Die Bedeutung der Bindung für die Entwicklung des Gemeinschaftsgefühls


Hausarbeit, 2009

12 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffserläuterung
2.1 Das Gemeinschaftsgefühl
2.2 Die Bindungstheorie

3 Was haben die beiden Theorien miteinander gemeinsam?

4 Die besondere Bedeutung einer sicheren Bindung für das Gemeinschaftsgefühl

5 Die besondere Bedeutung der Individualpsychologie bei Bindungsstörungen

6 Gemeinschaftsgefühl und Bindungsqualität heute

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Warum haben manche Menschen mehr, andere weniger Einfühlungsvermögen, oder wie Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie, es nennen würde: Gemeinschaftsgefühl? Eine mögliche Antwort gibt uns der Psychiater und Psychoanalytiker John Bowlby, und seine Bindungstheorie, die besagt, dass das Erlebnis der frühen Mutter-Kind-Beziehung sich auf das spätere Verhalten auswirkt. Inwiefern sich diese Theorien ergänzen möchte ich in kurzer Form darlegen.

Bevor ich jedoch die Gemeinsamkeiten und die Bedeutung der Bindungstheorie für die Individualpsychologie aufzeige, will ich zunächst in einem Abriss die Begriffe Gemeinschaftsgefühl und Bindung klären. Anschließend skizziere ich ein Bild des Gemeinschaftsgefühls in der heutigen Gesellschaft und beende meine Ausarbeitung mit einem Gedanken zum Beruf des Pädagogen.

2 Begriffserläuterung

2.1 Das Gemeinschaftsgefühl

In der von Alfred Adler Anfang des 20. Jhd. entwickelten Individualpsychologie, spielt das Gemeinschaftsgefühl die entscheidende Rolle. Eine präzise Definition zu formulieren schien ihm selbst jedoch nicht möglich zu sein: "Ich bin nicht in der Lage, es ganz eindeutig zu definieren, aber ich habe bei einem englischen Autor eine Wendung gefunden, die klar zum Ausdruck bringt, was wir zu unserer Erklärung beitragen könnten: »mit den Augen eines anderen zu sehen, mit den Ohren eines anderen zu hören, mit dem Herzen eines anderen zu fühlen.« Das scheint mir eine vorläufig zulässige Definition von dem zu sein, was wir unter Gemeinschaftsgefühl verstehen." (Adler 1982, S.224). Meines Erachtens liegt in der Einfühlung in andere Menschen auch die Quintessenz dessen, was uns Adler über das Gemeinschaftsgefühl sagen wollte. Durch sie kann ich mich und andere verstehen, integriere mich dadurch in die Gesellschaft und werde so zu einem nützlichen „Mitspieler“ (vgl. Adler). Es ist ein Lebensstil des „Auf-den-Anderen-Gerichtetsein“ (Ansbacher 1995, S. 114). Das Gemeinschaftsgefühl ist uns als Disposition angeboren und wird durch eine einfühlsame, fürsorgliche Mutter-Kind-Beziehung zu einer Fähigkeit im Kind entwickelt, die man auch Einfühlung nennen kann, und die im weiteren Leben bewusst entwickelt werden muss. Er setzt Gemeinschaftsgefühl aber auch mit der Form von Einfühlung gleich, die die soziale Umwelt, Tiere, ja sogar den ganzen Kosmos überspannen (vgl. Adler „Menschenkenntnis“, zitiert nach Ansbacher 1995, S. 114). Gemeinschaftsgefühl bedeutet nach Adler aber auch, das Streben nach einer besseren, sozialeren Welt und die Betonung des Gemeinwohles.

Auch ich kann nur versuchen den annähernd allumfassenden Begriff des Gemeinschaftsgefühls in dieser Arbeit ansatzweise zusammenzufassen. Gemeinschaftsgefühl ist meines Erachtens der Gravitation ähnlich. Gravitation ist eine Anziehungskraft zwischen allen Objekten, die dafür sorgt, dass wir nicht von der Erde schweben und den Mond in seiner Umlaufbahn hält. Gemeinschaftsgefühl ist also wie eine Anziehungskraft zwischen den Menschen. Stolz drückt es so aus: „[...] Gemeinschaftsgefühl ist positiv erlebte seelische Integration mit Verbundenheitserleben im Hinblick auf andere Menschen." (ebd., S.141), und beschreibt damit die Wirkung der Anziehung aus intrapersoneller Sicht.

Ob man den Ursprung dieser Art Anziehungskraft nun philosophisch, theologisch oder mit Hilfe der Naturwissenschaften versucht zu erklären, Fakt ist: seit unsere Geburt verspüren wir das Bedürfnis, uns mit anderen Menschen zu umgeben. Diese Anziehungskraft ist uns angeboren, aber wir müssen sie auch entwickeln und zur Entfaltung bringen, denn entziehen können wir uns ihr nicht. „[...] [S]o gibt es auch keinen Menschen, der imstande wäre, ernstlich jedes Gemeinschaftsgefühl für sich in Abrede zu stellen. Es gibt keine Worte, um sich der Verpflichtungen gegen die Mitmenschen zu entschlagen. Das Gemeinschaftsgefühl bringt sich stets mit warnender Stimme als Gewissen, als Schuldgefühl in Erinnerung.“ (Adler „Menschenkenntnis“, zitiert nach Ansbacher 1995, S. 116). Selbst wenn wir uns gegen unser Gewissen stellen und den scheinbar leichteren Weg abseits der Gesellschaft suchen, „entsteht daraus die eigenartige Technik des Lebens, des Denkens und Handelns, daß wir immer im Zusammenhang mit dem Gemeinschaftsgefühl stehen wollen, zu stehen glauben oder wenigstens den Schein dieses Zusammenhanges erwecken wollen.“ (ebd.).

2.2 Die Bindungstheorie

Der Psychiater und Psychoanalytiker John Bowlby begründete die Bindungstheorie, die ihre Ursprünge zwar in der Psychoanalyse hat, sich aber auch an der Verhaltensforschung orientierte. Bindung entsteht aus der kommunikativen und interaktiven Erfahrung, die ein Säugling mit seiner Pflegeperson macht. Zimmermann (2002) versteht Bindung „als beobachtbare Manifestation sozialer Emotionsregulationsmuster [...]“, welche in Situationen, in denen das Kind emotionalem Stress oder Überforderung ausgesetzt ist, aktiviert wird. Im Idealfall bilden die Eltern (bzw. die Bindungsperson) in solchen Situationen eine „sichere Basis“ (Ainsworth 1982, zitiert nach Lehmkuhl 2003), stehen dem Kind mit Rat und Tat zur Seite und zeigen ihm Strategien auf, wie es sich das nächste Mal selbst beruhigen kann. Die Balance zwischen Erkundungsverhalten und der Suche nach Sicherheit und Nähe ist in der sicheren Bindung, dem Idealfall, optimal (Gloger-Tippelt 2003, S. 23). Mary Ainsworth und ihre Mitarbeiter stellten anhand ihrer Forschungsergebnisse aus dem „Fremde Situations-Test“ noch zwei weitere Stile fest, die Abweichungen von der sicheren Bindung darstellen: das unsicher-vermeidende und das unsicher-ambivalente Bindungssystem.

Unsicher-vermeidende Kinder haben es nicht gelernt ihre Gefühle auszudrücken, sie vermeiden Bindungen und Gefühle. Ihnen fehlt Zuneigung und Aufmerksamkeit, um die für die Entwicklung wichtige Balance von Exploration und Bindung zu erlangen. Dagegen können unsicher-ambivalent gebundene Kinder ihre Gefühle ausdrücken. Sie scheinen über eine hohe Bindungsqualität zu verfügen, die jedoch nicht stabil ist. Sie können nicht auf eine „sichere Basis“ vertrauen und müssen sich stets vergewissern, dass ihre Bindungsperson nicht plötzlich verschwunden ist. Spätere Forschungen fügten noch (unter anderem) eine weitere Kategorie hinzu: Desorganisierte/desorientierte Bindung. Dieser Bindungsstil wird häufig Kindern, deren Eltern traumatisiert, geistig abwesend oder dissoziiert sind, bei Frühgeborenen, Stress in Schwangerschaft, Misshandlung, Rollenumkehr und bei Jungen, die ohne Vater aufwachsen vorgefunden. Ihr Bindungssystem ist zwar aktiv, doch haben sie keine eindeutigen und konstanten Strategien zur Verfügung, um zu reagieren. Natürlich kann man kein Kind 100%ig in eine dieser „Schubladen“ stecken, häufig werden Mischformen analysiert.

[...]

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung der Bindung für die Entwicklung des Gemeinschaftsgefühls
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Grundlagen individualpsychologischer Pädagogik
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
12
Katalognummer
V177445
ISBN (eBook)
9783640991174
ISBN (Buch)
9783640991297
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Individualpsychologie;, Bindungstheorie;, Bowlby;, Alfred Adler;
Arbeit zitieren
Ilka Bengs (Autor), 2009, Die Bedeutung der Bindung für die Entwicklung des Gemeinschaftsgefühls, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/177445

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