Diese Arbeit stellt den Forschungs- bzw. Auswertungsbericht einer qualitativen Untersuchung im Bereich der ambulanten Beratungsstellen der Wohnungslosenhilfe dar.
Seit dem Aktivierungsdiskurs infolge der Hartz-Gesetze im Jahr 2005 stellt sich die Frage, ob die Soziale Arbeit Gefahr läuft, sich zu einem Zwei-Klassen-System zu entwickeln: ‚Erfolg versprechenden’ AdressatInnen werden professionelle soziale Dienstleistungen angeboten, NutzerInnen mit Multiproblemlagen werden von der Hilfe abgehängt. Die Soziale Arbeit sieht sich immer mehr dem Druck ausgeliefert, verstärkt die Effektivität und Effizienz ihrer Unterstützungsleistungen nachzuweisen, um so ihre Angebote zu legitimieren.
Wir stellen uns die Frage, was einen effektiven, ergo erfolgreichen, Hilfeprozess darstellt. Aus diesem Grund behandelt unsere Projektuntergruppe das Thema ‚Erfolgsgeschichten’ und untersucht multiperspektivisch Erfolgsbegriffe in den Fachberatungsstellen der Wohnungslosenhilfe Stuttgart. Ziel dieses Projektberichtes ist es Erfolgsdefinitionen der NutzerInnen, des Systems, sowie der Sozialen Arbeit im Hinblick auf Barrieren und präventive Schlussfolgerungen auszuwerten.
Zu Beginn dieses Berichts werden wir uns in Kapitel 1 den Begrifflichkeiten des Hauptgegenstandes dieser Arbeit annähern. Nach einer Beschreibung der Personengruppe Wohnungsloser und von Wohnungslosigkeit Bedrohter, sowie des Wohnungslosenhilfesystems wird sich explizit dem Wohnungsnotfallhilfesystem der Stadt Stuttgart gewidmet. Im Anschluss hieran folgt ein Kapitel über qualitative Sozialforschung. Zuerst werden Grundpositionen, Instrumente, Gestaltung und Auswertung des problemzentrierten Interviews beschrieben. Danach werden Spezifika des Gruppeninterviews erörtert. In Kapitel 3 wird unser Forschungsvorgehen geschildert. Nachdem im ersten Unterkapitel beschrieben wird, wie wir zu unserer Fragestellung gelangten, wird die Chronologie des Prozesses thematisiert. In Punkt 3.3 werden wir den die Gruppenzusammenarbeit und den Projektverlauf reflektieren. Ab Kapitel 4 beschäftigen wir uns mit der Auswertung unserer Untersuchungsergebnisse zum Thema ‚Erfolgsgeschichten’. Untergliedert in System, NutzerIn und Soziale Arbeit werden die Befragungsergebnisse kategorisiert zusammen gefasst. In Kapitel 4.2 wird dies untereinander nach Kategorien verglichen. Den Abschluss dieses Forschungsberichtes bildet Kapitel 5, in dem wir etwaige Zugangsbarrieren und präventive Schlussfolgerungen zusammenfassen.
Inhaltsverzeichnis
1 Wohnungslosigkeit und Wohnungslosenhilfe
1.1 Wohnungslosigkeit
1.2 Wohnungslosenhilfe
1.3 Wohnungslosenhilfesystem Stuttgart
2 Qualitative Sozialforschung
2.1 Grundzüge
2.2 Das Problemzentrierte Interview
2.2.1 Grundpositionen
2.2.2 Instrumente
2.2.3 Gestaltung
2.2.4 Die Auswertung
2.3 Das Gruppeninterview / die Gruppendiskussion
3 Forschungsvorgehen
3.1 Wie kamen wir zur Fragestellung
3.2 Chronologie
3.2.1 Gesamtchronologie
3.2.2 Verlauf der Interviews
3.3 Reflexion
4 Forschungsergebnisse
4.1 Zusammenfassung der einzelnen Ergebnisse
4.1.1 Zusammenfassung der Ergebnisse im Bereich System
4.1.2 Zusammenfassung der Ergebnisse im Bereich NutzerInnen
4.1.3 Zusammenfassung der Ergebnisse im Bereich Soziale Arbeit
4.2 Vergleich der Ergebnisse
5 Zugangsbarrieren und präventive Schlussfolgerungen
5.1 Zugangsbarrieren
5.2 Präventive Schlussfolgerungen
Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Ziel dieser Arbeit ist eine multiperspektivische Untersuchung von Erfolgsbegriffen in den Fachberatungsstellen der Wohnungslosenhilfe Stuttgart. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf die verschiedenen Definitionen von Erfolg aus der Sicht der KlientInnen, des Systems sowie der Sozialen Arbeit, um Barrieren im Hilfeprozess zu identifizieren und präventive Schlussfolgerungen für die Praxis abzuleiten.
- Multiperspektivische Analyse von Erfolgsdefinitionen (System, NutzerInnen, Soziale Arbeit)
- Untersuchung von Barrieren und Abbruchgründen in der Wohnungslosenhilfe
- Reflexion des Passungsverhältnisses zwischen institutionellen Anforderungen und individuellen Bedürfnissen
- Herausarbeitung der Bedeutung von kleinschrittigen Zielen versus normativer Integrationsvorgaben
- Ableitung von Ansätzen für präventive Maßnahmen und eine gelingendere Beratungspraxis
Auszug aus dem Buch
1.1 Wohnungslosigkeit
Gemäß der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. (BAG W) wird zwischen wohnungslosen Personen in Mehrpersonenhaushalten, alleinstehenden Wohnungslosen und wohnungslosen Aussiedlern in Übergangsunterkünften unterschieden. Des Weiteren findet eine Differenzierung zwischen Wohnungslosen und Wohnungsnotfällen statt.
Eine Person ist ein Wohnungsnotfall, wenn sie wohnungslos oder von Wohnungslosigkeit bedroht ist oder in unzumutbaren Wohnverhältnissen lebt. Wenn der Verlust der derzeitigen Wohnung wegen Kündigung von Seiten der VermieterIn, einer Räumungsklage, wegen einer Zwangsräumung oder aufgrund anderer zwingender Gründe unmittelbar bevorsteht spricht man von einem Wohnungsnotfall. (vgl. Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. 2008a)
„Wohnungslos [hingegen, J.S.] ist, wer nicht über einen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügt.“ (Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. 2008a) Im ordnungsrechtlichen Sektor bedeutet dies, dass aktuell von Wohnungslosigkeit betroffene Personen jene sind, welche aufgrund ordnungsrechtlicher Maßnahmen ohne Mietvertrag untergebracht sind was bedeutet, dass lediglich eine Einweisung in Wohnraum mit Nutzungsvertrag stattfand oder sie in Notunterkünften wohnen. Im sozialhilferechtlichen Sektor sind dies Menschen, die ohne Mietvertrag untergebracht sind, wobei die Kosten nach Sozialgesetzbuch II oder XII übernommen werden, sowie Betroffene, die sich in Heimen oder Notübernachtungen aufhalten, da keine Wohnung zur Verfügung steht. Des Weiteren gelten im sozialhilferechtlichen Sektor Personen als wohnungslos, die als Selbstzahler in Billigpensionen leben, sich vorübergehend bei Bekannten oder Verwandten aufhalten oder denen jegliche Unterkunft fehlt und die deshalb Platte machen. Aussiedler, die noch keinen Mietwohnraum gefunden haben und in Aussiedlerunterkünften untergebracht sind, gelten als wohnungslos im Sinne des Zuwanderungssektors.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Wohnungslosigkeit und Wohnungslosenhilfe: Das Kapitel erläutert theoretische Grundlagen zu Wohnungslosigkeit, definiert relevante Fachbegriffe und beschreibt die aktuelle Situation im Hilfesystem Stuttgart.
2 Qualitative Sozialforschung: Hier werden die methodischen Prinzipien sowie die spezifischen Erhebungsinstrumente des problemzentrierten Interviews und der Gruppendiskussion dargelegt.
3 Forschungsvorgehen: Dieses Kapitel dokumentiert den Prozess der Fragestellung, die Chronologie des Projekts sowie die methodische Reflexion der Autoren.
4 Forschungsergebnisse: Die erhobenen Daten werden hier multiperspektivisch kategorisiert, zusammengefasst und hinsichtlich der Erfolgsdefinitionen der drei Instanzen (System, NutzerInnen, Soziale Arbeit) verglichen.
5 Zugangsbarrieren und präventive Schlussfolgerungen: Aufbauend auf den Ergebnissen werden Barrieren identifiziert und konkrete präventive Handlungsansätze für die Praxis der Wohnungslosenhilfe formuliert.
Schlüsselwörter
Wohnungslosigkeit, Wohnungslosenhilfe, Erfolgsdefinitionen, Qualitative Sozialforschung, Beratungspraxis, Hilfeprozess, Stuttgart, Zugangsbarrieren, Soziale Arbeit, Prävention, Lebensbewältigung, Einzelfallhilfe, Systemanalyse, NutzerInnen, Wohnungsnotfallhilfe.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Thema „Erfolgsgeschichten“ in der Wohnungslosenhilfe und analysiert, wie unterschiedliche Akteure (NutzerInnen, Soziale Arbeit, System) den Begriff „Erfolg“ in diesem Kontext definieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Definition von Erfolg im Hilfeprozess, die Identifikation von Zugangsbarrieren sowie die Analyse des Passungsverhältnisses zwischen den beteiligten Akteuren.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist eine multiperspektivische Auswertung von Erfolgsdefinitionen, um Barrieren im Hilfesystem zu identifizieren und präventive Empfehlungen für die Praxis zu erarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit nutzt Methoden der qualitativen Sozialforschung, insbesondere problemzentrierte Interviews und Gruppendiskussionen, die mit MAXQDA ausgewertet wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition der interviewten Systeme sowie die Zusammenfassung und den Vergleich der Ergebnisse basierend auf Kategorien wie Alltagsberatung, Zielformulierung und Rahmenbedingungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Wohnungslosigkeit, Hilfeprozess, Erfolgskontrolle, institutionelle Barrieren und ressourcenorientierte Unterstützung.
Warum wird im Projekt besonders die „Kleinschrittigkeit“ betont?
Die Auswertung zeigt, dass hochgesteckte, normative Erfolgsziele oft an der Realität der KlientInnen vorbeigehen. Kleinschrittige Erfolge, wie das Halten von Terminen, sind für Betroffene oft realistischer und motivierender.
Wie bewerten die NutzerInnen ihre Erfahrungen mit Fachberatungsstellen?
Die befragten NutzerInnen empfinden die Beratungsstellen grundsätzlich als sehr hilfreich, insbesondere bei der bürokratischen Unterstützung, bemängeln jedoch die teilweise fehlende Empathie und die Undurchsichtigkeit von Entscheidungsprozessen.
- Citar trabajo
- Jessica Wagner (Autor), Julia Schlembach (Autor), Jessica Wagner (Autor), 2010, Erfolgsgeschichten?! - Multiperspektivische Untersuchung von Erfolgsbegriffen in den Fachberatungsstellen der Wohnungslosenhilfe, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/177854