Die Arbeit untersucht die Darstellung der byzantinischen Kaiserin Irene (reg. 780–802) in der Chronographia des Theophanes Confessor. Als erste Frau, die im Byzantinischen Reich aus eigenem Recht als Kaiserin herrschte, stellt Irene einen besonderen Fall für die Untersuchung mittelbyzantinischer Vorstellungen von Herrschaft und Geschlecht dar. Im Zentrum steht die Frage, wie Theophanes ihre politische Handlungsmacht beschreibt und welche Rolle dabei zeitgenössische religiöse, moralische und geschlechtsspezifische Deutungsmuster spielen.
Besondere Aufmerksamkeit gilt Irenes Beteiligung an der Wiederherstellung der Bilderverehrung und dem Zweiten Konzil von Nikäa 787. Die Analyse zeigt, dass Theophanes Irene einerseits als fromme, von Gott begünstigte Herrscherin präsentiert, ihr andererseits jedoch nur begrenzte eigenständige politische Initiative zuschreibt. Entscheidende Handlungen erscheinen wiederholt als Ergebnis göttlicher Fügung, männlicher Beratung oder äußerer Einflussnahme. Selbst problematische Entscheidungen im Konflikt mit ihrem Sohn Konstantin VI. werden teilweise durch ihre vermeintliche „weibliche Schwäche“ und die Verführung durch andere Akteure erklärt.
Die Untersuchung ordnet diese Darstellung in die literarischen Topoi der byzantinischen Historiographie sowie in den Forschungsstand zu Geschlecht, Herrschaft und weiblicher agency ein. Dabei wird deutlich, dass die scheinbare Einschränkung Irenes als autonome politische Akteurin weniger als unmittelbares Abbild ihrer tatsächlichen Herrschaft denn als Ausdruck zeitgenössischer Vorstellungen von Weiblichkeit und legitimer Herrschaft verstanden werden kann. Gerade dadurch bietet die Chronographia wertvolle Einblicke in die Mentalitäts- und Geschlechtergeschichte des mittelbyzantinischen Reiches.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theophanes und seine Chronik
3. Irene bei Theophanes
4. Interpretation und Einordnung
5. Fazit
Zielsetzung und Themen
Das Hauptziel dieser wissenschaftlichen Arbeit ist es, die Darstellung der byzantinischen Kaiserin Irene in der Chronographia des Theophanes Confessor kritisch zu untersuchen und in den breiteren Kontext der zeitgenössischen Geschlechtervorstellungen sowie der byzantinischen Mentalitätsgeschichte einzuordnen.
- Analyse der Darstellung Kaiserin Irenes bei Theophanes im Hinblick auf Autorschaft, Parteilichkeit und Toposhaftigkeit
- Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen geistiger Stärke und vermeintlicher „weiblicher Schwäche“ in der Historiographie
- Rolle Irenes bei der Einberufung des zweiten Konzils von Nikäa und der Wiedereinführung der Bilderverehrung
- Kritische Gegenüberstellung von historischer Überlieferung und moderner Forschungsdiskussion (Agency-Ansätze)
- Betrachtung von Herrschaft im mittelalterlichen Byzanz als grundlegend männliches, performatives Konzept
Auszug aus dem Buch
Irene bei Theophanes
Die hier geführte Untersuchung beginnt mit dem Eintrag zum Weltjahr (Anno Mundi, AM) 6273, nach denen die Chronik gegliedert ist, welches mit den Jahren 780/81 christlicher Zeitrechnung übereinstimmt. Dieser beinhaltet zwar nicht die erste Nennung Irenes, stellt sie aber mit dem Beginn ihrer Regentschaft für ihren Sohn Konstantin VI. das erste Mal als handelnde Figur dar. Innerhalb der ersten Sätze werden bereits zwei Bilder gezeichnet, welche den Charakter der Kaiserin bei Theophanes durchgehend bestimmen werden: Das Bild der geistigen beziehungsweise geistlichen Stärke und das der „weiblichen“ Schwäche, als Gegensatzpaar charakterisiert.
Das erste Attribut Irenes ist das der Frömmigkeit, in der englischen Übersetzung findet man den Begriff pious sowohl als Adjektiv als auch als Nomen vor. Ihre Herrschaft wird als wunderbar und von Gott gesegnet dargestellt, die Rechtgläubigen (sprich: die Ikonophilen) könnten wieder frei reden und predigen, und es würden sogar Prophezeiungen entdeckt, welche angeblich auf diese Zeit anspielen sollen. Es handelt sich um eine als für gut befundene Entwicklung, eine „Richtigstellung“ eines Fehlers. Die Akteure, die der christliche Gott dabei als direkt agierende Figur „nutzt“, sind mit Irene und ihrem Sohn eine Frau und ein Waise, welche mit den „weak hands of fishermen and illiterate folk“ früherer Gotteswunder verglichen werden. Die Herrschaft ist zwar gottgewollt, wird aber durch „schwache“ Personen durchgeführt. Irene hat also nur ihre Frömmigkeit und den vernommenen Gotteswillen, um sich selbst an der Spitze des Reiches zu legitimieren.
Dieses Bild der schwachen, aber gottgefälligen Frau setzt sich fort. Zwar ist Irene alles andere als ineffektiv, ihre Amtsgewalt wird nie hinterfragt und außer einiger Intrigen auch nicht von Akteuren innerhalb des Narrativs angegriffen. Aber wenn etwa im AM 6276 beziehungsweise den Jahren 783/84 das erste Mal die Idee eines ökumenischen Konzils erwähnt wird, ist es nicht die Regentin selbst, die den wichtigsten Erfolg ihrer Herrschaft ins Spiel bringt. Stattdessen wird der eigentlich ikonoklastische Patriarch Paulos IV. von Theophanes rehabilitiert, setzt sich ohne das Wissen der Kaiserin (und ohne das sie es verhindern könnte) in ein Kloster ab und gibt auf dem Sterbebett voll Reue und Scham den Auftrag, ein Konzil zur Wiedereinführung der Bilderverehrung einzuberufen. Irene wird genau dies bekannterweise später beauftragen. Erneut handelt sie in einem „heiligen Auftrag“, sei er vom Patriarchen oder von Gott selbst gegeben, aber nicht aus eigener Kraft.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die historische Figur der Kaiserin Irene vor, skizziert die Fragestellung bezüglich ihrer Darstellung in der Chronographia des Theophanes und erläutert das methodische Vorgehen der Studie.
2. Theophanes und seine Chronik: Dieses Kapitel beleuchtet den Autor Theophanes, die Entstehung sowie die Problematik seiner Weltchronik als historische Quelle, insbesondere im Hinblick auf Autorschaft, Parteilichkeit und ikonophile Propaganda.
3. Irene bei Theophanes: Der Hauptteil analysiert detailliert die Darstellung Irenes in der Chronik, wobei insbesondere die Polarität zwischen ihrer Frömmigkeit, göttlicher Legitimation und zugeschriebener „weiblicher Schwäche“ im Fokus steht.
4. Interpretation und Einordnung: Das Kapitel setzt die Erkenntnisse aus der Chronik in Beziehung zur modernen historischen Forschung und diskutiert Konzepte wie Handlungsmaxime (Agency) und performative Männlichkeit von Herrschaft im byzantinischen Reich.
5. Fazit: Das Fazit fasst die zentralen Ergebnisse zusammen und betont, dass Irene bei Theophanes auf traditionelle Geschlechterrollen reduziert wird, während ihre Darstellung gleichzeitig wertvolle Einblicke in die Mentalitätsgeschichte bietet.
Schlüsselwörter
Byzantinisches Reich, Kaiserin Irene, Theophanes Confessor, Chronographia, Bilderverehrung, Ikonoklasmus, Geschlechtergeschichte, Herrschaftslegitimation, Frömmigkeit, Mittelalter, Historiographie, Politische Kultur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit im Wesentlichen?
Die Arbeit untersucht die literarische und historische Darstellung der byzantinischen Kaiserin Irene in der Chronik des Theophanes Confessor und analysiert, wie zeitgenössische Geschlechterrollen ihre dortige Porträtierung prägten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zu den Kernbereichen gehören die byzantinische Geschichtsschreibung des 8. und 9. Jahrhunderts, die Rolle von Frauen in Machtpositionen, die Politik rund um den Bilderstreit sowie das Verhältnis von Religion und politischer Legitimation.
Welches primäre Ziel verfolgt die Untersuchung?
Das Hauptziel besteht darin herauszuarbeiten, inwiefern Theophanes Irenes politische Handlungen und Erfolge – wie die Einberufung des zweiten Konzils von Nikäa – als göttliche Fügung oder Fremdbestimmung darstellt, anstatt ihr autonome Handlungsfähigkeit zuzuschreiben.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es handelt sich um eine quellenkritische Analyse, die narrative und motivische Strukturen (Topoi) innerhalb der Chronographia untersucht und diese mit aktuellen forschungsgeschichtlichen Ansätzen abgleicht.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der textnahen Analyse der Chronik ab dem Weltjahr 6273, beleuchtet Irenes Regentschaft, den Umgang mit religiösen Konflikten sowie die literarischen Mittel zur Bewältigung des moralischen Dilemmas um ihren Aufstieg und Sturz.
Durch welche Schlüsselbegriffe lässt sich die Publikation charakterisieren?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem Byzantinisches Reich, Kaiserin Irene, Theophanes, Chronographia, Bilderstreit, Geschlechtergeschichte, Frömmigkeit und politische Legitimation.
Welche Rolle spielt die Frömmigkeit Irenes in der Darstellung des Theophanes?
Frömmigkeit dient Theophanes als zentrales Legitimationsmuster für Irenes Herrschaft, schränkt sie gleichzeitig aber in ihrer Autonomie ein, da ihre Erfolge als göttlich gelenkt oder durch männliche Akteure initiiert beschrieben werden.
Wie bewertet der Autor den Konflikt zwischen Irene und ihrem Sohn Konstantin VI. in der Chronik?
Der Konflikt und die Entmachtung des Sohnes werden im Text durch den Rückgriff auf literarische Topoi wie die Verführung durch den Satan erklärt, um Irenes Handeln in das starre dualistische Schema von „gut“ und „böse“ einzupassen.
Auf welche Weise versuchen moderne Historiker, die Darstellung Irenes zu relativieren?
Die moderne Forschung wendet oft den Begriff der „Agency“ an, um Irenes Handeln als strategisch kluges, politisches Kalkül zu interpretieren und sie von der passiven, fremdbestimmten Rolle zu befreien, die ihr bei Theophanes zugeschrieben wird.
- Arbeit zitieren
- Jonas Berndt (Autor:in), 2024, "For She Was a Woman". Die Kaiserin Irene bei Theophanes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1775540