Grin logo
de en es fr
Shop
GRIN Website
Texte veröffentlichen, Rundum-Service genießen
Zur Shop-Startseite › StorySphere: Romane & Erzählungen

Wenn das Glashaus brennt

Auf seinen Trümmern wächst das Feld – Zwölf Protokolle über die Ungezähmtheit des Geistes

Titel: Wenn das Glashaus brennt

Sammelband , 2026 , 644 Seiten

Autor:in: Romina Lutzebäck (Autor:in)

StorySphere: Romane & Erzählungen
Leseprobe & Details   Blick ins Buch
Zusammenfassung Leseprobe Details

Wo verläuft die Grenze zwischen der starren Ordnung des Systems und der ungezähmten Kraft des menschlichen Herzens? In zwölf meisterhaften, atmosphärisch dichten Erzählungen seziert dieses Buch die unsichtbaren Gefängnisse unserer Existenz – und feiert den einen, unscheinbaren, aber unzerstörbaren Funken, der ausreicht, um gläserne Imperien in Schutt und Asche zu legen.

Vom nervenzerreißenden Studio-Showdown im märkischen Spätherbst bis zu den von Pechdampf geschwängerten Gassen des von der Pest gezeichneten Florenz im Jahr 1348; von der existenziellen, kafkaesken Enge eines Berliner Wäscheschranks in der Linienstraße bis zur gleißenden, emotionalen Wucht eines Hip-Hop-Konzerts im ausverkauften Stadio Olimpico von Rom – die Pfade der Protagonisten sind so wechselvoll wie die Menschheitsgeschichte selbst. Sie begegnen digitalen Trugbildern, der schleichenden Verlogenheit von Nachkriegsbiografien und dem unerbittlichen, karmischen Pendel der Reinkarnation im geteilten Deutschland des Jahres 1958.

Die Kieler Autorin, Pädagogin und Therapeutin Romina Lutzebäck legt mit diesem Werk eine unvergleichliche literarische Autopsie der Anpassung und eine Hymne auf die innere Autonomie vor. In siebenjähriger Arbeit, gereift zwischen den stillen Seen des Nordens und den Tälern der mallorquinischen Tramuntana, hat sie ein psychologisches Mosaik geschaffen, das uns daran erinnert, dass der Mensch keine optimierte Maschine ist, sondern ein fühlendes, trotziges Wesen, dessen Wahrheitsdrang die Vergänglichkeit überdauert.

Denn erst auf den Trümmern des Glashauses wächst das unzerstörbare Feld.

Leseprobe


Auszüge aus dem Buch

Cover: Wenn das Glashaus brennt

Die erste Erzählung: Die Ketzerin der Prime-Time

Die Luft im vierzigsten Stockwerk war an diesem Morgen um Punkt acht Uhr kein Gas mehr, sondern eine bleierne, zähe Masse, die sich wie Schlamm in die Lungen presste. Ohne anzuklopfen, drückte Mira die Klinke der massiven Eisentür herunter und trat direkt in van Breemens gläsernes Panoptikum.

Das Penthouse-Büro lag da wie eine sterile Kulisse des Jüngsten Gerichts, geflutet vom fahlen, leichenblassen Licht eines wolkenverhangenen Himmels, der die gesamte Berliner Silhouette unter einer Decke aus zementgrauem Dunst erstickte. Ein steriles Territorium, das gläserne Imperium der Lüge, die unbarmherzige Statik der Macht.

An der monumentalen Fensterfront stand der Medienmogul. Mit dem Rücken zu ihr diktierte er dem Telefon das Schicksal der Welt – ein großer, breitschultriger Koloss Mitte fünfzig, dessen maßgeschneiderter Rüstungsanzug jede menschliche Schwäche seines Körpers wie eine eiserne Lüge wegzensierte. Er strahlte einen Narzissmus aus, der die Gravitation im gesamten Gebäude zu beherrschen schien.

Eine träge, herrscherhafte, beunruhigend satte Zufriedenheit begleitete sein imperatorisches Diktat – es war das grausame, ungerührte Amüsement eines antiken Göttervaters, der hoch oben auf dem thronenden Olymp über dem Elend der Sterblichen stand und sich im unerschütterlichen Prunk seiner goldenen Hallen für absolut unantastbar hielt.

Neben seinem monumentalen Schreibtisch aus schwarzem Onyx stand das physische Manifest dieser patriarchalen Allmacht: eine lebensgroße, makellose Skulptur aus weißem Carrara-Marmor, die eine nackte Nymphe in den Fängen eines raubtierhaften Flussgottes zeigte, ein zutiefst frauenfeindliches Requisit als stummer, steinerner Zeuge seiner Verachtung.

Für van Breemen war dieses Büro ein Jagdrevier. Jedes Jahr schleuste sein Apparat Heerscharen junger, bildschöner Praktikantinnen durch die Etagen – „Mädchen“, wie er sie mit einem schmierigen Lächeln zu nennen pflegte. Sie wurden nach ästhetischen Kriterien selektiert, benutzt, im verrauchten Separee seines Penthouses „vernascht“ und bei der kleinsten Regung von Eigenwilligkeit lautlos „entsorgt“.

Doch Mira Ebert passte nicht in dieses entseelte Beuteschema. Dass sie es überhaupt bis in das Allerheiligste des vierzigsten Stockwerks geschafft hatte, war die Folge einer ganz eigenen, zynischen Auslese innerhalb des Sender-Apparats. Die opportunistischen Redakteure des Zwischengeschosses hatten sie gezielt für das staubige Untergrund-Archiv rekrutiert – nicht, weil sie in van Breemens Raster der sexuellen Verfügbarkeit passte, sondern weil sie für das System vollkommen unsichtbar war. Sie suchten ein hochintelligentes, aber gebrochenes Arbeitstier; jemanden, der aus nackter Existenzangst die Klappe hielt, keine Fragen stellte und die gigantischen Mengen an belastendem Datenmüll geräuschlos abtippte. In ihrer sozialen Verwundbarkeit wirkte sie auf die Machthaber wie die perfekte, wehrlose Komplizin auf Zeit. Sie dachten, eine gescheiterte Existenz besäße nicht die Stimme, um zu schreien. Es war die klassische, hochmütige Fehlkalkulation der Tyrannei: Man hält das Werkzeug für dumm, weil es schmutzige Kleidung trägt.

Mit ihren unbändigen, dunklen Locken, den müden Augen hinter der schlichten Hornbrille und dem übergroßen, ausgewaschenen Tweed-Sakko ihres verstorbenen Vaters wirkte sie in dieser klinischen Glaswelt wie ein wandelnder Systemfehler. Sie stammte aus einer Berliner Arbeiterfamilie, hatte sich nach dem Abbruch des Studiums aus nackter finanzieller Not in das staubige Untergrund-Archiv des Senders verdingt und dort Monate damit verbracht, die geschönten Bilanzen und staatstreuen Lügen des Moguls abzutippen.

Bald schon erkannte sie den Schlamm der Realität, und das machte sie gefährlich.

Auf das Geräusch der Tür reagierte die leblose Statue am Fenster nicht. Van Breemen machte lediglich eine kurze, herablassende Bewegung mit der linken Hand. Ein Wedeln. Ein Verscheuchen.

Doch Mira dachte nicht an Rückzug. Sie schritt durch das sakrale Schweigen des Raums, trat an den gewaltigen Schreibtisch und ließ den Stapel Papier darauf krachen. Das abrupte, metallische Knallen schlug wie eine Rasierklinge in das Telefonat. Van Breemen hielt inne, legte das Gerät ab und fixierte den papierenen Fremdkörper. Seine Pupillen verengten sich.

„Mira, richtig? Die Archiv-Ameise. Die Praktikantin aus dem Totenreich“, stellte er fest, während er sich langsam zurücklehnte. Seine Stimme war ruhig, klang altväterlich, fast zärtlich – und genau diese Sanftheit machte die Brutalität seiner Worte so unerträglich bedrohlich.

„Du hast deine Kompetenzen nicht nur überschritten, Mädchen. Du hast sie pulverisiert. Was soll diese Schmierenkomödie?“

„Das ist das Projekt Chronos“, entgegnete Mira, obgleich ihre Stimme wie eine dünne Glasfaser im Orkan zitterte. Ihr Blick blieb eisern in seinem verankert.

„Sie werden diese Berichte heute Abend um acht Uhr nicht senden. Andernfalls gehen diese Dokumente im selben Moment direkt an die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht und die Staatsanwaltschaft.“

Der Titan erhob sich. Er stand auf, umging den monolithischen, schwarzen Onyx-Block wie ein Hohepriester seinen Opferaltar und baute sich so unerbittlich dicht vor ihr auf, dass Mira die nackte, olfaktorische Signatur seiner Allmacht einatmen musste: das schwere, maskuline Parfüm von verbranntem Holz, das wie der brandrauch einer geschleiften Stadt in der Luft stand, unbarmherzig vermischt mit dem herben, zynischen Tabakgeruch seiner sündhaft teuren Zigarren.

„Weißt du, was dein Problem ist, kleines, naives Mädchen? Du glaubst noch an das rührende Märchen vom moralischen Journalismus“, erklärte er und beugte sich so weit zu ihr herab, dass sein Schatten sie vollständig verschlang.

„Glaubst du im Ernst, die Welt interessiert sich für die geraubten Zettel einer gescheiterten Studienabbrecherin, die hier im Grunde nur den Boden wischt?

Schau dich doch an, Mädchen: Du bist kein Subjekt der Geschichte, du bist ein statistischer Rundungsfehler. Höre mir gut zu: Wenn du dieses Gebäude verlässt, übergeben meine Anwälte der Staatsanwaltschaft eine mundgerechte, fix und fertig fingierte Anzeige wegen Datendiebstahls und Industriespionage. Bis die Behörden auch nur das erste Blatt deiner kopierten, rührenden kleinen Wahrheit geprüft haben, bist du finanziell geknebelt, sozial exekutiert und psychisch in die Knie gezwungen. Du bist Luft für dieses System, Mira. Du existierst nicht einmal als Zeile auf unserer offiziellen Gehaltsliste. Du bist kein Mensch, du bist eine unbedeutende, namenlose Inventarnummer, die man rückstandslos aus dem Speicher löscht.

Pack deine sieben Sachen, du bist fristlos entlassen. Wenn ich dich in zehn Minuten noch auf dieser Etage sehe, lasse ich dich von der Security nicht bloß abführen – ich lasse dich wie stinkenden Hausmüll auf die Straße werfen, dorthin, wo der Abschaum deinesgleichen hingehört.“

Mit diesem verbalen Genickschuss drehte er ihr den Rücken zu, schritt zurück zum Fenster und griff nach einer schweren Kristallkaraffe, deren geschliffene Kanten das fahle, leichenblasse Vormittagslicht in kalten Prismen brachen. Mit einer aufreizenden, meditativen Ruhe, die an die Präzision eines herzlosen Uhrwerks erinnerte, goss er sich den bernsteinfarbenen Whiskey ein. Das schwere, goldene Gift schwappte träge gegen das Glas – ein flüssiges Zeugnis seiner unantastbaren Dekadenz, während draußen der herbstliche Orkan die Berliner Wolkenkratzer wie dünne Halme bog. Er trank nicht hastig; er genoss das schiere Privileg seiner absoluten Ungerührtheit. Für den imperatorischen Monarchen des Äthers war die Audienz der Bettlerin nicht bloß beendet; sie hatte in seiner Zeitrechnung überhaupt nie existiert.

Beim Anblick dieser monolithischen, rüstungsartigen Rückseite, die sich wie eine uneinnehmbare Festung gegen das bleigraue Licht der Fensterfront staute, passierte in Miras Kopf etwas vollkommen Unwiderrufliches. Abseits jeder rationalen Logik und ohne den Hauch einer moralischen Abwägung der Konsequenzen fraß sich ein plötzliches, urwüchsiges, rein physisches Gefühl durch ihren Körper.

Ein stummer Bruch der Statik, das endgültige Bersten des Gehorsams, die Geburt der Rebellion.

Ein lautes, inneres Knacken – so scharf und unbarmherzig wie das Brechen von winterlichem Eis – signalisierte das endgültige Platzen ihrer Geduld. All die systemischen Erniedrigungen der vergangenen Wochen, all die schleimigen Demütigungen durch die opportunistischen Redakteure, all das stumpfe, maschinelle Abtippen von offensichtlichen, staatstreuen Lügen gipfelten hier und jetzt in dieser hochmütigen Abwertung ihrer nackten Existenz. Das Glashaus der Anpassung hielt dem Druck nicht mehr stand.

Wenn van Breemen sie vernichten wollte, würde sie nicht leise gehen. Sie würde den König vom Thron stürzen, sie würde den Palast anzünden, sie würde das gesamte verdammte Imperium aus Glas und Frequenzen mit sich in den bodenlosen Abgrund reißen.

Mira verließ das Büro schweigend, ohne ein einziges weiteres Wort an diese leblose Wand aus Arroganz zu verschwenden. Sie ging nicht als Entlassene; sie ging als Saboteurin.

[...]

Die zehnte Erzählung: Schmetterling im Heizungskeller

Als der Oktober des Jahres 2046 mit einer beinahe feindseligen Wucht über die märkische Ebene zog, brachte er einen nächtlichen Frost mit sich.

Dieser legte sich nicht bloß wie eine sterile Leichendecke über die abgeernteten, unendlichen Rapsfelder, sondern überzog auch die inneren Landschaften der Menschen mit einer unerbittlichen Starre.

Im bleichen, schmutzig-grauen Licht der frühen Morgendämmerung stand das mächtige Backsteingebäude der staatlichen Oberschule da wie ein finsterer, monolithischer Wächter aus einer längst vergangenen Zeit. Seine jahrzehntelangen Flanken aus grobem Stein schnitten den herbstlichen Nebel, der zäh und feucht von den nahen Flussauen aufstieg.

Die letzten, vom Reif gegerbten Blätter der alten Kastanien führten im stürmischen Nordostwind einen makabren Totentanz auf, ehe sie lautlos auf das nasse Pflaster sanken. Ein steriles System, eine Epoche der Gleichschaltung, das Aufbegehren im Verborgenen. Es war eine Ära, in der unter der eisernen, ideologischen Ägide des Bundes für Erneuerung (BfE) jedes Element der Natur ebenso wie jedes Glied der menschlichen Gesellschaft in ein Korsett aus absoluter Zweckmäßigkeit, strammer Konformität und unbarmherziger Disziplin gezwungen wurde.

Der Staat duldete keine Abweichung, keine Schwäche und vor allem keine Unordnung im Gefüge des kollektiven Daseins. Was gesund war, durfte wachsen; was schwach war, musste weichen.

Doch während die Welt da draußen in der geometrischen Starre ihrer eigenen, verordneten Gleichschaltung verharrte und jeder Bürger peinlich genau darauf bedacht war, den schönen Schein der totalen Anpassung zu wahren, tobte tief im Inneren dieses alten, verwinkelten Schulkomplexes ein gänzlich anderer Kampf. Verborgen hinter den meterdicken Kellermauern, im permanenten Schatten der schweren Schaltschränke und untermalt vom dumpfen, markerschütternden Grollen der schlammgrünen Heizungsanlagen, spielte sich eine Tragödie ab. Sie war feiner und doch gewaltiger als alle Dekrete der Staatsführung.

Ein stummer, beinahe lautloser Kampf um Identität, Wahrheit und das nackte Überleben des eigenen Geistes hatte von einer Seele Besitz ergriffen, die nach außen hin als das absolute Fundament des Systems galt.

Ein Schmetterling, dessen zarte Flügel noch tief im harten, schmerzhaften Panzer eines uralten Kokons gefangen waren, regte sich inmitten der absoluten Finsternis des Untergeschosses.

Es war ein Aufbegehren der inneren Natur gegen das äußere Gesetz – das Aufkeimen einer Wahrheit, von der die betroffene Person im tiefsten Herzen wusste, dass ihr endgültiger Ausbruch das gesamte, mühsam errichtete Fundament eines scheinbar perfekten Lebens in Schutt und Asche legen würde.

Wenn Jürgen mit schweren, rhythmischen Schritten durch die endlos langen Gänge der Oberschule schritt, schien selbst der feinste, aufgewirbelte Staub des grauen Linoleumbodens vor schierer Ehrfurcht in der Luft zu erstarren.

Mit seinen neunundvierzig Lebensjahren glich der baumlange, dicht bärtige Mann einem wuchtigen Felsen in der stürmischen Brandung des morgendlichen Schülerstroms – einem lebenden Denkmal traditioneller Männlichkeit, dessen überaus breite Schultern die blaue, derbe Arbeitskluft bei jeder Drehung fast zum Verreißen spannten. Jede seiner präzisen, kraftvollen Bewegungen strahlte die unbändige, beinahe einschüchternde Autorität eines Mannes aus, der die Ordnung nicht bloß als lästige Pflicht verwaltete, sondern sie mit lautstarkem, energischem Einsatz tagtäglich an vorderster Front verteidigte.

Sein kantiges Gesicht, das von einem tiefschwarzen, penibel gestutzten Vollbart dominiert wurde, wies keine Spur von Weichheit auf.

Die Augen waren meist zu schmalen Schlitzen verengt, stets auf der Suche nach dem kleinsten Makel im System der Schule.

„Ruhe im gesamten Westflügel, habe ich gesagt! Die große Pause beginnt erst in exakt fünf Minuten, und bis dahin erwarte ich absolute Stille in den Reihen!“, donnerte seine tiefe, resonierende Baritonstimme durch das weitläufige Treppenhaus. Eine Gruppe tuschelnder Jugendlicher in den hinteren Reihen schreckte augenblicklich zusammen, senkte die Köpfe und beschleunigte drastisch die Schritte. Jürgens Wort war Gesetz an dieser Schule. Niemand, weder Schüler noch die jüngeren Lehrkräfte, wagte es, sich seinem rauen Regiment in den Weg zu stellen. Er verkörperte den perfekten Typus des deutschen Hausmeisters: pflichtbewusst bis zur Selbstaufgabe, pünktlich auf die Sekunde, unerbittlich gegen jede Form von Schlamperei und stets bereit, den Laden mit harter Hand am Laufen zu halten.

Jürgen sah alles, er hörte alles, er richtete alles. Trotz dieser latent aggressiven Aura, die wie ein unsichtbarer, elektrisch geladener Schutzschild um seine wuchtige Gestalt lag und jeden potenziellen Unruhestifter auf Distanz hielt, besaß Jürgen jedoch ein zutiefst kinderliebes Herz.

Diese verborgene Seite seines Wesens offenbarte sich vor allem dann, wenn die Pausenglocke gellte und er den schmalen Holzladen seines schuleigenen Verkaufstresens öffnete. Wenn die kleinsten Schüler der fünften Klassen mit großen, schüchternen Augen vor ihm standen, wandelte sich der grimmige Ordnungshüter in einen rauen, aber verlässlichen Beschützer. Mit flinken, obschon riesigen Pranken reichte er staatlich normierte Dinkel-Riegel der Einheitsmarke und dünnen Malzkaffee über das abgewetzte Holz.

Er scannte das digitale Armband der Kinder für die Abrechnung der Sozial-Credits exakt ab und fand für jeden verängstigten Schulanfänger, der im Gewusel der Mangelwirtschaft unterzugehen drohte, ein kurzes, beruhigendes Wort.

„Kopf hoch, Kleiner, nimm dein Wechselgeld und lass dich von den Großen da drüben nicht ins Bockshorn jagen“, brummte er dann, während er dem Jungen mit einer Geste, die so sanft war, wie es seine Masse erlaubte, über die Schulter klopfte.

Diese seltene, faszinierende Symbiose aus unbarmherziger Strenge gegenüber Regeln und einer tiefen, ehrlichen Herzlichkeit gegenüber den Schutzbefohlenen machte ihn zu einem allseits geschätzten Unikat der Institution.

Die Schulleitung lobte seine unermüdliche Arbeitsmoral, die Elternschaft schätzte die absolute Sicherheit, die er auf dem Schulhof garantierte, und die Kinder sahen in ihm eine Naturgewalt, die zwar laut war, aber niemals ungerecht handelte.

Der Hausmeister war gewiss ein Unikat der Uniformität.

Hinter dieser Fassade des unerschütterlichen Patriarchen lag jedoch eine unendliche, zermürbende Müdigkeit. Jürgen wusste, dass die Gesellschaft des Jahres 2046 von ihm eine lückenlose Performanz der Stärke verlangte, und er hatte diese Rolle so perfekt gelernt, dass er sich selbst darin verloren hatte.

Wenn er abends im Flur seine schweren Stiefel abstreifte, tat er das nicht aus Erleichterung, sondern mit der dumpfen Ahnung, dass das eigentliche Gefängnis nicht die Schule war, sondern die Haut, in der er steckte. Zuhause, in der sterilen Klinkerhaussiedlung am äußersten Stadtrand Berlins, setzte sich diese vermeintliche Idylle einer funktionierenden Welt nahtlos fort. In seiner Gattin Helga fand das Regime seine stillste Architektur: Eine Mutterfrau von vollendeter Pflichterfüllung, die das Haus mit einer Andacht führte, welche die harten Gesetze der Epoche in ein unantastbares Heiligtum verwandelte. In ihrer stummen, fast sakralen Betriebsamkeit glich sie einer Priesterin des reibungslosen Funktionierens. Jedes Zimmer war eine exakt ausgemessene Festung gegen das lauernde Chaos der Epoche.

Das Essen stand pünktlich auf dem Tischtuch, auf den Tellern wartete dampfend das Mahl, zubereitet nach den kargen, vaterländischen Rationstabellen, und doch makellos in seiner Darreichung.

Die weiße Wäsche, die sie im windgepeitschten Garten aufhing, flatterte im fahlen Licht wie eine Reihe weißer Kapitulationsfahnen vor der absoluten Uniformität des Staates. Helga hatte das Kunststück vollbracht, ihre eigene Biografie vollkommen in den Dienst der kollektiven Pflicht zu stellen. Sie war keine Ehefrau, sondern eine Institution. Sie bügelte die Falten aus den Hemden ihrer vier Kinder mit derselben Unerbittlichkeit, mit der das Regime die Nuancen aus den Gedanken der Bürger strich. Für die Nachbarschaft war dieses Haus ein leuchtendes, unantastbares Mahnmal der BfE-Moral.

Niemand ahnte, dass die gestärkten Laken, die Helga ausrichtete, für Jürgen die Leichentücher seiner eigenen, sterbenden Männlichkeit waren. Jedes saubere Tischtuch war ein neuer Kontrakt mit der Lüge.

Helga opferte ihre Existenz auf dem Altar einer Ordnung, die Jürgen im tiefsten Inneren bereits als das absolute Gefängnis seiner Seele erkannt hatte. Helga lächelte das normierte, pflichtbewusste Lächeln einer BfE-Musterfrau, während in Jürgen eine lähmende Melancholie wuchs.

Er blickte auf seine riesigen, schwieligen Hände und fühlte eine fast sentimentale Trauer über eine Sanftheit in seinem Inneren, die er niemals laut aussprechen durfte. Die Welt sah den Fels, aber der Fels spürte im Geheimen bereits den inneren Sand, in den er zu zerfallen drohte. Angesichts der anhaltenden wirtschaftlichen Krisen, der spürbaren Isolation des Landes und den ständigen Drohungen von außen, plädierte Jürgen im privaten Kreis scheinbar glühend für die rechtsorientierten Dekrete des Bundes für Erneuerung.

In der absoluten Härte der Staatsführung, in der Wiedereinführung der D-Mark und in der totalen Abschottung der Grenzen plädierte er im Außen für den einzig wirksamen Schutz vor dem drohenden gesellschaftlichen Chaos.

„Natürlich schützt uns die Grenze“, pflegte er beim Abendbrot zu sagen, während er sich eine extradicke Schicht Butter aufs Brot strich.

„Es gibt schließlich nichts Schöneres, als in einem perfekt bewachten Freiluftgehege zu sitzen, während draußen die Welt verbrennt. Hauptsache, der Rasen ist vorschriftsmäßig gemäht.“

Er tat so, als glaubte er den Staatsmedien, die jeden Tag eine Million Mal predigten, dass nur die Rückkehr zu den alten, harten Werten das Überleben der Nation sichern könne.

In diesen Momenten der Stille wanderten seine Gedanken oft über den Gartenzaun hinaus zu den unsichtbaren Tragödien der Nachbarschaft.

Jürgen wusste um die unerbittliche Härte des Systems, wenn das schöne Fundament der Konformität erst einmal splitterte. Da war der Fall des alten Lehrers Neumann drei Häuser weiter gewesen – ein feinsinniger, leiser Mann, dem man im letzten Winter „mangelnde weltanschauliche Festigkeit“ und „subversive Weichheit“ vorgeworfen hatte, weil er Lyrik statt vaterländischer Statuten las.

Jürgen hatte mitangesehen, wie Neumanns Leben innerhalb weniger Wochen gesellschaftlich abgewickelt worden war: die Kündigung, die soziale Isolation, das plötzliche Verschwinden aus der Gemeinschaft, bis nur noch ein leerer Vorhang hinter dem Fenster blieb.

Die Justiz des BfE kannte keine Gnade für diejenigen, die das Korsett lockerten. Wer nicht funktionierte, wurde wie Altmetall aussortiert.

„Man muss eben reinpassen“, dachte Jürgen dann, und ein bitterer Geschmack stieg in ihm auf.

„Wer aus der Reihe tanzt, wird vom Frost geholt.“ Und doch gab es sie – die anderen. Diejenigen, die im Verborgenen einen leisen Widerstand der Menschlichkeit leisteten. Jürgen erinnerte sich an die Apothekerin Frau Hansen, die trotz der strengen staatlichen Rationierungen heimlich Medikamente an die verarmten, illegalisierten Familien in den Randbezirken verteilte. Sie riskierte alles, Tag für Tag, ohne laute Parolen, getragen nur von einem unerschütterlichen, inneren Kompass, der sich von keinem Parteidekret verbiegen ließ. Diese Menschen zeigten ihm, dass das Herz selbst in der tiefsten Diktatur eine Wahl hatte.

Jürgen ahnte, dass sein eigener Riss tiefer war als der von Frau Hansen oder dem alten Neumann. Was sich in ihm regte, war kein bloßes politisches Unbehagen. Es war die fundamentale, zutiefst erschreckende Gewissheit, dass seine gesamte Identität auf einer Lüge aufgebaut war. Während er für die Welt den unbiegsamen Richter des Schulhofs mimte, sehnte sich die gefangene Seele in seiner Brust nach einer Freiheit, die im Jahr 2046 als geisteskrank und staatsgefährdend galt.

Wenn er nachts wach lag und das rhythmische Atmen seiner perfekten Familie hörte, fühlte sich wie ein Verräter – an ihnen, an sich selbst und an der unerbittlichen Ordnung, die er tagsüber so lautstark verteidigte.

Ende der Leseprobe aus 644 Seiten  - nach oben

Details

Titel
Wenn das Glashaus brennt
Untertitel
Auf seinen Trümmern wächst das Feld – Zwölf Protokolle über die Ungezähmtheit des Geistes
Autor
Romina Lutzebäck (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2026
Seiten
644
Katalognummer
V1779817
ISBN (PDF)
9783389209202
ISBN (Buch)
9783389209219
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Philosophische Erzählungen Gesellschaftskritische Literatur Literarische Anthologie Kurzgeschichten für Erwachsene Dystopische Erzählungen Freiheit und Selbstbestimmung Macht und Unterdrückung Widerstand gegen das System Menschliches Bewusstsein Spirituelle Literatur Philosophische Belletristik Psychologische Erzählungen Gesellschaftliche Machtstrukturen Innere Freiheit Rebellion und Widerstand Identität und Selbstfindung Historische Parabeln Gesellschaftliche Kontrolle Wahrheit und Manipulation Literarische Gesellschaftskritik
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Romina Lutzebäck (Autor:in), 2026, Wenn das Glashaus brennt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1779817
Blick ins Buch
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
Leseprobe aus  644  Seiten
Grin logo
  • Grin.com
  • Versand
  • Kontakt
  • Datenschutz
  • AGB
  • Impressum
  • Vertrag widerrufen