Kaum jemand war jemals als Soldat in Vietnam oder im Irak, dennoch verfügen wir von diesen Kriegen über eine mehr oder minder genaue Vorstellung. Kaum jemand ist auch Konrad Adenauer oder Gerhard Schröder jemals persönlich begegnet, dennoch haben wir „ein Bild von ihnen“. Bilder dienen in der heutigen Mediengesellschaft als konkrete Bezugspunkte unserer Erinnerung und sind nicht austauschbar. Bilder können dies leisten, da sie „eine eigene Sprache sprechen“, eine eingängige Bildsprache, mittels derer sie etwas auszudrücken in der Lage sind, das die Grenzen verbaler Kommunikation sprengt. Es sind somit nicht Texte, sondern Bilder, die die Wende zum 21. Jahrhundert markieren und sich in unsere Köpfe eingebrannt haben. Oder um es mit den Worten des Philosophen Walter Benjamin zu sagen: „Geschichte zerfällt in Bilder, nicht in Geschichten“.
Aber wie groß sind die Unterschiede zwischen Bildern und Geschichten eigentlich? Was können die einen leisten, was die anderen nicht zu leisten im Stande sind – und umgekehrt? Wie weit ist überhaupt eine visuelle Sprache mit einer verbalen Sprache vergleichbar? Wie kann ein Verständnis von Wortsprache zur Erhellung von Bildsprache beitragen? Und wie können sich diese beiden Systeme ergänzen?
Die vorliegende Arbeit hat aus einem bestimmten Grund ein Interesse an der Beantwortung dieser Fragen: Wenn in der heutigen Gesellschaft das Bild die Sprache als Leitmedium abgelöst hat, wenn eine kulturelle Verschiebung vom Text zum Bild stattgefunden hat – welche Auswirkungen hat dies, welche Auswirkungen muss dies vielleicht sogar haben, auf sozialwissenschaftliche Forschungsmethoden, die von jeher einem Prinzip der Schriftlichkeit unterworfen waren? Wenn sozialwissenschaftliches Interesse die Erforschung und Interpretation sozialer Wirklichkeit ist, kann die soziale Wirklichkeit der Allgegenwärtigkeit des Bildes dann einfach außen vor gelassen werden? Und wie kann eine verstehende Sozialwissenschaft aussehen, die die Macht der Bilder anerkennt?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Allgemeine Ansprüche einer verstehenden Sozialwissenschaft
3. Verschiedene Varianten der hermeneutischen Interpretation
3.1. Hermeneutik als Textwissenschaft
3.2. Hermeneutik nichtsprachlichen Ausdrucks
4. Die neue Macht der Bilder: der iconic turn
4.1. Zur Wichtigkeit einer kritischen Bildkompetenz
5. Was ist ein Bild?
5.1. Die Besonderheit des Fotos
5.2. Bilder in den Massenmedien
6. Bildhermeneutik als Methode textunabhängiger Bildanalyse
7. Fazit
8. Literatur
8.1. Monographien
8.2. Aufsätze
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie eine sozialwissenschaftliche Hermeneutik als Methode der textunabhängigen Bildanalyse konzipiert sein kann, um der zunehmenden kulturellen Verschiebung vom Text zum Bild (dem "iconic turn") methodisch gerecht zu werden.
- Sozialwissenschaftliche Hermeneutik und der Anspruch auf verstehende Methodik.
- Die Auswirkungen des "iconic turn" auf die Wahrnehmung von Wirklichkeit.
- Die Notwendigkeit einer kritischen Bildkompetenz in der Mediengesellschaft.
- Ontologische und methodische Eigenschaften des Bildes im Vergleich zum Text.
- Möglichkeiten und Grenzen der Übertragung textanalytischer Verfahren auf die Bildanalyse.
Auszug aus dem Buch
3.2. Hermeneutik nichtsprachlichen Ausdrucks
Die Sprache war bislang so sehr Reflexionsmedium der Hermeneutik, dass die Ausbildung einer „Hermeneutik nichtsprachlichen Ausdrucks“ kaum erfolgte. Dabei sind Bilder keineswegs nur oberflächlich verzierende Elemente der Sozial- und Politikwissenschaft – sie sind zentraler Bestandteil. Genau wie das Textmedium sind sie Träger von sozialen Bedeutungs- und Sinngehalten und semantischen Gehalten. Bilder beeinflussen unsere Sichtweise auf bestimmte Dinge. In praktisch allen Epochen der Menschheitsgeschichte spielten Bilder auch die Rolle, bestimmte Ansichten auf die Welt zu stützen und zu verbreiten. Bilder konnten und können Angst und Schrecken erzeugen, moralische Urteile beeinflussen, ein Gefühl der Sicherheit oder Unsicherheit vermitteln – und sind daher richtungsweisende Faktoren der soziokulturellen Evolution.
So, wie unser erkenntnisgewinnender Apparat im allgemeinen die Welt um uns herum nicht nur rekonstruiert, sondern auch interpretiert und Welten konstruiert, so ist die Produktion von Bildern beides: zum einen der Versuch, die Wirklichkeit abzubilden, zum anderen ein Ausdruck der Art und Weise, wie die Wirklichkeit gesehen wird. Damit können Bilder freilich ihre eigene Wirklichkeit entwickeln. In dieser Funktion stehen Bilder dem gesprochenen beziehungsweise geschriebenen Wort kaum nach, sondern können dieses durch die besondere, ihnen eigene Ausdruckskraft noch übertreffen. Wird der Text hinter dem Bild allzu stark betont, „übersieht“ man – im wörtlichen Sinne – leicht das Bild in seinen Möglichkeiten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die wachsende Bedeutung von Bildern in der modernen Mediengesellschaft dar und formuliert das Forschungsinteresse an einer bildhermeneutischen Methode.
2. Allgemeine Ansprüche einer verstehenden Sozialwissenschaft: Dieses Kapitel erläutert den hermeneutischen Anspruch der Sozialwissenschaft, soziales Handeln durch Verstehen nachvollziehbar und transparent zu machen.
3. Verschiedene Varianten der hermeneutischen Interpretation: Es werden zwei Ansätze gegenübergestellt: Die Hermeneutik als Textwissenschaft und die Notwendigkeit einer Hermeneutik nichtsprachlicher Ausdrucksformen.
4. Die neue Macht der Bilder: der iconic turn: Das Kapitel beschreibt den "iconic turn" als kulturellen Wandel und betont die Dringlichkeit einer kritischen Bildkompetenz.
5. Was ist ein Bild?: Hier werden die ontologischen Merkmale von Bildern, deren Abbildfunktion und die Besonderheiten von Fotografien und Massenmedien analysiert.
6. Bildhermeneutik als Methode textunabhängiger Bildanalyse: Dieser Teil diskutiert die Möglichkeiten, hermeneutische Prinzipien wie die Sequenzanalyse auf die Bildinterpretation zu übertragen.
7. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und unterstreicht die Notwendigkeit, Methoden für eine textunabhängige Bildanalyse weiterzuentwickeln.
8. Literatur: Das Verzeichnis listet sämtliche verwendeten Monographien und Aufsätze auf.
Schlüsselwörter
Sozialwissenschaftliche Hermeneutik, iconic turn, Bildanalyse, Textwissenschaft, visuelle Kompetenz, Bildhermeneutik, soziale Wirklichkeit, Massenmedien, Sequenzanalyse, verstehende Sozialwissenschaft, Bildsprache, Kommunikation, Protokolle sozialen Handelns.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Notwendigkeit und methodische Umsetzung einer sozialwissenschaftlichen Bildhermeneutik, um Bilder als eigenständige und nicht lediglich textabhängige Protokolle sozialer Wirklichkeit zu verstehen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf dem "iconic turn", der Abgrenzung von Text- und Bildhermeneutik, den ontologischen Eigenschaften von Bildern sowie der Frage, wie man eine methodisch kontrollierte Bildanalyse durchführen kann.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den Grundstein für eine Methode zu legen, die Bilder als Bilder analysiert, ohne deren spezifischen Bildgehalt durch eine reine Versprachlichung zu zerstören oder zu reduzieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin untersucht, inwiefern Prinzipien der hermeneutischen Textanalyse – wie die Sequenzanalyse – modifiziert werden können, um sie mittels gestalttheoretischer Wahrnehmungsgesetze auf die Bildanalyse anzuwenden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der theoretischen Begründung des "iconic turn", der Definition des Bildes, der besonderen Rolle von Fotos und Medienbildern sowie der praktischen methodischen Ausarbeitung für die Bildhermeneutik.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Begriffe wie iconic turn, Bildhermeneutik, verstehende Sozialwissenschaft, Sequenzanalyse und Bildkompetenz bilden das theoretische Fundament der Argumentation.
Warum ist die "Gutenberg-Galaxie" im Kontext dieser Arbeit problematisch?
Die Fixierung auf das Wort als Leitmedium (Gutenberg-Galaxie) führt dazu, dass nichtsprachliche Lebensäußerungen wie Bilder oft ignoriert oder unangemessen durch Textanalyse reduziert werden, was die Arbeit kritisiert.
Inwiefern unterscheiden sich Bilder von Texten bei der Interpretation?
Im Gegensatz zu Texten sind Bilder nicht in gleicher Weise sequenziell strukturiert; sie basieren auf räumlicher Anschauung und einer eigenen Ausdruckskraft, die sich der vollständigen diskursiven Dekodierbarkeit entzieht.
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- Wiebke Westphal (Author), 2010, Nach dem iconic turn, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/177303