sondern ein Verfahren ist, durch welches Überzeugungen erworben werden. Zweitens lässt sich bei der Wahrnehmung des eigenen Körpers weder ein Organ noch ein Verfahren ausmachen, welches für die Selbst-Wahrnehmung zuständig ist. Drittens ist es möglich, Wahrnehmungen ohne Reizung der Sinnesorgane zu haben, z.B. durch Einwirken auf das Zentralnervensystem mit Drogen, was zu Halluzinationen führt. Außerdem ist es, so Armstrong, viertens vorstellbar, dass beispielsweise die Reizung der Ohren zu visuellen Wahrnehmungen führen könnte. Dennoch spielen die Sinnesorgane eine wichtige Rolle, wenn es um den Begriff „Wahrnehmung“ geht. Wir erlernen schon sehr früh, „dass der Erwerb bestimmter Muster von Informationen mit dem Funktionieren bestimmter Organe verbunden ist[11] “. Deshalb können wir auch von Halluzinationen sprechen, auch wenn die betreffenden Organe gar nicht gereizt werden. Das Muster an Fehlinformationen ist mit dem Muster, das durch Reizung der Sinnesorgane entsteht, so ähnlich, dass man sie leicht verwechseln kann. Armstrong meint, dass wir zwar sagen können, dass Wahrnehmung der Erwerb wahrer oder falscher Überzeugung durch die Vermittlung der Sinne ist, die Sinnesorgane diesbezüglich aber keine hinreichende Funktion haben.[12]

[...]


[1] < http://www.information-philosophie.de/philosophie/australienarmstrong.html.>, Zugriff: 19. September2006.

[2] Armstrong, DavidM.: Self-Profile, in: Bodgan, R. J. (Hg.): D. M. Armstrong, Dordrechtu.a. 1984, S. 3-15. (Profile)

[3] Ebd., S. 16-19.

[4] Armstrong, David M.: A Materialist Theory of the Mind, London/New York (1968) 1993. (MTM)

[5] Profile, S. 32-48; www.information-philosophie.de.

[6] Armstrong, David M.: Glaubenstheorie der Wahrnehmung, in: Wiesing, Lambert: Philosophie der Wahrnehmung. Modelle und Reflexionen, Frankfurt am Main 2002, S. 312. (Glaubenstheorie)

[7] Ebd., S. 314.

[8] Ebd., S. 312/313.

[9] MTM, S. 214.

[10] Glaubenstheorie, S. 314.

[11] Ebd., S. 316.

[12] Ebd.,S. 314-316.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
David M. Armstrongs Glaubenstheorie der Wahrnehmung
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Philosophie)
Veranstaltung
Theoretische Philosophie
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
20
Katalognummer
V177207
ISBN (eBook)
9783640987184
ISBN (Buch)
9783640986972
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
David M. Armstrong, Glaubenstheorie, Wahrnehmungsphilosophie, Theoretische Philosophie, Wahrnehmung, Sinnesorgane
Arbeit zitieren
B.A. Christine Wagner (Autor:in), 2006, David M. Armstrongs Glaubenstheorie der Wahrnehmung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/177207

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