Spinozas Ethik

Fünfter Teil - Über die Macht des Verstandes oder die menschliche Freiheit


Seminararbeit, 2006

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Das SystemundseineBegriffe

2. Über die Macht des Verstandes oder die menschliche Freiheit

3. Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Baruch de Spinoza wird 1632 in eine wohlhabende jüdische Kaufmannsfamilie im Amsterdamer Ghetto geboren. Im schulreifen Alter besucht er eine jüdische Schule und wird dort mit den Lehren des Talmud und den Traditionen der jüdischen Religion vertraut. Als angehender Rabbiner erlernt er das Schleifen von Linsen; eine Tätigkeit, mit der er bis zu seinem Tode seinen Lebensunterhalt verdient, da das Geschäft seines Vaters seinem Bruder überlassen hatte. Etwas später studiert er Naturwissenschaften und beschäftigt sich mit Werken von Denkern wie Descartes und Hobbes.[1] Durch ihre Idee intellektuell beflügelt, beginnt er sich immer mehr von den Traditionen und Denkweisen seiner Religion zu entfernen. Das Alte Testament erscheint ihm voller Widersprüche und Verstrickungen, und dies kritisiert er auch öffentlich. Schließlich wird er 1657 aus seiner Gemeinde verbannt und lebt bis zu seinem Tode zurückgezogen in Amsterdam und dann in Den Haag. Dennoch ist er vieler öffentlicher Feindseligkeiten und Polemik ausgesetzt, er sei ein „Gotteslästerer“ und seine Werke „mit dem Teufel in der Hölle geschmiedet“. Doch Spinoza möchte den anderen ihr .Seelenheil’ nicht ,stehlen’, er will nur für die Wahrheit leben, ganz gleich was andere davon halten mögen. Die Suche nach der Wahrheit dürfe aber auch nicht vor der Religion haltmachen. In seinem 1670 anonym veröffentlichten Theologisch­Politischen Traktat argumentiert er für diese Denkfreiheit. Ein Gedanke sei nicht plötzlich weniger wahr, nur weil er von der Mehrheit nicht akzeptiert werde. Kurz darauf wird der Traktat öffentlich verboten.[2] Doch stößt Spinoza nicht nur auf Ablehnung. Er unterhält einen regen Briefwechsel mit engen Freunden und zeitgenössischen Wissenschaftlern wie Oldenburg, Leibniz, Huygens und sogar Boyle. Offiziell bekennen sich jedoch nur wenige zu ihm.[3]

Sein Hauptwerk Ethik nach der geometrischen Methode dargestellt und der Traktat von der Vervollkommnung des Verstandes werden aufgrund der Feindseligkeiten erst nach Spinozas Tod 1977 herausgegeben.

Der Grundzug von Spinozas Philosophie ist das ,ewig Gute’ zu finden. Die Welt als Ganzes zu betrachten und Erkenntnis über den tatsächlichen Zusammenhang der Dinge zu erlangen, gebe dem Menschen die Möglichkeit, Ursache seines eigenen Handelns und daher frei zu sein.

Hiermit beschäftigt sich auch Spinozas Ethik. Der Zusatz „nach der geometrischen Methode dargestellt“ weist darauf hin, dass das Werk im Aufbau der euklidischen Geometrie ähnelt. Mit Grundsätzen und Definitionen versucht Spinoza aufgestellte Lehrsätze zu beweisen. Spinoza will damit zeigen, dass die Ordnung der Vernunft dieselbe ist wie die Ordnung der Natur. Er schafft ein System, welches schildert, wie alles zusammenhängt und wie sich der von diesen Naturgesetzen abhängige Mensch verhalten kann, um dennoch frei zu sein.[4]

Die Ethik ist in fünf Teile gegliedert: I. Über Gott beschäftigt sich mit der Frage, warum etwas ist; II. Über die Natur und den Ursprung des Geistes behandelt die Frage: Wie erkennt der Mensch?; in III. Über den Ursprung und die Natur der Affekte geht es um die Ursache der menschlichen Empfindungen; IV. Über die menschliche Knechtschaft oder die Macht der Affekte beschäftigt sich mit der Frage, wie der Mensch empfindet; und V. Über die Macht des Verstandes oder die menschliche Freiheit behandelt die Frage: Wie soll der Mensch handeln?

In dieser Arbeit werde ich mich vor allem mit dem V. Buch befassen. Doch dazu ist erst einmal die Erklärung grundlegender Begriffe von Spinozas System nötig.

1. Das System und seine Begriffe

Spinozas System begründet auf der Annahme einer ersten Ursache, die selbst aber nicht verursacht. Wie schon Aristoteles nennt Spinoza sie Substanz, den unteilbaren Urgrund, welcher auf nichts anderes zurückführbar ist. Die Substanz wird aus sich selbst heraus begriffen und ist in sich selbst.[5] Diese Substanz nennt er auch Gott, das „absolut unendlich Seiende“.[6] Das Wesen Gottes oder der Substanz ist, dass es aus der Notwendigkeit der eigenen göttlichen Natur heraus, unendlich und ewig existiert.[7] Spinoza entfernt sich von der Existenz eines Schöpfergottes, vom Willkürgedanken eines erschaffenden Wesens. Er schlägt den Weg zu einer naturwissenschaftlichen Sichtweise ein, einem naturwissenschaftlich aufgebauten System, das in sich „geschlossen“ ist.

Die Notwendigkeit, mit der Gott existiert, ist die Naturnotwendigkeit. Alles ist somit eine notwendige Abfolge von Naturgesetzen (Ursache-Wirkungs-Prinzip) und entwickelt sich nach dieser Notwendigkeit, daher gibt es auch nichts Zufälliges. Es gibt keine andere mögliche Welt als die jetzige. Gott hat deshalb auch keinen Willen, ebenso wenig gibt es einen Zweck; Gott wirkt und handelt aus der Notwendigkeit seiner eigenen Natur.[8]

Spinoza macht keine qualitative Unterscheidung zwischen Erstursache (Gott, Substanz, „schaffende Natur“) und „Geschaffenem“. Gott ist eine immanente Ursache, d. h. er ist auch in der Wirkung enthalten.[9] Hier wird die zeitgenössische Reaktion auf Spinozas Vorstellungen verständlich. War man doch im 17. Jahrhundert fest davon überzeugt, Gott sei zwar der Verursacher der Schöpfung, nicht aber mehr in der Wirkung zu erkennen. So auch bei Descartes. Es ist ein transzendenter Gott, der von der geschaffenen Welt getrennt ist.

Für Spinoza ist zwar alles Gott/Substanz, dennoch unterteilt er den abstrakten Begriff der Substanz in unendliche Attribute und ihre Modi. Es ist eine quantitative Unterscheidung, keine qualitative. Von den unendlichen Attributen erkennt der Mensch nur zwei: Ausdehnung und Denken. Die Modi der Ausdehnung sind Gestalt und Bewegung/Ruhe; die Modi des Denkens sind Idee/Geist und Wille/Verstand. Modi sind Zustände der Substanz „oder das, was in einem anderen ist, durch das es auch begriffen wird“.[10] Descartes hingegen trennt Ausdehnung und Denken voneinander, wie auch von ihrer Ursache, dem transzendenten Gott. Die ausgedehnte Substanz, res extensa und die denkende Substanz, res cogitans stehen sich als Gegensätze gegenüber. Das Problem hierbei ist, wie diese beiden in ein Verhältnis zueinander gebracht werden können, wenn sie doch voneinander getrennt existieren.[11]

Bei Spinoza tritt dieses Problem nicht auf. Die Attribute Ausdehnung und Denken sind nur verschiedene Sicht- und Erscheinungsweisen ein und derselben Ordnung: Gott.

Es gibt ausgedehnte Dinge, Körper, und es gibt gedachte Dinge, also Ideen. Es existieren weder Ideen von nicht-ausgedehnten Körpern, noch Körper, von denen es keine Ideen gibt. Zu jedem Körper gehört eine Idee und umgekehrt.[12] Wie passt nun aber der Mensch hier hinein?

Der Mensch ist ein Modus der Substanz. Als Körper ist er ein Modus des Attributs Ausdehnung, als Geist bzw. Seele ein Modus des Attributs Denken. Spinoza macht hier jedoch keine übliche Trennung zwischen Körper und Geist/Seele. Beide Modi hängen zusammen und beschreiben ein und dasselbe Wesen. Was auf den Körper einwirkt, davon hat der Geist eine Idee. Der Geist kann den eigenen Körper und sich selbst darum nur über die Ideen von den Einwirkungen auf den Körper wahrnehmen.[13] Ideen unterscheidet Spinoza in adäquate und inadäquate. Eine adäquate Idee zu haben, heißt, eine Ursache mit der richtigen Wirkung in Verbindung zu bringen, folglich eine Einsicht in den Wirkzusammenhang zu haben. Adäquate Ideen sind immer wahr. Bei einer inadäquaten Idee hingegen werden Ursache und Wirkung nicht ins richtige Verhältnis gebracht, man tappt sozusagen im Dunkeln.[14]

Der Geist kann verschiedene Stufen der Erkenntnis haben. Zum einen die „Erkenntnis aus vager Erfahrung“: Einzelne Dinge werden durch die Sinne ohne Ordnung dem Verstand dargelegt. Man könnte es auch als einfaches Sehen bezeichnen. Bei der „Erkenntnis erster Gattung“ werden die Dinge erinnert und Ideen von ihnen gebildet. Diese Erkenntnis nennt Spinoza auch Meinung oder Vorstellung und sie bezieht sich auf die Modi. Nur hier kann es zu Irrtümern und Denkfehlern kommen, da inadäquate Ideen gedacht werden. Die „Erkenntnis zweiter Gattung“ ist die Vernunft. Hier werden allgemeine Begriffe, also adäquate Ideen von Eigenschaften der Dinge gebildet und bezieht sich daher auf die Attribute. Die dritte Art der Erkenntnis, und die höchste, nennt Spinoza die Intuition bzw. „intuitives Wissen“. Man erkennt bzw. weiß um den Gesamtzusammenhang, erfasst die Substanz als notwendig. Diese Art der Erkenntnis ist durch die Vernunft nicht erfassbar bzw. zugänglich.[15]

[...]


[1] Vgl. Hügli, Anton/Lübcke, Poul (Hg.): Philosophielexikon. Personen und Begriffe der abendländischen Philosophie von der Antike bis zur Gegenwart, 6., vollständig überarbeitete und erweiterte Aufl., Hamburg 2005, S. 587.

[2] Vgl. Weischedel, Wilhelm: Die philosophische Hintertreppe. Die großen Philosophen in Alltag und Denken, 33., ungekürzte Aufl., München 2004, S. 134-137; Zitate ebd., S. 136/137.

[3] Vgl. Seidel, Helmut: Spinoza zur Einführung, Hamburg 1994., S. 25/26.

[4] Vgl. Philosophielexikon, S. 587/588.

[5] Spinoza, Benedictas de/Stem, Jakob (Übersetzung): Die Ethik, revidierte Übersetzung, lateinisch­deutsche Reclam-Ausgabe, Stuttgart 2002, Buch I., Def. 3.

[6] Ebd., I., Def. 6.

[7] Vgl. Ebd., I., Def. 8; Lehrsätze 7, 11, 15, 17.

[8] Vgl. Ebd., I., Axiom 3; Lehrsätze 29, 32; Anhang zu I.

[9] Vgl. Ebd., I., Lehrs. 17.

[10] Vgl. Philosophielexikon, S. 589; Zitat ebd.

[11] Vgl. Philosophielexikon, S. 143/144.

[12] Vgl. Philosophielexikon, S. 589/590.

[13] Vgl. Seidel, S. 52/53.

[14] Vgl. Ethik, III., Def. 1.

[15] Vgl. Ebd., II., Lehrs. 40, Anmerkung 2; Lehrsätze 41, 42.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Spinozas Ethik
Untertitel
Fünfter Teil - Über die Macht des Verstandes oder die menschliche Freiheit
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Philosophie)
Veranstaltung
Praktische Philosophie: Spinozas Theorie vom Erkennen und Handeln
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
18
Katalognummer
V177209
ISBN (eBook)
9783640987191
ISBN (Buch)
9783640986989
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spinoza, Ethik, Erkenntnis, Praktische Philosophie, 17. Jahrhundert, 18. Jahrhundert, Verstand, Menschliche Freiheit, Affekte, Existenz, Gott, Empfindungen
Arbeit zitieren
B.A. Christine Wagner (Autor), 2006, Spinozas Ethik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/177209

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Titel: Spinozas Ethik



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