[...] Fast zur gleichen Zeit, jedoch ein wenig vor Sieyès` Aufsatz “Was ist
der Dritte Stand?” veröffentlichten Hamilton, Madison und Jay die Federalist
Papers in amerikanischen Zeitungen. Von Oktober 1787 bis Mai 1788
erschienen ihre Artikel unter dem Pseudonym Publius2. Sie erklärten den
Entwurf der Bundesverfassung, der beim Verfassungskonvent von Philadelphia
entworfen worden war, und forderten seine Ratifizierung. Interessanterweise
gibt es viele Parallelen zwischen dem Denken von Sieyès, das
in seinen theoretischen Werken niedergeschrieben ist, und den Federalist
Papers, die so etwas wie einen authentischen Verfassungskommentar darstellen.
Dies wird schon im einführenden Aufsatz zu den Federalists von
Jürgen Gebhardt deutlich, der schreibt: “Aber es scheint, dass nach Publius
das Volk die Fülle seiner Souveränität nur im feierlichen Akt der Verfassungsgebung
ausübt – eine Handlung, die nicht zu oft wiederholt werden
soll und an die das Volk selbst, respektive die Volksvertretung gebunden
bleibt.”3 In dieser Arbeit möchte ich in einem ersten Schritt das Denken Sieyès`
beleuchten. Dabei werde ich den Dritten Stand und die Rolle der Privilegien
bei Sieyès behandeln. Danach wird es nötig sein, auf die Lehre vom
pouvoir constituant und dem pouvoir constitué einzugehen, bevor man die
Rolle von Verfassung, Gesetz und Naturrechten bei Sieyès erörtern kann.
Der nächste Schritt wird der Vergleich mit den Federalist Papers sein.
Dementsprechend ist die Rolle der Privilegien in Amerika ein zu behandelnder
Punkt, genauso wie die Verfassungsgebung und die geschaffene
Gewalt. Am Ende meiner Betrachtungen zu den Federalists kann dann ein
Vergleich der Rolle der Verfassung wie der Gesetze und Amendments zur
Verfassung gezogen werden. Ein Fazit wird zeigen, inwiefern Sieyès und
die Federalists ähnlich dachten, als sie die Rolle der Verfassung klären
wollten. Dabei sollte man nie vergessen, dass Sieyès theoretische Schriften
die Grundlage für das neue Verfassungsdenken und die neue Einstellung
in Bezug auf Volkssouveränität in Europa begründeten, während die
Federalists in Amerika die erläuterten Punkte nicht allein als theoretisches
Manifest ansahen. Ihre Artikel stellen Erläuterungen zur Verfassung dar,
die in Amerika 1788 tatsächlich ratifiziert wurde.
2 Publius Valerius Publicola war der Retter der Römischen Republik; der Name ist also eine
Anspielung darauf, dass die neue Verfassung die Union “retten” sollte.
3 Gebhardt 1968, s. 94.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Sieyès
2.1 Dritter Stand und Privilegien
2.2 Pouvoir constituant und pouvoir constitué
2.3 Naturrecht, Verfassungsrecht und Gesetzesrecht
3. The Federalist Papers
3.1 Privilegien in Amerika
3.2 Verfassungsgebung und geschaffene Gewalt
3.3 Verfassung, Gesetz und Amendments
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die theoretischen Konzepte von Abbé de Sieyès zur Verfassung und Volkssouveränität und vergleicht diese mit den politischen Ideen und der praktischen Umsetzung in den Federalist Papers. Ziel ist es, Parallelen im Verfassungsdenken aufzuzeigen und zu klären, inwiefern beide Ansätze zur Begründung moderner demokratischer Staatsstrukturen beigetragen haben.
- Analyse der Rolle von Privilegien im vorrevolutionären Frankreich und im jungen Amerika
- Untersuchung der Lehre vom pouvoir constituant und pouvoir constitué
- Gegenüberstellung von Naturrecht, Verfassungsrecht und Gesetzesrecht
- Vergleich zwischen theoretischen Schriften und empirischer Verfassungspraxis
- Diskussion der Relevanz dieser historischen Ansätze für eine mögliche europäische Verfassung
Auszug aus dem Buch
2.2 Pouvoir constituant und pouvoir constitué
Die Grundlage eines jeden Staates ist seine Verfassung. Diese gibt sich das Volk, es setzt sich sozusagen selbst Hürden, um sich vor der eigenen Fehlbarkeit zu schützen. Sieyès begründete in Bezug auf die Problematik der Verfassungsgebung die Ausdrücke pouvoir constituant und pouvoir constitué. Grob gesagt bedeutet das, der Erstere setzt eine Gewalt, nämlich die Verfassung, der Letztere geht daraus hervor. Dies sind also die Organe innerhalb eines Staates.
Die Verfassungsgebung verläuft bei Sieyès in drei Epochen: die erste zeichnet sich dadurch aus, dass das Volk sich überhaupt vereinigen möchte. Es herrscht das “Spiel der Einzelwillen”, die erst eine Vereinigung möglich machen. Diese Willen sind für Sieyès der Ursprung aller staatlichen Gewalt. Die zweite Epoche steht in völligem Gegensatz zur ersten, da sich hier der gemeinschaftliche Wille durchsetzt. Der Union soll Beständigkeit verliehen werden, ihr selbst soll ein Zweck zukommen. Also einigt man sich auf öffentliche Notwendigkeiten und Mittel zu deren Verwirklichung. Man sieht also, dass die Macht hier auf Seiten der Öffentlichkeit liegt. Dabei sind die Einzelwillen stets noch vorhanden. Sie bilden den Ursprung der öffentlichen Gewalt, obwohl sie einzeln für sich genommen keine Gewalt hätten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die historische Bedeutung von Abbé de Sieyès und den Federalist Papers ein und skizziert die methodische Vorgehensweise des Vergleichs zwischen französischer Theorie und amerikanischer Verfassungspraxis.
2. Sieyès: Dieses Kapitel erläutert die politischen Hintergründe und das Denken von Sieyès, insbesondere seine Kritik an Privilegien sowie seine fundamentale Lehre zur verfassunggebenden und verfassten Gewalt.
3. The Federalist Papers: Das Kapitel vergleicht die US-amerikanische Verfassungsrealität und die Argumente der Federalists mit den theoretischen Überlegungen von Sieyès unter Berücksichtigung der unterschiedlichen historischen Ausgangslagen.
4. Fazit: Das Fazit stellt fest, dass Sieyès' Theorien zur Volkssouveränität und Normenhierarchie wichtige Grundlagen bilden, die auch als Impulsgeber für künftige supranationale Verfassungsentwürfe, wie etwa für Europa, dienen könnten.
Schlüsselwörter
Verfassung, Sieyès, Federalist Papers, Volkssouveränität, pouvoir constituant, pouvoir constitué, Privilegien, Naturrecht, Gesetzesrecht, Nation, Repräsentation, Gewaltenteilung, Normenkontrolle, politische Theorie, Rechtsstaat.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert und vergleicht das Verfassungsdenken von Abbé de Sieyès mit den Ideen in den Federalist Papers, um die Grundlagen moderner Volkssouveränität zu beleuchten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Rolle von Privilegien, die Unterscheidung zwischen verfassunggebender und verfasster Gewalt sowie die Hierarchie von Naturrecht, Verfassungsrecht und einfachen Gesetzen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, Gemeinsamkeiten zwischen Sieyès' theoretischen Schriften und der konkreten Ausgestaltung der amerikanischen Verfassung aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine vergleichende Analyse politischer Schriften und theoretischer Konzepte, um strukturelle Parallelen im Verfassungsdenken zwischen Europa und den USA zu identifizieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Analyse von Sieyès' Thesen, die Überprüfung der Situation in Amerika hinsichtlich Privilegien und Rechtsnormen sowie den direkten Vergleich der Verfassungssysteme.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe umfassen Volkssouveränität, Verfassung, Pouvoir constituant, Pouvoir constitué, Rechtsnormen und den Vergleich zwischen französischer Revolutionstheorie und amerikanischem Verfassungskommentar.
Wie bewertet die Autorin die Bedeutung des Naturrechts für die Verfassung?
Das Naturrecht bildet nach Ansicht der Autorin das fundamentale Rechtssystem, das auch vor der Verfassung steht und als unantastbare Basis für die inhaltlichen Werte dient.
Welche Relevanz sieht die Autorin für eine europäische Verfassung?
Die Autorin hält die Trennung von Naturrecht, Verfassungsrecht und Gesetzesrecht sowie den Prozess der Volkssouveränität für essenzielle Vorbilder, falls ein europäischer Bundesstaat mit eigener Verfassung angestrebt würde.
- Arbeit zitieren
- Emily Mühlfeld (Autor:in), 2002, Die Rolle der Verfassung bei Abbé de Sieyès und in den Federalist Papers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17745