In der deutschen Bildungsdiskussion ist die Integration und Förderung ausländischer Kinder ein zentrales Thema – insbesondere nach der PISA-Studie 2001, die Defizite im deutschen Bildungssystem im Hinblick auf den Ausgleich sozialer Unterschiede und die Bildungsbeteiligung von Kindern aus Familien mit Migrationshintergrund auf-gezeigt hat. Vor allem die Sprachdefizite von Migrantenkindern in der deutschen Sprache werden hervorgehoben. Während Mehrsprachigkeit einerseits als wichtige Kompetenz anerkannt wird, sieht es bei der Erziehung von Kindern mit Migrationshin-tergrund anders aus: In der Regel werden nicht die spezifischen mehrsprachigen und interkulturellen Entwicklungsprofile gesehen, sondern die Mehrsprachigkeit dieser Kinder wird problemorientiert betrachtet und eher als Belastung im Kindergartenalltag empfunden.
Diese Arbeit setzt sich mit dem Thema Mehrsprachigkeit bei Kindern mit Migrations-hintergrund und der Bedeutung von interkultureller Bildung in Kindertagesstätten auseinander. Es soll insbesondere auf die Probleme hingewiesen werden, die so-wohl für die Kinder in den Tagesstätten als auch für die Institutionen bestehen. In diesem Zusammenhang muss auch auf die Rolle der pädagogischen Fachkräfte und auf die besondere und wichtige Rolle der Muttersprache aufmerksam gemacht wer-den.
Die Arbeit gliedert sich in vier Kapitel:
Im ersten Kapitel erfolgt eine kurze Erläuterung zur Entstehung von Mehrsprachigkeit in Deutschland sowie eine Definition zum Begriff Mehrsprachigkeit.
Im zweiten Abschnitt erfolgt ein Überblick über die Bedeutung der Muttersprache und die Mehrsprachigkeit – zum einen für die Kinder mit Migrationshintergrund und zum anderen für die Kindertageseinrichtung. Anschließend wird die Interdependenz- Hypothese vorgestellt, die einen wichtigen Beitrag zur Annerkennung der Mutter-sprache von Kindern mit Migrationshintergrund geleistet hat.
Im dritten Abschnitt werden interkulturelle Aspekte in der Kindertageseinrichtung dar-gestellt – insbesondere Aspekte zur interkulturellen Bildung.
Im letzten Kapitel erfolgt ein Überblick über aktuelle Maßnahmen der Politik zur Sprachförderung speziell in Niedersachsen.
Inhaltsverzeichnis
1. Mehrsprachigkeit – Entwicklung und Definition
1.1 Entstehung
1.2 Zur Begriffsdefinition „Mehrsprachigkeit“
2. Aspekte zur Mehrsprachigkeit in Kindertagesstätten
2.1 Die Bedeutung der Muttersprache
2.2 Die Bedeutung von Mehrsprachigkeit in der Kindertagesstätte
2.3 Interdependenz-Hypothese
3. Interkulturelle Aspekte in Kindertagesstätten
3.1 Interkulturelle Kommunikation in Kindertagesstätten
3.2 Interkulturelle Bildung in Kindertagesstätten
4. Aktuelle Maßnahmen der Politik zur Sprachförderung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung von Mehrsprachigkeit bei Kindern mit Migrationshintergrund im Kontext von Kindertageseinrichtungen. Das primäre Ziel besteht darin, die Probleme aufzuzeigen, mit denen sowohl die Kinder als auch die Institutionen konfrontiert sind, und dabei die Rolle der pädagogischen Fachkräfte sowie den hohen Stellenwert der Muttersprache hervorzuheben.
- Entwicklung und Definition von Mehrsprachigkeit in Deutschland
- Bedeutung der Muttersprache für die kindliche Entwicklung
- Interkulturelle Bildung und Kommunikation in Kindertagesstätten
- Bewertung des Umgangs mit sprachlicher Vielfalt durch pädagogische Fachkräfte
- Politische Maßnahmen und Sprachförderprogramme zur Chancengleichheit
Auszug aus dem Buch
2.1 Die Bedeutung der Muttersprache
„Der Begriff der Muttersprache ist in der deutschen Tradition stark ideologisch gefärbt. In der Spracherwerbsforschung von mehrsprachigen Kindern hat er wieder ein Anwendungsfeld gefunden und widersprüchliche Konnotationen erhalten: Sprache der Emotionen und Vertrautheit, aber auch Sprache, die als negative Bedingung für den Deutschspracherwerb gesehen wird, sowie Sprache, die die deutsche Mehrheit zum großen Teil ausschließt.“
Wie bereits erwähnt, wird Mehrsprachigkeit bei Kindern mit Migrationshintergrund in Kindertageseinrichtungen häufig negativ und als Belastung angesehen. Dadurch wird aber der emotionale, intellektuelle und kommunikative Stellenwert der Muttersprache außer Acht gelassen.
Die Muttersprache hat in den ersten Jahren der Kinder mit Migrationshintergrund „eine entscheidende Funktion auf der emotionalen, intellektuellen und kommunikativen Ebene“, denn der aktive Sprachgebrauch und der Spracherwerb der Kinder beziehen sich in dieser Zeit fast ausschließlich auf sie. Die Muttersprache ist Bestandteil der gesamten Lebenserfahrungen und ist fest in den Alltag integriert. In ihr findet die Herausbildung von Begriffen statt und sie bietet eine Basis für eine Verallgemeinerung von Erfahrungen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Mehrsprachigkeit – Entwicklung und Definition: Dieses Kapitel erläutert die historische Entstehung von Mehrsprachigkeit in Deutschland durch Zuwanderung und definiert den Begriff der Mehrsprachigkeit als komplexes und dynamisches Ausdrucksgefüge.
2. Aspekte zur Mehrsprachigkeit in Kindertagesstätten: Hier werden der emotionale und intellektuelle Stellenwert der Muttersprache für Kinder beleuchtet sowie die Interdependenz-Hypothese vorgestellt, die den Zusammenhang zwischen Muttersprachenkompetenz und Zweitspracherwerb verdeutlicht.
3. Interkulturelle Aspekte in Kindertagesstätten: Dieses Kapitel thematisiert, wie pädagogische Fachkräfte mit sprachlicher und kultureller Vielfalt umgehen, und diskutiert die Risiken von Stereotypisierungen gegenüber Kindern mit Migrationshintergrund.
4. Aktuelle Maßnahmen der Politik zur Sprachförderung: Hier wird ein Überblick über politische Initiativen in Niedersachsen gegeben, insbesondere über Programme wie „Fit in Deutsch“ zur gezielten Sprachförderung vor der Einschulung.
Schlüsselwörter
Mehrsprachigkeit, Muttersprache, Kindertagesstätte, Migrationshintergrund, Interkulturelle Bildung, Sprachförderung, Code-Switching, Sprachstandserhebung, Inklusion, Interdependenz-Hypothese, Pädagogische Fachkräfte, Bildungsbenachteiligung, Monolingualer Habitus, Chancengleichheit, Sprachbad.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Situation mehrsprachig aufwachsender Kinder mit Migrationshintergrund in deutschen Kindertageseinrichtungen und beleuchtet die bildungspolitischen und pädagogischen Herausforderungen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Bedeutung der Muttersprache, die Herausforderungen der interkulturellen Bildung sowie die aktuelle politische Sprachförderpraxis in Niedersachsen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, auf die Probleme hinzuweisen, die bei einem rein defizitorientierten Umgang mit Mehrsprachigkeit entstehen, und die Notwendigkeit einer wertschätzenden, interkulturell orientierten Pädagogik aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine Literaturanalyse, um den aktuellen Forschungsstand zu Mehrsprachigkeit, Spracherwerbstheorien und interkultureller Pädagogik aufzuarbeiten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden Begriffsdefinitionen, die Bedeutung der Muttersprache, die Interdependenz-Hypothese sowie Strategien der Fachkräfte im Umgang mit Vielfalt und aktuelle Fördermaßnahmen diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind unter anderem Mehrsprachigkeit, Interkulturelle Bildung, Migrationshintergrund und Sprachförderung.
Was ist unter dem „monolingualen Habitus“ zu verstehen?
Dies beschreibt die Tatsache, dass Bildungseinrichtungen in Deutschland oft einseitig auf eine einsprachige (deutsche) Sprachentwicklung ausgerichtet sind, wodurch Mehrsprachigkeit als Defizit wahrgenommen wird.
Welche Rolle spielt die Interdependenz-Hypothese in der Arbeit?
Sie dient als theoretische Grundlage, um zu belegen, dass eine gut entwickelte Muttersprache das Fundament für den erfolgreichen Erwerb einer Zweitsprache darstellt.
Was bedeutet die Strategie, „keine Unterschiede zu machen“ in der Kita?
Die Arbeit kritisiert, dass dies oft zu einer Ignoranz gegenüber tatsächlichen Lebenslagen führt und eine notwendige Auseinandersetzung mit Privilegierung und Benachteiligung verhindert.
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- Claudia Schacht (Author), 2007, Interkulturelle Kommunikation in Institutionen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/177750