Was ist der Unterschied zwischen den "Naturgesetzen" von Kiplings Dschungelbuch und Hermann Löns Tiergeschichten im "Mümmelmann", "Widu" und "Alles was da kreucht und fleugt"?


Essay, 2003

15 Seiten, Note: 1-


Leseprobe

Inhalt

1. Geschichtlicher Hintergrund

2. Naturgesetze
2.1 Innerhalb der Geschichten
2.1.1Kiplings Dschungelbuch
2.1.2 Typische Kurzgeschichten Löns
2.2 Außerhalb der Geschichte
2.2.1 Kipling
2.2.2 Löns

3. Zusammenfassung: Unterschiede der beiden Diskurse

1.Geschichtlicher Hintergrund

Sowohl Kiplings Dschungelbuch als auch die behandelten Tiergeschichten von Hermann Löns sind im Zeitraum um 1900 entstanden.[1]

Zu dieser Zeit findet ein Boom in der Popularität von Tierdichtung statt. Grund hierfür ist die in Mittel- und Westeuropa stattfindende Technisierung.[2] Das neu gegründete Deutschen Reich entwickelt sich durch zunehmende Mechanisierung und Modernisierung vom Agrar- zum Industriestaat. In der Urbanisierung findet eine Entfremdung des Menschens von der Natur statt: Komplexität, Schnelligkeit und Anonymität des Lebens steigen im Vergleich zum vorherigen, eher dörflichen Leben steil an. Sehnsucht zu alten Werten und Lebensgefühlen, zur Natur ist die Folge, die sich neben der Gründung diverser Naturvereine unter anderem auch in der neuen Popularität heimischer Tierdichtung ausdrückt.

Ein weiterer, brisanterer Grund liegt in dem politischen/gesellschaftlichen Interesse, das in jener Zeit zu diesem Thema aufkeimt.

Nach dem Untergang der absolutistischen Ständegesellschaft setzt sich in der öffentlichen Meinung und Politik der europäischen Nationen ein naturrechtlicher Diskurs durch, der die Gleichheit von Menschen und Kulturen behauptet. Dieser Diskurs bleibt bis ins 18. Jahrhundert einflußreich und gipfelt in der Französischen Revolution. Da sich ab dem frühen 19. Jahrhundert wieder eine Ständegesellschaft zu etablieren beginnt, was sich mit dem naturrechtlichen Diskurs nicht vereinbaren läßt, wird eine metaphysische Erklärung stärker, die Ungleichheiten und ständische Unterschiede als „gottgewollt“ legitimiert.

Die Revolutionen des 19. Jahrhunderts kämpfen im Namen des naturrechtlichen Diskurses gegen diese neu errichtete Ständegesellschaft. Letztenendes entsteht im 19. Jahrhundert aber der Imperialismus: einige europäische Länder beherrschen im Prinzip den Rest der Welt.

Da der metaphysische Diskurs abgesetzt wurde (unter anderem auch, weil die von den beherrschenden Staaten angerichteten Genozide sich nicht mit dem Christentum vereinbaren lassen), dieses Prinzip beherrschender und beherrschter Völker aber auch dem ehemaligen naturrechtlichen Diskurs widerspricht, wird eine neue Rechtfertigung für diese Situation benötigt.

Neue Erkenntnisse der Biologie widersprechen dem naturrechtlichen Diskurs von der Gleichheit aller Wesen (Menschen), vielmehr erkennt man, daß in der Natur eine Selektion stattfindet, ein „survival of the fittest“. Diese Erkenntnisse übertragen sich auf Politik, Recht und Gesellschaft und rechtfertigen, daß die „stärkeren“, „besseren“ Rassen über die Übrigen herrschen sollen, was ein Vorläufer des sich entwickelnden Rassismus ist.

Auch die Tierdichtung ist von den neuen Erkenntnissen inhaltlich, und somit auch vom gesellschaftlichen Interesse her betroffen: ist sie im späten 18. Jahrhunderts noch eher erzieherisch, moralisch und märchenhaft[3], findet in der Zeit um 1900 ein Paradigmenwechsel zur realistischeren, biologischeren und damit darwinistischeren Beschreibung der Welt der Tiere statt. Somit enthalten Tiergeschichten dieser Zeit den latenten Gehalt eines Gegenentwurfes zu den bisherigen Werten, einen neuen Orientierungspunkt für die Gesellschaft.

Viele Autoren benutzen dieses Medium um ihr vitalistisches Denken auszudrücken.[4]

2. Naturgesetze

Mit dem Naturgesetz ist hier nichts anderes gemeint als die Reglementierung, dem Status Quo des Zusammenlebens der wilden Geschöpfe, wie es von den beiden Schriftstellern dargestellt wird.

Welche Verhaltensmuster zeigen Tiere zueinander? Gibt es so etwas wie Gesellschaft unter den Tieren und gesellschaftliche Normen? Wenn ja, welche?

2.1 Innerhalb der Geschichte

2.1.1 Kiplings Dschungelbuch

Wichtig für die Bestimmung der tierischen Verhaltensweisen in Kiplings Dschungelbuch ist zunächst, daß alle auftretenden Tiere ein Bewußtsein besitzen. Mitnichten sind sie völlig ihren realen, natürlichen Instinkten und Trieben unterworfen, sondern in der Lage, ihr eigenes Handeln zu reflektieren und nachzudenken. Die Instinkte spielen durchaus noch eine wichtige Rolle, wie man an dem Elefanten Zweischwanz erkennen kann, der irrationale Angst vor einem kleinen Hündchen hat, ohne sich dieses Phänomen selber erklären zu können.[5] Sie geben jeder Tierart zusammen mit ihren körperlichen Fähigkeiten ihre individuelle Note, jedoch wurde das reale instinktive Verhalten der Tiere von Kipling sehr zurückgestutzt und in vielen Fällen durch menschliche Verhaltensmuster ersetzt. Beispielsweise stürzt sich der Mungo Rikki-tikki-tavi in der gleichnamigen Erzählung des Dschungelbuchs nicht sofort auf seine Feinde, die Brillenschlangen, wie er dies wohl in der realen, freien Wildbahn tun würde, sondern schmiedet im Gegenteil ganz nach menschlicher Art Kriegspläne, wie er die beiden besiegen kann. Die Tiere Kiplings sind allesamt (mehr oder weniger klug) denkende Wesen, die nur noch einigen ihrer realen, instinktiven Zwängen unterworfen sind.

Ganz wichtig für die Bestimmung der Welt des Dschungelbuchs ist die Fähigkeit der Tiere, zu kommunizieren.

Jede Tierart besitzt ihre eigene Sprache, die prinzipiell von jedem andern Tier erlernt werden kann. Tatsächlich sind fast alle Tiere des Dschungels in der Lage, miteinander zu sprechen.

„ Dann sag doch Baghira mal die Sätze auf, die ich dir heute beigebracht habe.“ „Für welches Volk?“ fragte Mogli, der nur zu gern prahlte.[6]

Die menschliche Sprache ist dabei nur eine von vielen und nimmt im Prinzip denselben Stellenwert ein, wie jede einzelne Tiersprache für sich auch. Überhaupt ist die menschliche Welt nicht eine andere Welt, als die der Tiere, sondern muß mehr als eine weitere Gesellschaft unter vielen angesehen werden.

[...]


[1] „The Jungle Book“ 1894, „The New Jungle Book“ 1895 von Rudyard Kipling
Die Kurzgeschichten Sammlungen „Mümmelmann“, „Widu“ und „Was da kreucht und fleugt“ 1909 von Hermann Löns

[2] „Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1870 - 1900. Von der Reichsgründung bis zur Jahrhundertwende.“, Peter Sprengel, München: Beck, 1998

[3] Die Tiere der Tiergeschichten dieser Zeit des Biedermeier sind sehr human, töten sich nicht gegenseitig usw. Um 1900 ist das vorbei.

[4] Gesellschaftlicher Bezug der Tiergeschichte entnommen aus dem Seminar „Kinder- und Jugendliteratur in der Gründerzeit bis zum ersten Weltkrieg“, Prof. Hans-Heino Ewers, Johann Wolfgang Goethe-Universität, 26.11.2002

[5] „Unglaublich! Einfach unglaublich!“ sagte er. „Das liegt in unserer Familie...“ (Das Dschungelbuch, „Die Diener ihrer Majestät“, S.194, Fischer Taschenbuch Verlag, Übersetzung Peter Torberg)

[6] Dschungelbuch, S.42

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Was ist der Unterschied zwischen den "Naturgesetzen" von Kiplings Dschungelbuch und Hermann Löns Tiergeschichten im "Mümmelmann", "Widu" und "Alles was da kreucht und fleugt"?
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Kinder- und Jugendbuchforschung)
Veranstaltung
Einführungsseminar: Kinder- und Jugendliteratur von der Gründerzeit bis zum ersten Welkrieg
Note
1-
Autor
Jahr
2003
Seiten
15
Katalognummer
V17734
ISBN (eBook)
9783638222297
ISBN (Buch)
9783638747073
Dateigröße
775 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Vollständige Zitierung im Rahmen der Fußnoten.
Schlagworte
Unterschied, Naturgesetzen, Kiplings, Dschungelbuch, Hermann, Löns, Tiergeschichten, Mümmelmann, Widu, Alles, Einführungsseminar, Kinder-, Jugendliteratur, Gründerzeit, Welkrieg
Arbeit zitieren
Peter Wolter (Autor), 2003, Was ist der Unterschied zwischen den "Naturgesetzen" von Kiplings Dschungelbuch und Hermann Löns Tiergeschichten im "Mümmelmann", "Widu" und "Alles was da kreucht und fleugt"?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17734

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