Über die Frage der "verspäteten Nation" und des Deutschen Sonderweges

Essay zu Reinhart Koselleck, "Deutschland – eine verspätete Nation?" In: ders.: Zeitschichten. Studien zur Historik.


Essay, 2010
5 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Wir schreiben das Jahr 2010. Seit inzwischen 20 Jahren existiert die deutsche Staatsnation. Mit dem Anschluss der DDR an die BRD sollte ein Prozess vorerst ein Ende finden, welcher Jahrhunderte zuvor bereits begonnen hatte: die Bildung eines deutschen Nationalstaates. Diesen Prozess hat auch der vorliegende Textabschnitt "Deutschland – eine verspätete Nation?", aus dem Buch "Zeitschichten. Studien zur Historik." von dem Historiker Reinhart Koselleck (im weiteren mit "K." abgekürzt), zum Thema. K., welcher zu Lebzeiten als Dozent an verschiedenen Universitäten unterrichtete, analysiert in seinen Ausführungen die Geschichte der Einigung der deutschen Nation, auf Grundlage und Kritik eines Buches ("Die verspätete Nation. Über die politische Verführbarkeit bürgerlichen Geistes") von Helmuth Plessner. Dieser bezeichnet "die Deutschen" als "verspätete Nation". Er begründet dies damit, dass im deutschen Kultur- und Sprachraum seit der Reformation eine fatale Dialektik, also eine virulente Beziehung, zwischen deutscher Innerlichkeit und dogmatischer Staatskirche herrschte. Dazu fehlte "den Deutschen", also denjenigen Völkern welche in Kleinstaaterei zersplittert waren, jenes, Plessner nennt es goldenes Zeitalter, welches England und Frankreich im 16./17. Jahrhundert erlebten. Durch diese Territorialstaaten, hatten die Völker des deutschen Kulturraumes nie den Bezug zum Staat dessen Idealen. Dies sei ein Grund dafür, so Plessner, dass später im deutschen Geist vorstaatliche Reichstümelei und außerstaatliche Volkstumsideologie entstehen konnte. Durch die Größe des deutschen Kulturraumes war es dazu technisch unmöglich, eine deutsche Staatsnation zu einen. Er sieht allerdings auch in den Nachbarn Deutschlands, beispielsweise Frankreich, einen Grund weshalb ein deutscher Nationalstaat nicht eher entstehen konnte. Durch den Versailler Vertrag 1919 wurde es Deutsch-Österreichern und Deutschen verboten sich zu vereinigen. Damit in Verbindung steht eine mangelnde politische Autonomie, welche entgegensetzt dem Wunsch nach Einigkeit der Deutschen, diese zusätzlich belastete. Daraus resultieren, nach Plessner, geistige Missstände bei den Deutschen. K. knüpft an die Ausführungen Plessners an, analysiert diese kritisch und geht dabei insbesondere auf die Frage der "verspäteten Nation" ein. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die Formulierung "verspätete Nation" nicht korrekt ist. Er begründet dies darin, dass "die Deutschen" das politische Ziel eines Nationalstaates erst später und somit langsamer erreicht haben als England oder Frankreich, allerdings schneller und früher als viele osteuropäischen Nationen. Spät oder früh wird damit relativ und dient lediglich als Vergleich! Anschließend stellt er die Gegenfrage, wann sich eine deutsche Staatsnation hätte eher bilden sollen bzw. können. Er bemerkt, dass man von den Deutschen oder von einem deutschen Volk im 19 Jh. noch überhaupt nicht sprechen konnte. Dies liegt darin begründet, dass der Deutsche Bund von 1815 lediglich ein loser Staatenbund, bestehend aus vielen Territorialstaaten, war. Somit bestand der deutsche Kultur- und Sprachraum aus viele kleinen Völkern, wie beispielsweise den Sachsen oder den Bayern, dies änderte auch die Reichseinigung nicht. Das Zweite Deutsche Kaiserreich bestand in der Praxis immer noch aus souveränen Fürsten und hatte damit föderalen Charakter. In der Vergangenheit waren die deutschen Völker immer an ihre Territorialstaaten und somit an die herrschende Adelsfamilie gebunden. Dadurch wurde die einigung zu einer Staatsnation zusätzlich erschwert, da diese keinen Machtverlust erleiden wollten. K. führt fort, dass erstmals im Dritten Reich unter Hitler die Deutschen, auch im Pass, primär als Deutsche und sekundär als Sachsen etc., ausgewiesen wurden. Die Entwicklung der "Deutschen" reicht also vom Mittelalter, in dem dieses Wort für Barbaren stand, welche das Latein nicht beherrschten und dazu oft noch heidnisch geprägt waren, bis hinein in das 20. Jahrhundert. Doch zurück zu der Frage, wann eine nicht-verspätete Nation sich hätte bilden sollen (können?). K. kommt zu dem Ergebnis, dass diese Frage falsch gestellt sei, weil sie "rückwärtswirkend" nach Normen für eine Nationsbildung sucht! Er stellt fest, dass die "Tatsächlichkeit der vergangenen Geschichte" es verbietet von einer "verspäteten Nation" zu sprechen. K. sieht, wie oben schon beschrieben, verschiedene Etappen auf der Entwicklung des Begriffes der Deutschen. Angefangen vom Mittelalter, über den Hoffnungsbegriff einer Einigung im 18./19. Jh., bis zur Weimarer Verfassung, welche für die Deutschen erstmals staats-und völkerrechtlich bindet war, bis hin zum Anschluss der DDR an die BRD im Jahre 1990. Es wird eine Schlussthese formuliert, die sich logisch aus seinen vorigen Erläuterungen ableiten lässt: Die deutsche Nation wurde stets an einer Einigung gehindert. Dies ist historisch bedingt und ergibt sich aus zum großen Teil aus der föderalen (und nicht nationalistischen) Struktur des deutschen Kulturraumes. Seit dem Mittelalter gab es nie eine gesamtstaatliche Monarchie. Im Gegensatz zu England und Frankreich, wo sich eine, zum Großteil intolerante, Staatskirche durchsetzte und föderale Elemente nicht zuließ, etablierte sich im deutschen Kulturraum besagte föderale Strukturen. Dies sollte eine Eigentümlichkeit bleiben, welche konfessionelle Toleranz (z.B. Calvinisten) und damit eine gewisse pluralistische Vielfältigkeit zu Tage trug. Aus diesen Strukturen, welche den deutschen Kulturraum so einzigartig machten, entwickelten sich diverse Gegebenheiten die mit zur Reichseinigung beitrugen ohne dabei den föderalen Charakter zu negieren. K. führt dafür beispielsweise das Zollparlament von 1867 an, welches in direktem Zusammenhang mit der Gründung des Norddeutschen Bundes, als erster deutscher Bundesstaat, gesehen werden kann. Er führt fort, dass Deutsche Geschichte immer vornationale und nachnationale Geschichte zugleich ist, eben durch die föderale Struktur, eben durch die zahlreichen Territorialstaaten! Kommen wir nun zum 20. Jh. und der damit in Verbindung stehenden These des "Deutschen Sonderweges". Der Erste Weltkrieg, welcher die Deutschen zu einer Art "Notgemeinschaft", so K., zusammengeschweißt hatte, mündete in die Weimarer Republik. Diese entstand um als "Deutsche" Aktionsfähig zu bleiben, da die Siegermächte nicht gewillt waren, mit einem Deutschen Reich unter Führung Wilhelms II. zu verhandeln. Mit der Zerschlagung der föderalistischen Strukturen und Preußen als eigenständige Macht, wurde eine Voraussetzung für die spätere Machtergreifung der Nationalsozialisten geschaffen. Hitler wusste den Wunsch der Massen nach Einigkeit zu nutzen und griff das Trauma des deutschen Kulturkreises auf. Schnell wurde unter nationalistischem Vorwand übernationale rassenbiologische Propaganda betrieben, was letztlich zum Genozid führte. Insofern schreibt Plessner zurecht von der "Verführbarkeit des deutschen Geistes", welcher sich nach Einheit sehnte und Hitler bekam. Im Zusammenhag mit den Massenmorden, steht der Gedanke des "Deutschen Sonderweges", gegen welchen sich auch Plessner und K. in ihren Ausführungen richten. Dieser Sonderweg versucht die NS-Zeit und die damit verbundenen Geschehnisse aus der Geschichte der Deutschen kausalgenetisch abzuleiten. Die Kausalkette, welche versucht wird zu konstruieren, besteht aus einer Verkettung von Ereignissen, durch die die Herrschaft der Nationalsozialisten als resultierende Notwendigkeit dargestellt werden soll. Die Geschichte Deutschlands und des deutschen Kulturraumes, wird nicht nur als etwas einzigartiges dargestellt, sondern als etwas besonderes, was die Deutsche Geschichte über die anderen existierenden, ebenfalls einzigartigen, Nationalgeschichten erhebt. K. wirft die Frage auf, wo denn eine solche Kette ihren Anfang finden sollte und beantwortet diese mit dem Ergebnis, dass es unmöglich sei eine solche Kette zu konstruieren. Er prognostiziert Kurzschlüsse und Vereinfachungen, welche die Verantwortlichkeit einzelner Individuen gegenüber der "übermächtigen" Geschichte nicht berücksichtigt. Die NS-Zeit wird zu einer unumgänglichen Schlussfolgerung aus der Geschichte. Die These des Deutschen Sonderweges verliert somit jeden moralischen Charakter. K. verweist auf Plessner und das der Spielraum einer einzigartigen Nationalgeschichte niemals getrennt von dem internationalen Kontext betrachtet werden sollte, da Wechselwirkungen zwischen Nationalstaaten bestehen. Der internationale Kontext beschränkt somit die nationalen Entwicklungen. Abschließend konstatiere ich, Geschichte passiert nicht zwangsläufig, Nationalsozialismus passiert nicht zwangsläufig. Ich sehe die These des deutschen Sonderweges als Resultat daraus, dass der deutsche Kulturraum lange keine Einigung erfahren und gleichzeitig immer das "Vorbild" der westlichen Nationen vor Augen hatte. Vielleicht kann man den Deutschen Sonderweg als späte Kompensation eines Minderwertigkeitsgefühls, im Geiste der "Deutschen", werten. Dies äußerte sich im Fokus auf kulturelle Aspekte, des durchaus weit entwickelten deutschen Kulturraumes, als gedanklich ausgleichender Gegensatz zur nationalen Einigkeit Frankreichs oder Englands.

Literaturverzeichnis

Plessner, Helmuth, Die verspätete Nation. Über die politische Verführbarkeit bürgerlichen Geistes. Stuttgart 1959.

Koselleck, Reinhart, Zeitschichten. Studien zur Historik. Frankfurt am Main 2003.

Ruoss, Matthias, Vergangenheit aneignen oder bewältigen?: zwei konkurrierende Deutungen des deutschen Sonderwegs. (= Berner Forschungen zur neuesten Allgemeinen und Schweizer Geschichte, Bd. 9), Nordhausen 2009.

http://www.helmuth-plessner.de/seiten/seite.php?layout=bild1&inhalt=biograph 11.Dezember 2010.

http://d-nb.info/gnd/119120224 11.Dezember 2010.

http://cmb.ehess.fr/document171.html 11.Dezember 2010.

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Details

Titel
Über die Frage der "verspäteten Nation" und des Deutschen Sonderweges
Untertitel
Essay zu Reinhart Koselleck, "Deutschland – eine verspätete Nation?" In: ders.: Zeitschichten. Studien zur Historik.
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
5
Katalognummer
V177243
ISBN (eBook)
9783640991570
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Nation, Deutsch, Reich, Deutsches, Sonderweg, Nationalsozialismus, Nationalismus, Reinhart, Koselleck, Essay, Drittes, verspätet, Weltkrieg, Zweiter
Arbeit zitieren
Christian Franke (Autor), 2010, Über die Frage der "verspäteten Nation" und des Deutschen Sonderweges, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/177243

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