Grin logo
de en es fr
Shop
GRIN Website
Publish your texts - enjoy our full service for authors
Go to shop › History of Europe - Middle Ages, Early Modern Age

Gelbes Rad und Judenhut

Zur identitätsstiftenden Funktion verordneter Kleidung, Kleiderfarbe und Abzeichen am Beispiel mittelalterlicher Juden

Title: Gelbes Rad und Judenhut

Term Paper (Advanced seminar) , 2009 , 28 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Wiebke Westphal (Author)

History of Europe - Middle Ages, Early Modern Age
Excerpt & Details   Look inside the ebook
Summary Excerpt Details

„Kleider machen Leute“ – dieser Ausspruch galt von jeher. Obgleich in der heutigen marktwirtschaftlich geprägten Konsum- und Massengesellschaft die polyvalente und vielfältige Zeichenfunktion der Kleidung häufig nicht mehr so deutlich zu erkennen ist wie in früheren Epochen oder in so genannten „vorindustriellen“ Gesellschaften – ihre Aufgabe, Identität zu schaffen und zu vermitteln, ist geblieben. Auch wenn man heute nicht mehr unbedingt von einer normativ vermittelten Kongruenz zwischen Kleidung und sozialem Rang ausgehen kann, wenn Kleidung vor allem zu einem Mittel der Selbstdarstellung geworden ist, zu einem äußerlich sichtbaren Ausdruck der Persönlichkeit – in früheren Zeiten, vor allem ab Ende des 11. Jahrhunderts, war Kleidung mehr als ein tragbares Schneckenhaus, das der Mensch immer und überall zur Schau stellen oder sich darin verstecken konnte. In der spätmittelalterlichen Gesellschaft als „System der Veräußerlichung des Sozialprestige“ kam der Kleidung besondere Relevanz zu – eindeutige soziale Zuordnung war gleichsam erwünscht und gefordert. Mehr noch: Das Verlassen des einem Individuum zugestandenen Kleidungsrahmens war strafbar.
Das Hauptanliegen der vorliegenden Arbeit ist die Beantwortung der Frage, wie sich Kleidergesetzgebung im Mittelalter vollzog und wie sie sich im jüdischen Alltag niederschlug. Welche Macht hatten Stoffe, Farben und Formen? Zu diesem Zweck soll zunächst ganz allgemein dargelegt werden, was Kleidung und Textilien zu tun vermögen, welche Funktionen sie – jenseits von Schutz, Scham und Schmuck – haben und wie sie kommunizieren. Wie steigert oder mindert ein bestimmtes Kleidungsstück das Ansehen einer Person? Wie kann Kleidung auch über den tatsächlichen Stand innerhalb einer Gemeinschaft hinwegtäuschen? In diesem Zuge soll auch auf die Wichtigkeit der Farbe hingewiesen werden: Wie konnte ein bestimmtes Kleidungsstück an Bedeutung gewinnen oder verlieren, indem es seine Farbe änderte? Besondere Aufmerksamkeit wird hierbei der Farbe Gelb zukommen, die als klassische Außenseiter- und Negativfarbe bald die Kleidung eines mittelalterlichen Juden dominierte.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur sozialen Funktion von Kleidung

2.1. Die soziale Dimension der Farbe

2.1.1. Die Farbe Gelb

2.2. Genese mittelalterlicher Kleiderordnungen

2.3. Zur Funktion von Kleiderordnungen

3. Marginalisiert und stigmatisiert – Juden im Mittelalter

3.1. Notwendig und unerwünscht – jüdisches Leben am Rande der christlichen Gesellschaft

3.2. Stigma – eine Definition

3.2.1. Jüdische Kleidung als Stigma

3.2.2. Stigma-Management

4. Fazit

5. Literatur

5.1. Monographien

5.2. Aufsätze

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht die identitätsstiftende und ausgrenzende Funktion verordneter Kleidung, Farben und Abzeichen am Beispiel der mittelalterlichen Juden. Im Zentrum steht die Forschungsfrage, wie sich Kleidergesetzgebung im Mittelalter vollzog und wie diese Maßnahmen den jüdischen Alltag durch Stigmatisierung und Marginalisierung maßgeblich beeinflussten.

  • Die soziologische Funktion von Kleidung als Kommunikationsmittel und Zeichen sozialer Differenzierung.
  • Die historische Genese mittelalterlicher Kleiderordnungen und ihre Rolle bei der Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung.
  • Die Bedeutung der Farbe Gelb als Negativmarkierung für gesellschaftliche Außenseiter.
  • Der Übergang des Judenhuts vom Status-Symbol zum Stigma-Symbol durch fremdbestimmte Normierung.
  • Methoden des Stigma-Managements jüdischer Bevölkerungsgruppen im Umgang mit diskriminierenden Vorschriften.

Auszug aus dem Buch

3.2. Stigma – eine Definition

Im alten Griechenland bezeichnete das Wort Stigma ein körperliches Merkmal, das dazu bestimmt war, etwas über den moralischen Zustand seines Trägers auszusagen – zumeist im negativen Sinne. Im Mittelalter wurde dieser Terminus fast ausschließlich im Zusammenhang mit den Wundmalen Christi verwendet, personenbezogene Stigma-Symbole mittelalterlicher Gruppen, die aus der Ständegesellschaft ausgegrenzt waren, unterschieden sich aber ebenfalls insofern von Prestige- und Statussymbolen, indem sie vorwiegend negative soziale Informationen über den Träger vermittelten. Heute werden unter dem Begriff Stigma Eigenschaften und Attribute subsumiert, die zur Konsequenz haben, dass die damit in Verbindung gebrachten Personen zutiefst diskreditiert sind und dementsprechend auch häufig diskriminiert werden. Meist wird dieser Terminus so gebraucht, dass er eher auf die daraus resultierende Unehre als auf deren körperliche Erscheinungsweise abhebt. Der Stigma-Begriff unterliegt also demselben historischen Wandel, dem auch sein Symbolismus unterliegt. Die Art der Kennzeichnung von gesellschaftlichen Randgruppen durch Kleidung weist sowohl räumliche als auch zeitliche Unterschiede auf.

Grundsätzlich wird zwischen drei verschiedenen Typen von Stigmata unterschieden: Solche, die sich auf physische Deformation gründen (z.B. Blinde, Leprose), solche, die auf vermeintlich individuellen Charakterfehlern beruhen (z.B. Verstöße gegen die herrschende Sexualmoral, Bettler, Dirnen), und solche, die sich auf Rasse, Nation oder Religion beziehen (Juden, Ketzer). Eine weitere Unterscheidung ist die nach „angeborenen“ und „erworbenen“ Stigmata. Die Juden sind hierbei der Prototyp des „existentiellen“ oder geborenen Außenseiters.

Auch Stigma-Symbole, vor allem die so genannten „vestimentären“ Stigma-Symbole, gliedern sich in mehrere Gruppen und Untergruppen. Spricht eine Kleiderordnung für Randgruppen etwa von Hüten mit Bordüren, so ist es die bloße Existenz der Bordüren, die dem Hut stigmatisierenden Charakter verleiht. Anders als Prestige- oder Statussymbole, die ebenfalls mit einer bestimmten Kleidung oder Kleiderteilen assoziiert werden, übermitteln stigmatisierende Symbole vor allem negative soziale Information über ihren Träger. Gerade diese vestimentären Stigma-Symbole aber können in ihrer semantischen Klassifikation durchaus polyvalent oder mehrdeutig sein. Ein bestimmtes Kleiderabzeichen kann beispielsweise für die Umwelt etwas Negatives bedeuten, während dieses für den Träger ein Objekt des Stolzes ist oder jedenfalls so uminterpretiert werden kann. Im umgekehrten Fall können vestimentäre Prestigesymbole sehr leicht zu Stigma-Symbolen werden.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung von Kleidung als soziales Zeichensystem ein und erläutert die Zielsetzung, die Stigmatisierung der jüdischen Minderheit durch Kleidergesetzgebung zu untersuchen.

2. Zur sozialen Funktion von Kleidung: Dieses Kapitel analysiert Kleidung als Instrument zur sozialen Differenzierung, Prestigedarstellung und Identitätszuweisung sowie die Entwicklung mittelalterlicher Kleiderordnungen.

3. Marginalisiert und stigmatisiert – Juden im Mittelalter: Das Hauptkapitel beleuchtet die prekäre Lebenssituation der Juden im Mittelalter, definiert das Konzept des Stigmas und analysiert die Instrumentalisierung jüdischer Tracht als Kennzeichnungspflicht.

4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, wonach die Kleiderordnung ein machtvolles Mittel der staatlichen und kirchlichen Obrigkeit war, um soziale Grenzen zu festigen und Außenseiter systematisch auszugrenzen.

5. Literatur: Das Kapitel bietet eine strukturierte Übersicht der verwendeten Monographien und Aufsätze zur Thematik.

Schlüsselwörter

Kleiderordnung, Mittelalter, Juden, Stigma, Stigma-Management, Judenhut, Soziale Funktion, Farbe Gelb, Marginalisierung, Diskriminierung, Identität, Zeichencharakter, Kleidergesetzgebung, Randgruppen, Judenabzeichen.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?

Die Arbeit untersucht die historische Praxis, soziale Gruppen durch Kleidung und Abzeichen zu kennzeichnen, mit einem spezifischen Fokus auf die systematische Stigmatisierung der jüdischen Bevölkerung im Mittelalter.

Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?

Zentrale Themen sind die soziale Funktion von Kleidung im Mittelalter, die Bedeutung von Farben als Statussymbole, die Genese von Kleiderordnungen und die soziologische Definition des Stigmas in Bezug auf jüdische Randgruppen.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das Hauptziel ist es, aufzuzeigen, wie Kleidergesetzgebung genutzt wurde, um gesellschaftliche Identitäten zu fixieren, und wie die Instrumentalisierung von Kleidung als Stigma-Symbol zu Ausgrenzung und Diskriminierung führte.

Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?

Es handelt sich um eine historische und kulturwissenschaftliche Analyse, die einschlägige Fachliteratur sowie historische Quellen auswertet, um die Zusammenhänge zwischen gesellschaftlicher Ordnung, Kleidung und Ausgrenzung darzustellen.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil befasst sich mit der Rolle der Kleidung in der Ständegesellschaft, der Bedeutung der Farbe Gelb als negative Markierung und der konkreten Entwicklung von Judenabzeichen (wie dem gelben Ring oder dem Judenhut) als Stigma.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?

Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Kleiderordnung, Stigma, Marginalisierung, Judenhut, Identität und soziale Differenzierung beschreiben.

Warum wird der Begriff „Stigma-Management“ in der Arbeit eingeführt?

Der Begriff beschreibt die verschiedenen Strategien, mit denen stigmatisierte Individuen auf ihre Diskriminierung reagieren – von der Geheimhaltung des Stigmas bis hin zum Versuch, sich durch Dispenszahlungen von der Kennzeichnungspflicht zu befreien.

Welche Rolle spielte die Farbe Gelb in der mittelalterlichen Kleidergesetzgebung?

Gelb entwickelte sich im Laufe des Mittelalters zur „Negativfarbe“ schlechthin, die als offizielles Kennzeichen für gesellschaftliche Außenseiter, insbesondere für Juden, eingesetzt wurde, um eine klare optische Distanz zur christlichen Mehrheitsgesellschaft zu erzwingen.

Excerpt out of 28 pages  - scroll top

Details

Title
Gelbes Rad und Judenhut
Subtitle
Zur identitätsstiftenden Funktion verordneter Kleidung, Kleiderfarbe und Abzeichen am Beispiel mittelalterlicher Juden
College
University of Göttingen  (Seminar für mittlere und neuere Geschichte)
Course
Die Macht der Stoffe. Kleidung und Textilien im Mittelalter
Grade
1,0
Author
Wiebke Westphal (Author)
Publication Year
2009
Pages
28
Catalog Number
V177300
ISBN (eBook)
9783640988143
Language
German
Tags
Stigmatisierung Stigma Juden Kleidung Stadtkultur Kleiderordnungen Gelber Stern Gelber Fleck Gelbes Rad Judenhut
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Wiebke Westphal (Author), 2009, Gelbes Rad und Judenhut, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/177300
Look inside the ebook
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
Excerpt from  28  pages
Grin logo
  • Grin.com
  • Shipping
  • Contact
  • Privacy
  • Terms
  • Imprint