Interkulturelle kommunikative Störungen


Hausarbeit, 2007

26 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Interkulturelle Kommunikation
2.1 Kulturbegriff
2.3 Kulturschock

3. Analysemodelle zum Kommunikativen Misslingen
3.1 Analyse desMissverstehensnachWeigand
3.2 Level and triggers of missunderstandings nachBazzanella/Damiano
3.3 Lakunenmodellnach Ertelt-Vieht
3.4 Weitere Analysemodelle

4. Interkulturelles kommunikatives Misslingen
4.1 Nichtverstehen
4.2 Missverstehen
4.3 linguistischekommunikativeStörungen
4.4 nonverbalekommunikativeStörungen
4.5 kulturellekommunikativeStörungen

5. Erforschung und Prävention interkultureller kommunikativer Störungen

Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Arbeit widme ich mich dem interdisziplinären Forschungsbereich der interkulturellen kommunikativen Störungen. Das Themenfeld der interkulturellen Kommunikation ist Gegenstand von Wissenschaftlern aus verschiedenen Disziplinen. Im Bereich der Linguistik beschäftigen sich insbesondere die vergleichende Linguistik, Fremdsprachenphilologen der Anglistik und Slavistik, die Fremdsprachendidaktik und die Sprachlehrforschung mit interkulturellen Nuancen. Zudem befassen sich Forscher der Soziologie, der Psychologie, der Ethnologie, der Pädagogik, der Anthropologie, der Anthropogenetik, der Übersetzungswissenschaft, der Literaturwissenschaft und nicht zuletzt der Kulturwissenschaft mit Themenfeldern, welche mehrere Kulturen tangieren. Ein Großteil dieser Arbeiten integriert mehrere Forschungsgebiete.

Die Linguistik bietet vergleichsweise wenig empirische und Feldforschungen, so dass sich in der vorliegenden Arbeit ein Rückgriff aus Ergebnissen der Ethnologie und der Psychologie angeboten haben.

Kommunikative Störungen erleben wir im Alltag bei eingehender Betrachtung täglich. Verschiedene Faktoren beeinflussen Empfänger und Sender unter Umständen so nachhaltig, dass das Ziel der Kommunikation oft nicht oder nur teilweise erreicht wird. Im Rahmen der interkulturellen Konversation ist die kulturelle Differenz oft der maßgebliche Störfaktor. Die Arbeit fasst die aktuelle Forschung aus verschiedenen Fachbereichen zusammen und gibt Einblick in die zahlreichen Ursachen.

Der Schwerpunkt der Arbeit bildet die interdisziplinäre Betrachtung der Themenfelder linguistischer, kultureller und nonverbaler interkultureller Störungen, welche ein Nichtverstehen oder Missverstehen verursachen. Im ersten Teil erfolgt eine allgemeine Einordnung in den Forschungskomplex der interkulturellen Kommunikation, ein Modellbeispiel zum sogenannten „Kulturschock“, gefolgt von einer umfangreichen Übersicht gängiger Analysemodelle zum kommunikativen Misslingen im Hauptteil, wobei der Betrachtung des interdisplinären Forschungsfeldes der Ethnopsycholinguistik, sowie der Lakunenforschung eine besondere Gewichtung eingeräumt wird und mögliche Störungen anhand praktischer Beispiele erläutert werden.

2. Interkulturelle Kommunikation

Definition: „i.K. wird als interpersonale Interaktion mit Hilfe von sprachlichen Codes zwischen Angehörigen von verschiedenen Gruppen und Kulturen verstanden.“1 Ein weiterer Definitionsansatz stammt aus der Ethnologie und geht von einer getrennten Betrachtung der Lexeme aus:

„Interkulturelle Kommunikation, die die beiden Basisbegriffe „Kultur“ und „Kommunikation“ so unmittelbar in Beziehung zueinander setzt, ist die Wissenschaft von den kommunikativen Interaktionen und Bedeutungsvermittlungen zwischen Menschen unterschiedlicher Kultur, von der Wahrnehmung und der Hermeneutik des Fremden und vom Umgang mit kultureller Differenz (cf. Hinnenkamp 1994). [...] Sowohl Kultur als auch Kommunikation sind Systeme der symbolischen Bedeutungsvermittlung und somit auf das Engste miteinander verflochten,ja nahezu deckungsgleich. Im Folgenden müssen wir aber die beiden Bereiche getrennt betrachten“2

Diese Isolierte Betrachtung öffnet den Blick auf zwei interdisziplinäre Forschungsfelder. Während „Kultur“ vor allem in der Anthropologie und in der Kulturwissenschaft von Bedeutung ist, bietet die „Kommunikation“ Grundlagen für die Linguistik, Psychologie und eine Reihe neuer Studiengänge.

2.1 Kulturbegriff

„ Grundlage der Interkulturellen Kommunikation ist der erweiterte Kulturbegriff, der [...]neben den sichtbaren Objektivationen (Artefakte, Handlungen, Verhalten) vor allem auch die unsichtbaren Subjektivationen, also die Werte und Normen, die Einstellungen, Ideen und Haltungen, Denkweisen und Wahrnehmungsmuster umfasst. Kulturen werden dabei als historisch entstandene und sich dynamisch wandelnde komplexe und hochdifferenzierte Systeme gesehen. In Auseinandersetzung, ob Kulturen (wie Sprachen) als kognitive Systeme mit einerje eigenen „Grammatik“ zu verstehen sind, wie W.H. Goodenough meint, oder aber als symbolische Systeme, wie Clifford Geertz dagegenhält, wird heute eine mittlere, beide Ansätze verbindende Position bezogen.“3

Die Fülle der kulturwissenschaftlichen Definitionen zeigt den multivalenten Kontext, in welchem sich diese Thematik bewegt. Eines haben diese Definitionen gemeinsam: jede Kultur gewinnt ihre eigene Identität anhand einer Verdichtung4 von kongruenten Merkmalen vor allem Soziofakte, Mentefakte und Artefakte5. Dieser dreiteilige Kulturbegriff ist interdisziplinär weit verbreitet und dient wie nachfolgend erläutert unter anderem Analysezwecken, wie beispielsweise in der Lakunenforschung.

Finden sich nicht ausreichend Gemeinsamkeiten zur Bildung einer Kultur, entstehen innerhalb dieser Kulturen so genannte Subkulturen oder Organisationskulturen, beispielsweise Berufsgruppen oder soziale Klassen. Auch wenn es paradox klingt, finden sich zwischen Subkulturen verschiedener Kulturen (Bsp. Arztfamilie in Russland - Arztfamilie in Deutschland) oft mehr Analogien, als zwischen Subkulturen einer Kultur (Bsp. Beamtenfamilie in Berlin - Angehörige einer deutschen Hippiegemeinde auf einer spanischen Insel).

Eine alltagssprachliche Abgrenzung, aber treffende Definition ist die Unterscheidung der Kultur der „Wissenden“ von der Kultur der „Unwissenden“6. Sender und Empfänger sind sowohl „Wissender“ im Bezug auf die eigene Kultur, als auch „Unwissender“ gegenüber dem Fremden.7

2.3 Kulturschock

Ein Mensch, der sich erstmals in einem völlig anderen Kulturraum bewegt erleidet oft den so genannten „Kulturschock“. Dieses Phänomen tritt vor allem auf, wenn sich der weitgehend unvorbereitete Betroffene mit Wertvorstellungen, Normenhierarchien und Einstellungen konfrontiert sieht, welche von seiner eigenen Kultur nicht bekannt sind.

Dem ambivalenten Charakter des Phänomens nach lässt sich der „Kulturschock“ sowohl als Folge eines oder mehrerer vorangegangener Missverständnisse, als auch als Ursache für weitere Probleme im Umgang mit Personen, welche dem anderen Kulturraum entstammen, interpretieren. Aus diesem Grund sei der „Kulturschock“ an dieser Stelle erwähnt, ist aber aus dem Gesamtkontext nicht hinweg zu denken.

Der amerikanische Anthropologe Kalvero Oberg entwarf das „W- Kurven- Modell“ (vgl. Abb. 1) und stellte zutreffend fest, dass die Terminologie des „Schocks“ in diesem Zusammenhang medizinisch betrachtet als unzutreffend anzusehen ist. Der Argumentation des Amerikaners folgend stellt sich nach der anfänglichen Euphorie Verwirrung über Werte sowie die eigene und fremde Identität, Verlustangst, Ablehnung bis hin zu Angstzuständen ein. Die Symptome verstärken sich phasenweise.8

Wissenschaftlich gesehen ist der „Kulturschock“ eine akute Belastungssituation (ASD: engl. acute situational reaction) welche durch psychosoziale Faktoren bedingt Bewusstseins- und Wahrnehmungsstörungen, Desorientierung und weitere dissoziative Störungen auslösen kann.9 Der so genannte Schock wird wie folgt definiert: „die akute Belastungsstörung ist durch Symptome gekennzeichnet, die der posttraumatischen Belastungsstörung gleichen und die als direkte Folgewirkung einer extrem traumatischen Erfahrung auftreten.“10

Der ASD ist jedoch vom PSD (engl. post- traumatic stress disorder) zu differenzieren. Das Eintreten von posttraumatischen Störungen wird in der Regel nur durch Ereignisse wie Krieg, Vergewaltigungen oder Folterhaft verursacht. Beim „Kulturschock“ zeigen sich die Symptome sofort, beim PSD mit einer Latenz von 3 Tagen bis zu 6 Monaten.11

Ein weiterer möglicher Verlauf des „Kulturschock“ ist das U- Kurven- Modell (vgl. Abb. 2).

Aus eigener Erfahrung möchte hinzufügen, dass diese Schocks nicht zwangsläufig wellenförmig auftreten müssen. Im Rahmen des Besuches eines Entwicklungsland konnte man innerhalb der Reisegruppe, die direkt nach der Ankunft aufgrund einer Umleitung sogenannte Slums durchqueren musste, in den ersten Tagen von ähnlichen Symptomen beobachten. Bei acht von zehn Personen waren Unwohlsein, Essstörungen, der Wunsch zur sofortigen Heimkehr zu beobachten. Weitere sechs Personen berichteten von Schlafstörungen. Während der Fahrt durch die Slums stellten sich einige der oben genannten Symptome unmittelbar nach der Ankunft ein, ließen in den folgenden Tagen kontinuierlich nach. Graphisch dargestellt würde der beschriebene Verlauf einem „Parabel-Modell“ (vgl. Abb. 3) entsprechen. Der Zufriedenheitsgrad der Reisegruppe, welcher bei der Ankunft aufgrund Schlafmangels, Hitze und des unfreiwilligen Besuches der Slums einen Tiefpunkt erreicht hatte, stieg im Folgenden wieder auf die ursprüngliche Erwartungsebene.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten12 13 14

3. Analysemodelle zum Kommunikativen Misslingen

3.1 Analyse des Missverstehens nach Weigand

Weigand unterscheidet in Missverstehen der Bedeutung, sowie das Missverstehen des Zwecks. Diese klare Abgrenzung ermöglicht die Ausdifferenzierung sprachlicher und zielorientierter Merkmale. Zum Missverstehen der Bedeutung klassifiziert Weigand in vier verschiedene Kategorien.

a) Linguistic means (Sprachliche Bedeutung)

Dieses Missverständnis tritt auf, wenn die phonologische Sequenz durch den Empfänger nicht wahrgenommen werden kann. Die Ursache dafür sind sowohl objektive Faktoren wie Umwelteinflüsse, als auch mangelnde lexikalische Kenntnisse denkbar.

Bis heute ist umstritten, ob aufgrund falsch verstandener phonologischer Reihen ein Nicht­Verstehen vorliegt.12 Weigand führt weiter dazu aus, dass in den meisten Fällen nur ein Bruchteil der Nachricht partiell nicht verstanden, die Botschaft selbst somit missverstanden wird. Eine Reaktion, meist in Form einer Nachbesserung sichert den weiteren Fortbestand der Kommunikation.

b) Perceptual means (Deiktische Bedeutung)

Im täglichen Sprachgebrauch lassen sich Gegebenheiten mit Zeigewörtern umschreiben und mit Zeigegesten verdeutlichen. Werden Zeigewörter unpräzise formuliert, ist die referentielle Funktion der Botschaft aufgrund der Unbestimmtheit nicht verständlich. Eine Präzisierung zum Objekt wird dieses Missverständnis schnell lösen.

c) Cognitive means (Bedeutung aus Kommunikationskontexten)

Die Ursache für Missverständnisse mit kognitiver Bedeutung liegt im Wissen um unsere Gewohnheiten, wie an sich ähnelnden Deduktionen. Bräuche und Gewohnheiten sind nicht in jedem Fall kausal für das Misslingen. Gezogene Schlussfolgerungen lassen einen Zusammenhang mit allen möglich existierenden Unterschieden zwischen Sender und Empfänger vermuten.

[...]


1 zitiert aus Nünning, A. 2004. Metzler Lexikon. Literatur- und Kulturtheorie. Stuttgart. Weimar: Metzler, S. 295

2 zitiert aus Roth, K. 2000. Mit der Differenz leben. Europäische Ethnologie und interkulturelle Kommunikation. München: Waxmann. S. 20

3 zitiert aus Roth, K. 2000. Mit der Differenz leben. Europäische Ethnologie und interkulturelle Kommunikation. München: Waxmann. S. 20

4 In der so genannten Dichten Beschreibung stützt sich Geertz auf Max Weber und meint, „dass der Mensch ein Wesen ist, das in ein selbstgesponnenes Bedeutungsgewebe verstrickt ist, wobei ich die Kultur als diese Gewebe ansehe“ Im Gegensatz zur dünnen Beschreibung sind gesellschaftliche Belange vordergründig. (Geertz 1995, S.9) Den Problemen des weiten Kulturbegriffs und des Zugangs zu anderen Kulturen setzt Geertz eine semiotische Definition von Kultur als wahrnehmbares und erfahrungsbasiertes System von Symbolen,

hermeneutische Untersuchungsmethoden und die dichte Beschreibung, als besondere Art Erkenntnisse zu erarbeiten und darzustellen, entgegen. vgl. Geertz, C. 1999. Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S.7 - 44

5 Posner unterscheidet in Materiale, Mentale und Soziale Kultur, vgl. Posner, R. 1993. Kultur als Zeichensystem. Zur semiotischen Explikation kulturwissenschaftlicher Grundbegriffe. In: Welt der Zeichen - Welt der Wirklichkeit. Hrsg. von P. Rustholz/ M. Svilar. Bern/ Stuttgart/ Wien: Haupt

6 vgl. Menze, P. 2000. Ausländer vor Gericht. In: Mit der Differenz leben. Europäische Ethnologie und interkulturelle Kommunikation. Hrsg. von Roth, K. München: Waxmann. S.166 - 167

7 die „Kultur der Wissenden“ entspricht dem dem Fall dem „Eigenen“ („Kultur der Unwissenden“ = „ das Fremde“) vgl. Sorokin, J. 1993. Lakunen Theorie. Zur Optimierung interkultureller Kommunikation In: Sprache, Kultur, Idendität. Selbst- und Fremdwahrnehmung in Ost- und Westeuropa. Hrsg. Ertelt- Vieth, A. Frankfurt am Main: PeterLang. S. 167 ff.

8 vgl. Oberg, K. 1960. Cultural Shock. Adjustments to New Cultural Enviroments. I: Practical Anthropologie 7: 170- 179

9 http://de.wikipedia.org/wiki/Akute_Belastungsreaktion#Symptome (15.02.2007)

10 American Psychiatric Association (1996). Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen - DSM-IV (Deutsche Bearbeitung und Einleitung: Saß, H., Wittchen, H. U., Zaudig, M.). Göttingen: Hogrefe.

11 Pschyrembel (258. Auflage), de GruyterVerlag 1998

12 vgl. Zaefferer, D. 1977. Understanding missunderstanding: A proposal for an explanation of reading choices. In: Journal of Pragmatics 1, S. 332

12 vgl. Esser, U. 2005. Skript zum Seminar kulturvergleichende Psychologie. TU Dresden. S. 37

13 vgl. Esser, U. 2005. Skript zum Seminar kulturvergleichende Psychologie. TU Dresden. S. 37

14 eigene Beobachtung, vgl. 2.3

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Interkulturelle kommunikative Störungen
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
26
Katalognummer
V177802
ISBN (eBook)
9783656001638
ISBN (Buch)
9783656001423
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
interkurlturelle Kommunikation, interkulturelle Psychologie, interkulturelle Ethnologie, Ethnopsycholinguistik, Lakunen, Missverstehen, kommunikative Störungen, Kulturschock, Paranyme, triggers of missunderstanding, linguistische, nonverbal, kulturell, false friends, Polyseme, Homonyme
Arbeit zitieren
Robert Fischer (Autor), 2007, Interkulturelle kommunikative Störungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/177802

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