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Münchhausen und das Mörderbuch

Ein anderer Blick auf Bürgers dritte Ehe

Titel: Münchhausen und das Mörderbuch

Roman , 2026 , 427 Seiten

Autor:in: Jürgen Westphal (Autor:in)

ShadowScript: Krimis & Thriller
Leseprobe & Details   Blick ins Buch
Zusammenfassung Leseprobe Details

Ein Whistleblower verschwindet. Eine Anwältin verliert alles. Und ein Mann, der vorgibt, Baron Münchhausen zu sein, verfolgt einen sonderbaren Plan.

Als die junge Rechtsanwältin Doro Kappe die Verteidigung eines vermeintlichen Spions übernimmt, ahnt sie nicht, dass sie einem der größten Finanzskandale der Gegenwart auf die Spur gekommen ist. Ihr Mandant hat eine revolutionäre Software entwickelt, die verborgene Geldströme sichtbar macht und die Hintermänner milliardenschwerer Cum-Ex- und Cum-Cum-Geschäfte entlarven könnte.

Doch die Mächtigen schlagen zurück.

Der Whistleblower verschwindet ohne Gerichtsverfahren in einer geschlossenen psychiatrischen Klinik. Als Doro die Wahrheit ans Licht bringen will, werden Beweise vernichtet und Zeugen eingeschüchtert. Nach Drohungen, Intrigen und der brutalen Ermordung ihres Partners bleibt der jungen Frau nur die Flucht.

In einer kleinen Stadt am Harz versucht sie mit ihrem Sohn einen Neuanfang. Als Krankenschwester auf einer Station für psychisch gestörte Patienten lernt sie einen charismatischen Sonderling kennen, der vorgibt, Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen zu sein. Ausgerechnet dieser Typ verspricht ihr Hilfe bei der Rettung des Whistleblowers, fordert jedoch eine Gegenleistung.

Er verlangt, dass Doro einen längst verstorbenen Mann rehabilitiert: den Dichter Gottfried August Bürger – eben jenen Mann, der im 18. Jahrhundert die Abenteuer des Lügenbarons als Buch herausgegeben und ihn damit unsterblich gemacht hat.

Was zunächst wie die Fantasie eines psychisch kranken Spinners anmutet, entwickelt sich zu einer fieberhaften Jagd nach einem verschollenen Manuskript. Von Münchhausen gedrängt, kommt Doro einem Geheimnis, das mehr als zweihundert Jahre überdauert hat, auf die Spur. Während sie immer stärker unter den Einfluss Münchhausens gerät, verschwimmen die Grenzen zwischen Geschichte und Gegenwart, Realität und Fantasie. Am Ende offenbart sich eine unerwartete Facette im Leben Gottfried August Bürgers.

Ein außergewöhnlicher Thriller über Korruption, Machtmissbrauch und die gefährliche Kraft der Wahrheit. Und über die Frage, ob manche Geschichten niemals sterben.

Leseprobe


Auszüge aus dem Buch

Cover: Münchhausen und das Mörderbuch

Baron von M.

E

r saß in einem bequemen Lehnstuhl. Zwei tiefe Falten über der Nasenwurzel und die sanft gefurchte Stirn hätten seinem Gesicht den Ausdruck gesetzter Würde verleihen können, wäre da nicht der nach links und rechts spitz auslaufende, kräftig geschwungene Oberlippenbart, der ihm etwas Verwegenes gab. Ebenso grau wie dieser gepflegte Bart war das Haupthaar, das er streng nach hinten gefasst unter einem altmodischen dreieckigen Hut verbarg.

Das Bemerkenswerteste in seinem Gesicht waren jedoch die überaus lebendigen, blauen Augen.

In seiner Rechten hielt er eine Tabakspfeife, deren Porzellankopf mit Jagdmotiven bemalt war. Zur Tabakspfeife und dem antiquierten Hut passte der altmodische, mit Brokatapplikationen besetzte Gehrock, den er über einem weißen Rüschenhemd trug. Nur die Filzpantoffeln an seinen Füßen standen im Widerspruch zur ausgefallenen Gesamterscheinung dieses sonderbaren alten Mannes.

Während er genussvoll an seiner Tabakspfeife zog und den Knasterrauch langsam in die Höhe blies, herrschte völlige Stille im Raum. Selbst in den Momenten, wo der Alte schwieg, hingen die Zuhörer an seinen Lippen.

Im Übrigen erschien das Publikum nicht weniger sonderbar wie der Alte selbst.

Da war der Kapitän, der spindeldünn in einer weiten blauen Tuchhose steckte. Unablässig schaukelte er seinen Oberkörper vor und zurück, als wäre er auf hoher See.

Die schöne Sissi hielt ihren Mund leicht geöffnet und starrte den Baron, mit wer weiß was für Gedanken, an. Ihr hochgestecktes blondes Haar, die rosafarbene Seidenbluse und der Tüllschal, den sie locker um den Hals gelegt hatte, gaben ihr etwas Puppenhaftes. Auf Stirn und Wangen großzügig verteilte Schminke unterstrich diesen Eindruck.

Neben ihr saß Ernesto, dessen Äußeres verblüffend an bildliche Darstellungen des Erlösers erinnerte. Frisur, Bart, das lange, kittelähnliche Gewand und selbst sein ergreifender Leidensblick schienen alten Heiligengemälden entlehnt zu sein. Niemand wäre erstaunt, wenn er sich augenblicks erhoben und zu predigen begonnen hätte. Doch er verfolgte nur schweigend jede Bewegung des Barons, wobei er sich fortwährend den linken Unterarm kratzte.

Schließlich zählten noch Hans, der verkannte Dichter, der seine Mitmenschen täglich mit selbst geknittelten Versen quälte, und die schmächtige, völlig in Schwarz gekleidete Judith zum Publikum.

Judith mochte den Baron so sehr, dass sie in seiner Gegenwart ihren tiefsitzenden Männerhass, der sich in ihrem kantigen Gesicht zu spiegeln schien, vergessen konnte.

Der Aufmerksamkeit aller Anwesenden bewusst, blies der Alte noch ein letztes Rauchwölkchen in die Luft und setzte dann seine Erzählung fort.

„Also“, sagte der Baron und blickte jedem Zuhörer fest ins Gesicht. „Ich war noch gar nicht lange vom Feldzug gegen die Sarazenen zurück, als mich die Zarin rufen ließ. Kruzitürken, dachte ich, bekommst du jetzt einen Orden oder ein eigenes Regiment? Oder braucht sie dich, zum Henker noch eins, für anderes?“

Sissi kicherte leise. Der Baron schaute sie scharf an, hob die rechte Augenbraue und fuhr fort: „Man darf mir glauben. Ich kannte Katharina die Große aus jener Zeit, als sie noch die kleine Prinzessin Sophie von Anhalt Zerbst war. Damals schaukelte ich sie oft auf meinen Knien, während sie sich lachend in meinem Bart festkrallte.

Sie empfing mich gegen alle Etikette abends im geheimen Kabinett. Ihr nachlässig geschlossener Morgenmantel verhüllte nur notdürftig alle Rundungen und Wölbungen ihres Körpers. Ich verneigte mich auf französische Art und verharrte in dieser Stellung, bis sie das Wort an mich richtete.

Sie lachte über meine Artigkeit. Ich musste meinerseits lachen. Im Handumdrehen war unser altvertrautes Verhältnis wieder hergestellt. Lächelnd reichte sie mir einen Becher Wein, fragte noch dies und das, bevor sie ganz unvermittelt die Katze aus dem Sack ließ.

An vieles hatte ich gedacht, doch was sie jetzt von mir verlangte, überstieg alles.

Das russische Imperium müsse durch Ländereien in Übersee gestärkt werden, erklärte sie, während ihre Hand über einen großen Globus strich. Ich sollte deshalb hinausfahren und die Terra incognita entdecken, zum Ruhme Russlands und zum Ruhme der Zarin. Keinem anderen könne das gelingen. Ein ordentliches Schiff mit guter Mannschaft und mit allem, was für eine derartige Expedition notwendig sei, lag in Sankt Petersburg zum Auslaufen bereit.

„Münchhausen“, sagte die Kaiserin mit fester Stimme, „suche mir den unbekannten Kontinent.“

Wir stießen unsere Weinbecher, die aus purem Golde waren, gegeneinander. Auf gutes Gelingen!

Kurz darauf entließ sie mich mit einer huldvollen Handbewegung.

Donnerbombenelement, dachte ich - die Terra incognita entdecken, das riecht nach einem trefflichen Abenteuer. Ein Ding so recht nach meinem Geschmack und eines Münchhausens durchaus würdig. Überdies, verehrte Freunde, war mir die Sache keineswegs so fremd, wie man es glauben mag. Vor vielen Jahren hatte ich mich schon einmal mit der Existenz einer Terra incognita beschäftigt und umfangreiche Berechnungen dazu angestellt.“

Wieder blies er graue Knasterwolken in die Luft. Die Pause sollte den Zuhörern Gelegenheit geben, seinen Gedanken zu folgen.

Der Kapitän schaukelte noch stärker und Ernesto faltete für einen Moment die Hände, bevor er mit dem Kratzen fortfuhr. Sissi lächelte.

„Damals in Braunschweig, ich war noch ein junger Mann, unerfahren mit den Weibern, stattdessen über alles verliebt in die Wissenschaften. Mein Steckenpferd war nichts weniger als die ganze große Erdkugel. Ich durchritt alle Kompendien der Geografie und machte mich schließlich daran, die feste Masse der erforschten Kontinente und ihre Verteilung auf der Erdkugel zu berechnen. Schnell wurde mir klar, dass dabei etwas Entscheidendes fehlte. Nur ein großer, bisher unentdeckter Kontinent auf der Südhalbkugel der Erde konnte unserem Planeten die nötige Harmonie verleihen.“

Der Baron erhob sich kurz und malte mit beiden Armen eine große Kugel in den Raum.

„Sehen Sie, verehrte Freunde, wenn die Erde rund ist, was niemand bestreitet, und wenn sie sich um ihre eigene Achse dreht, was ebenfalls nicht in Frage steht, dann müssen ihre Landmassen auf der Oberfläche exakt gleichmäßig verteilt sein. Sonst würde die Erde ja höllisch hin und her eiern.“

„Sie würde eiern“, wiederholte Ernesto nachdenklich. „Eiern, wie ein Rad, dessen Achse nicht in der Mitte sitzt.“

„So ist es“, sagte der Baron. „Genau so! Ich habe das exakt berechnet. Damals besuchte mich oft der alte Gauß. Ein komischer Sonderling. Ich hatte ihn als Schatzmeister meiner neu gegründeten Feuerversicherung angestellt. War übrigens ein einträgliches Geschäft, diese Versicherung.

Also, der alte Gauß hatte einen kleinen Sohn, einen rechten Dreikäsehoch. Der saß oft stundenlang neben mir am Tisch und sah mir beim Rechnen zu. Er war von meiner Kunst derart beeindruckt, dass er fortan nichts als Zahlen im Kopf hatte. Tag und Nacht rechnete er die verrücktesten Sachen. Später wurde der kleine Hosenscheißer mit seiner Mathematik weltberühmt.“

„Und? Haben Sie dieses Terra… inco …, dieses unbekannte Land entdeckt?“, fragte Sissi.

„Geduld, Verehrteste“, antwortete der Baron, „nur der Reihe nach. Ich ging also in St. Petersburg an Bord unseres stolzen Dreimasters und segelte an der Westküste Afrikas Richtung Süden bis ums Kap der Guten Hoffnung, …“

„Was war das für ein Segler?“, frage der Kapitän.

„Eine Fregatte“, antwortete der Baron. „Ein schnelles Schiff mit leichter Bewaffnung. Sein Name war Pontos. Im Indischen Ozean drehten wir auf Nordost, um in Goa Proviant für die große Expedition zu laden. Wir waren noch keine 700 Seemeilen vom Kap entfernt und liefen gut vor dem Wind, als plötzlich bei bestem Wetter die See an Steuerbord wild aufzuschäumen begann. Das Wasser quirlte und spritzte höher und immer höher. Bis aufs Deck schoss die aufgewirbelte Gischt. Mit ihr verbreitete sich ein scharfer Fischgestank. Augenblicks verloren wir an Fahrt. Ein sonderbares Phänomen. Kapitän und Mannschaft standen an der Reling und starrten ratlos in die Flut. Niemand hatte je zuvor so etwas erlebt.

Plötzlich fuhr ein ellenlanger, baumdicker Krakenarm aus dem Wasser. Blitzschnell umschlang er den mittleren Segelmast und versuchte, unser Schiff zu kentern.

Wir hatten keine Zeit, uns über die Seltsamkeit zu verwundern, denn schon peitschten ein zweiter und ein dritter Arm auf das Deck. Die furchtbaren, graugrünen Tentakel waren an ihren Innenseiten mit riesengroßen Saugnäpfen versehen und trugen an ihren Enden lange krallenartige Fortsätze. Die Mannschaft hieb verzweifelt mit Äxten und Messern auf das Ungeheuer ein. Doch alle Mühe blieb vergebens. Die schuppige Haut des Ungetüms war so dick, dass die scharfen Klingen daran abglitten. Durch die furchtbare Gewalt des Tentakels brach krachend der vordere Mast. Segel und Takelage stürzten aufs Deck. Schon hofften wir, das Schiff könne sich wieder aufrichten, da schlang sich ein weiterer Fangarm um den verbliebenen Maststumpf. Plötzlich hob das Ungeheuer seinen mächtigen Kopf aus dem Wasser. Mühlsteingroße Augen stierten uns an. Der Kapitän hob seine Muskete, zielte und feuerte mitten zwischen die Augen der Bestie. Der Bootsmann tat es ihm gleich. Aber die Kugeln zeigten keine Wirkung. Bevor die Musketen nachgeladen werden konnten, peitschte ein Tentakel Kapitän und Bootsmann über Bord und schob beide geradewegs vor das entsetzliche Maul des Kraken, das einem gigantischen Adlerschnabel glich.

Ich hatte mich mittschiffs, neben dem gebrochenen Mast, hinter ein paar vertäuten Rumfässern verborgen und musste mit ansehen, wie meine Leute einer nach dem anderen knirschend zerbissen und verschlungen wurden. Zum Teufel, dachte ich, mit diesem Höllenbiest ist nicht gut Kirschenessen. Jetzt gilt’s, den eigenen Hals zu retten.

Rasch ergriff ich mein Jagdmesser und durchtrennte die Vertäuung der Rumfässer. Bevor die grässlichen Tentakel abermals über das Deck fegten, packte ich ein Fass, stemmte es in die Höhe und schleuderte es der Bestie direkt vor den Rachen. Wie eine Eierschale zerbiss das Untier die Tonne und schluckte den Rum in einem Zug hinunter. Ich kann euch versichern, liebe Freunde, es war bester Jamaica-Rum. Unter anderen Umständen wären mir bei solch einer Verschwendung bittere Tränen in die Augen gestiegen. Doch es half nichts. Dem ersten Fass schickte ich zwei weitere hinterher. Nach dem dritten glotze mich der Krake mit seinen riesengroßen Augen kariert an. Dann veränderte er seine Farbe, wurde weinrot, dann weiß und schließlich dunkelgrün. Die fürchterlichen Arme fuchtelten nur noch ziellos durch die Luft und fielen schließlich kraftlos wie gekochte Spaghetti zurück ins Wasser. Dann verschwand das Ungeheuer glucksend in der Tiefe des Ozeans.“

Die Zuhörer hingen gebannt an den Lippen des Barons.

„Beim Klabautermann“, murmelte der Kapitän, „das war knapp.“

„Der Herr bewahrt, die fest im Glauben sind“, setzte Ernesto hinzu.

„Und wie ging es nach der glücklichen Rettung weiter?“, fragte Judith. „Haben Sie den unbekannten Kontinent entdeckt?“

Der Baron wandte sich ihr zu. „Rettung? Sie nennen es Rettung?“, entgegnete er mit ernster Miene. „Glückliche Rettung? O nein, verehrte Freundin. Das ist ein Irrtum. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie das Untier gewütet hatte. Unsere Fregatte war zum großen Teil verwüstet. Sie lag hart auf Schlagseite. Die Steuerbordkajüten im Oberdeck standen völlig unter Wasser. Zwei Masten waren gebrochen. Die Takelage hing wirr auf den Planken. Am Vorschiff pendelte das abgeknickte Bugspriet an einem Tau im Rhythmus der Wellen. Aus der Luke des Laderaums krochen ein paar Ratten. Das Durcheinander war unbeschreiblich.

Doch damit nicht genug. Zum Henker! Es sollte noch schlimmer kommen.

[...]

[...]

Die Elixiere des Dr. Neuhaus

D

rei Tage nach dem Gespräch mit Professor Lichtenbach kehrte Doro am frühen Samstagnachmittag von ihrem ersten Wochenenddienst Heim. Sie fühlte sich gut, irgendwie leicht und fröhlich. Seit heute stand sie nicht mehr unter der Aufsicht der gestrengen Oberschwester. Die Einarbeitungszeit war vorüber. Ab jetzt sollte sie gemeinsam mit Schwester Solveig die Patienten auf der D3-A betreuen, so sah es der Dienstplan vor.

Die blonde Solveig hatte eine angenehm lockere und heitere Art, dazu ein flottes Mundwerk und eine Vorliebe für extra Kaffeepausen. Die Arbeit ging ihr leicht von der Hand, wobei sie es nie an der notwendigen Gewissenhaftigkeit fehlen ließ. Bei den Patienten war sie beliebt.

Während Doro in ihrem blauen Peugeot 308 nach Hause fuhr, kreisten ihre Gedanken noch immer um den ersten gemeinsamen Arbeitstag mit Solveig. Er war wirklich gut verlaufen. Mehr als gut. Angenehm trifft es besser. Angenehm, so angenehm, wie es ein Dienst in der Klinik nur sein konnte. Die aufkeimende Idee, dass die neue Kollegin über kurz oder lang zu einer echten Freundin für sie werden könnte, gefiel ihr.

In der Vincentstraße stellte sie das Auto auf dem Hof ab und ging an Mülltonnen vorbei die wenigen Schritte zum Hintereingang des Hauses. Jetzt freute sie sich auf Moritz.

Frau Weber hatte versprochen, während der Spät-, Nacht- und Wochenenddienste für Doros kleinen Sohn zu sorgen. Als Gegenleistungen waren die Erledigung von Einkaufswegen sowie die Unterstützung des alten Herrn Neuhaus verabredet. Die rüstige Nachbarin stand zu ihrem Wort. Zur Probe durfte Moritz in der vergangenen Woche schon einmal bei Oma Inge schlafen. Sie hatte ihm im Atelierzimmer ein Bett aufgestellt, von dem er durch das große Dachfenster in den nächtlichen Sternenhimmel sehen konnte. Moritz fürchtete sich in der fremden Wohnung nicht; er mochte die alte Frau Weber wie eine richtige Oma.

Doro bemühte sich ihrerseits, die Vereinbarung mit der Nachbarin, so gut sie konnte, zu erfüllen. Die Einkäufe und sonstigen kleinen Wege waren schnell erledigt. Echte Sorgen bereitete ihr dagegen das Versprechen, sich um den seltsamen Doktor Neuhaus zu kümmern.

Der alte Herr, der neben ihr auf der gleichen Etage wohnte und mit Inge Weber befreundet war, konnte wegen eines gebrochenen Knöchels seinen Haushalt nicht mehr allein führen. In bester Absicht hatte sein Hausarzt für ihn die Betreuung durch einen mobilen Sozialdienst bestellt. Doch die gut gemeinte Hilfe scheiterte wiederholt an den schrulligen Marotten des Alten.

Schon während des ersten oder zweiten Besuchs geriet er mit den Helferinnen in Streit. Schimpfend jagte er sie hinaus und ließ sie nicht wieder in seine Wohnung.

An diesem Samstag sollte sich Doro dem alten Sonderling als neue Haushaltshilfe vorstellen. Frau Weber hatte das Treffen arrangiert. Ihr lag viel daran, dass es gelang.

Als Doktor der Pharmazie hatte Johann Neuhaus während seines gesamten Berufslebens an der Prüfung und Entwicklung von Medikamenten gearbeitet. Die ärgerliche Tatsache, dass man ihn vor fünfzehn Jahren in den Ruhestand geschickt hatte, konnte ihn nicht davon abhalten, seiner Profession weiter nachzugehen. Unendlich viele Ideen zur Herstellung von Medikamenten schwirrten noch durch seinen Kopf. Um weiter forschen zu können, hatte er in seinem Schlafzimmer ein Labor eingerichtet. Bett und Kleiderschrank waren auf dem Sperrmüll gelandet.

Mit Moritz an der Hand und einem flauen Gefühl im Magen betrat Doro die Wohnung des Doktors. Der saß, die Beine weit von sich gestreckt, auf einem abgewetzten Sofa und sah ihnen entgegen. Er trug ein hellblaues Hemd, darüber eine schwarzglänzende Weste und dunkelgraue, sorgfältig gebügelte Hosen mit breiten Aufschlägen. Über dem gebrochenen Fuß, der bis zur Wade in einer Plastikschiene steckte, war das Hosenbein hochgeschlagen. Links neben dem Sofa lehnten zwei Gehhilfen an der Wand. In der Mitte des Zimmers stand ein geschmackvoll mit Blumen, Sammeltassen, Kuchenplatte und Kaffeekanne gedeckter Tisch.

„Nehmen Sie bitte Platz“, sagte er und wies mit freundlicher Geste auf einen Sessel, der seitlich des Tisches stand. „Der Junge kann sich zu mir aufs Sofa setzen“, fügte er hinzu, wobei er einladend mit der flachen Hand auf den Platz rechts neben sich klopfte.

Moritz rührte sich nicht. Mit einem Gefühl von Angst und Neugier betrachtete er den sonderbaren Mann. Dünn war der Alte und groß, und seine Nase ragte spitz aus dem kantigen Gesicht hervor. Das graue Haar auf seinem Kopf war in der Mitte geteilt und hinten zu einem kurzen Zopf zusammengefasst.

Scheu setzte sich der Junge auf den Schoß seiner Mutter. Von dort betrachtete er mit verstecktem Interesse das Zimmer. Mehrere gerahmte Fotos über dem Sofa zeigten Männer im Urwald und auf einem Segelboot. Unter dem Fenster stand ein flaches Körbchen, in dem zwei Katzen schliefen.

Bevor Moritz zu fragen wagte, ob er die Katzen streicheln dürfe, landeten zwei Wellensittiche und ein bunter Papagei auf dem Tisch, direkt neben dem Kuchenteller des Alten.

Der Papagei drehte den Kopf, schaute in die Tasse und versuchte, seinen Schnabel in den Kaffee, den Frau Weber eben eingegossen hatte, zu tauchen.

„Das ist noch zu heiß für dich“, sagte der Gastgeber und schob den Papagei behutsam zur Seite.

„Zu heiß“, krächzte der Papagei. „Zu heiß, zu heiß“.

Die Vögel flatterten vom Tisch und setzten sich auf die Gardinenstange.

Doktor Neuhaus wandte sich wieder an Doro: „Ich hätte keine Unterstützung gebraucht“, sagte er, „kann meinen Kram allein in Ordnung halten.“

„Mit meiner Hilfe“, ergänzte Inge mit leisem Nachdruck.

„Natürlich. Mit deiner Hilfe.“ Er streichelte ihre Hand. „Aber am Montag muss ich noch einmal ins Krankenhaus. Der Bruch ist schlecht verheilt. Ich hoffe, dass man mich nicht lange dortbehält. In dieser Zeit muss sich jemand um die Tiere kümmern.“

Doro nickte.

„Darf ich dann die Katzen streicheln?“, fragte Moritz.

„Das darfst du, wenn du lieb zu ihnen bist“, antwortete der Alte. „Geh nur. Versuche es.“

Moritz glitt vom Schoß seiner Mutter und ging zu den Katzen.

„Sie müssen mir etwas versprechen“, fuhr der Alte fort. „Gehen Sie niemals in dieses Zimmer!“ Er wies mit dem ausgestreckten Arm auf eine Tür.

„Ihr Schlafzimmer?“, fragte Doro.

„Das war es, bis zu meiner Pensionierung. Seitdem schlafe ich hier auf dem Sofa. Geben Sie mir Ihr Wort, dass sie nie dort hinein gehen. Betreten verboten! Es ist zu Ihrer Sicherheit.“

„Ja. Natürlich. Ich verspreche es“, sage Doro mit gespielter Ehrfurcht. „Aber darf ich fragen, was sich in diesem Zimmer verbirgt?“

„Das dürfen Sie“, erwiderte der Doktor. „Kommen Sie. Es ist kein Geheimnis.“

Er hinkte voran, öffnete die verbotene Tür und schaltete ein gedämpftes Deckenlicht ein. Obwohl Doro schon von dem zweckentfremdeten Raum gehört hatte, riss sie vor Staunen die Augen auf. Es war nicht zu glauben. Ein komplett eingerichtetes modernes Labor. Regale voller Chemikalien, sauber beschriftet, in braunen und weißen Flaschen. Daneben eine Vielzahl von Gläsern, Näpfen, Erlenmeyerkolben, Retorten und Phiolen. Auf einem Labortisch standen moderne digitale Messgeräte, eine Präzisionswaage, Schüttelplatten, Mörser, Gasbrenner, Reagenzgläser, Destillierkolben und Kühlschlangen, alles vom Feinsten. Die Fenster waren mit schwarzen Rollos verdunkelt. Vom Inhalt mancher Gefäße ging ein mattes Leuchten aus.

Eine Drogenküche, schoss es Doro durch den Kopf. Paragraf 29 Absatz 1 Betäubungsmittelgesetz: Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldbuße wird bestraft, wer Betäubungsmittel unerlaubt anbaut, herstellt, mit ihnen handelt oder -. Sie konnte die Paragrafen in ihrem Hirn nicht abstellen. Der Alte schien ihre Gedanken zu lesen.

„Keine Drogen!“, erklärte er. „Eher eine Leidenschaft. Oder besser: eine Obsession.“

Ein moderner Alchimist, dachte Doro.

Als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt, erzählte er nun, dass ihm in diesem Labor bereits die Herstellung von Mitteln gegen Haarausfall, Vergesslichkeit, Rheumatismus und Schwerhörigkeit gelungen sei. Zurzeit arbeite er an seinem letzten und größten Werk, an einem Elixier gegen die Dummheit. Das sei, wie er mit Nachdruck betonte, die größte Herausforderung der Gegenwart. Man könne sich dem Problem nur in ganz kleinen Schritten nähern. Nur sehr behutsam. Ein erster Erfolg sei ihm aber schon gelungen.

Doro blickte ihn zweifelnd an. Der Alte wirkte, seit er von seinen Elixieren sprach, um vieles lebendiger.

Was dann geschah, verschlug ihr den Atem. Sie glaubte, in eine Magic-Show geraten zu sein.

In vollem Ernst behauptete der Apotheker, ein Mittel zur Steigerung der Lernfähigkeit des Gehirns entwickelt zu haben. Nicht nur des menschlichen, sondern eines jeden Gehirns. Den Beweis wollte er nicht schuldig bleiben. An seinen Tieren habe er das Elixier getestet.

„Herta versteht mich vollkommen“, sagte er. „Sie kann mit Ja oder Nein antworten, und sie kann die Grundrechenarten.“

„Wer ist Herta?“, fragte Doro.

„Komm her, Herta. Zu mir aufs Sofa“, rief der Alte.

Die größere der beiden Katzen gehorchte und setzte sich neben ihn.

„Hast du Hunger?“, fragte er.

Die Katze sah den Doktor an, mauzte und schüttelte den Kopf.

„Du hast also keinen Hunger?“

Abermals Kopfschütteln.

„Möchtest du geräucherten Hering?“

Die Katze hob den Kopf, stellte die Ohren auf und nickte heftig.

„Aber du hast doch keinen Hunger.“

Die Katze senkte den Kopf, als schämte sie sich.

[...]

Ende der Leseprobe aus 427 Seiten  - nach oben

Details

Titel
Münchhausen und das Mörderbuch
Untertitel
Ein anderer Blick auf Bürgers dritte Ehe
Autor
Jürgen Westphal (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2026
Seiten
427
Katalognummer
V1779907
ISBN (eBook)
9783389208915
ISBN (Buch)
9783389208922
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Münchhausen und das Mörderbuch Baron Münchhausen Roman Gottfried August Bürger Bürgers Ehestandsgeschichte Gottfried August Bürger und Elise Hahn historischer Mystery-Roman literarischer Kriminalroman historischer Roman mit Gegenwartshandlung Literaturgeschichte als Roman Geheimnisse der deutschen Literaturgeschichte verschollenes Manuskript literarisches Geheimnis rätselhafte Träume und Visionen historische Persönlichkeiten im Roman Göttingen im 18. Jahrhundert Intrigen und politische Verschwörungen geheimnisvolles Buch Zeitreisen und Wurmlöcher Wahrheit und Fiktion in der Geschichte
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Jürgen Westphal (Autor:in), 2026, Münchhausen und das Mörderbuch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1779907
Blick ins Buch
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