"Wach' oder träum' ich schon so früh?"

Das Meistersinger-Quintett in der Inszenierung Katharina Wagners, Bayreuth 2007


Seminararbeit, 2009
10 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

I. Musikdramaturgische Analyse

1. Einige Anmerkungen zum kontemplativen Ensemble

Dass die Kunstform der Oper schon aufgrund ihres primären Ausdrucksmittels, des Gesangs, und bestimmten Formelementen, wie etwa der Da-Capo-Arie, von vornherein nicht für konsequent „realistische“ Dramatik prädestiniert ist, ist ein Gemeinplatz. Besonders „opernhaft“ scheint deshalb auch das Formelement des so genannten kontemplativen Ensembles zu sein. Hier geschieht etwas, das im Sprechtheater undenkbar wäre und von einem „realistischen“ Standpunkt aus betrachtet geradezu grotesk undramatisch erscheint. Genau genommen vollzieht sich nämlich vor den Augen des Zuschauers nichts anderes als ein stummes Innehalten über mehrere Minuten hinweg.[1] Denn die Handlung steht still. Was in Wirklichkeit nur ein flüchtiger Augenblick wäre, wird von der sich ausbreitenden Musik auf einen irreal langen Zeitraum gedehnt, in dem die Figuren singend ihre Gedanken und Gefühle zum Ausdruck bringen. Die gleichzeitige Artikulation innerer Seelenvorgänge aller am Ensemble beteiligten Figuren, im Sprechtheater unmöglich, wird durch die Musik gewissermaßen als „tönendes Innehalten“[2] ermöglicht.

Welche Funktion aber kann eine solche Dehnung eines Augenblicks erfüllen, wenn nicht nur die, dem Komponisten Gelegenheit zur Entfaltung der Musik zu geben? Ist das kontemplative Ensemble tatsächlich nur eine undramatische Opernkonvention?

Die Ästhetik der Opera seria des 18. Jahrhunderts tendiert zu einer Trennung von Aktion und Kontemplation. Die Aktion ist größtenteils dem Rezitativ vorbehalten. Arie und Ensemble-Szenen sind Punkte, an denen die Figuren gewissermaßen aus der Handlung treten und keine Aktion stattfindet.[3] Dies ist jedoch durch Formkonventionen der Zeit, wie dem festgelegten Prinzip des Wechsels von Rezitativ und Arie, und selten dramatisch motiviert.

Wenn sich die Trennung von Rezitativ und Arie im 19. Jahrhundert langsam auflöst und im Musikdrama größtenteils vollständig verschwunden ist, werden Momente der (handlungslosen) Kontemplation zur Ausnahme. Im Musikdrama erfüllen sie, als Abweichung von der Norm, dann doch eine dramatische Funktion: sie markieren besondere Punkte der Handlung, deren dramatische Bedeutung gerade durch die Dehnung des Augenblicks verdeutlicht wird. Das kontemplative Ensemble ist, bewusst eingesetzt, also kein dramaturgischer Mangel, sondern wird zu einem sinnvollen, ja bereichernden Formelement. Im Folgenden soll dies nun zunächst anhand des Quintetts im dritten Aufzug von Wagners Meistersinger von Nürnberg überprüft werden.

2. Das Meistersinger-Quintett

Die Worte „Wach’ oder träum’ ich schon so früh?“, gesungen von David und Magdalene, sind gewissermaßen programmatisch für das Wesen des Meistersinger-Quintetts, das als ein Paradebeispiel für ein kontemplatives Ensemble gelten kann.

Das Quintett steht an einem entscheidenden Punkt der Handlung: Sachs hat kurz vorher das Preislied Walthers, das beim bevorstehenden Wettsingen auf der Festwiese zum ersten Mal öffentlich erklingen soll, feierlich auf den Namen „selige Morgentraum-Deut-Weise“ getauft. Auch hat er für sich entschieden, seinen Plan, selbst um Eva zu werben, nun endgültig aufzugeben. Für Walther und Eva besteht damit Hoffnung auf eine Heirat, die den Regeln der Meistersinger entspricht. Zudem wurde David, um als Zeuge bei der Taufe dienen zu können, soeben von Sachs zum Gesellen ernannt. Auch für Magdalene und ihn ist damit ein entscheidender Schritt in eine glückliche Zukunft getan. Die Handlung wendet sich also zu einem sich langsam aber sicher abzeichnenden positiven Ende. Der Augenblick, in dem den Figuren dies bewusst wird und in dem sie erstaunt und noch unsicher über diese Wendung reflektieren, wird durch die Musik gedehnt und gewissermaßen als musikalisch „beredtes Verstummen“[4] aus der Handlung herausgehoben.

Auf formaler Ebene spiegelt sich die besondere Stellung dieser Szene im Gesamtzusammenhang darin wider, dass das Quintett als geschlossene, zyklische Form[5] angelegt ist. In seiner Dreiteiligkeit mit Hauptteil, davon abgehobenem Mittelteil, und modifizierter Wiederholung des Hauptteils stellt das Meistersinger-Quintett eine ungewöhnliche Ausnahme in Wagners Musikdrama dar. Es fällt daher besonders auf, hebt sich ab vom Rest der Oper und gerade durch diese Auffälligkeit erfüllt es eine dramaturgische Funktion: die Da-capo-Form verdeutlicht die Zeitlosigkeit, von der die Szene erfüllt ist, und ihre Bedeutung.

Ein seliger Wachtraum in Form eines kontemplativen Ensembles markiert also den Wendepunkt und quasi das Zentrum des Dramas in den Meistersingern. In weihevoller Stimmung wird die „Geburt“ von Walthers Preislied und die damit aufkeimende Hoffnung für die Protagonisten musikalisch sublimiert und überhöht.

Nachdem nun die musikdramaturgischen Grundlagen und die Funktion des Meistersinger-Quintetts im Handlungsablauf der Oper geklärt sind, soll im Folgenden auf dieser Grundlage eine Transformationsanalyse der szenischen Umsetzung des Quintetts in der Inszenierung Katharina Wagners bei den Bayreuther Festspielen 2007 durchgeführt werden. Dazu soll die gleiche Szene zum Vergleich zunächst in zwei älteren Inszenierungen von Wieland Wagner und Otto Schenk betrachtet werden.

II. Inszenierungsanalyse

1. Das Meistersinger-Quintett bei Wieland Wagner und Otto Schenk

Eine Opernszene, die, wie oben beschrieben, eine Dissoziation von Erzählzeit und erzählter Zeit vornimmt, stellt für eine mögliche Inszenierung eine nicht unerhebliche Herausforderung dar. Wie mit diesem Problem in zwei älteren Inszenierungen szenisch umgegangen wurde, soll nun zunächst untersucht werden.

In einer Inszenierung der Meistersinger von Nürnberg von Wieland Wagner bei den Bayreuther Festspielen 1963 stellt sich die szenische Situation vor dem Quintett wie folgt dar: Sachs steht etwas erhöht auf einem Podium und hat die Hände in segnender Geste erhoben. Aus Sicht des Zuschauers rechts von ihm stehen Eva und Walther, links Magdalene und David, beide Paare sind Sachs zugewandt. Nach den Worten „die jüngste Gevatterin spricht den Spruch“ geht dieser zu Eva und nimmt ihre Hand. Nun stehen David und Magdalene aus Sicht des Zuschauers weiterhin ganz links, dann folgt etwas weiter rechts auf gleicher Höhe Walther. Sachs und Eva stehen ein wenig nach vorne abgesetzt ganz rechts. Alle richten den Blick nach vorne zum Zuschauer. In dieser Anordnung verharren die Figuren nun regungslos das gesamte Quintett über.[6]

In einer weiteren Inszenierung, diesmal von Otto Schenk an der Metropolitan Opera New York aus dem Jahr 1975[7], zeigt sich ein ähnliches, ja beinahe identisches Bild: zu Anfang, während Sachs’ Ansprache, stehen David und Magdalene aus Sicht des Zuschauers links, Walther und Eva rechts von Sachs. Dieser steht wiederum leicht erhöht auf einem Podium in der Mitte zwischen den beiden Paaren. Die Figurenanordnung vor dem Quintett ist also exakt die gleiche wie in Wieland Wagners Inszenierung von 1963.[8] Auch in Otto Schenks Inszenierung geht Sachs bei den Worten „die jüngste Gevatterin spricht den Spruch“ dann zu Eva, nimmt sie bei der Hand und führt sie zur Mitte. Im Unterschied zu Wieland Wagners Inszenierung bleibt Sachs allerdings nicht Hand in Hand mit Eva stehen, sondern geht zurück auf seinen Platz auf dem Podium, so dass die Figuren nun wie folgt angeordnet sind: Magdalene und David stehen, wie bei Wieland Wagner, ganz links, Eva in der Mitte. Dahinter leicht nach rechts versetzt und erhöht auf dem Podium steht Sachs, ganz rechts folgt schließlich Walther. Auch hier verharren die Figuren während des gesamten Quintetts unbeweglich in dieser Anordnung.

[...]


[1] vgl. Dahlhaus (1983) S. 42

[2] ebd.

[3] dies gilt zumindest für die Opera seria vor Gluck, vgl. Dahlhaus (1983) S. 42

[4] Dahlhaus (1983) S. 44

[5] vgl. ebd.

[6] Quelle: http://www.youtube.com/watch?v=ksWyT-WzXWQ

[7] Quelle: DVD Disc 2 von 1:23:00 bis 1:41:20

[8] der Vollständigkeit wegen sei auf einen marginaler Unterschied hingewiesen: bei Wieland Wagner stehen die beiden Paare, wie erwähnt, den Blick auf Sachs gerichtet mit dem Rücken zum Publikum, bei Otto Schenk schräg zu Sachs und dem Publikum.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
"Wach' oder träum' ich schon so früh?"
Untertitel
Das Meistersinger-Quintett in der Inszenierung Katharina Wagners, Bayreuth 2007
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
10
Katalognummer
V177255
ISBN (eBook)
9783640988020
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wach, meistersinger-quintett, inszenierung, katharina, wagners, bayreuth
Arbeit zitieren
Christoph Hetzenecker (Autor), 2009, "Wach' oder träum' ich schon so früh?", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/177255

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: "Wach' oder träum' ich schon so früh?"


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden