Baal und das epische Theater


Hausarbeit, 2010

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Wesenszüge des expressionistischen Dramas
2.1. Inhalt und Thematik
2.2. Form und sprachliche Gestaltung

3. Analyse von Brechts Baal
3.1. Baal und die Programmatik des Expressionismus
3.2. Baal und das moderne Drama

4. Baal und das epische Theater

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der Antike schuf Aristoteles mit seiner „Poetik“ eine Ästhetik für das Drama, die bis in die Gegenwart als Vorbild angesehen wird. Auf Grundlage der von ihm formulierten Grundzüge des Dramas, entstanden seit der Antike Werke, die sich entweder doktrinär auf seine Forderungen beriefen, oder sie wie Shakespeare bewusst durchbrachen.[1]

Nach Aristoteles ist das Drama absolut, d.h. es kennt nichts außer sich selbst, es schafft eine Illusion für den Zuschauer, indem dieser in die vom Drama eigens geschaffene Welt in Abgrenzung zu seiner eigenen hineinsieht. Für die Handlung im Drama existiert weder der Zuschauer noch die Welt herum.[2] Eine Berücksichtigung von äußeren Einwirkungen wie z.B. gesellschaftlicher Umstände, denen der Mensch unweigerlich unterliegt, war in der Poetik des Aristoteles nicht vorgesehen. Bei der Entwicklung von Dramen für die solche Faktoren unumgänglich waren, beispielsweise in der Moderne, geriet der Dramatiker unter Berücksichtigung der antiken Formen in Engpässe, im Bezug auf das Zusammenspiel von Form und Inhalt in seinem Werk. Diese Tatsache stürzte die Gattung Drama, mit dem Anbruch der Moderne, in eine Krise. Der Dramatiker war nicht mehr in der Lage seine Forderungen an den Inhalt auf der Bühne umzusetzen. Es wurde vielerorts experimentiert, um jene Missstände zu beseitigen und eine zeitgemäße Form zu entwickeln, die der darzustellenden Intention des Dramatikers gerecht wird.[3] Der Expressionismus in der Moderne wendete sich schließlich in radikaler Weise vom klassischen Drama ab, um eine eigene Ästhetik zu schaffen, die ihrem Inhalt nicht nur gerecht werden, sondern diesen auch transportieren sollte. Vor allem in der Struktur und Darstellung des Dramas machte man sich Neuerungen zu Nutze, um die Illusion des klassischen Dramas aufzuheben.[4] Brecht erkannte das Potenzial dieser Neuerungen, wendete sich aber entschieden vom Pathos der Expressionisten ab.[5] Aus dieser Gegenposition zur Programmatik des Expressionismus entstand sein Frühwerk Baal. [6]

Erst viel später entstand Brechts „Theorie vom epischen Theater“, doch in wieweit kann Baal als ein Vorläufer dieser angesehen werden?

Ziel der Arbeit soll es sein, einen Ansatz des epischen Theaters in Brechts Frühwerk Baal nachzuweisen und zu zeigen wie Brecht zu diesen Überlegungen durch zeitgenössische Dramen angeregt wurde.

2. Wesenszüge des expressionistischen Dramas

2.1. Inhalt und Thematik des expressionistischen Dramas

Die expressionistische Programmatik erwächst aus der Annahme, die Welt konstituiere sich aus der Gesamtheit der Geisteshaltungen aller Menschen. Das Bild der Wirklichkeit ist somit vom einzelnen Menschen abhängig.6[7] Jedoch ist der Einzelne, bedingt durch die Gesellschaft, erstarrt und handlungsunfähig. Das Subjekt Mensch wurde von der Gesellschaft zum Objekt denaturiert. Das Subjekt befindet sich in einem unnatürlichen Zustand, den es aufzuheben gilt. Der Expressionist setzt sich das Ziel das Individuum auf diesen Missstand aufmerksam zu machen und zu erkennen, dass die Welt in der sich der Mensch befindet eine Scheinwelt ist. Er soll heraustreten aus gesellschaftlichen Bindungen, die ihn einschränken und eine neue, d.h. naturgemäßere Welt, aus sich selbst erschaffen.[8]

Das neue Leben steckt in der Natur und in der Anerkennung der Triebhaftigkeit des Menschen, man strebt Harmonie durch das Ausleben der Triebe an. Diese Geisteshaltung ist bei den Expressionisten als Vitalismus bekannt. Durch das Heraustreten aus gesellschaftlichen Bindungen zeigt der Einzelne anderen, durch seine Wandlung, die Möglichkeit die Welt zu verändern. Er ruft die Menschheit zur Nachahmung auf, um die ersehnte Harmonie, von Mensch zu Mensch, sowie Welt und Mensch, herzustellen.[9] Die besondere Aufgabe des Aufzeigens wird vor allem dem Dramatiker durch sein Schaffen zuteil. Er ist in besonderem Maße in der Lage, der Menschheit seine Gesinnung zu offenbaren. Hierbei fungiert er als eine Art Messias oder Prophet. Der Dichter vernichtet mit den Mitteln der Poesie und des Theaters das Schattendasein des Alltags und setzt das wesenhafte Leben an diese Stelle.[10]

Die Aufgabe des Dramas liegt somit in der Wertung der alten Welt, sowie der Forderung und Verwirklichung einer neuen Welt. Dabei steht dem Zuschauer das Drama als Imperativ entgegen und ist Ort der öffentlichen Sichtbarmachung. Es postuliert den Protest gegen bürgerliche Einkapselung und stellt einen Aufschrei gegen das dar, was noch nicht und nicht mehr ist, was aber werden und wieder werden will. Das Drama greift bestehende und tragende Ideen der Gesellschaft auf und zeigt demonstrativ wie diese geändert werden.[11]

2.2. Form und sprachliche Gestaltung des expressionistischen Dramas

Bereits vor dem Expressionismus zeichnete sich eine Revolutionierung des Dramas ab. Die Naturalisten erkannten längst die Mängel der geschlossenen Dramenform nach dem nach dem Modell von Aristoteles. Dieses fordert die Einhaltung der drei Einheiten Handlung, Zeit und Ort.[12]

Das Modell machte es schwierig die Forderungen der Naturalisten an das Drama, wie das Einbeziehen von sozialen Milieus und historischen Prozessen als Handlungsträger, umzusetzen, ohne beispielsweise gegen die Einheit der Zeit zu verstoßen. Jeder Bezug auf die Vergangenheit wird dadurch unterbunden. Dieser Bezug ist jedoch wichtig, da ein Individuum von ihr bestimmt und geformt wird, sowie die gesellschaftlichen Umstände, die sich aus Vergangenem ergeben. Trotzdessen versuchten sie, die Form weitestgehend beizubehalten und glichen ihren Inhalt zu Gunsten der Form an. Man war gezwungen weiterhin innere Gedanken und Erinnerungen an Vergangenes im Dialog zu verbalisieren.[13]

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts häuften sich jedoch Dramen, die sich neuartiger Formen bedienten. Sie wichen in ihrer Struktur von der geschlossenen Form in fünf Akten, wie sie Aristoteles forderte, ab. Die Form in fünf Akten, auch Freytagsches-Modell genannt, lenkt das Interesse auf den Ausgang des Geschehens. Diesem maßen die Expressionisten aber keine große Bedeutung zu, viel wichtiger erschienen ihnen der Verlauf des Geschehens und die damit verbundenen Veränderungs- und Erkenntnisprozesse des Menschen. Um diese angemessen darstellen zu können, bedarf es einer neuen Form des Dramas.[14]

Daraus entwickelte sich das Stationendrama. Statt der Form des linearen Aufbaus der einzelnen Szenen und somit einer Einhaltung der Einheit der Zeit, verfolgt das Stationendrama die lockere Anreihung von Einzelszenen und Episoden, sogenannten Stationen.[15]

Eine weitere Neuerung ist das Durchbrechen der mimetischen Form. In der Poetik fordert Aristoteles eine Nachahmung der Natur, indem dem Zuschauer im Theater Wirklichkeit vorgegaukelt wird, kann er sich als eine Art Betrachter am Rande der Handlung ansehen und emotional am Geschehen teilnehmen.[16] Die neue Form sollte jedoch keine naturgetreue Wiedergabe von Ereignissen anstreben, sondern die Vermittlung subjektiver und metaphysischer Erlebnisse, wie beispielsweise die inneren Entwicklungsprozesse der menschlichen Seele.[17]

Hierzu schafft der Dichter sich seine eigene Welt auf der Bühne, in der alles möglich ist, da sie nicht an die Realität gebunden ist. Dies eröffnet die Möglichkeit des verstärkten Einsatzes von Symbolen und Allegorien, um auf tiefe innere Empfindungen des Menschen aufmerksam zu machen, die sonst nur schwer zu verbalisieren sind. Diese erschaffene Welt ist der realen möglichweiser in ihren Verhältnissen fremd, dennoch zeigt sie eine wichtige Neuerung. Die Neuerung dass der Mensch das Produkt seines Umfeldes und der Umgebung ist.

Wegbereiter dieser Art von Dramen waren die Theoretiker Adolphe Appia (1862-1928) und Edward Gordon Craig (1872-1966). Sie forderten noch vor Beginn des Expressionismus ein antiillusionäres, theatralisches Theater, d.h. ein Theater indem sich der Zuschauer eindeutig bewusst wird nur Theater zu sehen, und keine Nachahmung der Wirklichkeit.

[...]


[1] Vgl. Kesting, Marianne: Das Epische Theater. Zur Struktur des modernen Dramas. Stuttgart: Kohlhammer 1959; S.9

[2] Vgl. Szondi, Peter: Theorie des modernen Dramas. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1956; S.15

[3] Ebd; S.20f

[4] Vgl. Denkler, Horst: Das Drama des Expressionismus, in: Rothe, Wolfgang: Expressionismus als Literatur. Gesammelte Studien. Bern: Francke 1969; S.129

[5] Vgl. Hauptmann Elisabeth (Hg.): Brecht: Gesammelte Werke. Bd. 15. Über den Expressionismus; S. 44

[6] Brecht, Bertolt: Baal. Drei Fassungen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1966; S.190 (Die Seitenzahlen im Text verweisen auf die diese Ausgabe von Baal)

[7] Vgl. Denkler, FHorst: Das Drama des Expressionismus in: Rothe, Wolfgang: Expressionismus als Literatur; S.128

[8] Vgl. Ebd; S.130

[9] Vgl. Denkler, Florst: Das Drama des Expressionismus. München: Fink 1979; S.62-63

[10] Vgl. Denkler, Horst: Das Drama des Expressionismus in: Rothe, Wolfgang: Expressionismus als Literatur; S.130

[11] Vgl. Ebd.; S.129

[12] Szondi: Theorie des modernen Dramas; S.63

[13] Ebd.; S.75

[14] Vgl. Kesting: Das Epische Theater; S.9ff

[15] [Art.] „Stationendrama" aus Metzlers Literaturlexikon. 2.Aufl. hg v. Günther und Irmgard Schweikle. Stuttgart: Metzler 1990; S. 442

[16] Vgl. Denkler, Horst: Das Drama des Expressionismus, in: Rothe, Wolfgang: Expressionismus als Literatur. Gesammelte Studien. Bern: Francke 1969; S.131

[17] Vgl. Schürer, Ernst: Überlegungen zur Bildsprache des Expressionismus. In: Dialog mit der Moderne : Fritz Wotruba und die Sammlung Kamm. Zug: Balmer 1998; S.225

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Details

Titel
Baal und das epische Theater
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Germanistisches Institut)
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
17
Katalognummer
V177548
ISBN (eBook)
9783640992393
ISBN (Buch)
9783640992430
Dateigröße
81904 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Brecht, Expressionismus, Drama, episches Theater, Theater, Baal, Moderne, Frühwerk
Arbeit zitieren
Benjamin Damm (Autor), 2010, Baal und das epische Theater, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/177548

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