Raum und Zeit. Heterotopia. Foucaults "Andere Räume"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Netze und Knorpel

2. Eine Genealogie Anderer Räume

3. Heterotopologie

4. Traum und Technik: Das Schiff
4. 1 Seemannsgarn
4. 2 Gruppe WochenKlausur

5. Alltägliches und Schockierendes: Der Spiegel
5.1 Passagen und Übergänge
5. 2 Trickster

6. Öffentlicher Raum

Literaturverzeichnis

Einleitung

Michel Foucaults Heterotopien sind viel diskutiert worden. Auch ich nehme mir in diesem Text vor, mich seinem Aufsatz „Andere Räume“ zu nähern, um ihn an- schließend einer kritischen Lesart zu unterziehen. Was für eine Vorstellung von Raum bzw. Räumen entwirft Foucault? Wie plazieren sich darin Heterotopien? Wie liest sich dieses Raummodell im Zusammenhang mit Foucaults Machttheorie? Was ist das Andere der Heterotopien? Für eine kritische Lesart und zur näheren Bestimmung dessen was Raum und Zeit ist und Räume nehme ich mir einen Auf- satz von Oliver Marchart zu Hilfe über einige Überlegungen von Ernesto Laclau. Ich werde die Theorien, die dort entfaltet werden nicht annähernd komplex er- fassen können und werde sie daher eng danach lesen, was ich damit zu Foucault ergänzen oder an ihm kritisieren möchte.

Für Foucault ist das Schiff die Heterotopie schlechthin, deshalb werde ich mich einige Zeit am Bild des Schiffes festhalten. Da mir als Künstlerin daran gelegen ist, Theorie auch in ihrer visuellen Umsetzung zu begreifen, werde ich zu Foucaults Aufsatz Textausschnitte und Fotos aus der Serie „Seemannsgarn“ des Künstlers Allan Sekula betrachten, die momentan auf der Documenta 11 zu sehen ist. Auch den Theoretiker Michel de Certeau, besonders Passagen aus dem Kapitel „Gehen in der Stadt“ in „Die Kunst des Handelns“ werde ich mit diskutieren. Wenn de Certeau davon spricht, sich Fragen zu einer Fortsetzung oder auch als Gegenpart zu Foucault zu stellen, dann fragt er nicht mehr nach den Details, die Macht kon- stituieren und den Raum disziplinieren, sondern nach den Umgangsweisen mit diesem (foucaultschen) Raum. Wie konkretes Handeln Räume hin zu Situationen und Möglichkeiten der Veränderung öffnen kann, möchte ich anschließend ausloten.

Ich versuche nun einen Einstieg mit einem kurzen Rekurs auf Foucaults Macht- theorie und einer Skizze des Heterotopie Begriffs, bevor ich näher auf seine Um- schreibungen und Beispiele dieser Anderen Räume eingehe.

1. Netze und Knorpel

„Das Objekt trudelt und stampft auf der Stelle. Es verformt sich, nimmt andere Gestalt an, bricht in sich zusammen, richtet sich wieder auf. ... An der Mauer entlang gleitet es, nach vorne drückend, dringt in die Poren der Mauer, fließt zwischen die Körper und versucht, die Zwischenräume aufzuspreizen. ... Und genauso plötzlich wie das Anrollen kommt der Rückzug, in seiner unvorher- sagbaren, ungleichmäßigen und doch fließenden Bewegung.“[1]

hetero

von griechisch: heteros, anders, verschieden

(Heterotopie: Entstehung von Geweben am falschen Ort (z.B. Knorpel))

topos

griechisch: Stelle, Ort

(Topik: Lehre von den Schlußfolgerungen aus in allgemeiner Akzeptanz stehender Argumente (Gemeinplätze))

Foucault geht davon aus, dass alle Kulturen Heterotopien etabliert haben und etablieren. Das sind „wirkliche Orte, wirksame Orte, die in die Einrichtung der Gesellschaft hineingezeichnet sind, sozusagen Gegenplazierungen oder Wider- lagerer, tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind (...).“ [2]

Vor allem aber sind sie multipel. Nicht das eine Andere, sondern viele. Hetero- topien als realisierte Utopien sind gleichzeitig materielle und metaphorische Orte. Der sozialen Verräumlichung tritt immer ein materieller Ort bei. Diese zweifache Räumlichkeit macht es möglich, Orte als soziale Praktiken zu begreifen und zu sehen wie sich Vorstellungen, Begehren, Mythen und Erzählungen an reellen Orten materialisieren und sie in Heterotopien verwandeln. Diese sind physische Räume, Sedimente der Lebenspraktiken und Vorstellungen einer Gesellschaft, in die sie als Andere Räume eingeschrieben sind. Die Vorstellung mannigfaltiger Widerlagerer läßt sich vielleicht verdeutlichen, wenn wir uns an Foucaults Macht- theorie erinnern. Es ist die Theorie eines heterogenen, dezentralen Machtgefüges. Eines, das nicht an einem einzigen Ort lokalisiert werden kann. Unser Zeitalter sei das Zeitalter des Raumes, schreibt Foucault, ein Netz, ein Gewirr aus Punkten und Linien, die verschiedene Machtpositionen innehaben. Ähnlich seiner Einfüh- rung von Heterotopien versteht Foucault Macht nicht als etwas zentrales, absolu- tes, dem ein homogenes Beherrschtes entgegengesetzt werden kann.

„Unter Macht, scheint mir, ist zunächst zu verstehen: die Vielfältigkeit von Kraftverhält- nissen, die ein Gebiet bevölkern und organisieren, das Spiel, das in unaufhörlichen Käm- pfen und Auseinandersetzungen diese Kraftverhältnisse verwandelt, verstärkt, verkehrt; die Stützen, die diese Kraftverhältnisse aneinander finden, indem sie sich zu Systemen ver- ketten – oder die Verschiebungen und Widersprüche, die sie gegeneinander isolieren; und schließlich die Strategien , in denen sie zur Wirkung gelangen und deren große Linien und institutionelle Kristallisierungen sich in den Staatsapparaten, in der Gesetzgebung und in den gesellschaftlichen Hegemonien verkörpern.“[3]

Foucault spricht hier von „Vielfältigkeit“ und von Macht als Prozeß. Einen zentralen Ort hat diese Macht nicht oder vielmehr Mächte und wenn, dann ist es der Leib, der von den Mächten durchkreuzt wird und das „freie“ Individuum, das Macht aus- übt. Über Interessen verbunden mit Strategien, Taktiken und Finten verbinden sich diese Mächte zu einer Topographie von Macht als ein alles umfassendes Netz ge- geneinander isolierter, überlagerter oder verbundener Zusammenballungen, die hegemoniale Machtgefüge verkörpern. Ein Netz aus Reihen, Bäumen, Gittern, wie Foucault diese Strukturen in „Andere Räume“ formal beschreibt. Jean Fischer schreibt in Anlehnung an Foucault zum wirkungsmächtigen Handeln:

„Wenn man in der Lage sein will, zu handeln und eine gewisse Verfügungsgewalt über die Dinge des eigenen Lebens auszuüben, wenn man etwas „machen“ will, muß man sich mit der Macht verbinden, sich an ästhetische oder gesellschaftliche Strukturen anschließen, die kulturelle Bedeutung produzieren und eine wirksame politische Stimme hervorbringen können.“[4]

Hier, wie auch bei Foucault, wird deutlich, dass Macht immer produktiv gedacht ist. Macht ist alles. Sie durchzieht alles, das heißt, niemand ist außerhalb der Macht.

2. Eine Genealogie Anderer Räume

Auch Heterotopien entstehen nicht außerhalb der Orte und der Mächte einer bür- gerlichen Öffentlichkeit, nicht einmal als Gegenentwurf. Vielmehr sind sie immer da, sie durchziehen eine Gesellschaft, können mal widerständig sein, mal aufge- zwungen und die verschiedenen Formen existieren nebeneinander. Auch sind Heterotopien nicht a priori. Sie sind Resultate von Konflikten und Auseinander- setzungen, von Aus- und Eingrenzungen und es sind immer Räume, die mit „Qualitäten“ aufgeladen sind. Keine „homogenen und leeren“ Räume, womit Foucault auf die Vorstellung eines geometrischen, vorgängigen Raumes anspielt, gegen die er u.a. anschreibt. Doch woher kommt die Beschäftigung mit Räumen? An dieser Stelle möchte ich kurz auf Foucaults Genealogie als Umgang mit Ge- schichte eingehen, die nicht nur eine Auseinandersetzung mit Zeit ist, sondern wesentlich eine mit Raum bzw. Räumen.

Die klassische Historie befragt die Geschichte nicht nach Orten, sie fragt nach dem Ursprung, schreibt chronologisch die Menschenzeitalter zusammen, nicht zuletzt, um der Gegenwart einen bestimmten Sinn zu geben. Sie schreibt Ideen- geschichte, ihre Helden kommen aus dem Klerus, dem Adel oder gehören Re- gierungen an. Dem gegenüber zersetzt die Genealogie Kontinuitäten und Tradi- tionen, wenn sie die Geschichte nach Schwellen befragt, nach Umwälzungen der Kräfteverhältnisse durch Kämpfe und Widerstände. Sie betrachtet Ereignisse, Zwischenfälle, Zerstreuungen. Das neue Gesicht der Geschichte zeigt sich als eines aus Zusammenballungen und Umwälzungen, Ideen, die untergehen oder zu denen sich neue hinzugesellen, Paradigmen, die sich ändern und von neuen Erkenntnissen verdrängt werden, Könige, die geköpft werden, Krankheiten, die erforscht werden. Das alles betrachtet die Genealogie an den Orten und in den Räumen, in denen sich etwas ereignet. Sie schaut nach den synchronen Kon- stellationen und Beziehungen, die zu einer Veränderung geführt haben. Dabei unterwirft sie die Geschichte nicht der Gegenwart, wenn auch der Ausgangsort der Betrachtung das Jetzt und Hier ist. Foucault betrachtet Gefängnisse, Irrenanstal- ten, Erziehungsheime, um dem Anderen der Geschichte auf den Leib zu rücken. Das 20. Jahrhundert ist für ihn das Zeitalter des Raumes. Es geht in dieser Epoche nicht mehr um die großen Themen des 19. Jahrhunderts, das sich mit Geschwindigkeiten und Verflüchtigungen befaßt hat und im Schockzustand der Beschleunigung bemüht war, die Vergangenheit anzuhäufen und zu sichern. Der große Erlösungsgedanke, der sich politisch in den marxistischen Revolutionstheo- rien ankündigte und der Geschichte als vorhersehbar betrachtete, weicht im 20. Jahrhundert, so Foucault, Theorien über Nachbarschaftsbeziehungen. Bei der Umkämpfung des Raumes geht es nicht mehr um eine Idee, die umgesetzt wer- den will, nicht mehr ums Politische, sondern um Überlagerungen, um Entfer- nungen, um übergeordnete Konstanten und Klassifizierungen, die Räume bean- spruchen. In der aktuellen Politik wird zum Beispiel vom Standort gesprochen, den es gegenüber anderen Standorten stark zu machen gilt. Auch bei der Idee von einem vereinten Europa geht es erst einmal um das Großraumgebilde, innerhalb dessen die Entfernungen zueinander geringer werden sollen, die Entfernungen nach außen dagegen größer. Andere Großraumgebilde wie die Sowjetunion oder Jugoslawien sind zusammengebrochen und haben eine Reihe von Konflikten um die Nachbarschaftsbeziehungen verschiedener sogenannter Volksgruppen hinter- lassen. Jedenfalls ist das Nebeneinander Ort der Gedanken und Konflikte mehr als das Nacheinander, „dabei geht es überhaupt nicht darum, die Zeit zu leugnen; es handelt sich um eine bestimmte Weise, das zu behandeln, was man die Zeit und was man die Geschichte nennt.“ Auch der Raum ist heute ein anderer, so Foucault, als noch in den Vorstellungen des Mittelalters oder des 17. Jahrhun- derts. Im Mittelalter sei der Raum ein „Ortungsraum“ gewesen, in dem die Räume ganz bestimmte hierarchische Anordnungen und Zuschreibungen hatten und die Dinge ihre Herkunft und ihren Platz. Endliche Räume, voneinander abgegrenzte Räume mit klaren Beziehungen. Das 17. Jahrhundert bringt dann „die Konstitu- ierung eines unendlichen und unendlich offenen Raumes“ mit sich und an die Stelle des Ortungsraumes tritt die „Ausdehnung“. Heute sind es Lagerungen, Sta- pelungen, Zuordnungen, Unterbringungen, die uns beschäftigen. Die „Speicher- ung der Informationen oder Rechnungsteilresultate im Gedächtnis einer Maschine“ oder die Demographie, die sich mit dem Problem der Unterbringung der Men- schen beschäftigt. Doch trotz einer Vielzahl neuer Techniken und Betrachtungen haben wir den Raum noch nicht vollständig entsakralisiert, wie Foucault meint. Heute noch haben wir sakrale Vorstellungen von bestimmten Räumen, den Ideen des Mittelalters nicht unähnlich. So haben wir private, öffentliche, kirchliche, staat- liche, erzieherische Räume, Räume der Entspannung, der Arbeit, die alle in dicho- tomen Entgegensetzungen zueinander stehen.

[...]


[1] Gerald Raunig, Wien Feber Null. Eine Ästhetik des Widerstands, Wien 2000, S. 40

[2] Michel Foucault: Andere Räume, aus: Other Spaces. The Affair of the Heterotopia, Graz 1998, S. 29; im Folgenden sind alle kursiv gedruckten Zitate Foucaults diesem Aufsatz entnommen, sofern sie nicht anders gekennzeichnet sind

[3] M. Foucault, Sexualität und Wahrheit 1, Frankfurt/M. 1977, S. 113

[4] Jean Fischer, „Zu einer Metaphysik der Scheiße“ aus Katalog zur Documenta 11, S. 65

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Raum und Zeit. Heterotopia. Foucaults "Andere Räume"
Hochschule
Hochschule für Bildende Künste Braunschweig
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
22
Katalognummer
V17793
ISBN (eBook)
9783638222747
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heterotopia, Foucaults, Andere, Räume, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Alexandra Gerbaulet (Autor), 2002, Raum und Zeit. Heterotopia. Foucaults "Andere Räume", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17793

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